Auf der Suche nach dem solidarischen Wir
- Buchautor_innen
- Nicole Mayer-Ahuja
- Buchtitel
- Klassengesellschaft akut
- Buchuntertitel
- Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann
Die Analyse der heutigen Klassengesellschaft bietet Perspektiven auf aktuelle Arbeitsdiskurse und findet Potenzial für Solidarität.
Wir leben in einer Klassengesellschaft. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit wirkt fort und bestimmt weiterhin zentrale Aspekte von Lebensrealitäten und Alltag. Vor diesem Hintergrund legt die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja mit ihrem Buch „Klassengesellschaft akut: Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann“ einen wichtigen Grundlagentext vor, der nicht nur die vertikalen Ungleichheiten zwischen oben und unten analysiert, sondern auch die Spaltungslinien zwischen den Lohnabhängigen selbst.
Ausgehend vom klassischen Marxismus entfaltet Mayer-Ahuja zunächst den theoretischen Rahmen. Auch heute bestehe der zentrale Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit: Die arbeitende Klasse ist gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihre Miete zahlen und leben zu können. Für die Kapitalseite stellt der Kauf der Arbeitskraft hingegen eine Investition dar: Den Profit, der durch die Arbeit erschaffen wird, streichen sie ein. Dass dies nicht nur alte Marx’sche Theorie ist, sondern sich in Unternehmensbilanzen nachrechnen lässt, weist Mayer-Ahuja nach: Insbesondere seit den 1980er Jahren stiegen die Gewinne der deutschen Unternehmen deutlich, während Löhne stagnieren oder sogar zurückgingen.
Auf betrieblicher Ebene analysiert Mayer-Ahuja unter anderem die Auswirkungen neuer Formen der Arbeitsorganisation auf Prozesse der Klassenformierung. In bestimmten Branchen setzen Unternehmen verstärkt auf indirekte Steuerungsmechanismen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Einführung von Gruppenarbeit in der Automobilindustrie in den 1990er Jahren. Nach dem Vorbild der japanischen Automobilindustrie sollten Beschäftigte eigenständig Arbeitsabläufe organisieren und überwachen. Sie wurden dazu angehalten, den Produktionsprozess im Sinne einer „Lean Production“ (schlanken Produktion) kontinuierlich zu optimieren. Mayer-Ahuja zeigt, dass diese Reform widersprüchliche Effekte hatte: Einerseits stärkte die Anerkennung ihrer Expertise das Selbstbewusstsein der Beschäftigten und eröffnete neue Spielräume für kollektive Mobilisierung. Andererseits aber verschärfte sie die Konkurrenz zwischen Arbeiter*innen und erhöhte den Produktivitätsdruck.
„Die Arbeiterklasse“ – Kein Automatismus
92 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind abhängig beschäftigt. Den Zahlen nach sollte die Arbeiterklasse also große Chancen haben, ihre Interessen durchzusetzen. Doch statt sich über den Status der Arbeiter*in zu definieren, funktioniere dies meist über die Stellung innerhalb der Arbeiterklasse: So gebe es in einigen Branchen eine wachsende Spaltung zwischen einer relativ abgesicherten Stammbelegschaft und einer prekär beschäftigte Randbelegschaft. Solidarisierung zwischen diesen Gruppen sei insbesondere dann erschwert, wenn die Stammbelegschaft funktional durch die Randbelegschaft abgesichert werde – wenn also kommuniziert wird, dass der Stammbelegschaft eines Unternehmens nicht gekündigt wird, gerade weil es die Gruppe an Leiharbeiter*innen gibt, die man kurzerhand vor die Tür setzen kann.
Ein anderes Beispiel der eklatanten Entsolidarisierung zeigt sich, wenn das Arbeiter*innen-„Wir“ lediglich ein deutsches „Wir“ meint, während migrantische Arbeiter*innen abgewertet und ausgeschlossen sind. Einen traurigen Höhepunkt dieser „exklusiven Solidarisierung“ stellte die Niederschlagung des wilden Streiks türkischer Gastarbeiter*innen in den Ford-Werken in Köln im Jahr 1973 dar: Deutsche Arbeiter*innen verbündeten sich damals mit der Werksleitung und gingen mit Gewalt gegen ihre migrantischen Kolleg*innen vor.
Ohnehin plädiert Mayer-Ahuja dafür, Klasse nicht als stabiles Konstrukt, sondern als dynamisches soziales Verhältnis zu begreifen. Das Arbeiter*innen-Dasein ist geprägt vom Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, von Ausbeutung und Fremdbestimmung. Wie sich der Arbeitsalltag und das eigene Empfinden darin genau ausgestaltet, variiert allerdings je nach Arbeitsprozessen, Strukturen in Betrieben oder den oben beschriebenen Organisationsformen von Arbeit. Die Wahrnehmung hängt auch davon ab, ob man sich im Aufstieg oder Abstieg befindet, es die Eltern noch schlechter oder schon einmal besser hatten als man selbst. Der Haushaltskontext spiele ebenfalls eine Rolle – denn eine prekär Beschäftigte Alleinerziehende hat ein anderes Leben als eine prekär Beschäftigte, die mit einem Gutverdiener verheiratet ist.
Ein solidarisches Wir?
Der Staat tut sein Bestes, um die Entsolidarisierung der Arbeiter*innen zu fördern: So könnte die Regularisierung von Leiharbeit im kleinen als Fortschritt gedeutet werden – tatsächlich aber zementiert sie die Unterschiede zwischen Stamm- und Randbelegschaft. Das neue ALG, das trotz langer Einzahlung nur ein Jahr an Auszahlungen mit anschließendem Sanktionierungssystem vorsieht, macht es Menschen schwer, neue Arbeit abzulehnen – selbst wenn Lohn und Arbeitsbedingungen unakzeptabel sind. Auch die staatliche Migrationspolitik trägt ihren Teil bei, indem sie Menschen in die Illegalität treibt, wo Arbeitsschutzrechte und Lohn nicht mehr eingeklagt werden können.
Wie also kann nun eine Arbeitspolitik gestaltet werden, die Solidarität zwischen Arbeiter*innen fördert, anstatt Spaltungen zu vertiefen? Gewerkschaften und Betriebsräten empfiehlt Mayer-Ahuja, verstärkt kollektive Standards in Bezug auf Arbeitszeit und Produktivität durchzusetzen, um den unterschiedlichen Lebenslagen der Lohnabhängigen besser Rechnung zu tragen. Während ein Teil der Beschäftigten aufgrund von Sorgearbeit in unfreiwilliger Teilzeit verbleibt, leistet ein anderer Teil selbst in Vollzeit umfangreiche, häufig unbezahlte Überstunden. Als Lösung schlägt sie das – zwar nicht neue, oder revolutionäre –Modell einer „kurzen Vollzeit für alle“ vor. Aber immerhin würde dieses ein neues Normalarbeitsverhältnis mit einem Umfang von 25 bis 30 Wochenstunden etablieren. Vollzeitbeschäftigte könnten ihre Arbeitszeit reduzieren und mehr Verantwortung im Bereich der Reproduktionsarbeit übernehmen, während Teilzeitbeschäftigte ihre Stunden aufstocken und einen existenzsichernden Vollzeitlohn erzielen könnten.
Zugleich warnt Mayer-Ahuja davor, ein neues Klassenbewusstsein automatisch als progressiv zu interpretieren. Die Identität als Arbeiter*in könne ebenso von rechten Akteuren mobilisiert werden, um Ressentiments gegenüber marginalisierten Gruppen zu schüren. Das zeigen die Erfolge der AfD unter Arbeiter*innen. Um dem entgegenzuwirken, ist es entscheidend, an Erfahrungen von Selbstermächtigung im Arbeitsprozess anzuknüpfen und das stark internalisierte Arbeitsethos vieler Beschäftigter anzusprechen, deren Anspruch auf gute Arbeit gerade durch bestehende Arbeitsbedingungen unterlaufen wird.
Mayer-Ahujas Buch liefert einen sehr guten Überblick über Genese und Zustand der Arbeiterschaft in Deutschland. Insbesondere ihre Ausführungen zur heutigen Struktur von Arbeit sind instruktiv, wie etwa ihre Beschreibung zur Pflegearbeit wie am tayloristischen Fließband oder ihre Beschreibung der Arbeiter*innenstruktur bei BMW, die sich in 44 Prozent direkt Beschäftigte, 25 Prozent Subunternehmen, 17 Prozent Leiharbeit und 14 Prozent Leiharbeit bei fremden Werkvertragsfirmen aufteilt. Überraschend und nicht ganz nachvollziehbar ist ihre Fragestellung im Schlusskapitel, wie eine staatliche Politik aussehen müsste, die weniger spaltend als verbindend wirkt. Sich in dieser Frage auf den Staat verlassen zu wollen, scheint etwas verfehlt – zeigt Mayer-Ahujas Analyse doch gerade, dass es der Staat ist, der die Klassengegensätze und die Bedingungen für Entsolidarisierung innerhalb der Arbeiterklasse entscheidend vorantreibt. Überzeugender wäre hier ein ausschließlicher Fokus auf die Möglichkeiten der Kämpfe von Arbeiter*innen selber gewesen.
Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann.
C.H. Beck.
ISBN: 978-3-406-83783-8.
279 Seiten. 26,00 Euro.