Zum Inhalt springen

„Kulturelle Hegemonie geht politischer Macht voraus“

„Kulturelle Hegemonie geht politischer Macht voraus“
Interviewpartner_innen
Gespräch mit Mareike Gronich

Die extreme Rechte nutzt Literatur und Literaturkritik, um ihre Deutungen gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.

Du bist Teil des Autor:innenkollektivs, das das Buch „Literatur- und Kulturpolitik der ›Neuen Rechten‹. Lektüren, Schauplätze, Vokabular“ geschrieben hat. Warum war es dir und euch wichtig, dieses Buch zu verfassen?

Mareike Gronich Das Buch ist aus einer kleinen Tagung hervorgegangen, die wir veranstaltet haben. Davor steht aber unsere gemeinsame Beobachtung, dass es bemerkenswert ist, in welcher Intensität sich Rechtsintellektuelle beziehungsweise extrem rechte Intellektuelle mit Literatur beschäftigen. Mir ist irgendwann klar geworden, dass das nicht einfach nur Show ist: Sie interessieren sich tatsächlich dafür. Das ist insofern relevant, als sie sich damit als diskursfähig präsentieren, zum Beispiel im Feld der Literaturwissenschaft. Ein Kollege von mir hat mal ein Seminar über rechte Literaturpolitik gegeben, und da hat sich dann – Überraschung – Götz Kubitschek gemeldet. Das sei ja interessant, er diskutiere so gerne über Literatur und könne er nicht auch dabei sein? Man kann ironisch die Frage stellen: Warum sollte man Kubitschek denn nicht einladen, wenn er sich doch so gut auskennt mit Hölderlin oder Rilke? Früher konnte man vielleicht damit argumentieren, dass Nazis keine Ahnung von Literatur haben. Und jetzt wird deutlich, dass das nicht beziehungsweise nicht mehr so ist. Wie geht also die extreme Rechte eigentlich mit Literatur um? Das hat uns umgetrieben.

Zudem finde ich es wichtig, wenn auch ambivalent, dass ich als Literaturwissenschaftlerin damit etwas politisch Sinnvolles tun kann. Man braucht diese doppelte Expertise. Ich habe zum Beispiel angefangen, mich mit dem Kanon „Vorlesen“ von Ellen Kositza und Carolin Sommerfeld (beide sind Publizistinnen und zentrale Akteurinnen der Neuen Rechten, Anm. Red.) auseinanderzusetzen. Da wurde schnell deutlich, dass es sehr viel gibt, worüber sie nicht sprechen, also welche Inhalte sie zum Beispiel bewusst auslassen. Und das kann man natürlich nur erkennen, wenn man sich gut in dem Feld auskennt.

Warum ist denn Literatur für die extreme Rechte so interessant geworden?

Mein Eindruck ist, dass hier eine Lücke geschlossen wird. Es gibt offenbar in intellektuellen Kreisen das Interesse, sich intensiv mit Literatur zu beschäftigen und ein emphatisches Verhältnis zu Literatur zu unterhalten. Das ist gesamtgesellschaftlich ja völlig im Abstieg. Kaum jemand interessiert sich noch intensiv für Literatur, für gedruckte Bücher und so weiter, so zumindest eine kulturpessimistische Erzählung. In diese Lücke treten Rechtsintellektuelle ein. Nicht nur strategisch, sondern auch, weil es sie interessiert. Viele der Akteur:innen sind ja auch literaturwissenschaftlich gebildet. Götz Kubitschek und Ellen Kositza zum Beispiel sind beide ausgebildete Deutschlehrer:innen. Die wissen schon, wovon sie reden.

Bleiben wir noch kurz bei den Diskursstrategien, wie sehen diese aus?

Man kann die literaturpolitischen Strategien der Rechtsintellektuellen ganz grob in zwei Kategorien unterscheiden: Einerseits diejenigen, die sich eher nach innen richten und andererseits die, die versuchen, Brücken zu bauen in andere, bisher nicht rechte Milieus. „Vorlesen“ gehört zu der zweiten Gruppe. Der Text richtet sich nicht in erster Linie an das extrem rechte Milieu, sondern an das konservative, liberale, zum Teil auch linksliberale Publika, die sozusagen sanft an rechtes Denken herangeführt werden sollen. Und dazu werden verschiedene Strategien genutzt. Eine ist, mit Texten oder Autor:innen zu arbeiten, die jeder kennt – und die dann anders zu deuten oder andere Schwerpunkte in der Deutung zu setzen. Hier tauchen viele der im deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteraturkanon bekannten Autor:innen auf, aber oft nicht unbedingt die Texte, die am bekanntesten sind.

Von Astrid Lindgren taucht nicht etwa „Pippi Langstrumpf“ im rechten Kanon auf, sondern „Michel aus Lönneberga“ und ein kleines Büchlein namens „Na klar, Lotta kann Radfahren“. Pippi steht für ein ‚aufmüpfiges‘ Frauenbild , eine weibliche Figur, die allein lebt, anarchisch unterwegs ist, Hierarchien nicht akzeptiert und insgesamt als Frauengestalt ungewöhnlich ist. Das passt nicht in die Erzählung der extremen Rechten. Da nimmt man lieber die Geschichte des kleinen Mädchens, das Radfahren lernen will. Und na klar kann Lotta Rad fahren – auch Mädchen können das, so fortschrittlich ist man in der extremen Rechten schon. Oder noch deutlicher: Von Enid Blyton wird die „Dolly“-Reihe empfohlen, eine Backfisch-Internats-Geschichte, die sich an junge Mädchen richtet. Die „Fünf Freunde“ tauchen aber nicht auf. Dabei wäre die Reihe viel interessanter mit George, dem Mädchen, das sich – so die Suggestion – wie ein ‚typischer‘ Junge verhält. Diese Strategie der selektiven Kanonaneignung und -verschiebung ist sehr verbreitet. So kann man sagen: „Seht her, wir interessieren uns für die gleichen Autoren wie ihr, wir finden das gut, was alle gut finden. Wir sind ganz normale Leserinnen, ganz normale Eltern!“

Es gibt aber auch andere Strategien. Zum Beispiel gibt es eine Passage in „Vorlesen“, in der es um „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ geht. Da wird behauptet, die Geschichte sei jüngst aufgrund von „woken“ Interventionen so umgeschrieben worden, dass das N-Wort nicht mehr vorkomme. Und dann wird aus der vermeintlichen neuen Version zitiert. Zu dem Zeitpunkt, als „Vorlesen“ erschien, gab es aber noch gar keine sprachliche Bearbeitung von „Jim Knopf“ – das Zitat ist frei erfunden. Text- und Wahrheitstreue ist offenbar zweitrangig. Vielmehr geht es darum, einen Anlass zu schaffen, um berechtigte Überlegungen zum angemessenen Umgang mit rassistischer Sprache in literarischen Texten zu diskreditieren und zu verlachen. So wird an Affekte angeknüpft, die man vielleicht als konservativ beschreiben könnte, um diese aufzugreifen und auszubauen und so Brücken ins extrem rechte Milieu zu bauen.

Eine weitere Strategie findet sich im Kontext des Nationalsozialismus. Für die Kinder- und Jugendliteratur im deutschsprachigen Raum ist das ein sehr wichtiges Thema. Texte, die die NS-Zeit thematisieren, tauchen daher auch in „Vorlesen“ auf. Aber es wird ein starker Fokus auf Fluchtgeschichten gelegt. Und dabei geht es nicht um jüdische Menschen, sondern um die ‚vertriebenen‘ Deutschen. Es soll wenig oder am liebsten gar nicht über die Shoah und stattdessen ganz viel über deutsche Opfer gesprochen werden.

Der einzige wirklich rechtsextreme Text, der in „Vorlesen“ empfohlen wird, ist die „Deutsche Geschichte für junge Leser“ von Karlheinz Weißmann. Weißmann ist ein wichtiger Akteur der extremen Rechten, der lange in der Sezession mitgearbeitet, das Institut für Staatspolitik mitgegründet und lange mitgeleitet hat. Das Interessante dabei: Kositza und Sommerfeld schreiben in „Vorlesen“ nicht selbst, was sie an dem Buch von Weißmann gut finden, sondern zitieren Götz Kubitschek, der in der Sezession über den Band geschrieben hat. Rhetorisch wird damit eine Distanzierung vorgenommen, inhaltlich aber nicht. Auch das ist eine Strategie, mit der die extreme Rechte mitunter arbeitet. Überhaupt habe ich den Eindruck, es gibt eine zunehmende geschlechtsspezifische Aufteilung der Literaturarbeit in der extremen Rechten, gerade in der Sezession. Kinderbücher und die Belletristik besprechen eher die Frauen, während die Männer für die ‚harten‘ Töne (und dann eben auch die Geschichtspolitik) zuständig sind.

Die Rezeption von bestehenden kanonischen Werken ist ja das eine. Findet auch eine neue Form von eigener Produktion von Romanen und für die Breite anschlussfähiger Literatur statt?

Ich würde sagen, es gibt bisher keine wirklich wichtige, qualitativ hochwertige Romanproduktion in der deutschsprachigen extremen Rechten. Es gibt Sachbücher und Essays, zum Beispiel auch zu literaturgeschichtlichen Fragen, und viel politische Essayistik. Ein bisschen Furore gemacht hat der Roman „Herrengedeck“ von Volker Zierke. Das Buch ist unter anderem deshalb so bekannt geworden, weil es in der Zeit von Mariam Lau rezensiert wurde, was berechtigterweise zu Irritationen geführt hat, weil eine Rezension in einer reichweitestarken Wochenzeitung natürlich zur Normalisierung von rechtsextremen Akteur:innen und Themen beiträgt. In diesem Fall kommt noch hinzu, dass der Text von Lau eine Mischung aus Rezension und Reportage ist, der auch Zierke selbst zu Wort kommen lässt. Diese Art von ‚mit Rechten reden‘ verschafft der extremen Rechten Diskursraumgewinne, die nicht zu unterschätzen sind.

Im Hinblick auf das Erschließen neuer Publika sind vor allem Brückenfiguren wie Uwe Tellkamp relevant, die den Rechtsintellektuellen Türen in bürgerliche nicht-rechte Milieus öffnen. Tellkamps Roman „Der Eisvogel“ ist zum Beispiel von Kubitschek gefeiert worden: Weil darin ein Rechter vorkommt, der so gar nicht ins gängige Bild von Neonazis passt, sondern eben ein gebildeter Schöngeist ist – damit ist die Figur natürlich sehr gut geeignet, um Berührungsängste und Distanz abzubauen. Im Feuilleton ist das zunächst kaum aufgefallen. „Der Turm“, das nächste Buch von Tellkamp, ein Familienroman über den Untergang der DDR, wurde zu einem Bestseller und Lieblingsbuch des Bürgertums. Kubitschek fürchtete, der Roman sei Beleg dafür, dass Tellkamp doch keiner „von ihnen“, also den Rechten, sei. Inzwischen publiziert Tellkamp bei Susanne Dagen, war bei „Aufgeblättert – Zugeschlagen“ (einer Literatursendung, die Ellen Kositza und Susanne Dagen auf youtube hosten, Anm. Red.) zu Gast und ist 2025 auch auf der rechten Buchmesse aufgetreten.

Bei der Kinder- und Jugendliteratur und vor allem beim Bilderbuch gibt es seit einigen Jahren den klein & ehrlich-Verlag. Der hat bisher ein paar Bilderbücher produziert, die ästhetisch nicht besonders interessant sind. Das sind für Kinder aufbereitete Geschichten, häufig Widerstandserzählungen, die gut ins (extrem) rechte Weltbild passen. Mit der Reihe „Wahre Helden lesen“, einer Reihe für Erstleser:innen über historische deutsche Helden, versucht der Verlag, vom Image her einen anderen Weg zu gehen als zum Beispiel der Antaios Verlag. Klein & ehrlich produzieren beispielsweise Jutetaschen, auf denen steht drauf „Ja, ich bin Vorlese-Hooligan“. Ich sehe das als Versuch, Rechtsextreme aus dem durchaus auch gewaltbereiten Vorfeld, eben zum Beispiel der Hooligan-Szene, die die inzwischen Familienväter und -mütter geworden sind, anzusprechen und ihnen Material für die Vermittlung rechter Ideologie und Lebenswelt an die Hand zu geben.

Es wäre wirklich ein Coup, wenn es einem der extrem rechten Autor:innen gelingen würde, in einem großen Publikumsverlag einen Roman zu veröffentlichen. Das ist meines Wissens noch nicht passiert. Und ich bin auch nicht sicher, ob das in der Szene im Moment überhaupt angestrebt wird. Meine Einschätzung wäre, dass es gerade eher darum geht, ein eigenes (extrem) rechtes Segment im allgemeinen Literaturbetrieb aufzubauen, das alles enthält: Verlage, Buchhandlungen, eine eigene Buchmesse, Rezensionsorgane, Literatursendungen auf YouTube. Das ganze Feld des Literaturbetriebs einmal in klein für rechts.

Welche Wirkung haben diese Versuche?

Wir können über die Wirkung der Bücher wie „Vorlesen“ nicht viel sagen, weil wir es einfach nicht wissen. Im Prolog steht nichts drin, was nicht jede Lesedidaktikerin, jeder Lesedidaktiker unterschreiben würde. Das würden auch alle konservativen bis linksliberalen Eltern unterschreiben: Lesen ist wichtig für die Persönlichkeitsbildung. Vorlesen ist wichtig für die Bindung. Kinder müssen Fantasie lernen. Das würde niemand bestreiten. Und es sind auch einige sehr bekannte Autor:innen in dem Kanon vertreten. Da werden sich schon Leute denken, na ja, wenn die sogar Klaus Kordon empfehlen, dann kann's ja so schlimm mit ihnen nicht sein. Ich glaube schon, dass das verfangen kann und zumindest in dem Sinne Wirkung entfalten, dass sie den Diskursraum extrem rechter Akteur:innen erweitern. Bislang gibt es darüber meines Wissens keine empirischen Untersuchungen; ich weiß aber, dass „Vorlesen“ in manchen Schulbibliotheken zu finden ist.

Ein anderes Beispiel für die Vereinnahmung von Gegenwartsliteratur durch extrem rechte Akteur:innen ist der neue Roman von Jonas Lüscher, „Verzauberte Vorbestimmung“. Darin geht es unter anderem um eine kritische Reflexion des Umgangs mit Technik in der Moderne. Götz Kubitschek hat dazu eine Rezension geschrieben, mit dem Titel „Rechte Technikkritik“. Darin beschreibt er knapp, was in dem Buch alles ungefähr passiert und sagt, dass es total interessant zu lesen sei. Und durch den Titel behauptet er einfach, dass der Roman rechte Technikkritik betreibe, ohne das auch nur im Ansatz zu belegen. Was auch nicht gehen würde, da der Roman das schlicht nicht hergibt. Das ist Kubitschek aber offensichtlich egal. Er greift sich einfach Motive des Buches heraus, setzt sie in einen anderen Kontext und nutzt das für seine eigenen ideologischen Zwecke.

Es geht also nicht unbedingt um eine eigene Textproduktion, sondern darum, eine eigene Deutung eines Kanons oder publizierter Inhalte zu verbreiten. Ihr hattet in eurem Buch in der Einführung geschrieben, dass das eine Ergänzung zum rechten Kampf um die Straße ist, also der Kampf um die Köpfe. Mit welchem konkreten Ziel?

Ein Grundsatz von solchen hegemoniepolitischen Überlegungen ist: kulturelle Hegemonie geht politischer Macht voraus, sie ebnet – wenn man so will – den Weg zur Macht. Die Überlegung geht auf die Ideen des Kommunisten Antonio Gramsci zurück, ist also eine genuin linke Idee. Die intellektuelle Rechte hat sich Gramscis Idee, vermittelt durch französische Rechtsintellektuelle wie Alain de Benoist angeeignet. Literatur ist dabei ein wichtiges Feld, aber nicht das einzige. Kulturelle Hegemonie von rechts heißt ja nicht nur, ‚wir sind diejenigen, die sagen, wie man Thomas Mann jetzt zu lesen hat und was an deutschen Theatern gespielt werden soll‘, sondern es heißt für die extreme Rechte auch, ‚wir sind diejenigen, die entscheiden, dass jeden Morgen vor der Schule die Deutschlandfahne gehisst werden muss‘.

Land gewinnen und rechte Erzählungen normalisieren: Warum ist Literatur so ein wichtiger Aspekt dabei?

Das hat mit Tradition zu tun. Deutschland als nationales Gebilde war von Anfang an stark von Literatur geprägt. Die Märchen der Brüder Grimm waren auch ein Projekt, um eine deutsche Kultur zu finden, eine Kultursprache zu erhalten, eine deutsche nationale Identität zu prägen. Das spielt eine Rolle, genauso wie die Deutsche Philosophie. Es geht darum, ein Erbe anzutreten, nach dem Motto: „Wir sind diejenigen, die die deutsche Kultur schützen und bewahren“, auch in der Gegenwartsliteratur. Natürlich ist neben der Literatur längst auch Social Media wichtig für das Ringen um kulturelle Hegemonie. Aber Literatur ist auch deswegen wichtig, weil sie das Image des Intellektuellen verstärkt.

Benoist, der Theoretiker der französischen Rechtsintellektuellen geht davon aus, dass die linken Achtundsechziger wahnsinnig erfolgreich waren, diesen Erfolg will er von rechts kopieren beziehunsgweise kopiert sehen. Und in den 60er- und 70er-Jahren spielten Theorie und Literatur eben eine sehr große Rolle. Im Feld der Literatur ist es leichter, Deutungshoheit zu gewinnen als in anderen Feldern. Schon aus pragmatischen Gründen: Es ist zum Beispiel viel aufwändiger, einen Spielfilm zu produzieren und zu finanzieren, als ein Buch zu machen.

Außerdem reden wir hier über ein zwar wirkmächtiges, aber doch kleines Segment der extremen Rechten, das rechtsintellektuelle Milieu, das unter anderem zum Ziel hat, Konservative und Liberale auf seine Seite zu ziehen. Und das geht gut über Bücher. Solchen Adressat:innengruppen muss man nicht mit Rechtsrock oder irgendwelchen rechten Liedermachern kommen.

Du hattest die Literaturmessen erwähnt. In den letzten Jahren tauchen dort sichtbarer neurechte Verlage auf. Dann gibt es Auseinandersetzungen, die dazu führen, dass zum Beispiel linke Verlage oder Autor:innen keinen Stand oder keine Lesung auf der Messe machen, weil die rechten Verlage zu präsent sind. Kannst du nochmal auf diesen Ort der Auseinandersetzung eingehen, hat diese Verschiebung eine Relevanz?

Es gab vormals vor allem die sogenannten „Zwischentage“. Das waren rechtsextreme Medienmessen, meistens in Burschenschaftshäusern, bei denen die Szene zusammenkam und bei denen es um Buchpublikationen, aber auch um Rechtsrock und andere Medien ging. Das waren im Wesentlichen Veranstaltungen von der Szene für die Szene. Dann haben sie offenbar entschieden, zu versuchen, eine größere Bühne zu erobern und haben begonnen, zu den großen Buchmessen und Leipzig und Frankfurt/Main zu gehen. Das hat interessanterweise in den ersten Jahren auch kaum öffentliches Interesse erregt. 2017 kam es dann auf der Frankfurter Buchmesse zu einem „Skandal“, den Kubitschek meiner Einschätzung nach bewusst inszeniert hat, um die mediale Aufmerksamkeit auf sich und seinen Verlag zu ziehen. Das ist ihm gut gelungen.

Die Kritik am Auftreten von Kubitschek und Co. nahm Susanne Dagen (eine neurechte Buchhändlerin und Verlegerin aus Dresden, Anm. Red.) zum Anlass, um die sogenannte ‚Charta 2017’ zu veröffentlichen, die unter anderem auch Uwe Tellkamp unterzeichnet hat. In der Charta wird behauptet, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sei nicht pluralistisch organisiert. Die Meinung rechter Literaturschaffender würde nicht repräsentiert und sie würden ausgegrenzt. Dagen hat dann angefangen, über die Notwendigkeit einer eigenen Buchmesse zu sprechen. Ihre Vorstellung war eine Messe für ein breites Publikum, bei der sich das ganze rechte Spektrum, die gesamte rechte und rechtsextreme Literatur- und Medienproduktion, präsentiert. Das hat sie im November 2025 zum ersten Mal umgesetzt, die Fortsetzung folgt in wenigen Wochen, am 7./8.11. 2026.

Das ist eine neue Entwicklung, in zweierlei Hinsicht. Einmal blinkt nach innen das Signal: Wir sind so viele, wir können uns Pluralismus leisten, wir haben Binnendifferenzen, aber wir können trotzdem gemeinsam auftreten. Und das Signal nach außen ist: Wir sind ein eigenes Feld im Literaturbetrieb. Es ist nur natürlich, dass wir auch eine eigene Buchmesse haben.

Wie würdest du die Relevanz dieser Messen einordnen, auch in die Zukunft gedacht?

Wie das weitergehen wird, weiß ich nicht genau. Es waren recht viele Leute auf der Messe in Halle im letzten Jahr – auch einige bekannte Gesichter, etwa der schon erwähnte Uwe Tellkamp. Alles hatte einen sehr bürgerlichen Anstrich. Die Frage ist, ob Susanne Dagen es irgendwann schafft, bürgerliche Verlage auf ihre Messe zu lotsen. Letztes Jahr gab es eine kleine Messebuchhandlung von Dagens Buchhaus Loschwitz, die mit gängigen nicht-rechten Titeln bestückt war. Das würde ich schon als einen Versuch seitens der Rechten werten, ihre eigene Normalisierung voranzutreiben. Aber es waren keine großen Publikumsverlage vor Ort. Wenn das gelänge, wäre das wirklich ein erhebliches Problem.

Beim Kampf um die Köpfe geht es viel um Sprache. Da ist der Vorwurf an eine „woke“ Linke, Sprachverbote auszusprechen und Zensur zu betreiben. Gleichzeitig werden von rechts semantische Verschiebungen versucht. Wie funktioniert diese Normalisierung rechter Sprache und damit rechter Ideen?

Die extreme Rechte hat keinen konstruktivistischen Blick auf Sprache oder die Welt an sich. Die Idee, dass Sprache Wirklichkeit schafft ist ihnen eigentlich fremd. Der Kniff ist eher, Begriffe – wie Freiheit, Solidarität und so weiter, die eigentlich schon immer ein bisschen Containerbegriffe waren – in einer ganz spezifischen Art und Weise zu benutzen. Früher gab es gesellschaftlich mehr Einigkeit darüber, was sie bedeuten, so dass man sie ‚unfallfrei‘ benutzen konnte. Ich habe den Eindruck, das hat sich gewandelt.

Jede:r kann sich zum Beispiel unter den Freiheitsbegriff subsummieren. Wie kann man denn etwas gegen Freiheit haben? Aber es wird bewusst vermieden, das auszudifferenzieren, Freiheit – von was? Zu welchem Zweck? Manche Leute wollen frei sein von materialistischen Zwängen, andere wollen frei sein von unbekannten kulturellen Einflüssen. Das würde jemand von der AfD oder der extremen Rechten sagen. Was sie damit meinen, ist: „Ausländer raus“.

Bei dem Begriff der Solidarität finde ich es noch deutlicher. Ein Begriff muss schon kontaminiert sein, damit die Rechte ihn sich aneignen kann. Der Begriff der Solidarität ist in der Corona-Zeit stark missbraucht und auch semantisch geöffnet worden. Was heißt denn Solidarität? Mit wem bin ich warum solidarisch? Die Rechten sagen auch Solidarität, aber die Solidarität, die sie meinen, ist eine, die sich nur auf die Deutschen als ethnisch bestimmtes Volk bezieht. Mein Begriff von Solidarität ist ein ganz anderer.

Diese Containerbegriffe sind ein sehr guter Hebel, um Leute zu integrieren, weil sie so schwer nachzuvollziehen sind. Man muss die ganzen Publikationen der Nazis lesen, um herausstellen, was sie meinen. Man kann nicht einfach sagen: Guck dir mal diese 17 Textstellen an, dann siehst du, was sie mit Solidarität meinen.

Dann gibt es natürlich diese pejorativen Begriffe wie ‚Political Correctness‘ oder ‚Wokeness‘. Ich finde es zum Beispiel wirklich schlimm, wenn Linke zum Spaß davon sprechen, die ‚PC-Polizei‘ zu sein. Das ist ein rechter Kampfbegriff. Das Besondere an „woke“ ist, dass das kein genuin rechter Begriff ist, sondern ursprünglich eine Selbstbeschreibung von antirassistischen Aktivist:innen, den die Rechten sich in pejorativer Absicht angeeignet haben um progressive Milieus zu diffamieren. Inzwischen hat sich der Begriff auch in konservativen Kreisen durchgesetzt und bildet nun eine Brücke vom einen ins andere Milieu.

Es gibt noch weitere ‚Spielereien‘. Ellen Kositza zum Beispiel benutzt gerne eingedeutschte Begriffe für englische Wörter. Das sieht man auch in „Vorlesen“, sie sprechen dort dann von „Hauptstrom“ statt Mainstream. Manchmal frage ich mich, ob die das selbst noch ernst meinen. Ob das Selbstironie ist oder ein Angebot an die eigene, extrem rechte Klientel – an die alten Herren der neuen Rechten sozusagen.

Wird Literatur ausgebeutet, um rechte Raumnahme seriös anzumalen?

Man kann allgemein sehen, dass Rechte in ihren Literaturkritiken von der Form her – und dazu gehört ja auch die Sprache – den gängigen Gepflogenheiten der Literaturkritik folgen. Es werden genretypische Begriffe genutzt und auch formalästhetische Wertungen abgegeben. Das klingt schon sehr nach Literaturkritik und das ist es ja auch. Die Unterschiede liegen in den Inhalten. Darin, wie bestimmte Sachen bewertet und neu eingebettet werden. Da wird ein bestimmter Ton oder Stil sichtbar.

Ich bin gerade dabei, alle Rezensionen in der Zeitschrift Sezession durchzusehen. Es gibt dort in den letzten Jahren eine große Vorliebe für Texte, die an reale Historie anknüpfen; sie greifen zum Beispiel reale Personen oder historische Ereignisse auf und spinnen diese fiktional weiter. Das ist deswegen so interessant, weil so die Grenze verschwimmt zwischen den historischen Fakten und deren erzählender Deutung. Da kann man natürlich gut eine extrem rechte Geschichtsdeutungen drauflegen und so tun, als wäre das die von diesem großen Autor oder dieser Autorin präferierte Geschichtsdeutung.

Kannst du das noch etwas ausführen? Wir sind ja große Fans von Rezensionen…

Rezensionen sind ja keine fiktionale Gattung. Man geht davon aus, dass in einer Rezension wahrheitsgemäß oder realitätsgetreu wiedergegeben wird, was in dem rezensierten Buch steht und so liest man sie auch. Man kann diese Konvention unterlaufen, ohne es zu markieren. Dann täuscht man die Leser:innen, die das aber möglicherweise gar nicht merken. Wenn es dabei nur um den Inhalt eines Romans geht, ist das ärgerlich, aber vielleicht keine Katastrophe. Wenn die Rezension sich aber zugleich nicht damit begnügt, über einen literarischen Text zu sprechen, sondern auch die Weltsicht des Rezensenten wiedergibt und dabei zwischen erzählter und realer Welt nicht scharf trennt, dann wird es mitunter auch politisch gefährlich.

Hinzu kommt, dass Literatur im bundesdeutschen Kulturbetrieb immer weniger stattfindet. Die Rezensionsteile in den Zeitungen werden immer dünner, Literatursendungen in Radio und Fernsehen werden seltener. Hier entsteht eine Vakuum, dass die Rechtsintellektuellen dann bespielen – und zwar mit Erfolg, denn damit rennen sie bei vielen derer, die diese Formate schätzen und vermissen, offene Türen ein. Da ist eine gedruckte Zeitschrift, die man abonnieren kann, und die mit zehn Seiten Literaturkritik in die Wohnung kommt, auch für konservative Intellektuelle ein Angebot: „Wenn die da ganz normale Literatur besprechen, dann lese ich das. Und wenn die dann noch über Sachen reden, die mich auch stören oder die mich auch ansprechen, dann lese ich das gleich mit.“ So werden die Wege in (extrem) rechte Milieus kürzer und Berührungsängste abgebaut.

Mit Literatursendungen ist es dasselbe. Die Sendung „Aufgeblättert, Zugeschlagen. Mit Rechten lesen“ wird von Ellen Kositza zusammen mit Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz gemacht. Sie laden sich immer einen Gast ein, mit dem sie über Literatur und Sachbücher sprechen. Zur Auswahl gehören milieutypische rechte Texte – aber eben auch ganz ‚normale‘ Belletristik. In einer letzten Sendung haben sie zum Beispiel über Wolf Haas neuesten Roman gesprochen, den Ellen Kositza ganz toll fand. Ich finde die Texte von Wolf Haas auch ganz toll. Und nun, was heißt das jetzt?

Würdest du sagen, es braucht andere Formen eines gegenhegemonialen Kulturfelds? Oder reicht die Verteidigung des Bestehenden aus?

Wenn es gelingt, das Jetzige zu verteidigen, ist das ja schonmal nicht schlecht. Wenn es uns gelingen würde, wieder dahin zu kommen, wo wir vor zehn Jahren waren, wäre das besser. Es ist ja schon viel kaputt gegangen, gerade im Kulturbetrieb. Man muss sich ja nur die Geschehnisse um den Deutschen Buchhandlungspreis angucken. Staatsminister Wolfram Weimer ist kein Rechtsextremer, hat aber eine extrem konservative Agenda und bedient sich eines Playbooks, das durchaus Parallelen zu dem der Rechtsintellektuellen aufweist.

Wenn die AfD sich nicht in die Kulturpolitik einmischen würde, wenn nicht Gelder gestrichen würden für Demokratieförderung, Jugendarbeit, Opferberatung, Unterstützung für queere Jugendliche und und und. Das wäre auf jeden Fall ein Gewinn. Ich würde sagen, für einen emanzipatorischen, progressiven Blick auf Gesellschaft reicht es nicht, die Institutionen zu verteidigen. Aber die Institutionen und deren Verteidigung jetzt aus dem Blick zu verlieren, wäre trotzdem fatal. Wenn wir nach Sachsen-Anhalt schauen, nach Magdeburg, nach Halle/Saale oder Halberstadt, da sind demokratische Strukturen massiv unter Druck und die Leute tatsächlich auch physisch bedroht. Was da gerade passiert, ist der Versuch einer autoritären Wende.

Vielleicht noch etwas Positives zum Abschluss? (alle lachen)

Reclaim Books – auch wenn das vielleicht komisch klingt. Wir müssen wieder mehr lesen und vor allem übers Lesen reden. Kommunikation über das, was man gelesen hat, über das, was man schreibt und so weiter. Ich glaube, dass das wichtig ist und bleibt, ebenso wie die Arbeit an Begriffen. Also nicht nur sagen, wir sind solidarisch, sondern ausführen, was gemeint ist, wenn man heißt, wenn man von Solidarität redet. Wenn ich von Solidarität spreche, dann meine ich alle und alle sind alle und nicht nur die ‚Volksdeutschen‘.

Ich glaube auch, dass es sinnvoll ist, die Strategien der Rechten offen zu legen. Das Feld der Kulturpolitik wird immer noch total unterschätzt. Immer, wenn die AfD auf kommunaler Ebene an der Macht beteiligt werden muss, weil sie gewählt worden ist, gibt man ihr den Kulturausschuss. Ich verstehe es einfach nicht. Man kann ihnen doch auch den Verkehrsausschuss geben. Da können sie für hegemoniepolitische Zwecke nicht so viel gewinnen wie im Kulturbereich.

In jeder Gemeinde, in jedem Landkreis gibt es zum Beispiel einen KZ-Gedenkort oder etwas Ähnliches; es gibt Jugendarbeit, Stadtbibliotheken, Theater. Es ist immer der Kulturausschuss, der dafür zuständig ist. Das sind genau die Bereiche, in denen eine rechte kulturpolitische Agenda durchgesetzt werden soll. Und wenn man versteht, dass Kulturpolitik immer auch Mittel zur Erringung politischer Macht ist, dann kann man doch nicht sagen: „Leute, ihr wollt hier an die politische Macht, dann bitte, wir schenken euch die Kultur.“

Die Alternative könnte sein, den kulturellen Raum mit vielen verschiedenen Akteur:innen vielseitig zu bespielen. Das ist natürlich auch ein Machtkampf, aber im Feld der Kultur gibt es ja eine gute Sache: Man kann dort auf eine Art und Weise politisch aktiv sein, die gleichzeitig Spaß macht, ästhetisch anregend und erfüllend ist. Ästhetische Artefakte, Literatur, Theater, Film, was auch immer, das macht ja auch was mit einem, wenn das interessant gestaltet ist. Das ist vielleicht auch schöner, als in so einem Parlament zu sitzen und Eingaben zu machen. Das zu nutzen und zu schützen, also ein breites Angebot an Kultur, ist wichtig. Da kann auch viel dabei sein, was ich aus einer emanzipatorischen Perspektive nicht so toll finde oder wohin ich persönlich nicht gehen würde. Solange das nicht autoritär, antiegalitär oder faschistisch ist – warum soll es das nicht geben?

Aber es ist viel Arbeit. Wenn man keine Leerstellen lassen will, wo Rechte reinspringen können, hat man tatsächlich viel zu tun. In Halle/Saale gibt es zeitgleich mit der rechten Buchmesse das große ‚Wir‘-Festival. Das ist eine stadtweite Kampagne, die auch das ganze Jahr über läuft. Da ist vom Häkelclub bis zur Demo alles dabei, viele verschiedene Projekte, die es irgendwie schaffen, sich unter dem Label „Wir für Halle“ zusammen zu tun. Das ist wahnsinnig viel und vor allem intensive Bündnisarbeit. Wichtig ist es trotzdem, konkrete auch kommunikative Angebote zu machen, also nicht nur eine Stadtbibliothek zu haben, sondern zum Beispiel auch Vorleseabende, Buchclubs oder Literaturgespräche anzubieten. Es macht ja auch Spaß, über Bücher zu reden. Oder?

**

Über unsere Gesprächspartnerin:

Mareike Gronich ist Literaturwissenschaftlerin und beschäftigt sich seit Jahren mit dem Zusammenhang von Literatur und Politik – sowohl in der Erwachsenen- als auch in der Kinder- und Jugendliteratur vor allem des 20. und 21. Jahrhunderts. Zuletzt erschien von ihr ein Aufsatz mit dem Titel: Von (Vor-)Leser:innen und Vorlese-Hooligans: Kinder- und Jugendliteratur als Austragungsort rechtsextremer Hegemoniepolitik. In: Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (Hg.): Demokratiebildung in und mit Kinder- und Jugendmedien. Materialheft mit Fachbeiträgen, didaktischen Impulsen und Beispielen. Frankfurt a.M.: 2026. [im Erscheinen]

*

Das Gespräch wurde im August 2026 von Andrea Strübe und Johanna Bröse geführt.

Zitathinweis: Andrea Strübe und Johanna Bröse: „Kulturelle Hegemonie geht politischer Macht voraus“. Erschienen in: Kulturkampf von rechts? 81/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/uLv6g. Abgerufen am: 14. 10. 2026 00:52.