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Marxismus-Feminismus – eine unvollendete Aufgabe

Marxismus-Feminismus – eine unvollendete Aufgabe © Jelca Kollatsch
Thema
Essay von Frigga Haug
In ihrem Essay blickt die Soziologin Frigga Haug auf das Verhältnis von Marxismus und Feminismus, die Vier-in-einem-Perspektive und die Fäden des Herrschaftsknotens.
Essay von Frigga Haug

Fast 40 Jahre schlage ich mich mit diesem Thema herum – mal mit vielen Mitstreiterinnen, mal fast allein im eigenen Land, aber gehalten durch internationale Bande. Eigensinnig auf der Spur, die fantastischen Denkwerkzeuge, die Marx uns hinterließ, für die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung, Erkundung und Veränderung der Stellung und Lage von Frauen einzusetzen und dafür umzuformen, wo nötig. Der Weg ist notwendig verschlungen und so unbescheiden wie dienend. Es ist kein Weg, auf dem gesellschaftliche Anerkennung, Karriere, Reichtümer winken. So ist es fast so etwas wie eine Besessenheit, allerdings ohne das Düstere solcher Haltung und ohne Gefangennahme durch sie. Es ist der Eigensinn, den die Suche nach Wahrheit braucht, die dabei zugleich weiß, dass selbst Wahrheit nichts ist, das schon wie ein Schatz auf uns wartet und nur noch gefunden werden muss, wie in Abenteuergeschichten. Es dauerte wiederum Jahrzehnte, bis die Erkenntnis gewachsen ist, dass die Vorstellung, das Ziel, den Zusammenhang, in denen Frauenbenachteiligung sich fortzeugt, so zu durchdringen, bis Änderung möglich ist, selbst eine eigentümliche Annahme von Weg und Ziel birgt.

Beginnen wir von vorn. Marxismus-Feminismus, das hört sich veraltet an und ist zugleich doch ganz aktuell. Es ist zunächst vor allem ein ganz sperriges Vorhaben. Beide Substantive müssen angeeignet werden, bevor man sie zusammenfügt mit einem unschuldigen Bindestrich. Aber selbst das ist schon so gesprochen, als könne man einfach daherkommen, diese beiden Denk- und Praxsibereiche greifen und in eigenen Besitz bringen, um sie zusammenzuzwingen. Angesichts der Geschichte beider, - wobei die des Marxismus selbst zwar jung ist – weniger als 150 Jahre sind seit Marx Tod vergangen – und Feminismus es erst vor 50 Jahren in die die Wörterbücher geschafft hat als Marginalie, - erkennt man schnell, dass sie ganz ungleiche Geschwister sind. Und dennoch: Es eint sie der kategorische Imperativ aus dem Kommunistischen Manifest: „alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. In der Perspektive kann man sich einfinden, können es alle Frauen – aber der Weg ist ein einziges Hindernisrennen. Je weiter man voranschreitet, desto höher türmen sich die Blockaden. Kurz, man kann damit beginnen, sich Marxismus anzueignen, auch als Frau. Da sind die blauen Bücher ein schier unendlicher Stoff zum Lesen und Begreifen. Versucht man, ihn sich anzumessen, wird er bei jedem Studium ein anderer. Mal zu eng, mal zu weit, kurz die wirkliche Aneignung beginnt in einer Änderungsschneiderei. Da hat man schon begonnen, sich als Feministin zu erinnern, also den Standpunkt von Frauen als einen besonderen zu besetzen, der allgemein werden will, also unverschämt sich als wesentlich zur Einmischung zu nutzen. Jetzt befindet man sich noch keineswegs im Besitz von auch nur einer der beiden theoriegeladenen Bereiche, da ist man schon mitten im Streit. Selbst unsicher und tastend. Kurz bevor man resigniert den Rückzug antritt, blitzt Erkenntnis auf: Es ist ja genau dieser Prozess der Aneignung beider, der das so ferne Ziel mit Inhalt füllt. Denn beide müssen unaufhörlich umgearbeitet werden und in dieser Veränderung erst werden als Zusammengefügtes.

Feministisches Bewusstsein beginnt mit dem Zweifel, nicht gemeint zu sein. Zweifel an sich selbst, Angst, nicht normal zu sein. Nicht, wenn von Arbeit gesprochen wird, nicht einmal, wenn vom Menschen die Rede ist. Man hat gelernt, der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch Werkzeugherstellung, dann durch Sprache. Es gab eine Anstrengung in den anfänglichen Zeiten der Frauenbewegung, den einen Mangel, dass Werkzeugherstellung wohl eine männliche Sache war und ist, zu bereinigen, indem man auch dies für Frauen nachzuweisen suchte. Um passende Sprache wird bis heute gerungen. Viele Wege wurden anfänglich gesucht, aus der Ecke herauszukommen, in die die Frau als weniger wichtiges Wesen verwiesen war. Ich erinnere die endlosen frustrierenden Diskussionen am Mittag in der Mensa, am Abend in Kneipen. Gab es nicht auch Dichterinnen, wenn schon kaum Musikerinnen? Waren Physik und Chemie wirklich ganz unbeweibtes Land − außer Lise Meitner, die einem glücklich noch einfällt? – Aber irgendwann richtet sich auch der kleinmütige Zweifel auf und entdeckt das nicht für wahr Gehaltene, dass tatsächlich die Geschichte der Frauen, die selbstbewusst aufzuarbeiten wäre, kaum irgendwo aufgehoben ist. Ein blinder Fleck. „Verächtliche, geknechtete, verlassene Wesen“, aber selbst hier steht die Knechtsgestalt noch im Wort vorm Begreifen, wie anders Mägde in die Geschichte eingelassen sind.

In dem kurzen Jahrzehnt von Frauenbewegung wurde Vieles aufgearbeitet und selbst dann weiter geforscht, als die Bewegung als eine von Massen zum Stillstand kam. Stufe um Stufe wird marxistischer Feminismus als Aufgabe angenommen. Er hat es unternommen, die soziale Revolution, die im Marxismus begann, noch einmal zu revolutionieren, indem Befreiung wirklich allgemein werden sollte. Es geht nicht allein um die Arbeit der Werkzeugherstellung, auch nicht nur um Produktion in der Form der Erwerbsarbeit, es geht um die gleichzeitige Eröffnung eines guten Lebens für alle, in dem der Mensch − gleichgültig welchen Geschlechts − sich allgemein so betätigt, dass er selbst sich entwickelt, seine Möglichkeiten erkundet und entfaltet und zum gesellschaftlichen Wesen erst wird; der Mensch wird erst, indem er die brutalen Formen aus der Tierwelt, der er entspringt, umarbeitet, sodass, wie Marx dies spricht, er in seinem individuellsten Dasein Gemeinwesen wird. Das bezieht sich auf die Verhaltensweisen der Menschen zueinander, die Sorge um die anderen, um die Besorgung des zum Leben Notwendigen und die Gestaltung der Gesellschaft, also Einmischung ins Politische.

Wir nennen dies die „Vier-in-einem-Perspektive“. Bevor wir dies so schlicht und selbstverständlich sprechen können, war eine wesentliche Verschiebung zu leisten. Es musste ein Weg gefunden werden, das Rätsel zu lösen, wie die verschiedenen Herrschaftsarten, die der kapitalistischen Profitmacherei, also die des Kapitals über die Lohnarbeit, und die sehr viel ältere, die der Männer über Frauen zusammenhängen, ineinander wirken. Die Versuche, Kapitalismus und Patriarchat als Dualwirtschaft zu konzipieren, also eine Koexistenz zweier ungleichzeitiger Herrschaftsverhältnisse zu denken, waren nicht wirklich überzeugend. Dies vor allem deswegen nicht, weil ganz unübersehbar war, dass sich Frauenunterdrückung oder zumindest ihre Marginalisierung auf allen Ebenen von Wissenschaft, Ideologie, Moral, Symbolen und Sprache fand, kurz, dass sich überhaupt kein gesellschaftlicher Bereich ohne Praxen fand, die das Weibliche nicht als unwesentlich ins Abseits schoben. Die Lösung für dieses Rätsel ist: Geschlechterverhältnisse selbst als Produktionsverhältnisse zu denken. Von Anfang an geht es um zwei Produktionen, die des Lebens und die der Mittel zum Leben. Während bei der Produktion der Mittel zum Leben Fortschritte als Entwicklung der Produktivkräfte vorangetrieben werden, kurz Arbeit eingespart werden kann, ist dies bei der Produktion des Lebens im weiteren Sinn nicht der Fall. Indem so auf der einen Seite Fortschritt und Zeiteinsparung und Reichtum möglich werden, wird es auch dieser Bereich, der in den letzten beiden Jahrhunderten die Entwicklung des Kapitalismus, Produktion um der Profite willen, ermöglichte und vorantrieb. So konnte der Bereich als wesentliches Element der gesamten Produktionsweise den Primat über das Leben gewinnen. Dieses wird gewissermaßen ein Abfallprodukt der profitgetriebenen Produktion, wird vernachlässigt, an Frauen überantwortet und nur deshalb nicht ganz übergangen, weil er ja zugleich der Bereich ist, in dem die Produkte aus der Lebensmittelproduktion abgesetzt werden müssen. Unter diesen Voraussetzungen wird begreifbar, wie die beiden Produktionen zusammenhängen und hierarchisiert sind. Dies einmal begriffen, ist zugleich umrissen, dass eine grundlegende Umwälzung genau an diesem Hebel ansetzen muss: das starre Übereinander von profitgetriebener Lebensmittelproduktion und die Unterordnung der Produktion des Lebens selbst auf eine gleichberechtigte Ebene zu bringen. Das setzt eine Aufwertung des Lebensbereiches und der darin nötigen Praxen in öffentlicher Achtung und Absicherung ebenso voraus wie eine Abwertung der Praxen in der Organisation der Lebensmittelproduktion, der Fixierung von Fortschritt und Sinn nur auf letzteren Bereich. Hat man diese Umgewichtung erst begonnen, wird entschlüsselbar, wie alle Kämpfe um ein gutes Leben letztlich Kämpfe um die Verfügung über Zeit sind und ihrer jeweiligen Zuteilung auf die Bereiche, zu denen eben auch die eigene Entwicklung gehört wie das Eingreifen ins Politische, in die Gestaltung von Gesellschaft.

Seit den Anfängen eines marxistischen Feminismus oder feministischen Marxismus hat sich die Welt radikal verändert. In der Industrialisierung, die mit dem Fordismus Massenproduktion auf der Basis von Fließbandarbeit und damit auch notwendig Massenkonsum schuf, wurde die Stellung der Frau so eingepasst, wie sie heute noch vielerorts erkennbar ist. Mit ein wenig Teilhabe am Reichtum, den sie schufen, erhielten die männlichen Lohnarbeiter mit der Zwangsjacke, die physischen Kräfte monoton und unaufhörlich zu gebrauchen, die Belohnung, eine eigene Familie gründen zu können und darin monogam eine je eigene Frau zu halten, die für ihr Wohl und Wehe und das der Kinder sorgte: die Hausfrau, eingehegt vom männlichen Ernährer. Mit dieser zwieschlächtigen Gestalt, die einen besseren Lebensstandard gewährleistete, verkörperten Frauen zugleich den Traum, in der Kleinfamilie gebe es das Glück und die Heimat, die alle erreichen wollten und könnten. Die Befreiungsperspektive war damit spießbürgerlich stillgestellt.

Als die Frauenbewegung gegen diese Dreieinigkeit protestierte: den männlichen Ernährer, die monogame Kleinfamilie und die Einsperrung als Hausfrau, war der Fordismus schon in der Krise. Die rasante Entwicklung der Produktivkräfte wälzte in nur wenigen Jahrzehnten die Produktionsprozesse, den Bedarf an Arbeitskräften und ihre Qualifikation so um, dass am Ende schließlich ein jeder ein Unternehmer oder eine Unternehmerin werden konnte, mit eigenem PC in Heimarbeit, aber das Leben von größter Unsicherheit bestimmt. Dies war neoliberale Freiheit. Die Frauen, immer mehr alleinerziehend, waren den Ernährer los, aber nicht die Aufgaben. Erwerbstätig mit mehreren Jobs, in Teilzeitarbeit, wurden sie Teil eines wachsenden Prekariats. Jetzt sind wir schon in der Weltwirtschaftskrise, die als Mehrfachkrise zu begreifen ist: eine der Akkumulation, eine des Klimas und der Umwelt, eine der Erwerbsarbeit, aber eine auch der Reproduktion. Einige gewinnen, aber die große Mehrzahl verliert, und unter ihnen sind Frauen in mehrfacher Hinsicht im Nachteil. Als Verantwortliche für die Wiederherstellung des Lebens, des eigenen wie des neuen, haben sie praktisch keine Ressourcen, mit denen dies zu bewerkstelligen ist. In Krieg und Krise scheinen die Probleme des Lebens unwesentlich wie je. Zugleich beginnt Widerstand. Was als Care-Krise gesprochen wird, fußt auf der Empörung, den Bereich der Lebensreproduktion in der Logik der Profitproduktion – also immer schneller, mit immer weniger lebendiger Arbeit – rationeller erledigen zu sollen, dabei zugleich in Armut zu fallen. Dabei suchen einige, sobald sie eine anspruchsvolle bezahlte Arbeit bekommen, Migrantinnen in undokumentierter Arbeit für die nicht schaffbare unbezahlte Arbeit zu nutzen, was ihnen gewöhnlich als besonderer Egoismus angekreidet wird, als sei es auf ewig klar, das Kinder ein privates Problem sind, statt die Zukunft der Gesellschaft. Alle aber können zusehen, wie eine ganze Generation Nachwachsender keinen Zutritt zur Gesellschaft mehr findet.

Feministischer Marxismus hat aus dem Marxismus gelernt, die Fragen von Herrschaft und Befreiung mit denen der Entwicklung der Produktivkräfte und denen der Produktionsverhältnisse zusammen zu analysieren. Aus dem Feminismus kommt die Dominanz der Frage des Lebens und seiner Wiederherstellung als unbedingter kategorischer Imperativ für ein sinnvolles und gutes Leben hinzu. Die Herangehensweisen zu verschränken bildet den Reichtum, den ein feministischer Marxismus in die notwendige Transformation von Gesellschaft bringt. Es kommt darauf an, der Produktion um des Profites Willen ohne Rücksicht auf Mensch und Natur Widerstand entgegenzusetzen, dafür braucht es eine Vorstellung von einer Alternative, einer Gesellschaft, in der Mensch und außermenschliche Natur in den Mittelpunkt rücken.

Sobald man in dieser Verknüpfung zu denken beginnt, stößt man auf Gegenwehr. Diese kommt natürlich vom herrschenden Regime, aber vor allem auch von denjenigen, die als Mitstreiter für eine andere Gesellschaft gewonnen werden müssten. Aus Gewohnheit hängen sie an den alten Privilegien, denken und fühlen in ihnen, als seien sie ‚natürlich‘. „Selbstveränderung und Veränderung der Umstände fallen in revolutionärer Praxis ineins“, sagt Marx in den Thesen gegen Feuerbach und spricht damit zugleich an, wie umfassend die Arbeit der Transformation ist und wie unmöglich, sie ohne die aktive Beteiligung aller voranzutreiben. Die Fäden, welche die einzelnen in Gesellschaft halten, sind so verknüpft, dass sie einen Herrschaftsknoten bilden. Kaum zieht man an einem Ende, festigt sich ein anderes. Arbeitszeitverkürzung und Wachstum und gesicherte Arbeitsplätze für diejenigen, die noch Arbeitsplätze haben, ist keine Forderung, die für alle gelten kann. Entwickelte Produktivkräfte machen weniger lebendige Arbeit nötig – Arbeitszeit muss also so radikal verkürzt werden, dass einen Arbeitsplatz zu haben ein Recht für alle ist und zugleich einhergehen kann mit einem Einkommen, von dem sie leben können, sodass alle beteiligt sind an den vielen liegengeblieben Arbeiten der Freundlichkeit und Fürsorge und noch genug Zeit für eigene Entwicklung haben und sich in die Politik mischen können.

Letzteres setzt ein anderes Demokratieverständnis voraus, gewissermaßen eine Vertiefung der Demokratie, die eine kompetente Teilhabe von allen vorantreibt. Man erkennt unschwer an den einzelnen Zumutungen, dass ein solches Projekt vom Standpunkt von Frauen gesprochen werden muss. Sie haben die Privilegien, die sie in eine Verteidigung des Status quo bringen, in geringerem Ausmaß. Oder anders: Der Status quo hält für sie einen Abgrund als Zukunft bereit. So sie sich zur Wehr setzen, ist ihr Projekt eine befreite Perspektive für alle.

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Nachtrag: Den Gesamtzusammenhang zu denken ist schwierig, auch weil zuviele Partialinteressen vor der Durchdringung der Problematik und ihrer Änderung haften. Die verschiedenen Stränge zu entwirren, ihr Zusammenwirken vorzuführen und Bewegungsmöglichkeiten zu erkunden, ist auf so knappen Raum vielleicht zu schwierig. Das Problem ist zugleich ein globales, wie ein lokales an jedem Ort. Um die Kräfte zu vermessen, um weiter zu kommen, um Marxismus-Feminismus neu zu gründen wird ein internationaler Kongress – Die Kraft der Kritik: Wege des Marxismus-Feminismus – vom 20.-22. März in Berlin stattfinden. Trägerinnen sind die Feministische Sektion des Instituts für Kritische Theorie (InkriT) und die Rosa Luxemburg-Stiftung und andere. Mitarbeit ist willkommen.

Zitathinweis: Frigga Haug: Marxismus-Feminismus – eine unvollendete Aufgabe. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1255. Abgerufen am: 24. 07. 2019 07:23.