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„Wir fühlten uns bereits wie Kriegshelden“

Buchautor_innen
Johannes Clair
Buchtitel
Vier Tage im November
Buchuntertitel
Mein Kampfeinsatz in Afghanistan
Die Erzählung eines ehemaligen Bundeswehr-Fallschirmjägers über seinen Einsatz in Afghanistan und das Töten von Menschen bleibt in seiner Fokussierung auf Kriegshandlung und soldatisches Selbstbild letztlich oberflächlich.
Rezensiert von Fabian Virchow

Dass Kriege Erzählungen hervorbringen, in denen beziehungsweise durch die Beteiligte ihrer Wahrnehmung des Geschehenen, ihrer Deutung der Ereignisse und der Darstellung ihres Tuns und Unterlassens Gehör verschaffen wollen, ist nichts Neues (vgl. etwa Koikari 2010). Dies gilt auch für die Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts, an denen deutsche Soldat*innen beteiligt waren beziehungsweise sind. Zum Einsatz der Bundeswehr in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und in Afghanistan liegen inzwischen einige Publikationen vor, die als authentische soldatische Stimmen ausgegeben und beworben werden.

Zu diesen gehört auch dieses inzwischen in der siebten Auflage vorliegende „Dokument über eine existenzielle Kriegserfahrung von heute“ (Klappentext), das der Verlag mit dem Hinweis bewirbt, mit diesem Buch werde „zum ersten Mal das Erleben des einzelnen Soldaten, losgelöst von der Politik, erzählt“ (Umschlag Rückseite). Wird davon abgesehen, dass in dem Buch ein weiterer Erfahrungsbericht eines Fallschirmjägers in der Ullstein-Verlagsgruppe beworben wird (Wohlgethan 2008) und diese Textsorte kaum noch als singulär bezeichnet werden kann (vgl. zum Beispiel Fütterer 2008; Wohlgethan 2009; Seliger 2011; Brinkmann u.a. 2013), stimmt diese Ankündigung in der Tat. Eine Auseinandersetzung mit politischen Interessen und darauf fußenden Entscheidungen für den Einsatz militärischer Gewaltmittel durch Angehörige der Bundeswehr in Afghanistan ist in dem Buch nicht zu finden. Stattdessen berichtet ein Fallschirmjäger von seinem Einsatz in Afghanistan – in einer Weise, die sprachlich streckenweise an die Wiederkehr der Landser-Geschichten des Zweiten Weltkrieges erinnern lässt. Wiederholt, so heißt es in dem Buch, sei der Kompaniechef vor seine Truppe getreten:

„Seine Erscheinung war beeindruckend. Ein ebenmäßiges, strenges Gesicht, eine etwas zu groß geratene Nase und einen Blick, der alles durchdringen konnte. […] Niemals hatte ich das Gefühl, dass er einfach nur dastand, sondern dass er in seiner aufrechten Haltung, mit den auf den Rücken verschränkten Armen, immer große Gedanken in seinem Kopf hin und her bewegte. Es war eine Feldherrenpose“ (S. 23).

Dass sein Vorgesetzter mit der Parole „Treue um Treue“ (S. 100; 157) auf die Fallschirmjäger der Deutschen Wehrmacht und damit deren Beteiligung an den Eroberungs- und Vernich-tungskriegen des deutschen Faschismus Bezug nimmt, scheint dem Autor unbekannt. Nicht überraschend auch, dass der Autor auch das elitäre Selbstbild dieser Truppengattung reproduziert.

Lesende erfahren manches über militärische Taktik, werden mit intensiven Beschreibungen von Kampfhandlungen sowie der Verrohung von Soldaten im Kriegseinsatz, aber auch deren Angst und Stolz konfrontiert. Erst ein Soldat, der selbst Kampferfahrungen gemacht hat, galt als ‚richtiger‘ Soldat: „Wir hatten uns gut behauptet und waren sehr stolz auf unsere Leistung. Und, was mit Abstand das Wichtigste für mich war: Wir hatten es geschafft. Richtig gekämpft, es hinter uns gebracht“ (S. 195). Kampfsituationen lösen beim Autor immer wieder euphorische Gefühlszustände (S. 183) und Allmachtphantasien aus (S. 190) und führen zum Erstellen von Abschusslisten:

„Kurze Zeit später hatte ich ein kleines Strichmännchen mit Turban und Kalaschnikow, eine Kuh, eine Bretterbude, wie Mica sie bei dem schlimmen Nachtgefecht zerstört hatte, und eine Straßenbombe hinten auf unser Fahrzeug gemalt. Hinter die Figuren machte ich dicke schwarze Striche“ (S. 278).

Hinsichtlich der Kampfeinsätze, denen er zunächst entgegenfiebert, die er später jedoch in ambivalenter Gefühlslage durchleidet, findet der Autor auch nach einigen hundert Seiten nicht zu einer substantiellen Reflektion. Es bleibt dabei: Mit politisch naiven Soldaten ist gut Krieg zu machen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Brinkmann, Sascha / Hoppe, Joachim / Schröder, Wolfgang (Hg.) (2013): Feindkontakt: Gefechtsberichte aus Afghanistan. Mittler, Hamburg
Fütterer, Dirk (2008): Post aus Kabul: mein Jahr als deutscher Soldat in Afghanistan. Aqua-Verlag, Köln
Koikari, Mire (2010): "Japanese Eyes, American Heart". Politics of Race, Nation, and Masculinity in Japanese American Veterans’ WWII Narratives. In: Men and Masculinities, Jg. 12, Nr. 5. S. 547-564
Seliger, Marco (2011): Sterben für Kabul. Aufzeichnungen aus einem verdrängten Krieg. Mittler, Hamburg
Wohlgethan, Achim (2008): Endstation Kabul. Als deutscher Soldat in Afghanistan – ein Insiderbericht. Ullstein, Berlin
Wohlgethan, Achim (2009): Operation Kundus: mein zweiter Einsatz in Afghanistan. Evon, Berlin

Johannes Clair 2012:
Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan.
Ullstein Buchverlage, Berlin.
ISBN: 13 9783430201384.
416 Seiten. 18,99 Euro.
Zitathinweis: Fabian Virchow: „Wir fühlten uns bereits wie Kriegshelden“. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1211. Abgerufen am: 17. 09. 2019 03:02.

Zum Buch
Johannes Clair 2012:
Vier Tage im November. Mein Kampfeinsatz in Afghanistan.
Ullstein Buchverlage, Berlin.
ISBN: 13 9783430201384.
416 Seiten. 18,99 Euro.