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Was wir nicht sehen – der Widerstand im Alltäglichen

Buchautor_innen
Asef Bayat
Buchtitel
Leben als Politik
Buchuntertitel
Wie ganz normale Leute den Nahen Osten verändern
Asef Bayat analysiert die Alltagshandlungen von strukturell marginalisierten Menschen in den urbanen Zentren des Nahen Ostens und fragt nach dem gesellschaftlichen Veränderungspotential, welches diesen Handlungen innewohnt.
Rezensiert von Philipp Jedamzik

Der sogenannte Arabische Frühling, also die Verdichtung von Revolten und Erhebungen in der jüngeren Zeit, haben eine weltweite Resonanz erfahren. Medien und wissenschaftliche Publikationen haben seit Beginn der Veränderungen im nahöstlichen Raum versucht zu erklären, was die Ursachen für gesellschaftlichen Unmut waren (und sind). Der Fokus lag dabei jedoch meist auf den revolutionären Erhebungen als solche, unter Führung von organisierten Oppositionsgruppierungen wie etwa die Bewegung des 6. April in Ägypten. Gegen solch einen begrenzten Blick wendet sich Asef Bayat in seinem bereits 2010 erschienenen Buch „Leben als Politik. Wie ganz normale Leute den Nahen Ostern verändern“. Grundsätzlich versucht Bayat zu beschreiben, wie die alltäglichen Praktiken der urbanen Subalternen einen widerständigen Charakter besitzen und als Folge dessen auch das Potential zu einer gesellschaftlichen Veränderung von Unten haben.

Seit diesem Jahr ist das Buch auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Zahlreiche Aufsätze des Autors aus früheren Jahren wurden mit neuen, eigens für das Buch konzipierten Kapiteln kombiniert. Das Buch kann zu einem Perspektivwechsel beitragen, da es Bayat gelungen ist, trotz der Schwierigkeit, eine begriffliche Schärfe zu finden, unterschiedliche partikulare Phänomene sinnvoll für Außenstehende zu übersetzen und ihnen einen begrenzten Sinn zu geben. Ich versuche zu vermeiden, die entsprechenden Phänomene als arabisch zu bezeichnen. Wie der Autor verwende ich den Begriff des Nahen Osten. Letztere erlaubt eine weite transnationale Lesart, die es dem Autor ermöglichen, auch Phänomene im Iran, der Türkei oder Tunesien anzusprechen. Die Erhebungen im Nahen Osten weisen meiner Meinung nach einen transnationalen Charakter auf und auch Bayat geht auf die Bedeutung der iranischen grünen Revolte von 2009 für die aktuellen Entwicklungen ein. Zur Beschreibung seiner Beobachtungen stützt sich Bayat immer wieder auf die Situation in der iranischen Gesellschaft, welche er bereits in früheren Werken analysiert hat.

Wider der westlichen Deutungsmuster

In seinem Werk wendet sich der Autor gegen eine zu enge Fokussierung, wonach nur organisierter Widerstand den alten Regimen Einhalt gebieten könne. Agency, also die subjektive Macht die Dinge zu verändern, spricht er auch ganz anderen zu. Er widersetzt sich einem westlichen Narrativ, das, geprägt von einem neuerlichen Orientalismus, die Gesellschaften des Nahen Osten entweder als unfähig zur Demokratie betrachtet, oder aber die Revolten homogenisiert. Bayat entkräftet nicht zwangsläufig die These, dass ein Kampf zwischen islamisch-radikalen und säkularen Kräften stattfände. Aber die nahöstlichen Gesellschaften sind eben heterogen und Dissens ist nicht nur bei Gewerkschaften, Jugendverbänden oder Islamist_innen zu finden. Wie der Titel des Buches schon ankündigt, interessieren Bayat Unorganisierte und Marginalisierte - städtische Arme, urbane Frauen und die Jugend in den Städten, wenn es darum geht, widerständige Praxen aufzuzeigen. Für ihn sind sie alle Teil einer urbanen Subalterne in postkolonialen Gesellschaften: Menschen die überhört werden und ohne große Handlungsmacht. Aber genau diese Macht will er ihnen zugestehen, indem er ihnen Gehör verschafft.

Aktivismus der Einzelnen

Das bisherige analytische Werkzeug, insbesondere der Sozialwissenschaften und Ethnologie, hält der Autor für ungenügend. Dieses Werkzeug lege nahe, dass sich sozialer Aktivismus nur in sozialen Bewegungen äußere. Ein Aktivismus, der die Kategorien der sozialen Bewegung (eine klar formulierte Forderung an die herrschende Klasse, die Möglichkeit der Organisation auf Demonstrationen oder in Vereinen sowie die öffentliche Bekundung einer Einheit der Gruppe) nicht erfülle, wird als solcher nur selten wahrgenommen. Organisierter Widerstand ist aber im Nahen Osten oft kaum möglich oder aber muss mit massiven Repressionen seitens der Staatsmacht rechnen: Vereine werden verboten oder sind unterwandert, Versammlungen werden aufgelöst. Zudem zeige die historische Erfahrung, dass auch hierarchische Oppositionsgruppen oft nur Lippenbekenntnisse hinsichtlich basisnaher Demokratie pflegen. Die Menschen seien deshalb zumeist unorganisiert – Individuen, aber ihrer Millionen. Diese Menschen fasst Bayat unter dem Begriff der Nicht-Bewegung zusammen.

Die Nicht-Bewegung, das sind kollektive Individuen, die individuell alltägliche Praktiken vollführen. Sie tun dies in einer Atmosphäre des Zwangs – seien es Frauen, die sich gegen das herrschende Patriarchat zu Wehr setzen, oder städtische Arme und die abgehängte Mittelschicht, die sich gegen eine soziale Schieflage seit der neoliberalen Umgestaltung des Nahen Ostens und für ein besseres Leben einsetzen. Was sie gemein haben, ist, dass ihre Handlungen sich ähneln und massenweise durchgeführt werden. Der suspekte Charakter dieser Taten wird dabei von außen bestimmt: Da die autoritären Staaten nicht in der Lage oder willens sind, auf eine Befriedigung zuzuarbeiten, wird aus der alltäglichen Handlung eine Form von Widerstand. Die Nicht-Bewegung birgt dadurch das Potential eines flächendeckenden Aufstands. Alleine jedoch haben die Angehörigen von Nicht-Bewegungen nur eine begrenzte Wirkungsmacht. Weder sind sie in der Lage, rechtliche Rahmenbedingungen zu verändern, noch wirklich eine Deutungshoheit in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen zu gewinnen. Dies kann erst gelingen, wenn sich tatsächliche soziale Bewegungen den Nicht-Bewegungen anschließen.

Die Möglichkeiten der Machtlosen

Seine detaillierten Beobachtungen und Begriffsdefinitionen verknüpft Bayat mit einer Abgrenzung zu herrschenden Diskursen: Er wendet sich nicht grundsätzlich gegen sie; versucht aber, die analytische Perspektive weiterzuentwickeln und und von ihrem Eurozentrismus zu lösen: So wendet er sich gegen eine nahtlose Übernahme foucaultscher Machttheorie, wonach Macht die Beziehung zwischen den Subjekten prägt. Nach Bayat verdichtet sich Macht in autoritären Staaten in Form einer Allianz der herrschenden Klassen und staatlicher Institutionen. Die Unterdrückten stehen so einer konkreten Macht gegenüber. Ihnen wird per definitionem aber auch eine Angriffsfläche geboten und somit die Möglichkeit, hegemoniale Mächte im eigenen Land anzugreifen. Anzumerken bleibt hier, dass eine klarere Abgrenzung zu Foucault seitens Bayat wünschenswert gewesen wäre. Sein eigener Machtbegriff bleibt verschwommen, wenn er einerseits den Herrschenden verdichtete Macht zugesteht, andererseits aber anerkennt, dass der Staat nicht umfassend jede_n Einzelne_n beherrschen und disziplinieren kann.

Im Buch wird zwar der Klassenbegriff aus der marxistischen Theorie übernommen, gleichzeitig jedoch explizit kritisiert, da auch Marxist_innen versagt hätten, weil sie den verschiedenen Subalternen keine Handlungsmacht zugestehen. Der Autor wendet sich hier explizit gegen Negri und Hardts Ansatz der Multitude. Letztere sprechen von einem gemeinsamen Handeln singulärer Individuen. Wie aber die Individuen zusammenkommen, sei nicht zu erkennen, so Bayat. Für ihn dagegen ist besonders das äußere Bedrohungsszenario entscheidend für kollektives Handeln. Zudem haben die Menschen oft keine Möglichkeit des institutionalisierten Austausches für eine mögliche Identitäts- und Solidaritätsbildung. Beides geschieht im öffentlichen Raum, einem Ort, den die Einzelnen durch ihre Nichtzugehörigkeit zu aktiv handelnden Kollektiven für sich gewinnen können.

Bayat sieht sich eher in der Tradition von James Scott und dessen Beschreibungen, wonach sich die Landbevölkerung im globalen Süden, insbesondere in Südostasien, der Staatsmacht widersetzt, indem sie sich dem Herrschaftsbereich von letzterer entzieht.

Präsenz zeigen, Räume erobern

Wie aber gelingt es den Subalternen, beziehungsweise den Nicht-Bewegungen, die Herrschaftsverhältnisse erfolgreich herauszufordern? Was ist die konkrete Strategie für eine langfristige Veränderung? Und wo liegen ihre Grenzen?

Bayat gelingt es, die verschiedenen Formen von Handlungen unter dem Begriff des „stillen Vordringen des Alltäglichen“ zusammenzufassen. Die Subalternen nutzen demzufolge öffentliche Räume, die ihnen die Staatsmacht für eine passive Nutzung unter ihrer Regie zugestanden hat, um eigenmächtig und aktiv die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Anders als bei Scott weichen sie nicht der Macht aus, sondern dringen in Räume vor, die ihnen nicht zugedacht waren. Sie stellen so das Herrschaftsmonopol des Staates infrage – die Verbesserung des eigenen Lebens gelingt nicht auf Kosten der anderen Unterdrückten, sondern auf Kosten der Herrschenden.

Das alles gelingt ihnen durch ihr massenhaftes Auftreten. Dabei verfolgen die Menschen oft eine Strategie der Abnutzung – der rechtliche Rahmen mag sich zwar nicht verändern, aber durch das kollektive Verletzen der Regeln wird die Macht gezwungen, die Eroberung des Raumes durch die Subalternen zu akzeptieren. Sollte der Staat aber doch mit Repression reagieren, weichen die Schwachen zurück – nur um später zurückzukehren. Polizeirazzien werden so langfristig ihrer Wirkungsmacht beraubt. Oder aber die Schwachen verbünden sich mit organisierten Gruppen und eine tatsächliche Erhebung kann beginnen. Im Gegensatz zu diesen institutionalisierten Gruppen ist die Wirkung der subalternen Menschen zwar begrenzt, aber letztere besitzen im Gegenzug einen flexibleren Charakter. Als Beispiele führt Bayat hier unter anderem die Stadtmigrant_innen an, die illegal Siedlungen errichten, Straßenhändler_innen, die unautorisiert Straßen besetzen und bei staatlichen Übergriffen in Seitengassen zurückweichen, oder Jugendliche, die versuchen ihre Individualität gegen eine bevormundende Moralpolitik des Staates durchzusetzen.

Geographien des Dissens

Eine besondere Aufmerksamkeit schenkt Bayat der Örtlichkeit von gesellschaftlichen Erhebungen. Für eine effektive Analyse fordert er:

„Man sollte daher nicht nur über die Gründe für Revolutionen nachdenken, darüber, wer an ihnen teilnimmt und wie die Ereignisse sich entwickeln, sondern auch darüber, wo sie stattfinden. Man muss genauer fragen, warum manche Räume/ Orte, wie etwa die Straßen der Stadt, mehr als andere zur Bühne für Handlungen und Äußerungen öffentlicher Unzufriedenheit werden.“ (S.197)

Nicht umsonst kreist Bayat seine Analyse auf den städtischen Raum ein. Die Erhebungen im arabischen Raum oder auch die iranische grüne Bewegung waren allesamt urbane Phänomene. Hier ist die Staatsmacht besonders präsent, hier sind aber auch gesellschaftliche Konflikte offenkundig. Immer mehr Menschen zieht es in die Städte und sie alle suchen ihr „Recht auf Stadt“ zu verwirklichen. Auch die Nicht-Bewegungen sind städtische Erscheinungen, da nur in ihr Vielfältigkeit und Individualität möglich ist. Wie bereits angeklungen, wählt Bayat als ganz konkreten Ort von Aushandlungsprozessen „die Straße“ − alle Bewohner_innen haben ohne weiteres einen Zugang zu ihr, fremde Individuen können hier Solidaritäten bilden, und politische (Nicht-)Bewegungen können hier die Machthaber herausfordern. Mit den Worten Bayats: Sie praktizieren Straßenpolitik. Straßenpolitik fordert die Staatsmacht heraus, da das Private und Suspekte öffentlich gemacht wird. Oppositionelles Gedankengut mag auch im Privaten diskutiert werden – wird es aber in der Öffentlichkeit artikuliert, werden Menschen jenseits der eigenen Gruppe erreicht.

Postislamisch

Gegen die Angst des Westens vor einem islamistischen Erstarken versucht Bayat ein Bild zu zeichnen, nach dem der Islam nicht nur mobilisierender Faktor ist, sondern auch das Objekt von Aushandlungen. Für Bayat sind die Mehrzahl der Aktivist_innen in (Nicht-)Bewegungen Anhänger_innen des Islams. Dieser ist für sie Teil einer Alltagskultur und somit auch der Gesellschaft. Aus den Erfahrungen des institutionalisierten Islamismus wollen diese Aktivist_innen Moderne und Islam miteinander versöhnen – Freiheit und Menschenrechte auch in einer islamisch geprägten Gesellschaft verwirklichen. Bayat belegt dies glaubhaft; gleichzeitig verschweigt er aber die erstarkende Macht undemokratisch-religiöser Gruppierungen in einigen postrevolutionären Gesellschaften.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Asef Bayats Buch einen wertvollen Beitrag für das Verständnis des sogenannten Arabischen Frühling und sozialen Aktivismus im Allgemeinen darstellt. Es durchbricht Grenzen des Denkens, indem es bereits existierende Theorieansätze fortführt und gegen ein existentialistisches Bild der Erhebungen im Nahen Osten antritt. Schade ist dabei aber, dass die deutsche Übersetzung nicht identisch mit dem englischen Original ist und Teile dessen nicht übersetzt wurden. Durch die Konzeption des Buches als Zusammenführung einiger früherer Essays des Autors wiederholen sich zudem die wichtigsten Argumente: Das ist gut gemeint und hilft einerseits Bayats Thesen begreiflich zu machen. Andererseits verliert das Buch so nach einigem Lesen an Spannung. Fakt bleibt aber, wie eingangs erläutert, dass das Buch ein Gewinn für die Analyse des sogenannten Arabischen Frühlings darstellt. Mit dem Fokus auf Nicht-Bewegungen und dem stillen Vordringen wird den urbanen Subalternen Handlungsmacht in einem begrenzten Rahmen zugestanden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ohne Bayats genauen Beobachtungen bliebe dies verschwiegen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Hardt, Michael/ Negri, Antonio 2004: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Campus Verlag, München

Scott, James C. 1985: Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance. Yale UP, New Haven und London

Asef Bayat 2012:
Leben als Politik. Wie ganz normale Leute den Nahen Osten verändern.
Assoziation A, Berlin.
ISBN: 978-3-86241-417-8.
256 Seiten. 18,00 Euro.
Zitathinweis: Philipp Jedamzik: Was wir nicht sehen – der Widerstand im Alltäglichen. Erschienen in: Arabische Revolutionen. 23/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1076. Abgerufen am: 14. 11. 2019 05:54.

Zum Buch
Asef Bayat 2012:
Leben als Politik. Wie ganz normale Leute den Nahen Osten verändern.
Assoziation A, Berlin.
ISBN: 978-3-86241-417-8.
256 Seiten. 18,00 Euro.