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Von (r)echten Kerlen und hegemonialer Männlichkeit

Buchautor_innen
Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hg.)
Buchtitel
Was ein rechter Mann ist...
Buchuntertitel
Männlichkeiten im Rechtsextremismus.
Der vorliegende Sammelband setzt sich mit der Frage der Konstruktion von Männlichkeiten im Rechtsextremismus auseinander und zeigt anhand unterschiedlicher Themenspektren, wie die aktuelle Rechtsextremismusforschung Ansätze aus der Kritischen Männlichkeitsforschung ergänzend in ihre Analysen einbeziehen kann.
Rezensiert von peps perdu

Auf Grundlage der im deutschsprachigen Raum noch jungen Kritischen Männlichkeitsforschung untersuchen die Autor_innen dieses Sammelbandes die Ausprägung von Männlichkeiten im Rechtsextremismus. Die Herausgeber_innen gehen davon aus, dass Männlichkeit konstitutiv für die Ideologie, das Handeln und die Agitation der extremen Rechten ist, sich aber auch durchaus Unterschiede und Brüche in Bezug auf rechtsextreme Männlichkeiten aufdecken lassen. Ausgehend von Vorüberlegungen und gemeinsamen Erarbeitungen in einem Projekttutorium zu „Rechtsextremismus und Männlichkeit“ vom Wintersemester 2008/09 bis Sommersemester 2009, haben die Herausgeber_innen Autor_innen aus unterschiedlichen akademischen Teilbereichen, von Politik- bis hin zu Erziehungswissenschaften, zu Wort kommen lassen. Der Band ist in vier Blöcke mit thematischer Weiterentwicklung gegliedert: Neben einer allgemeinen Einführung zur Verbindung von Männlichkeit und Rechtsextremismus geht es im zweiten Block um konkrete Beispiele der Männlichkeitskonstruktionen im Rechtsextremismus, während der dritte Abschnitt auf angrenzende Felder wie Fußballfankultur oder Burschenschaften eingeht. Der vierte und letzte Abschnitt erörtert praktische Beispiele der geschlechtersensiblen Jungenarbeit zur Prävention von Rechtsextremismus, um politischen Bildner_innen und Sozialarbeiter_innen neue Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Einblicke und Zusammenhänge

Einen guten Einblick in die Thematik stellt Kurt Möllers Beitrag „Männlichkeitsforschung im Rahmen von Rechtsextremismusstudien“ dar, welcher die Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven des Zusammenhangs von Männlichkeitskonstruktion und Rechtsextremismus aufzeigt. In Ermangelung systematischer Analysen nutzt Möller die theoretische Bezugnahme auf Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit, welches davon ausgeht, dass es verschiedene Männlichkeiten mit einer Vorrangstellung des hegemonialen Typus gibt. Dieser zeichnet sich durch Heterosexualität, (Schein-)Rationalisierungsorientierung und Entscheidungsmacht in Institutionen und Strukturen aus und sichert sich in durch verschiedenen Dimensionen, beispielsweise in den Machtbeziehungen zwischen Männern und Frauen (vgl. S. 31). Möller zufolge zeigt sich die geschlechtsspezifische Qualität des Rechtsextremismus vor allem anhand der offensiven Außendarstellung als auch bei der Gewaltakzeptanz, welche extrem rechte Haltungen begleitet. Zudem führt er an, dass gerade rechte Männer proportional häufig aus sozial marginalisierten Positionen kommen und sich so auf ein traditionelles Maskulinitätsideal zurückbeziehen, da ihnen der sozioökonomische Zugang zu modernisierten Männlichkeiten fehlt.

Die Hauptthese Möllers ist, dass sich soziale, geschlechtsspezifische, ethnische und politische Marginalisierungswahrnehmungen bei extrem rechten Männern kulminieren und so dazu führen, dass es zu einer Orientierung an traditionsgeleiteten Männlichkeitsbildern kommt, um das eigene Selbstbild als „starker Mann“ aufrecht zu erhalten. Eine Abkehr vom Rechtsextremismus, so Möller, kann deshalb nur möglich sein mithilfe einer Revision der Vorstellungen von Männlichkeit. In diesem Licht erscheint es, als dass mit den „richtigen“ geschlechterreflektierten Zugängen zu sozialen Möglichkeiten sich auch rechtsextreme Männer umorientieren würden.

Daran anknüpfend beschäftigt sich der folgende Beitrag von Fabian Virchow tiefergehender mit der Frage, was für ein Männlichkeitsideal in der extremen Rechten vorherrscht. Noch immer, so konstatiert der Autor, wäre dieses Ideal durch die Konstruktion der „soldatischen Männlichkeit“ geprägt, auch wenn diese nach 1945 nicht mehr hegemonialen Vorstellungen entspricht. Dabei kann Männlichkeit in der extremen Rechten nicht von weltanschaulichen Machtvorstellungen getrennt werden, „Nation, Männlichkeit, Macht und Gewalt [fallen] semantisch und in der darin zum Ausdruck kommenden Weltanschauung zusammen“ (S.42). Pointiert stellt Virchow in seinem Fazit dar, dass verstärkt sowohl ein Blick auf Männerrechtler als auch auf die Außenwirkung des deutschen Militärs gerichtet werden muss, welche sich einer Semantik bedienen, die an extrem rechte Männlichkeitsideale anschließt.

Andreas Heilmann stellt in „Normalisierung und Aneignung – Modernisierung und Flexibilisierung von Männlichkeiten im Rechtsextremismus“ die These auf, dass auch aktuelle Männlichkeitsentwürfe der extremen Rechten sich an modernen Männlichkeitsbildern zwischen Bürgerlichkeit und Subkultur orientieren und damit versuchen, anschlussfähig an die Mitte der Gesellschaft zu werden. Als moderne Männlichkeitsbilder sind Entwürfe zu werten, in denen es zu einer Ausdifferenzierung von Männlichkeitsnormen kommt, und so auch zu einer flexibel-normalisierenden Haltung dazu durch das männliche Subjekt. Auch Heilmann bezieht sich theoretisch auf Connell und zeigt anhand der NPD und der „Autonomen Nationalisten“ (AN) die flexiblen Männlichkeitskonstruktionen auf. Denn:

„Eine Modernisierung rechtsextremer Männlichkeiten drückt sich nicht nur im Wandel von kulturellen Männlichkeitsbildern und einer Variation ihrer habituellen Praxisformen aus, sondern auch in einem veränderten Bezug der Subjekte auf die Normen von Männlichkeit.“ (S. 54)

Dies zeigt sich bei der NPD durch das Auftreten der „Neonazis in Nadelstreifen“ und dem Versuch, eine traditionelle bürgerliche Zivilität und Leistungsorientierung zu vermitteln, um dem „Schmuddelimage“ der extremen Rechten entgegenzuwirken und „gediegener“ aufzutreten. Daneben vermitteln die „Autonomen Nationalisten“ durch ihr Männlichkeitsbild eine Radikalisierung der extremen Rechten. Sie adaptieren Kleidungscodes und Symboliken der radikalen Linken für ihre Zwecke und versuchen, über gewaltförmige Auseinandersetzungen ihre Männlichkeit zu vermitteln.

Außerhalb der politischen Agitation bleiben ANs jedoch unauffällig; ihre Ideologie ist ihnen genauso wenig anzusehen wie die des NPDlers im Anzug. Heilmann sieht den Konflikt zwischen NPD und AN nicht nur als Strategie- und Generationenkonflikt, sondern geht darauf ein, dass sich daraus auch ein Kampf um die Deutungshoheit der jeweiligen Männlichkeit ablesen lässt.

Verschiedene Ebenen der Männlichkeitskonstruktion

Mit der Männlichkeitskonstruktion und –Inszenierung von „Autonomen Nationalisten“ setzt sich Kristin Witte in ihrer Medienanalyse auseinander, welche sich im Kapitel zu Männlichkeitskonstruktion findet. Hierfür untersuchte und analysierte sie – theoretisch fundiert nach Michael Meuser – selbstgedrehte Videos von Volksfront-Medien und Media pro patria. Die Videoclips bewegen sich zwischen aktionistischen Gewaltfantasien und minimal-„theoretischer“ Propaganda. Interessant ist hierbei zum einen die Darstellung eines Männlichkeitsideals, welches sich stark auf Soldatentum bezieht, andererseits aber auch die Stilisierung der eigenen Jugendlichkeit. Die Autorin geht auch auf die Rolle von Frauen bei den ANs ein. Sie stellt fest, dass diese durch eine Orientierung am männlich geprägten Habitus durchaus die „ernsten Spiele“ der Männer mitspielen dürfen.

Yves Müller und Robert Claus analysieren den Umgang mit Homophobie und männlicher Homosexualität im Neonazismus genauer. Sie verweisen darauf, dass es keine hegemoniale Männlichkeitskonstruktion geben kann, die nicht homophob strukturiert ist, da es des „Anderen“ bedarf, um sich selbst zu konstruieren (vgl. S. 111). So kommt es innerhalb neonazistischer Ideologie sowohl zu verbalen als auch gewalttätigen Angriffen auf nicht als heterosexuell wahrgenommene Menschen, Homosexualität innerhalb der eigenen Szene wird jedoch kaum thematisiert. Die Autor_innen verweisen auf Aussagen von Interviewten in Rosa von Praunheims Werk „männer helden schwule nazis“, wobei Homosexualität mit dem Begehren nach „harten“ Männern mit Männerbildern im Rechtsextremismus in Einklang gebracht und durchaus toleriert wird. So stellen Müller und Claus auch fest, dass deren Umgang mit Schwulen mehr „gegen eine ihnen zugeschriebene Verweiblichung denn gegen privates Begehren“ gerichtet ist (S. 125). Am Fallbeispiel der Schriften des Neonazis Michael Kühnen wird zudem die Widersprüchlichkeit in der Argumentation rund um Homosexualität dargelegt, da diese zum einen Homosexualität in das Bild rechtsextremer Männlichkeit zu integrieren versucht als auch neonazistische Grundauffassungen „kritisch“ hinterfragt. Die Reaktionen aus neonazistischen Zusammenhängen, die durch die Autor_innen aufgezeigt werden, sind unterschiedlich, zeigen aber auch in ihrer Zustimmung zu homosexuellen Beziehungen Homophobie, da diese fester Bestandteil rechtsextremistischer Ideologie ist, auch wenn dies – so die Autor_innen – innerhalb der Rechtsextremismusforschung häufig oft in Analysen unerwähnt bleibt.

Fankultur und pädagogische Handlungsansätze

Im Kapitel zu angrenzenden Feldern werden neben Burschenschaften und Männerrechtlern auch Fußballfans in den Blick genommen. In dem Beitrag „Rechte Fankurve oder Fankurve der Rechten?“ von Eva Kreisky und Georg Spitaler gehen diese darauf ein, dass nicht zwangsläufig ein Zusammenhang zwischen Männlichkeit, Fankulturen und Rechtsextremismus hergestellt werden kann, auch wenn sich durchaus Anknüpfungspunkte für extrem rechte Einstellungsmuster innerhalb von Fankulturen zeigen. Dazu gehören den Autor_innen zufolge die binäre Logik von Heimteam und Gegnern, Lokalismus und Nationalismus sowie Gewaltaffinität und „hard masculinity“. Unter Bezugnahme auf Anderson präsentieren sich Fangruppen als transitorische „imagined communites“ (S. 202), durch welche die gegnerische Mannschaft (und deren Fans) als „das Andere“ konstruiert werden können. Des Weiteren wird konstatiert, dass es nicht zwangsläufig einen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Auseinandersetzungen im Fußball mit rechten Einstellungsmustern gibt, aber dass „organisierte Gewalt im Fußball (...) fast immer mit bestimmten Männlichkeitsmodellen verknüpft“ ist (S. 204). Durch die Ablösung der Hooligankultur seit den 1990er Jahren durch stärkeres Aufkommen von Ultra-Gruppen werden nach Kreisky und Spitaler die Fankurven für Rechtsextreme jedoch unattraktiver, da es zu einer Ausdifferenzierung politischer Einstellungen, aber auch zu einer attraktiveren Identifikationsmöglichkeit junger Fans mit dem Verein kommt. „Werte wie Aggressivität, Militarismus und hierarchische Organisationsformen bieten aber nach wie vor Anschlussstellen zu rechtsextremen Ideologien.“ (S. 205)

Zusammenfassend ziehen sie jedoch das Fazit, dass Verknüpfungen zwischen Rechtsextremismus und Fußballkultur nicht vorschnell hergestellt werden sollten, da sich die Anzahl empirischer Untersuchungen zu dem Thema in Grenzen hält und weitere Forschung notwendig erscheint.

Im Block zu Handlungsansätzen und Perspektiven geht Olaf Stuve darauf ein, inwieweit geschlechterreflektierende Jungenarbeit präventiv gegen rechtsextremistische Einstellungen wirken kann. Dabei betont er die Notwendigkeit, Konflikte mit Jungen auch einzugehen und für eine klare politische Haltung in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit einzutreten. Hierbei benennt Stuve 12 Kriterien einer geschlechterreflektierenden Jungenarbeit, darunter auch das Aufzeigen der Vielfältigkeit geschlechtlicher Lebens- und Identitätsentwürfe. Stuve benennt klar weiße Flecken in bisherigen pädagogischen Ansätzen; seiner Meinung nach wäre es hilfreich für weitere Ausarbeitungen, empirische Untersuchungen über die Rolle von Männlichkeitsvorstellungen für die Orientierung junger Männer an rechten Lebenswelten zu erhalten.

Fazit

Der Sammelband gibt sowohl theoretisch als auch in Bezug auf mögliche Handlungsoptionen einen guten Überblick über die Verknüpfung der Kritischen Männlichkeitsforschung und der Erforschung der extremen Rechten. Allerdings lässt sich feststellen, dass von den insgesamt 17 Beiträgen in dem Sammelband sich ein Großteil auf die gleichen theoretischen Grundlagen in Form von Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit bezieht, und eine andere Art der Konzeption innerhalb des Bandes eventuell weniger Wiederholungen produziert hätte. Wobei diese Kritik auch eher in mit der noch jungen Forschung zu tun haben könnte. Dabei erscheint meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit extrem rechten Männlichkeiten und ihrer Konstruktion als gewinnbringend für weitere Analysen der Rechtsextremismusforschung: der Zusammenhang zwischen Männlichkeitskonstruktionen, theoretisch fundiert mit Rawyn Connell, und der Untersuchung rechter Männerbünde und rechter Ideologie aus dieser Perspektive ist so offensichtlich, dass es verwunderlich ist, dass es dazu nicht schon vorher bekanntere Publikationen gab. Insoweit füllt dieser Band eine Lücke innerhalb der Forschung.

Positiv zu benennen ist die Gliederung des Bandes, welches gerade im letzten Abschnitt auch Handlungs- und Umgangsmöglichkeiten der Verknüpfung innerhalb pädagogischer Arbeit aufzeigt. Allerdings ist für mich nicht ganz klar, warum sich beispielsweise Paula Diehls Text zur Kodierung von SS-Männern und ihrer Uniformen (welcher ausgesprochen interessant und gut recherchiert ist) in dem Kapitel „Männlichkeiten in angrenzenden Feldern“ findet; genauso wenig wie der Artikel zu Frauen und Rechtsextremismus von Juliana Lang nicht notwendigerweise auf Männlichkeitskonstruktionen in der extremen Rechten verweist.

Insgesamt würde ich den Sammelband all jenen empfehlen, die sich schon immer gefragt haben, ob übliche soziologische Erklärungsmuster nicht zu kurz greifen, wenn sie den hohen Männeranteil in der extremen Rechten erläutern. Insoweit stellt „was ein rechter Mann ist...“ nicht nur die Diversitäten und Anknüpfungspunkte extrem rechter Männlichkeiten dar, sondern liefert auch theoretisch fundierte und nachvollziehbare Begründungen hierzu.

Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hg.) 2010:
Was ein rechter Mann ist... Männlichkeiten im Rechtsextremismus.
Karl Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3320022419.
255 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: peps perdu: Von (r)echten Kerlen und hegemonialer Männlichkeit. Erschienen in: Alternative Kinderbücher. 25/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1096. Abgerufen am: 25. 08. 2019 16:50.

Zum Buch
Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hg.) 2010:
Was ein rechter Mann ist... Männlichkeiten im Rechtsextremismus.
Karl Dietz Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3320022419.
255 Seiten. 14,90 Euro.