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Viel Sex, wenig Subversion

Buchautor_innen
Oliver Demny / Martin Riechling (Hg.)
Buchtitel
Sex und Subversion
Buchuntertitel
Pornofilme jenseits des Mainstreams
Ein Sammelband sucht nach den emanzipatorischen Potenzialen von Pornofilmen – und findet nicht viel, was nicht nur am Gegenstand, sondern auch an der Form der Suche liegt.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Bereits 30 Jahre dauert die Auseinandersetzung zwischen sogenannten sex-positiven und antipornographischen Feministinnen an. Die Anzahl der nennenswerten wissenschaftlichen Arbeiten ist allerdings gerade im deutschsprachigen Raum bis heute gering, obwohl spätestens seit dem 2004 von der feministischen Filmwissenschaftlerin Linda Williams herausgegebenen Band „porn studies“ die gleichnamige Disziplin vermehrt als Teil der cultural studies wahrgenommen wird. So stellt der Sammelband „Sex und Subversion“ eine Seltenheit dar. Er vereint 14 Texte zu den Anfängen und Meilensteinen des Pornofilms, dem Verhältnis von Pornographie und Gesellschaft sowie der avantgardistischen Pornokunst der Gegenwart.

Die Beiträge des ersten Teils sind weitgehend affirmative Filmbesprechungen und Hommages an Vergangenes. Die Fragen, warum bestimmte Filme zu Meilensteinen wurden und worin sie sich von anderen abgesetzt haben, werden dabei ausgespart. Ebenso fehlt eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und (emanzipatorischen) Potenzialen von Porno. Idealisierung charakterisiert die Beiträge, die sich mit den Filmen der 1970er und 80er Jahre befassen. Matthias Steinles Aufsatz über die französischen Filme der 1920er Jahre sticht positiv hervor, da er jenseits cineastischer Huldigung interessante Differenzen zum heutigen Porno herausarbeitet. Zwar entsprächen die Themen, Erzählweisen und die Ästhetiken der Filme größtenteils denen der heutigen Hardcore-Produktionen, jedoch seien damals Szenen von Sex zwischen Männern ein fester Bestandteil der Filme gewesen, was im heutigen Mainstream-Porno undenkbar sei.

Im Abschnitt, der das Verhältnis von Porno und Gesellschaft explizit zum Gegenstand hat, wird deutlicher, worin kritische Potenziale in der Analyse von Pornographie stecken können. Kenntnisreich verbindet Marcus Stiglegger die Darstellung von Gewalt, Lust und Terror im Kino der 1970er Jahre bis in die Gegenwart mit den Entwicklungen der sogenannten roughie- und snuff-Filme. Julia Reifenberger, die einzige weibliche Autorin, verbindet in ihrem Beitrag zu dem französischen Film „Baise-moi – Fick mich!“ (2000) Pornographie und Feminismus. In der Darstellung sei der Film zwar pornographisch, doch wirkten diese Szenen eher irritierend: Einerseits werde Pornographie in die Nähe sexualisierter Gewalt gerückt, andererseits sei es den Darstellerinnen gestattet, Lust zu empfinden. Einen ähnlichen Möglichkeitsraum eröffnet sich laut Oliver Demny in SM-Pornos, bei denen zwar gängige sexistische Klischees bedient, aber auch durchbrochen und somit Geschlechterrollen und Zwangsheterosexualität unterlaufen werden können.

Trotz dieser zum Teil aufschlussreichen Analysen müssen die Lesenden bis zu den letzten Beiträgen warten, um explizit subversive und avantgardistische Perspektiven von Pornos tiefer ergründen zu können. Philipp Aubel feiert den wohl bekanntesten alternativen Porno-Regisseur Bruce LaBruce als „Konzeptionalist der Post-Porn-Bewegung“ (S. 152), da dessen lustvolles und ironisches Spiel mit Elementen aus Pornographie und klassischem Erzählkino sexuelle, politische und cineastisch-ästhetische Absichten erfülle. Der Beitrag von Waldemar Kesler, der einem ausführlichen Portrait der Darstellerin, Regisseurin und Buchautorin Ovidie gewidmet ist, befasst sich mit der Frage, ob es gelingen kann, die Mainstream-Porno-Industrie von innen zu verändern – eine Position, die schließlich als naiv vorgeführt wird, da es alternativen Filmen schlichtweg nicht möglich ist, durch die Distributoren überhaupt verbreitet zu werden. Diese Aspekte bezieht Jochen Werner bei der Bejahung der Frage „Kann ein Pornofilm die Bedürfnisse der onanierwilligen Stammklientel befriedigen und trotzdem noch ein Kunstwerk sein?“ (S. 163) nicht mit ein.

Zu empfehlen ist ein den Band abschließendes Gespräch zwischen sechs ambitionierten Pornoregisseurinnen über ihre Inspirationsquellen, das Label des alternativen Pornos und insbesondere über die Produktions- und Distributionsbedingungen der Porno-Industrie. Renee Pornero fasst das Dilemma von Kunst und Porno zusammen: „Für den Mainstream ist es schwierig, weil zu viel Sex drin vorkommt und du es zensieren musst. Und für den Porno-Markt ist er nicht interessant, weil zu wenig Sex drin vorkommt.“ (S. 176) Auch das Internet eröffnet hier keine neuen Wege, im Gegenteil. Hier müssten die Konsument_innen buchstäblich von Minute zu Minute bei der Stange gehalten werden, was zu einer Verstärkung der Mainstream-Anforderungen an Pornographie führe.

Der Band offenbart zwar Einblicke in eine Szene, die selten Eingang in wissenschaftliche Debatten findet, allerdings sind die Beiträge cineastisch geprägt, was den Zugang für nicht besonders Filmbegeisterte erschweren dürfte. Das Versprechen, (dargestellten) Sex und Subversion jenseits des Porno-Mainstreams zu verbinden oder zu hinterfragen, hält der Band nicht. Die Subversion und die avantgardistischen Chancen spielen lediglich eine Nebenrolle. Zu kurz kommen Auseinandersetzungen um Möglichkeitsräume und Grenzen der emanzipatorischen Potenziale in der Pornographie. Nicht zuletzt bleiben kritische Analysen der Pornographie an sich aus. So fehlen queer-feministische Zugänge, die in einer sexpositiven Rezeption von Pornographie zentral sind. Ebenso wenig wird der eng mit Porno verwobene Komplex von Geschlechtskonstruktionen, Sexualität und Machtverhältnissen beleuchtet. Zwar werden an einigen Stellen die patriarchalen Funktionen von Mainstream-Pornos kritisiert, in einen weiteren gesellschaftlichen Zusammenhang werden sie hingegen selten gesetzt. Es mangelt insgesamt an der Reflexion subversiver Potenziale.

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Die Rezension erschien in einer ähnlichen Fassung zuerst in der Zeitschrift Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften (Nr. 295,(06/2011) S. 932-934) Dezember 2010.

Oliver Demny / Martin Riechling (Hg.) 2010:
Sex und Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams.
Bertz+Fischer Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86505-312-1.
192 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Viel Sex, wenig Subversion. Erschienen in: Rechter Terror und "Extremismus". 15/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/987. Abgerufen am: 21. 07. 2019 19:20.

Zum Buch
Oliver Demny / Martin Riechling (Hg.) 2010:
Sex und Subversion. Pornofilme jenseits des Mainstreams.
Bertz+Fischer Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86505-312-1.
192 Seiten. 19,90 Euro.