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Tödliche Schüsse

Buchautor_innen
Wolf Wetzel
Buchtitel
Tödliche Schüsse
Buchuntertitel
Eine dokumentarische Erzählung der Kämpfe um Startbahn West
Ein eindringlicher Einblick in den Widerstand gegen die Erweiterung des Rhein/Main-Flughafens in den 80er Jahren.
Rezensiert von Fritz Güde

Bald dreißig Jahre seit der Räumung des Hüttendorfs im Stadtwald Frankfurt. Und wie vergessen das alles! Nachdem der Stadtrat in Kelsterbach immer noch geneigt scheint, den Stadtwald zu verkaufen, trotz Bürgerbegehren, scheint der letzte Widerstand gebrochen gegen weitere Blähung des Flughafens in die verbliebenen Grüngebiete hinein. Gebrochen alle Versprechungen von damals. Börner hatte feierlich versichert: keine weitere Startbahn. Nachtflugverbot selbstverständlich. Was ist davon geblieben? Wichtig, in dieser Zeit daran zu erinnern, wie viel Widerwillen und Widerstand es einst gegeben hatte gegen den gefräßigsten Landverzehr aller Zeiten in einem der dichtest besiedelten Gebiete Europas.

Wolf Wetzel unternimmt das in seinem im April 2008 erschienenen Buch "Tödliche Schüsse". Damit beginnt er seine dokumentarische Erzählung fast am Ende der Bewegung, am 2. 11. 1987. Von Stunde zu Stunde, am Ende von Minute zu Minute wird der Verlauf dieses einen Tages wieder heraufgerufen. Eingestreut immer wieder Rückblicke auf frühere Phasen der Auseinandersetzung - von der Hüttendorfräumung 1981 angefangen. Der "Erzählung" schließt sich an eine dichte Dokumentation der Ereignisse aus zeitgenössischen Berichten und Zeitungskommentaren.

Wolf Wetzel, dessen L.U.P.U.S-Gruppe selbst an den Kämpfen beteiligt war, wie den Anmerkungen zu entnehmen ist, geht es nicht darum, Reu und Leid zu erwecken, wie das die Kraushaars und Koenens und Alys zu Genüge tun. Aber auch nicht, Älteren und Jüngeren einen Zustand auszumalen, in dem angeblich alles besser war. Er will dem Gedächtnis nachhelfen. Eine Geschichte festhalten, die wie so viele andere eine der Niederlagen war. Und aus ihr Schlüsse zu ziehen. Um zu lernen und lernen zu lassen.

Zwei Fragen stellen sich von heute aus: Wie war es möglich, dass gerade der Kampf um die Flugplatzausweitung einen so lange währenden, so erbitterten Widerstand hervorrief - in breitesten Kreisen? Von Wendland abgesehen gab es nirgends zähere Gegnerschaft, erbittertere Kämpfe und Angriffe. Die zweite Frage: Im Lauf der Versuche, die Startbahn zu verhindern, gab es vieles, das polizeilich und juristisch gesehen unter "Gewalt" firmierte. Von der Nutzung von allerlei Wurfgeschossen bis hin zum kunstvoll herbeigeführten Fall großer Elektro-Masten. Dies alles führte zu keiner fühlbaren Distanzierung innerhalb der umliegenden Gemeinden. Warum brachten gerade die Schüsse auf zwei Polizeibeamte die Bewegung, wie ich mich erinnere, schlagartig zum Erliegen?

Ich selbst war damals Lehrer in einem Internat hinter Fulda und kann bestätigen, dass nicht wenig Schüler, kaum durften sie am Wochenende heim, den Weg nach Mörfelden und darüber hinaus nahmen, um in den Wochen nach der Räumung des Hüttendorfs sich über die Betonstreben in der Mauer herzumachen. Einer, sonst nicht gerade an allgemeiner Politik interessiert, kam jeden Montag mit der zufriedenen Miene des gewissenhaften und erfolgreichen Handwerkers zurück und meldete lakonisch die Strebenzahl. Ohne jede Sanktion von Eltern und Schule. Man nahm das als gegeben und in gewissem Sinn verdienstvoll hin. Eine Bäuerin, die Kuchen brachte, meinte vor der Mauer mürrisch zu mir: "Jetzt haben sie uns den Baader weggefangen in Stammheim und umgebracht! Und wir hätten ihn so gut brauchen können". Von Abscheu "gegen jede Art der Gewalt" war unterhalb Börners und Karrys wenig zu spüren. Die allgemeine Erbitterung war grenzenlos.

Woher kam sie? Bei den Leuten in den Dörfern wohl wirklich aus dem Gefühl, den gewohnten Spazierweg, den Entfaltungsraum zu verlieren. Bei denen in Frankfurt und den anderen Städten vorausgeahnt das Wissen, dass die Reproduktion im Freien, die Erholungsmöglichkeiten systematisch entzogen würden. Hinzutrat vermutlich das Gefühl von Umstellung, Würgung, potentiellen Weggetretenwerdens von einer Staatsgewalt die vorbehaltlos die Interessen eines einzigen Konzerns durchboxte, durchprügelte: die der später privatisierten FRAPORT.

Eindrucksvoll schildert Wetzel die Vorgänge in der Rohrbacherstraße: Dort war es der Polizeiführung endlich gelungen, das in Berlin noch halbwegs missglückte Leberwurstprinzip durchzusetzen: Straße absperren, Knüppel raus, und – bimbambeier - niederschlagen, was sich erwischen ließ. In das angstvolle Durcheinander fügt der Autor eine Kontrast-Aktion und eine Kontrast-Idylle ein. Aktion: Ein rechter Buchladen wird gewissenhaft seiner Inhalte entledigt. Idylle: Clara gelingt es, den schon angeschlagenen Johan unter ein Auto zu ziehen, von wo aus man nur die Turnschuhe der Flüchtenden und die Knobelbecher der Nachsetzenden erblickt. Sie ziehen später zusammen.

Was sich beim Sturz von Ypsilanti im letzten Jahr zeigte: Zusammenarbeit einiger Gewissensträger aus der SPD selbst, Böllerschüsse der Bundes-SPD, natürlich der heimischen CDU und FDP und vor allem Voten der Betriebsräte um FRAPORT herum - zeichnete sich damals schon ab. Eine totale Einschließung durch sämtliche Gewalten, vor allem auch der Gerichte, zur Niederschlagung und Delegitimierung eines jeden Protests.

Nicht sehr begeistert wirkt im Rückblick Wetzel, wenn er auf den Versuch eines Volksbegehrens gegen den Ausbau der Startbahn zu sprechen kommt, initiiert durch den städtischen Beamten Schubert. Immerhin bot ein solches Volksbegehren den Leuten weit vom Schuss, hinter Fulda, die Möglichkeit in die Auseinandersetzung aktiv einzutreten durch Stimmenwerbung. Schuberts Aufruf in Wiesbaden, doch einmal am nächsten Sonntag den Flughafen zu inspizieren, ob er wirklich zu klein wäre, wurde breit befolgt.

Es war merkwürdig: Autobahnen wurden blockiert, irgendwo soll es gebrannt haben, derweil war das Innere des Flughafens gesperrt, aber -wie Oasen- die Kneipen unten im Erdgeschoss offen und polizeifrei. Für Verschnaufpausen in ungestörtem Frieden bestens geeignet. Dann wieder Getümmel. Das Gefühl der Umklammerung war allgegenwärtig. Es trieb zum letzten Versuch der Auflehnung. Inzwischen ist es der Resignation gewichen. Zustimmung findet die polizeiliche und staatliche Präsenz sicher auch heute noch nicht überall.

FRAPORT selbst gibt sich als Job-Maschine, propagandistisch unterstützt von allen die Mund, Namen und Medienmacht besitzen. Wetzel berichtet, dass in den Restbeständen von Wald, die sich gehalten haben, für Kinder und Jugendliche FRAPORT Vorführungen veranstaltet - aus der Köhlerzeit. Meiler errichten. Holzkohle brennen. Wie lange wird es dauern, bis ungerührt eine Veranstaltung folgt: Startbahngegner und Polizei- ein lustiges Geländespiel aus alter Zeit? FRAPORT fühlt sich sicher. Nachtflugverbot muss selbstverständlich fallen.

Wolf Wetzel schildert minutiös die Techniken des willentlich hervorgerufenen Mastenfalls. Es dürften einige umgelegt worden sein. Das richtete sich nur zum Teil gegen die Startbahn, zum Teil aber auch gegen die Atomfabriken in Hanau. Tschernobylzeit. Es sollte ihnen bewiesen werden, dass die Produktion stillgestellt werden konnte. Das waren gefährliche Sachen, aber auch sie wurden von der Mehrheit der aktiven Startbahngegner als legitimes Mittel von Angriff und Verteidigung hingenommen. Da klar war, dass solche Arbeiten Spezialisten voraussetzten, wurde der gemeinsame Willen gleichsam an diese delegiert. Jedenfalls führten diese Aktionen nicht zu einer tiefen Spaltung innerhalb der Startbahngegnerschaft.

Wie anders bei den Schüssen. Wolf Wetzel geht zunächst in seiner Erzählung der Herkunft der Polizeipistole nach. Sie wurde in Hanau einem von zwei in Zivil auftretenden Fahndern im Gedränge abgenommen und ging dann wohl in eingeweihten Kreisen von Hand zu Hand. Ein Aktivist - in der Erzählung Anton genannt - hat sie im Rucksack. Bei einem Rückzugsmanöver der Startbahn-Gegner-Gruppe schießt er auf Polizisten zwei Magazine leer. Zwei brechen tödlich getroffen zusammen. Es bestand keineswegs eine Situation unmittelbarer Notwehr. Auch keine der Gruppendeckung, denn die geübten Sprinter waren schon lang unterwegs zum Sammelplatz. Unverständlich auch das Verhalten dieses "Anton", als er nach Hause kommt. Er lässt den Rucksack mit Pistole einfach in der Wohnung stehen. Das, nachdem er bei einer vorigen Mastenfällaktion besonders strikt auf der Beseitigung aller erdenklichen Spuren bestanden hatte. Das spätere Verschieben des Rucksacks auf ein Vordach, als schon die Polizei ihre Hausdurchsuchung beginnt, mit der er gerechnet hatte, wirkt eher als Zeigen denn als Verbergen. Von allen anderen beteiligten Hauptpersonen liegen dem Autor Interviews vor, nur von Anton nicht. So findet sich kein Wort zur Erklärung seines Verhaltens. Auch wenn die später vor Gericht vorgebrachte Hilfsbehauptung stimmen sollte, die Pistole sei ihm von einem anderen zur Aufbewahrung überreicht worden, wäre die Aufbewahrung in der Wohnung fahrlässig gewesen.

Diese Schüsse führen zu einer breiten Entsolidarisierung im weiteren Kreis der Startbahngegner. Mit gewissem Recht. Kurze Zeit vorher war von Mitgliedern der RAF ein amerikanischer Soldat getötet worden, nur um mit seinem Ausweis in den Militär-Flughafen zu gelangen. Die L.U.P.U.S.-Gruppe, aber auch andere hatten sich scharf gegen ein Vorgehen verwahrt, in dem ein einfacher Soldat irgendwelchen - militärisch gedachten - Zielen geopfert wurde.

Und tatsächlich bleibt ein ganz entscheidender Unterschied zwischen Mastenfällung und Tötung eines Polizisten. Das Einfachste: Tötung ist nicht rücknehmbar. Alle anderen Schäden können in der Regel immer wieder beseitigt werden. Und dann, selbst von den Bedingungen eines Guerillakriegs her gedacht, den es übrigens nicht gab: Man darf nicht als erster mit dem Töten beginnen. Denn bei einer Situation, wo Schießen und Töten selbstverständliches Mittel der Polizei werden, ist klar, dass kaum noch Massen ihren Willen in Demonstrationen zeigen können, die sich zum Waffengebrauch nicht fähig fühlen.

Immerhin gelingt es den Übrigen der Kerntruppe, innerhalb der allgemeinen Panik, noch einmal eine - wenn auch brüchige Linie - der solidarischen Verteidigung vor Gericht aufzubauen. Einmal durch die Parole "Anna und Arthur" halten‘s Maul - das heißt, verweigern alle Aussagen vor Gericht und nehmen schon gemachte Geständnisse zurück. Diese Botschaft wurde in einem kunstvollen Lautsprecher-Arrangement auch ins Gefängnis gebracht. Der Todesschütze hörte die Botschaft, hielt sich aber nicht daran - sondern beteuerte vergeblich, der Hoffmann habe geschossen, von dem er die Pistole erhalten haben wollte.

Zugleich -vor Gericht- wurde mit dem Paragraphen 129a gearbeitet, in welchen gerade zur rechten Zeit Beschädigungen des elektrischen Leitungsnetzes eingebaut worden waren als ebenfalls "terroristisch" zu verstehende Handlungen. Über die schon erfolgten Geständnisse gelang es dem Gericht dann in abgetrennten Verfahren, die Mastenfällungen mit je zwei Jahren auf Bewährung zu bestrafen. Nicht übermäßig streng nach Stammheim-Maß! Aber scharf genug, um die Rest-Truppe einzuschüchtern und stillzustellen.

Was ergibt sich aus Wetzels sorgfältiger Dokumentation der Lage in den achtziger Jahren und der heutigen? Was wir Klassenkampf nennen, kann keineswegs mehr auf den Raum der Fabrik beschränkt werden, wenn das jemals möglich gewesen sein sollte. Nicht nur, dass ein Großteil herkömmlicher Arbeit heute zwischen den eingerichteten Gewerbestätten abläuft. Hinzu kommt aber, dass der öffentliche Raum, wie die L.U.P.U.S.-Gruppe in einem früheren Werk nachwies, inzwischen überall durch kleinere oder größere Maßnahmen vor der Beschlagnahmung steht. Man denke nur an die absichtlich unbequemen Stühle aus Stahlrohrgeflecht, die die früheren Bänke ersetzt haben. Und an die ausgedehnten Tischreihen vor jedem zweiten Lokal in Frankfurt und anderswo, die nur gegen Verzehr nutzbar sind für jedermann. Das kann hier nicht weiter ausgeführt werden. Klar ist, dass im Großen das Verschwinden und Verschwenden von Raum für Flughäfen, aber auch für Großbanken und ähnliches die Öffentlichkeit in ein System von Laufgängen verwandelt. Polizeilich überwacht, durch Eintrittspreise und Verzehrzwang geschützt. Hannah Arendt-Schwärmer reden immer - wie sie - von der Polis und dem Marktplatz, wo die Demokratie sich in Athen verwirklichte. Allerdings nur für besitzende Männer, deren Frauen und Sklaven daheim schufteten, während der Besitzbürger Öffentlichkeit herstellte und genoss. Diese Schwärmer vergessen nur, dass Arbeiterinnen und Arbeiter solchen Raum genau so nötig haben wie die damaligen Besitzbürger. Nur - wo finden sie ihn? Auf dem RÖMER zum Beispiel nur gegen hundert Auflagen.

Öffentlichkeit als Raum des Ausdrucks, der Selbstdarstellung und der gemeinsamen Beratung: sie wird zunehmend entzogen. Um sie muss auch weiterhin gekämpft werden. Umgekehrt wird der Überwachungsdruck immer größer. Die von Wetzel beschriebenen Ereignisse fanden statt in einer Zeit ohne Handys (Funkgeräte werden als kostbare Besonderheit erwähnt) und Mails. Im Zeitalter der Elektronik könnte die Kommunikation darüber einen Teil des verlorenen öffentlichen Raums ersetzen, wenn nicht genau dieselbe Umklammerung und Umstellung sich über den heimischen Computer erstreckte. (An Mehdorns Löschung und Sabotage der gewerkschaftlich verschickten Mails zum Streik muss nicht groß erinnert werden).

Wenn das so ist, müssten in einem neuen Fall von Raub des öffentlichen Raums natürlich wieder unmittelbar die Betroffenen zu Verteidigung und Angriff aufgerufen werden. Das örtliche Interesse ließe sich aber erweitern durch eine noch viel stärkere bundesweite Teilnahme als das letzte Mal: Denn im lokalen Einzelfall würde vielen überdeutlich, was allen blüht: Isolierung in überwachter Kommunikation und Gängelung in immer beengterem öffentlichem Raum. Zusammengedacht: Atomisierung. Verunmöglichung gemeinsamen Handelns. Das zumindest ließe sich dem von Wolf Wetzel präzis untersuchten Material entnehmen- für ein nächstes, ein hoffentlich besser verlaufendes Mal.

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Die Rezension erschien zuerst im April 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ast, 12/2010)

Wolf Wetzel 2008:
Tödliche Schüsse. Eine dokumentarische Erzählung der Kämpfe um Startbahn West.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-649-0.
296 Seiten. 18,00 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Tödliche Schüsse. Erschienen in: kritisch-lesen.de startet. 0/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/823. Abgerufen am: 24. 08. 2019 03:20.

Zum Buch
Wolf Wetzel 2008:
Tödliche Schüsse. Eine dokumentarische Erzählung der Kämpfe um Startbahn West.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-649-0.
296 Seiten. 18,00 Euro.