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Revolutionsreportage

Buchautor_innen
Juliane Schumacher, Gaby Osman
Buchtitel
Tahrir und kein Zurück
Buchuntertitel
Ägypten, die Bewegung und der Kampf um die Revolution
Der Tahrir-Platz in Kairo wurde zu einem der Symbole des Arabischen Frühlings. Nun werden die Ereignisse der ägyptischen Revolution von einer – wie die AutorInnen es nennen – „linken Bewegungsperspektive“ aus untersucht.
Rezensiert von Sebastian Kalicha

Es ist verständlich, dass sich ob der epochalen und in dieser Form unerwarteten Veränderungen, die der Arabische Frühling über eine gesamte Region gebracht hat, zahlreiche Verlage auf dieses Thema stürzen und dazu publizieren. Manche versuchen „den“ Arabischen Frühling einzufangen und vereinen die diversen Länder und Schauplätze in ihren Publikationen. Manche widmen sich aber ganz spezifisch – und dadurch natürlich eingehender – einem speziellen Land. Juliane Schumacher und Gaby Osman taten dies mit Ägypten und untersuchen die dortige Revolution in ihrem Buch „Tahrir und kein Zurück“.

Die Revolution und das Militär

Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt. Unter dem Titel „Was geschah“ wird versucht die Ereignisse der ägyptischen Revolution chronologisch wiederzugeben, ein weiterer widmet sich den diversen Akteuren – von Jugendbewegung bis Muslimbrüder. Zu Beginn versuchen die AutorInnen mit diversen „Mythen“ aufzuräumen, die um den revolutionären Prozess entstanden sind und sich teils hartnäckig halten. So wird hier in knappen Darstellungen dargelegt, dass die Revolution eine war, in der außenpolitische Themen (also auch der israelisch-palästinensische Konflikt) so gut wie keine Rolle spielten; sie nicht gewaltfrei war; dass die Revolution im gesamten Land und nicht nur in Kairo stattfand; welche Rolle das Militär spielte und wer nun die Menschen waren, die diese Revolution initiierten und weiter trugen (zum Beispiel Mythos „Facebook-Jugend“). Diese Themen werden das gesamte Buch hindurch besprochen und sind sozusagen die „Überthemen“ der Publikation.

Ein großer Verdienst des Buches und ein Thema, das viel Platz einnimmt, ist die Analyse der Rolle des Militärs. Die AutorInnen untersuchen akkurat Strategien des Militärrats in unterschiedlichen Phasen der Revolution und zeigen auf, dass die häufig verbreitete Vorstellung, das Militär habe eigentlich auf der Seite der Protestierenden und der Revolution gestanden, nicht zutrifft und wohl nie zugetroffen hat. In Wirklichkeit wurde zwar Mubarak gestürzt, der Militärrat implementierte daraufhin aber nichts anderes als eine Militärdiktatur und zielte lediglich auf den eigenen Machterhalt. Die AutorInnen bringen das (und das ganze Dilemma einer „unvollständigen“ Revolution) sehr gut auf den Punkt, wenn sie schreiben: „Die Revolution fegte nicht das politische System hinweg, sondern nur dessen, wie sich im Nachhinein zeigte, schwächeren Teil.“ (S. 127) Mubaraks Diktatur musste gehen, die Diktatur der Militärs kam. Das Militär habe die Revolution lediglich dazu benutzt, „um seine eigenen Interessen durchzusetzen“ (ebd.). Nachdem es nach den ersten 18 Tagen Revolution zum Sturz Mubaraks kam, waren tatsächlich viele Menschen – ob in Ägypten oder im Ausland – davon überzeugt, dass das Militär auf der „richtigen“ Seite stehe und von dem genuinen Wunsch eines fundamentalen Systemwandels getrieben sei (das große Feindbild war hier die Polizei, nicht das Militär). In den Monaten danach wurde aber immer klarer, dass dem nicht so ist und das Militär setzte mit unheimlicher Brutalität die eigenen Machtinteressen gegen die (immer noch) revolutionär gestimmte Bevölkerung durch, als diese erkannte, welche Agenda der Militärrat verfolgt. Diesen Vorgang und die schleichende Erkenntnis, dass man die Revolution an neue, nicht minder repressive Machthaber wieder verlieren könnte, wird sehr gut geschildert. Dies ist eine der großen Stärken des Buches.

„Mythos“ Gewalt(freiheit)

Wenn die AutorInnen versuchen in einem knappen Absatz den „Mythos Gewaltfreiheit“ offenzulegen, kann man ihnen zustimmen, dass die ägyptische Revolution sicher eine war, in der Gewalt eine Rolle spielte. Leider wird dieses Phänomen aber nur in einem sehr beschränkten Rahmen (in etwa: „Es gab Straßenschlachten, daher spielte Gewalt eine entscheidende Rolle.“) diskutiert, was doch eher oberflächlich scheint, nicht zuletzt deshalb, weil es genug Vergleichsmöglichkeiten für eine tiefer gehende Analyse gibt – Vergleichsmöglichkeiten, die trotz des Fokus auf Ägypten Sinn machen. Sieht man sich den Arabischen Frühling grenzüberschreitend an, so gab es viele unterschiedliche Facetten und Gesichtspunkte was die Gewaltfrage betrifft. Libyen und Syrien sind hier zwei Beispiele, die am gewalttätigsten in Form eines klar militärischen Konflikts ausgetragen werden – wobei Libyen mehr oder weniger von Anfang an ein militärischer Konflikt, Syrien sich hingegen von einer vorwiegend (in diesem Fall tatsächlich) gewaltfreien Massenbewegung sukzessive zu einem militärischen Konflikt entwickelte (womit auch der zivile Massenprotest, der zu Beginn den Widerstand in Syrien prägte, zunehmend verdrängt wurde).

Nehmen wir also Libyen und Syrien als die Beispiele, in denen der Arabische Frühling die Form eines militärischen Konflikts zwischen bewaffneten Parteien angenommen hat, so sind im Vergleich dazu Tunesien oder Ägypten mit Sicherheit gewaltärmer (nicht gewaltfrei, wobei es auch hier gewaltfreie Aspekte gab). Diese Nuance mag auf den ersten Blick marginal erscheinen, ist sie aber nicht. Es gibt nämlich einen entscheidenden und großen Unterschied zwischen Guerillakrieg, bewaffneten Kampf und Bürgerkrieg auf der einen und Straßenschlachten, wie sie in Tunesien und Ägypten zu beobachten waren, auf der anderen Seite. Diesen Unterschied in der Analyse zur Gewaltfrage nicht mit einzubeziehen und die Gewaltfrage in einem breiteren Kontext zu analysieren, sondern stattdessen lediglich von einem „Mythos Gewaltfreiheit“ zu schreiben, lässt leider viele elementare Punkte dieses Themenkomplexes unbehandelt.

Projektionen und Islam

Es ist kein Geheimnis, dass im Arabischen Frühling auch immer als „islamistisch“ bezeichnete Kräfte eine wichtige Rolle spielten – nicht zuletzt deshalb, weil sie in vielen arabischen Ländern oft eine der effektivsten und bestorganisierten Oppositionsgruppen gegen die diversen Diktaturen darstellten. Diktatoren wie Mubarak in Ägypten oder Ben Ali in Tunesien unterdrückten diese Gruppierungen mit brachialer Gewalt, was vom „Westen“ stets wohlwollend geduldet oder gar insgeheim unterstützt wurde, schließlich ist seit 9/11 der schlimmste Diktator besser als „die Islamisten“ – egal, wie sich islamisch-religiöse Gruppierungen im konkreten Fall tatsächlich positionieren. Deshalb taten sich „westliche“ BeobachterInnen auch generell recht schwer, wenn es darum ging, die Rolle islamisch-religiöser Kräfte in den antidiktatorischen Bewegungen des Arabischen Frühlings einzuordnen und zu bewerten. Hier spielten „westliche“ Projektionen, die sich eine liberale, säkulare Opposition „gewünscht“ hätten, die im Grunde so ist „wie wir“, eine entscheidende Rolle. Dieser Aspekt wird auch von den AutorInnen erkannt und kritisch behandelt. Und wenn man sich mit Ägypten beschäftigt, kommt man natürlich an den Muslimbrüdern nicht vorbei.

Nachdem die AutorInnen im ersten Teil des Buches teilweise seitenlang aus Artikeln zitieren, die in Zeitschriften mit antideutscher Schlagseite wie Jungle World oder iz3w erschienen sind, sieht man bereits Schlimmes auf sich zukommen, wenn sich im zweiten Teil des Buches mit den AkteurInnen (also auch mit den „Islamisten“) beschäftigt wird. Glücklicherweise stellen sich diese Sorgen als nicht berechtigt heraus, denn die Abhandlung zu den diversen AkteurInnen ist fair, fundiert und differenziert. Phänomene der angesprochenen „westlichen“ Projektionen werden problematisiert, was das Ganze noch lesenswerter macht.

Wobei: Es gibt auch eine Passage, die in diesem Kontext etwas verwirrt, berücksichtigt man die zahlreichen anderen Ausführungen hierzu. Hier wird in auffallend schrillen Farben geschildert, wie plötzlich „die Islamisten da [sind]“ (S. 60), „Anhänger radikal-islamischer Salafisten-Gruppen“ (ebd.). Der Tahrir-Platz sei plötzlich „vollgepackt mit Männern mit dem Bart und dem weißen Gewand der Salafisten“ (ebd.) gewesen, weshalb die „jungen Aktivisten, bartlos“ (ebd.) mit großen Augen da gestanden hätten und es nicht mehr wagten, „sich zu ihrem Camp in der Mitte des Platzes durchzudrängeln“ (S. 61). Abschließend wird vermerkt: „[S]o schnell wie er kam, ist der Spuk [!] wieder vorbei.“ (S. 62) Wie soll man das verstehen? Obwohl die AutorInnen richtiger- und dankenswerterweise im Buch immer wieder betonen, dass die Einheit zwischen ganz unterschiedlichen Gruppen (männlich/weiblich, jung/alt, säkular/religiös, muslimisch/christlich, etc.) für den Charakter dieser Revolution so bestimmend war und wie erwähnt „westliche“ Projektionen problematisiert werden, ist eine Demonstration unter verstärkter „islamistischer“ Beteiligung plötzlich trotzdem ein „Spuk“ (S. 62), bei dem man nur froh sein kann, wenn er wieder vorbei ist? Diese Passage verwirrt und steht tatsächlich etwas im Widerspruch zu im Buch formulierten Ansprüchen der Berichterstattung.

Revolutionsreportage mit guten Einblicken

Die Ausführungen im Buch sind zum Großteil im Reportagestil gehalten, was das Buch leicht und zügig lesbar macht. Ein Abschnitt mit Portraits junger Protestierender sowie ein eigener farbiger Bildteil macht das Buch zu einer abwechslungsreichen Lektüre. Dass das Buch aus einer erkennbar linken Perspektive geschrieben wurde und von dieser aus die Geschehnisse und AkteurInnen analysiert, ist eine gute Abwechslung zu den vielen anderen, oft aus einem bürgerlichen Umfeld stammenden Bücher zum Thema. Zudem findet man im Anhang eine Liste über den wirtschaftlichen Einfluss des Militärs, ein umfangreiches Glossar sowie eine Zeitleiste, die am 4. Mai 2012 endet (der Teil „Was geschah“ endet im Januar 2012). Genau das ist auch das nicht zu vermeidende Dilemma von Publikationen, die einen noch stattfindenden politischen Prozess analysieren. Sie verliert in der Regel ab dem Erscheinungsdatum rapide an Aktualität. So wird in „Tahrir und kein Zurück“ zum Beispiel noch darüber spekuliert, wer die Präsidentschaftswahlen warum gewinnen könnte. Das ist aber eine unvermeidbare Kehrseite des zu begrüßenden Ansinnens, mittels Büchern aktuelle politische Vorgänge zu begleiten und kann und soll somit auch nicht als Kritikpunkt angeführt werden, sondern lediglich als Randnotiz für interessierte LeserInnen gesagt sein. Die ausschlaggebende „Kernzeit“ der ägyptischen Revolution, die das Buch behandelt, wird jedoch lückenlos und fundiert wiedergegeben und analysiert.

Summa summarum ist das Buch eine gelungene linke Analyse des Arabischen Frühlings am Beispiel Ägyptens, die auch viele der in den Mainstreammedien aufgenommenen und wiedergekäuten Falschmeldungen hinterfragt und widerlegt (besonders beeindruckend am Beispiel der vermeintlichen „religiösen Unruhen“ zwischen KoptInnen und MuslimInnen, die in Wirklichkeit vom Militär provoziert wurden). Diese eher selten zu findenden Analysen und Hintergrundinformationen, gepaart mit einer linken Herangehensweise, machen das Buch zu einer wichtigen Ergänzung für alle, die differenziertere Informationen zur Revolution in Ägypten wünschen.

Juliane Schumacher, Gaby Osman 2011:
Tahrir und kein Zurück. Ägypten, die Bewegung und der Kampf um die Revolution.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-045-0.
260 Seiten. 16,80 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Kalicha: Revolutionsreportage. Erschienen in: Arabische Revolutionen. 23/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1075. Abgerufen am: 24. 05. 2019 17:58.

Zum Buch
Juliane Schumacher, Gaby Osman 2011:
Tahrir und kein Zurück. Ägypten, die Bewegung und der Kampf um die Revolution.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-045-0.
260 Seiten. 16,80 Euro.