Zum Inhalt springen
Logo

Rassismus hat viele Gesichter

Buchautor_innen
Margarete Jäger, Heiko Kauffmann (Hg.)
Buchtitel
Skandal und doch normal
Buchuntertitel
Impulse für eine antirassistische Praxis
Der Sammelband analysiert Entwicklungen und diskursive Verschiebungen in der Artikulation von Rassismen in der Bundesrepublik und will Impulse für die antirassistische Praxis geben.
Rezensiert von Sibille Merz

Biologistische Begründungen von Rassismus sind seit einigen Jahren vermehrt in den Hintergrund geraten und wurden häufig durch kulturalistische ergänzt oder gar ersetzt. Diese Verschiebungen zum Anlass nehmend hat das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) einen Sammelband zu Erscheinungsformen und Wirken rassistischer Strukturen und Diskurse in Deutschland herausgegeben. Das Buch „Skandal und doch normal“ versteht sich sowohl als Beitrag zur Analyse von gegenwärtigen Formen des Rassismus als auch als kritische Revision der deutschsprachigen Rassismusforschung und, nicht zuletzt, als Inspiration für die antirassistische Praxis. Das Anliegen der Herausgeber_innen und Autor_innen, den Blick für stigmatisierende und ausgrenzende Diskurse und Praxen zu schärfen, um die Entwicklung einer diskriminierungsarmen, demokratischen und emanzipativen Zivilgesellschaft zu fördern, gelingt diesen vor allem durch die Bandbreite und Perspektivenvielfalt der Beiträge. Diese umfassen Themenfelder wie Asyl- und Migrationspolitik, Schulwesen, mediale Diskurse und juristische Instrumente zur Bekämpfung von Rassismus sowie einen historischen Abriss über die Entwicklung der Rassismusforschung in Deutschland. Ein Buch für alle, die sich politisch gegen Rassismus und Rechtspopulismus engagieren.

Eröffnet wird der Sammelband von Beiträgen, die sich mit Formen von Institutionellem Rassismus befassen und die die rassistischen Prämissen gegenwärtiger Flüchtlings- und Bildungspolitik sowie kulturelle Dimensionen von und juristische Möglichkeiten gegen Diskriminierung aufgrund von „Rasse“ oder „Ethnizität“ herausarbeiten. Mit diskursiven Verschränkungen und der medialen Vermittlung von Rassismus beschäftigen sich die Artikel im zweiten Teil, so unter anderem die Untersuchung der sogenannten Sarrazin-Debatte, der Ethnisierung von Migrant_innen im Einwanderungsdiskurs und der diskursiven Verflechtungen von Terror und Islam im Kontext der rassistisch motivierten Anschläge in Norwegen im Juli 2011. Der dritte Teil des Bandes enthält Analysen aktueller Vermittlungen von Rassismus, welche Formen von antimuslimischem Rassismus, Rechtspopulismus und die Implikationen des Demographie-Diskurses in Deutschland erörtern. Abschließend wird die Rassismusforschung als wissenschaftliche Disziplin kritisch unter die Lupe genommen und Möglichkeiten für deren Weiterentwicklung aufgezeigt.

Aus der Mitte der Gesellschaft

Da eine Rezension aller Beiträge des Bandes den Rahmen dieses Textes sprengen würde, möchte ich mich hier auf die Besprechung einiger weniger, aus meiner Perspektive sehr gelungener, Artikel beschränken. Diesen Beiträgen ist gemeinsam, dass sie Rassismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen verstehen und ihn nicht nur in seiner Erscheinungsform als „Rechtsextremismus“ oder Populismus untersuchen. Sie charakterisieren Rassismus als Struktur, die, stets verwoben mit anderen Macht- und Herrschaftsverhältnissen, der Formation moderner Gesellschaften zugrunde liegt und alle wesentlichen Bereiche gesellschaftlichen Zusammenlebens durchzieht. Sie heben hervor, dass Rassismus in seinen kontingenten Erscheinungsformen immer in seinem konkreten historischen und geographischen Kontext sowie in seiner Manifestation sowohl auf der institutionellen als auch auf der kulturellen und individuellen Ebene erfasst werden muss. Damit begreifen sie Rassismus als komplexes relationales Verhältnis, das sich je nach gesellschaftlichem Zusammenhang unterschiedlich manifestieren kann und sich eher als zirkulierendes Macht- denn als starres Herrschaftsverhältnis beschreiben lässt, das nicht auf ein vereinfachendes Täter-Opfer-Schema reduziert werden kann.

Zur Konstruktion von „Unterschichten“ und „muslimischen Anderen“

So bettet Sebastian Friedrich in seinem Beitrag „Die diskursive Erschaffung des 'nutzlosen Anderen'. Zur Verschränkung von Einwanderungs- und Unterschichtendiskurs“ die Analyse gegenwärtiger Rassismen in die Untersuchung gesamtgesellschaftlicher Machtverhältnisse und kapitalistischer Ideologeme in der Bundesrepublik ein. Er zeigt auf, wie sich im Rahmen der Verschärfung neoliberaler Politikmodelle und Leistungsideologien im Zuge der Agenda 2010 die Diskussion über die Ursachen sozialer Ungleichheit von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen hin zu individueller Schuld und Verantwortung verschob und so die Konstruktion einer neuen „Unterschicht“ befördert wurde. Diese „Unterschicht“ wird im dominanten Diskurs dabei stets mit rassistischen und rassifizierenden Attributen belegt, was die intrinsische Verknüpfung von Rassismus, Klassismus und Sexismus – nicht zuletzt ist die Konstruktion der Unterschicht eine vergeschlechtlichte – im deutschen Einwanderungsdiskurs verdeutlicht. Friedrich arbeitet heraus, wie diese diskursive Erschaffung einer migrantischen Unterschicht nicht nur eine zentrale Funktion für die Zementierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse erfüllt, sondern auch, wie die Repräsentation struktureller Probleme als kulturelle oder ethnische Konflikte Unterdrückungsstrukturen zu verschleiern und sozialen Widerstand zu befrieden versucht.

Auch Yasemin Shooman geht in ihrer Analyse davon aus, dass Rassismus, in ihrem Fall anti-muslimischer Rassismus, welcher als exemplarisch für die Verschiebung von biologistischen zu kulturalistischen Argumentationen gelten kann, nicht getrennt von historischen Hintergründen und intersektionalen Zusammenhängen analysiert werden kann und stets in seinem Wirken für gesamtgesellschaftliche Strukturen betrachtet werden muss. Sie stellt ihrer Analyse einen Abriss der Migrationsgeschichte in Deutschland voran und zeigt auf, dass das Phänomen anti-muslimischer Rassismus aus einer Verschiebung der Wahrnehmung hervorging, im Zuge derer vormals als Gastarbeiter_innen konstruierte Migrant_innen zunehmend als Muslim_innen charakterisiert wurden. Diese Verschiebung dient in Zeiten einer identitären Krise, in der sich Deutschland gezwungen fühlt, seine Selbstdefinition als Monokultur zu hinterfragen, sowohl der Abgrenzung nach außen als auch „einer Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung nach innen“ (S. 162). Shooman untersucht diese Entwicklungen dabei im Kontext von Kolonialismus und Orientalismus und zeigt auf, wie historische Tradierungen in Debatten um Migration und Integration derzeit neu belebt werden. Sie arbeitet dabei überzeugend heraus, dass rassistische Diskurse und Argumentation sowohl in ihrer Kontinuität als auch in ihrer Wandlungsfähigkeit betrachtet werden müssen.

Rassismusforschung als Herrschaftskritik

Obwohl Shooman der Spagat zwischen verschiedenen Untersuchungsebenen und der Verknüpfung von geschichtlichem Überblick und Gegenwartsanalyse durchaus gelingt, blendet ihr Beitrag ökonomische Dimensionen leider fast vollständig aus – ein Versäumnis, auf das Nora Räthzel in ihrem Beitrag „30 Jahre Rassismusforschung. Begriffe, Erklärungen, Methoden, Perspektiven“ in Bezug auf die deutschsprachige Rassismusforschung im Allgemeinen hinweist. Räthzel, die seit über 30 Jahren zu Rassismus in Europa forscht, kritisiert – nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung und aktuellen Forschungsfelder der Disziplin in der Bundesrepublik – vor allem die gegenwärtige Dominanz identitätszentrierter Ansätze wie der Kritischen Weißseinsforschung (vgl. Eggers/Kilomba/Piesche/Arndt 2005), die ihre Definition von Rassismus mehrheitlich auf die Sicherung von weißen Privilegien stützt. Dabei geraten strukturelle Dimensionen und die Wirkmächtigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung zunehmend aus dem Blick. Obwohl ihre Kritik an den Critical Whiteness Studies stellenweise verkürzt ist – so behauptet sie beispielsweise, deren Analysen negiere die Anerkennung von Rassismus als relationalem Verhältnis und reduziere ihn auf den Schwarz-Weiß-Gegensatz – erscheint ihr Einwurf im Angesicht aktueller wissenschaftlicher wie politischer Debatten für durchaus wichtig: Allzu oft beschränken sich gegenwärtige Diskussionen rassistischer Repräsentationen und Strukturen auf die Stilisierung von Opfern und Täter_innen und verlieren dabei aus dem Blick, dass es nicht um die Herstellung neuer Herrschaftsverhältnisse gehen kann, sondern um die Dekonstruktion existierender. Wie zuvor bereits Zygmunt Bauman oder Frigga Haug stellt auch Räthzel fest, dass es „keine Guten oder Bösen“ gibt, sondern nur „Verhältnisse, in denen bestimmte Gruppen die Möglichkeit haben, bestimmte Formen von Dominanz auszuüben, andere Gruppen andere“ (S. 215). Anstatt einer Politik der Angst und Schuldzuweisung in die Hände zu spielen, die wiederum neue Ausschlüsse und Verletzungen produziert, plädiert sie dafür, Antirassismus als Teil einer umfassenderen (Selbst)befreiungspraxis zu leben (vgl. auch Czollek/Perko/Weinbach 2012).

Mehr Beunruhigung – weniger Selbstbestätigung

Räthzels differenzierte und konstruktive Kritik sowie ihr Aufruf, sich wieder mehr zu beunruhigen, anstatt „uns beruhigt zurückzulehnen, weil wir immer schon wissen, was falsch und was richtig ist, wer die Macht hat, und wer machtlos ist“ (S. 217, siehe hierzu auch Aram Ziais brillanten Beitrag im Band, der die These, Rassismus sei ein exklusives Instrument in Händen der Weißen, ihrer eurozentristischen Prämissen entlarvt), lädt dazu ein, dominante Forschungsperspektiven zu hinterfragen und weiterzudenken, anstatt in einem selbstreferentiellen Diskurs zu verharren, zu dem ohnehin nur Zugang erhält, wer über ein bestimmtes kulturelles und ökonomisches Kapital verfügt (siehe hierzu auch Arslanoğlu 2010). Sie spiegelt damit den Anspruch des Sammelbandes wieder, die Rassismusforschung in eine umfassende Kritik gesellschaftlicher Strukturen und Zusammenhänge einzubetten und gleichzeitig Impulse für die antirassistische Praxis zu geben. Obwohl sich viele der Beiträge im Band leider auf die Beschreibung gegenwärtiger Rassismen beschränken – und dies vor allem in Bezug auf Flüchtlings- und Asylpolitik – und eine methodische Vielfalt über die Diskursanalyse hinaus wünschenswert gewesen wäre, finden sich durchaus, wie oben gezeigt, einige interessante und lesenswerte Beiträge, die diesen Anspruch überaus erfüllen. Spannend wäre darüber hinaus gewesen, sich auch der theoretischen und methodischen Ansätze vor allem aus dem angelsächsischen Raum zu bedienen, die zwar nicht ohne weiteres auf den postkolonialen, postnationalsozialistischen und -sozialistischen Kontext der Bundesrepublik übertragen werden können, aber aufgrund der Präsenz und Radikalität antirassistischer Kämpfe vor allem in den USA und in Großbritannien durchaus interessante Anregungen für antirassistische Forscher_innen und Aktivist_innen in Deutschland bieten. Auffällig ist auch, dass eine Diskussion gegenwärtiger Formen von Antisemitismus trotz aktueller Vorfälle gänzlich fehlt; auch wäre eine Vielfalt an Zugängen zu und Erfahrungen mit Rassismus unter den Autor_innen interessant gewesen. Das Buch erscheint somit stellenweise geradezu losgelöst von aktuellen akademischen, aber auch jüngeren aktivistischen Diskussionen. Vielleicht liegt hier der Stoff für eine Folgepublikation.

Zusätzlich verwendete Literatur

Arslanoğlu, Ayşe K. (2010): Stolz und Vorurteil – Markierungspolitiken in den Gender Studies und anderswo. In: Outside the Box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik, Ausgabe 2.
Czollek, Leah Carola/Perko, Gudrun/Weinbach, Heike (2012): Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Theorien, Training, Methoden, Übungen. Beltz Juventa, Weinheim.
Eggers, Maureen Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast, Münster.

Margarete Jäger, Heiko Kauffmann (Hg.) 2012:
Skandal und doch normal. Impulse für eine antirassistische Praxis.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-760-2.
260 Seiten. 24,00 Euro.
Zitathinweis: Sibille Merz: Rassismus hat viele Gesichter. Erschienen in: Sport - Zwischen Unterwerfung und Emanzipation. 28/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1130. Abgerufen am: 23. 08. 2019 20:00.

Zum Buch
Margarete Jäger, Heiko Kauffmann (Hg.) 2012:
Skandal und doch normal. Impulse für eine antirassistische Praxis.
Unrast Verlag, Münster.
ISBN: 978-3-89771-760-2.
260 Seiten. 24,00 Euro.