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Pop mit links

Buchautor_innen
Paula Irmschler
Buchtitel
Superbusen
Britney Spears und Antifa – wie passt das zusammen? Neue linke Popliteratur zeigt: Es passt erstaunlich gut.
Rezensiert von Stephanie Bremerich

Über Paula Irmschlers im Februar 2020 erschienenen Debütroman „Superbusen“ ist schon manches geschrieben worden. Oft fiel dabei das Schlagwort ‚Popliteratur‘. Diese Assoziation ist einerseits passend, andererseits aber auch ganz falsch (was meist miterkannt wurde). Zur Erinnerung: Popliteratur war um die Jahrtausendwende das große Ding im dato eher schläfrigen deutschen Literaturbetrieb. Das war ein neuer, irgendwie cooler Sound von überwiegend jungen, überwiegend stylishen Männern, der sich an der Grenze zwischen Feuilleton, Diskursgefrickel und großer Literatur bewegte. In Texten wie „Soloalbum“ (1998, Benjamin von Stuckrad-Barre) oder „Tristesse Royale“ (1999, Joachim Besing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre) ging es um Lifestyle, Konsum, Herzschmerz, Generationsblessuren und Melancholie, das Ganze stilistisch geschliffen und ein bisschen versnobt, zugleich hintergründig und randvoll mit popkulturellen, musikalischen und postadoleszenten Lebensweisheiten. Und – das Wichtigste – immer ironisch. Popliteratur zelebrierte die Ästhetik der Oberfläche und das (eher verschämt bürgerliche als anti-bürgerliche) Geschmacksurteil, um beides zugleich zu persiflieren. Mit der Popliteratur betrat, im schicken weißen Anzug und in Segelturnschuhen, eine selbstironische Männlichkeit die Literaturszene der Nullerjahre: der postmodern-gebrochene Dandy.

Nicht Pose, sondern Punk

Abgesehen davon, dass das nun schon rund zwanzig Jahre her ist und der dekadente Selbstbespiegelungshabitus nicht in allen Fällen gut gealtert ist (siehe Stuckrad-Barre), steht vieles davon windschief zu Paula Irmschlers Roman. Wenn man trotzdem bei dem Label bleiben will, dann ist „Superbusen“ so etwas wie die linke und – vor allem – feministische Neuerfindung der Popliteratur. Nicht Dandy, sondern Antifa, nicht Schampus, sondern Sterni, nicht hochgezogene Augenbraue, sondern geballte Faust, nicht Berlin, sondern Chemnitz, nicht Pose, sondern Punk.

Protagonistin und Ich-Erzählerin Gisela ist so ziemlich das Gegenteil von Glamour: Ohne Geld und Plan landet sie Mitte, Ende zwanzig wieder in Chemnitz; der Stadt, in der sie ihr Studium angefangen (aber nie beendet) und ihre engsten Freundschaften geknüpft hat. Dort versucht sie – so die Rahmenhandlung – ihr zerfasertes Leben zusammenzuflicken. Abgesehen von der angeknacksten Beziehung zu ihrem Freund Paul in Berlin, die der Auslöser für die Rückkehr nach Chemnitz ist, liegt insgesamt einiges im Argen, wie beim Betreten ihrer alten WG deutlich wird:

„In dem ungeordneten Stapel der Übrigkeiten in meinem Zimmer finde ich einen alten Mietvertrag, viele Mahnungen, Inkasso-Forderungen, die Ankündigung eines Gerichtsvollziehers, der nie gekommen ist, die Anzeige wegen Ladendiebstahls, der Brief, in dem steht, dass die Anzeige fallen gelassen wurde, ohne dass ich irgendwas dafür getan hätte, außer eben niemals Briefe zu öffnen, und drei Exmatrikulationsbescheinigungen“ (S. 100).

Zwischen offenen Rechnungen und den Restbeständen ihres alten Studentinnen-Daseins findet Gisela in Chemnitz aber auch Konstanten und wichtige Fixpunkte ihres Lebens wieder, nämlich Fred, Meryam und Jana, mit denen sie eine tiefe Freundschaft teilt und einst die Band „Superbusen“ gegründet hat. Tatsächlich ist Paula Irmschlers Debütroman vor allem dies: eine Hommage an die Freundschaft und hier insbesondere an die Solidarität unter Frauen. Mit ihren ehemaligen Bandkolleginnen erledigt Gisela in Chemnitz zunächst das Wichtigste: gegen Nazis demonstrieren. Das ist in Chemnitz wieder bitternötig, wie Gisela süffisant bemerkt.

„Da mische ich mich lieber wieder in eine Diskussion auf Facebook über Nazis und Nichtnazis ein. War der Typ mit dem Hitlergruß jetzt einer? Schwierig zu sagen. Könnte es Hetzjagden gegeben haben, wenn auf Videos Leute brüllen: ‚Wir kriegen euch?‘ Mh, man sollte erst einmal schauen. Und hat Chemnitz ein Problem mit Rechten, wenn ein paar Tausend es schaffen, so kurzfristig aufzumarschieren? Könnte sein, muss aber nicht“ (S. 73).

Links als logische Konsequenz

Die Rückkehr nach Chemnitz und die Demo, die unschwer an die rechtsextremen Aufmärsche und Gegenproteste im August und September 2018 in der Stadt erinnern, sind im Roman zugleich Auslöser für etliche Rückblenden in die Vergangenheit. In deren Zuge erfahren die Leser*innen einiges über Giselas nicht besonders privilegierte Herkunft aus einer „Sozialhilfe empfangende[n] Assifamilie“ (S. 71), die Vorgeschichte ihrer Freundschaft mit Fred, Meryam und Jana und die Gründung ihrer gemeinsamen Punkband. Überhaupt, Sachsen: ein zentraler Aspekt des Romans ist der Standortfaktor. Er hängt eng mit der Politisierung der Freundinnen zusammen.

„Während Leipzig die coole Stadt ist, in die man auf Konzerte oder Partys fährt, besuchten wir Dresden einzig und allein wegen der Demonstrationen. Meist war es wegen des großen Naziaufmarsches am 13. Februar, an dem Nazis aus ganz Europa ‚trauerten‘, weil die bösen Alliierten das schöne Dresden bombardiert haben. Die Bürgerlichen waren auch immer traurig, aus dem gleichen Grund, zündeten Kerzenmeere an und warnten vor Krieg generell. Mit den Rechten zusammen kämpften sie gegen den großen gemeinsamen Feind: die Antifa, die es wagte, den Hauptschuldigen zu benennen. Es war für alle Sachsen in jedem Jahr ein Feier- oder Trauertag, und man musste sich dazu verhalten“ (S. 130f.).

Für Gisela und ihre Freundinnen ist Linkssein die logische Konsequenz. Da darf auch gern mal gegen „das besserwisserische, akademische Theorie-Links oder das mackerige, niedrigschwelligere Praxis-Links“ sowie „unzählig viele Grüppchen, die sich in ihrem Linkssein ständig übertreffen und spalten müssen“ (S. 209), gestänkert werden.

„Bloß nicht auf subtil machen“

Paula Irmschler, die bislang vor allem als Kolumnistin hervorgetreten ist, hat sich in ihrem Debütroman als Schriftstellerin nicht unbedingt neu erfunden. Wer ihre Glossen und Kommentare für die Titanic und den Musikexpress kennt, wird einen ganz ähnlichen Sound finden. Das muss kein Manko sein (Stuckrad-Barre hat man Vergleichbares auch nicht unbedingt vorgeworfen), zeigt aber doch ein bisschen die Stoßrichtung an: „Superbusen“ ist – der Titel lässt es bereits erahnen – kein tiefschürfend angelegter epischer Entwurf; hier geht es nicht um psychologische Komplexität, ausgefeilte Erzählstrategien oder intellektualisierendes Hintergrundrauschen. Der Roman will unterhalten, und das gelingt ihm ziemlich gut.

„Wenn man jung sein und nicht immer bloß hier sein wollte, wenn man irgendwas zu erzählen haben will, wenn man ausbrechen will, braucht man eine Band“ (S. 167).

Der Name für die Band ist schnell gefunden: Superbusen, „das beste 80er-Wort überhaupt“, wobei „auch ‚Pornosternchen‘ so ein Wort ist, aber weniger super“ (S. 169). Zu diesem Namen, der „natürlich auch eine astreine Marketingstrategie“ (S. 170) sein soll, entwickeln die Freundinnen „unzählige Logoentwürfe“ (ebd.):

„Das B wie Brüste aussehen zu lassen, war natürlich eine billige, naheliegende Idee, also machten wir es. Bloß nicht plötzlich auf subtil machen, doch nicht bei dem Namen, also bitte. Und wer würde nicht auf ein Konzert gehen wollen, wenn auf dem Ankündigungsplakat ‚Superbusen‘ stünde? Wie sich herausstellte, eine ganze Menge“ (S. 170).

„Superbusen“ lebt vor allem von der Stimme der Ich-Erzählerin Gisela, die mal schnoddrig-ironisch, mal unverstellt direkt reflektiert, kommentiert, schimpft oder sich freut. Das Ganze so erfrischend frei von der Leber weg, dass es einfach Spaß macht, ihr zuzuhören und man sich manche Sätze direkt ins innere Poesiealbum notieren möchte: „Wir hingen von nun an täglich miteinander rum. Wir waren wie Heroin füreinander, manchmal auch eher wie Koks, je nachdem“ (S. 145).

Paula Irmschler hat weder Berührungsängste vor dem allzu Profanen noch vor den ganz großen Gefühlen, und ja: auch Kitsch und Klischees. Die „Morgenkackerei“ auf Tour oder der „Mittelschmerz“ im weiblichen Zyklus finden ebenso Platz im Roman wie große Besäufnisse, emotionale Versöhnungsszenarien und natürlich ganz viel Popmusik, insbesondere Giselas gänzlich ironiebefreite Begeisterung für Britney Spears und den musikalischen Mainstream der 90er. Das Schöne dabei ist, dass Irmschler nicht den einfachen Weg geht und ihre Ich-Erzählerin aus der Retrospektive schlaumeiern lässt, sondern dass sie all das ernst nimmt.

Gerade in diesem Mut zur Direktheit und Ehrlichkeit liegt die popliterarische Originalität des Romans. „Superbusen“ ist cool, weil sich der Roman weigert, hip und cool zu sein, weil Ironie und Sarkasmus nicht distanziert von oben herab kommen und verächtlich werden, und weil Irmschler ihrer Protagonistin und Ich-Erzählerin gleichermaßen eine starke linke Haltung und feministische Stimme verleiht, wie sie ihr Brüchigkeiten, Unsicherheiten, Widersprüche und Verletzlichkeiten zugesteht. Das ist so unverkrampft und mit einer derart großen Selbstverständlichkeit erzählt, dass man am Ende der Lektüre womöglich etwas verwundert den Kopf schüttelt: Schon merkwürdig, dass es nicht schon früher solche Bücher gab. Aber wer weiß, vielleicht liegt ja hier der Auftakt für ein neues Kapitel in der Popliteratur, und „Superbusen“ bleibt nicht das einzige Buch dieser Art. Das wäre schön. Baby, one more time.

Paula Irmschler 2020:
Superbusen.
Claassen, Berlin.
ISBN: 978-3-546-10001-4.
320 Seiten. 20,00 Euro.
Zitathinweis: Stephanie Bremerich: Pop mit links. Erschienen in: Knast und Strafe. 58/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1665. Abgerufen am: 19. 09. 2021 03:14.

Zum Buch
Paula Irmschler 2020:
Superbusen.
Claassen, Berlin.
ISBN: 978-3-546-10001-4.
320 Seiten. 20,00 Euro.