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Ökologie und Katastrophen

Buchautor_innen
Mike Davis
Buchtitel
Ökologie der Angst
Buchuntertitel
Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe
Das bereits 1998 erschienene Buch zeigt die auch heute noch relevanten Verbindungen zwischen Ökologie und urbaner Armut auf.
Rezensiert von Adi Quarti

Mike Davis ist ein Autor, der nicht zu unrecht häufig in einer Linie mit Noam Chomsky und Edward W. Said genannt wird. 1990 veröffentlichte er mit „City of Quartz“ einen Klassiker der Stadtsoziologie, eine monumentale Studie seiner Heimatstadt Los Angeles, ihrer Geschichte und fiktionalen Zurichtung durch Hollywood (dessen Filmstudios längst das Feld in bessere Gegenden geräumt haben). Gangsta-Rap, G-Funk und Straßen-Gangs wie die Crips und Bloods in Compton standen damals im Mittelpunkt der Analysen. Bereits in seinen Aufsätzen, die in verschiedenen amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht wurden – in Deutschland als „Casino Zombies und andere Fabeln aus dem Neon-Westen der USA“ 1999 bei Schwarze Risse/Rote Straße erschienen –, deutete sich an, dass seine Aufmerksamkeit nicht mehr ausschließlich den Entwicklungen der Metropolen gilt. Das im gleichen Jahr herausgegebene Buch „Ökologie der Angst. Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe“ legte einen Finger in die tiefen ökologischen Wunden der größenwahnsinnigen Urbanisierung Amerikas.

Davis, der eigentlich Ökonomie studierte, aber auch schon als Fernfahrer und im Schlachthof arbeitete, ist einer der wenigen wissenschaftlichen Autoren, die auch unterhalten können. Doch zunächst werden Erdbebenstatistiken, Tornadohäufigkeit, Hochwasser und Buschbrände in Malibu (vor denen übrigens auch das Anwesen von Sean Penn und Madonna damals nicht verschont blieben) mit Statistiken über die Veränderungen in der Flächennutzung Kaliforniens verglichen. Tornados gelten eigentlich als Phänomen des Mittleren Westens der USA, die letzten Jahre allerdings tauchen sie immer öfter, eine Spur der Zerstörung hinterlassend, über dem Sunset Boulevard auf. Der Autor bringt sie direkt mit El Niño in Verbindung, zeitliche Wetterphänomene welche den gesamten Planeten erwärmen - und macht den Leser zunächst mit der Frontentheorie der Meteorologen vertraut, die das Aufeinanderprallen warmer und kalter Luftmassen zu erklären suchen. Wetterforschung? Nicht nur! Mike Davis fährt direkt nach County Orange (bei Frank Zappa noch ein gefragter Altersruhesitz: „Village of the Sun“) und spricht direkt mit Zeugen der Tornados.

Nun aber kehrt der Puma zurück, „mit gesundem Appetit auf langsame, weiche Tiere in Jogginganzügen“. Was ist geschehen? Raubtiere, die mit staatlichen Prämien gejagt und eigentlich als „ausgerottet“ galten, die im übrigen als ausgesprochen scheu gelten, ändern plötzlich ihr Verhalten und fressen in der Nähe von Descanso und Pasadena Menschen. Die ebenfalls als scheu geltenden Koyoten gehören inzwischen zum normalen Straßenbild der San Bernadino Hills, um seelenruhig nach Abfällen zu suchen, afrikanische Killerbienen machen in Schwärmen den Zitrus-Farmern das Leben zur Hölle. Für Davis die Folge wilder Zersiedelung und der Flucht der Mittelschicht aus dem Hexenkessel L.A. Aber: Auch die Schulen seien immer mehr zu Gefängnissen geworden.

„Einerseits gingen in vielen örtlichen Schulbezirken die Pro-Kopf-Ausgaben für Bildung stark zurück, andererseits werden die knappen Mittel fast ausschließlich dafür verwendet, die Schulgelände festungsartig auszubauen und immer mehr bewaffnete Sicherheitskräfte einzustellen. Die jungen Leute beklagen sich bitter über viel zu volle Klassenzimmer, demoralisierte Lehrer und verfallene Schulen, die inzwischen kaum noch etwas anderes sind als Verwahranstalten für eine abgeschriebene Generation.“ (S. 429f)

Wie ein moderner Enzyklopädiker präsentiert der Autor die Entwicklungen der USA vor allem unter sozial-ökologischen Gesichtspunkten: Eindämmungsbezirke für Obdachlose, durch Freeways von anderen Viertel abgeschnitten, Ausschluss von „Paria-Gruppen“ aus dem öffentlichen Raum („Ein Fehltritt, und du bist draußen“), eine bundesweite Regelung, die es den Verwaltern staatlich subventionierter Häuser erlaubt, völlig unschuldigen Mietern zu kündigen, sobald einer ihrer Verwandten oder Besucher straffällig werden.

Der Soziologieprofessor wäre kein wirklich origineller Erzähler, wenn er sich nicht in einem ausführlichen Kapitel der fiktionalen Zerstörung von Los Angeles durch die Filmindustrie Hollywoods widmen würde. „Independence Day“ und „Twister“, die aus Wetter special effects machen. Apokalypsekino der 1990er Jahre eben. Und die boomende Science-Fiction-Literatur in Amerika im Stile von „das Pentagon wirft Atombomben auf L.A.“ oder auch Carolyn Sees Roman „Golden Days“ über eine Atomkatastrophe, die Geschichte einer Überlebenden mit feministischem Dreh und New-Age-Kick. Während es in diesem Genre am Anfang des 20. Jahrhunderts noch Japaner waren, die Kalifornien überrannten, sind es nun Aliens und andere Außerirdische. Diese wiederum können alles sein: Die Araber, der politische Gegner, das HI-Virus, der Terrorismus. Nun ist auch der Bogen wieder geschlagen nach L.A. 1992, als während der Unruhen wegen der Affäre Rodney King die Unterprivilegierten Hollywoods in Frederick´s lasterhaftes Wäschemuseum einbrachen, um Madonnas halbseidene Schlüpfer zu klauen. (Trotz einer ansehnlichen Belohnung sei das entwendete Stück immer noch auf freiem Fuß).

Der Soziologieprofessor konnte nicht ahnen, dass das Jahr der Veröffentlichung der amerikanischen Originalausgabe, also 1998, als wärmstes Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte eingehen sollte, begleitet von einem starken El Niño und außergewöhnlich extremen Wetterlagen sowie massiver Freisetzung von Kohlenstoff durch Großbrände in den Sümpfen Borneos. Von Hurrikan Katrina und deren Nachfolger, auftauenden Permafrostböden welche fast zwangsläufig Millionen Tonnen Methan freisetzen, bis hin zu abschmelzenden Polkappen war noch nicht die Rede. Immer noch ein beängstigend aktuelles Buch!

Mike Davis 1999:
Ökologie der Angst. Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe.
Verlag Antje Kunstmann, München.
ISBN: 978-3-88897-225-6.
541 Seiten. 39,00 Euro.
Zitathinweis: Adi Quarti: Ökologie und Katastrophen. Erschienen in: Ökologie und Aktivismus. 22/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1068. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:53.

Zur Rezension
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Mike Davis 1999:
Ökologie der Angst. Los Angeles und das Leben mit der Katastrophe.
Verlag Antje Kunstmann, München.
ISBN: 978-3-88897-225-6.
541 Seiten. 39,00 Euro.