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Nicht schwerelos durchs All

Buchautor_innen
Tanja Abou
Buchtitel
Raumschiff Cosinus
Buchuntertitel
Der Bordcomputer hat die Schnauze voll
Das zweite nichtnormative Kinderbuch des NoNo-Verlags verhandelt in einer Weltraumgeschichte gewichtige Themen.

Vater, Mutter, Kind – in westlichen Gesellschaften scheint das Ideal der heterosexuellen Kleinfamilie sowie der damit verbundenen unbezahlten weiblichen Reproduktionsarbeit trotz liberalerer Vorstellungen von Liebe, Sexualität, Partnerschaft und Frauenkarrieren für die Mehrheit der Gesellschaft weiterhin eine große Anziehungskraft zu besitzen. Anerkennung spielt in dieser Form von Vergemeinschaftung eine wichtige Rolle: So genießt der Mann Anerkennung, wenn er Kinder zeugt, die Familie ernährt und auf dem Arbeitsmarkt die Ellbogen ausfährt. Die Frau erhält Anerkennung, wenn sie Kinder gebärt und möglichst unproblematisch zwischen Teilzeit-, emotionaler und Hausarbeit funktioniert. Für Kinder schließlich gibt es Anerkennung unter der Bedingung, dass sie anstandslos eine festgelegte Entwicklung durchlaufen und später ihrer Geschlechtsrolle gemäß eine eigene Familie gründen, damit der ganze Spaß von vorne losgehen kann.

Verwandtschaft wird in dieser Sichtweise biologisch erklärt. Doch hat sie immer mit Abstammung und Schicksal zu tun? Muss dies etwa nicht zwangsläufig so sein oder ist es gar möglich sich Verwandtschaft auszusuchen? Und zum Thema Arbeit – wer verrichtet sie und für wie selbstverständlich wird ihre Erledigung genommen? Diese beiden grundsätzlichen Fragen nach Wahlverwandtschaft und Anerkennung stellt das zweite Kinderbuch aus dem Hause NoNo. In „Raumschiff Cosinus“ lässt die Autor_in und Illustrator_in Tanja Abou die vier Charaktere Cpt_Cosmo, Wuschel, Nimb und MICZ und deren Vorstellungen von Gemeinschaft und Arbeit aufeinandertreffen.

Worum es geht

Cpt_Cosmo, die menschenähnlichste aller Figuren, und Wuschel, der_die äußerlich an einen Wischmopp erinnert, landen mit ihrem Raumschiff Cosinus völlig unerwartet auf einem pinkfarbenen Planeten namens Magentos. Beide scheinen sich sehr gut zu kennen, denn Wuschel weiß beispielsweise wie Cpt_Cosmo wach zu bekommen ist, als diese_r noch schläft. Wuschel ist in alltagspraktischen Dingen besonders patent: Er_sie hat schnell die passenden Ideen, die in kleinen Symbolen über ihm_ihr erscheinen. Nach der Landung auf dem Planeten lernen die beiden Nimb kennen. Nimb sieht am gefährlichsten aus und erinnert äußerlich an einen Drachen. Doch ist Nimb nicht, wie der erste Eindruck erwarten lässt, laut, gefährlich und rücksichtslos. Stattdessen läuft er_sie sofort los, als er_sie einen Hilferuf hört, nimmt an der Hand, tröstet und ist sehr feinfühlig.

Da die drei kosmonautischen Wesen nur durch Zufall aufeinander getroffen sind, herrscht zunächst Verwirrung, wie es überhaupt zur Landung auf Magentos gekommen ist. Als sich aber der Bordcomputer MICZ zu Wort meldet und solange streikt, bis seine_ihre längst überfällige Wartung in Angriff genommen wird, klärt sich die Konfusion und alle müssen mit der neuen Situation umzugehen lernen.

Tanja Abou tritt durch ihre Erzählweise in engen Kontakt mit den Leser- und Zuhörer_innen, denn diese werden direkt angesprochen und es werden ihnen Fragen gestellt. Die Zeichnungen, die jeweils auf der rechten Seite den linksseitigen Text illustrieren, kommen in einer kindlichen Do-It-Yourself-Optik daher und wollen wenig Distanz erzeugen: Bis in die Mimik der kosmonautischen Wesen hinein bilden sie sehr genau ab, was gerade passiert oder was – im Falle Wuschels – gerade gedacht wird.

Bruch mit Konventionen

Die Autor_in bricht sowohl in Form als auch in Inhalt mit herkömmlichen Kinderbuchstereotypen. Sie verzichtet zunächst auf die geschlechtliche Einordnung der Figuren durch Sprache: „Im Kosmonautischen gibt es für Personen kein 'sie' oder 'er' und auch kein 'es' – wir haben uns bemüht, dies bei der Übersetzung zu beachten“ (S. 5). Die Charaktere kommen in der Folge ohne männliche oder weibliche Pronomina aus und werden lediglich anhand ihrer Rufnamen genannt. Statt eines geschlechtersensiblen, wählt die Autor_in faktisch einen geschlechtslosen Zugang. Nur sehr wenige Kinderbücher mögen bisher eine solche Strategie erprobt haben, um der systematischen Ungleichbehandlung von Geschlechtern sprachlich entgegenzutreten.

Inhaltlich behandelt „Raumschiff Cosinus“ gesellschaftspolitisch wichtige Themen und zeigt die damit verbunden Konsequenzen, denn Wahlfamilien und eine gerechter verteilte Reproduktionsarbeit erfordern ein höheres Maß an Kommunikation eigener Bedürfnisse. Die Arbeit des Bordcomputers wurde von Cpt_Cosmo und Wuschel stets als selbstverständlich hingenommen, die beiden sind noch nicht einmal auf die Idee gekommen, dass auch der Computer eigene Bedürfnisse haben könnte. Als er_sie sich dann zu Wort meldet, werden neue Aushandlungsprozesse um Zusammenleben und Aufgabenverrichtung in Gang gesetzt. Die Autor_in zeigt, dass es manchmal gut sein kann für die eigenen Rechte zu streiten oder auch zu streiken, um Forderungen durchzusetzen. Einerseits geschieht das gemeinsam, andererseits wird deutlich, dass es manchmal gut sein kann, wenn sich alle zurückziehen, wenn sie versuchen an einer Lösung zu arbeiten, um dann später gemeinsam weiterzukommen.

Kritik

„Raumschiff Cosinus“ verwendet – wie bereits Joke Jannssen in der Rezension zu „Unsa Haus“, dem ersten NoNo-Kinderbuch, herausgearbeitet hat – das Stilmittel der Repräsentation, allerdings subtiler. Da die Geschichte auf einem anderen Planeten spielt, verzichtet sie auf einen direkten Realitätsbezug, gleichwohl repräsentieren die Charaktere verschiedene menschliche Identitäten. Wuschel scheint nur hören, aber nicht sprechen zu können. Der_die aus einem Ei schlüpfende Nimb kommt von einem anderen Planeten. Der Roboter MICZ steht für die arbeitsame gute Seele des Raumschiff Cosinus. Wie schon in „Unsa Haus“ so wird auch hier Differenz zwar als unproblematisch dargestellt, mit Cpt_Cosmo tritt aber eine menschenähnliche Figur auf, die eine starke Identifikationsmöglichkeit schafft. Das ist insofern problematisch, als Cosmo zwischen Wischmopp, Drache und Bordcomputer optisch jene Normalität bekräftigt, die das Buch in Frage stellen will, weil sie die anderen nicht als ebenso normale menschenähnliche Wesen mit gewissen Eigenheiten und besonderen Fähigkeiten darstellt, sondern als generell andere Wesen. Auch lösen trotz der Entscheidung ausschließlich mit Rufnamen zu arbeiten, alle Figuren geschlechtliche Konnotationen aus, vor allem der_die in blauem Raumanzug gekleidete Cpt_Cosmo und der_die an eine schimpfende Mutter erinnernde Bordcomputer MICZ.

Neben einiger guter Ansätze wirkt „Raumschiff Cosinus“ insgesamt zu sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. Es mag diesem Anspruch geschuldet sein, dass die Geschichte auf der Strecke bleibt und langatmig wird. Die überschaubare Handlung hat zunächst den Vorteil, dass die Autor_in die Aufmerksamkeit auf die zwischenkosmonautischen Aushandlungen legen kann. Dadurch aber, dass die Erzählweise Fiktion und Gegenwart sprachlich vermengt und die Buntstiftzeichnungen den Raum für eigene Fantasie nehmen, muss das Dargestellte genau verfolgt werden, um über die eigenen Lebenszusammenhänge nachdenken und sprechen zu können.

Weil ein gesellschaftskritisches Buch sich aber andererseits von dem Anspruch nicht lösen kann, Sachen richtig zu machen, bleibt abschließend der Versuch zu würdigen, das Buchregal um ein nichtnormatives Kinderbuch erweitert zu haben.

Tanja Abou 2011:
Raumschiff Cosinus. Der Bordcomputer hat die Schnauze voll.
NoNo Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-942471-01-5.
48 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Laura Janßen und Martin Brandt: Nicht schwerelos durchs All. Erschienen in: Alternative Kinderbücher. 25/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1099. Abgerufen am: 24. 08. 2019 03:20.

Zum Buch
Tanja Abou 2011:
Raumschiff Cosinus. Der Bordcomputer hat die Schnauze voll.
NoNo Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-942471-01-5.
48 Seiten. 14,90 Euro.