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Nationale Mythen

Buchautor_innen
Henning Fischer / Uwe Fuhrmann / Jana König u.a. (Hg.)
Buchtitel
Zwischen Ignoranz und Inszenierung
Buchuntertitel
Die Bedeutung von Mythos und Geschichte für die Gegenwart der Nation
Der Band untersucht die Konstruktion nationaler Mythen indem er gleichzeitig verschüttete historische Möglichkeiten sichtbar macht.
Rezensiert von Selma Haupt

Die geglückte Wiedervereinigung Deutschlands, der friedliche und versöhnende Übergang von der Franko-Diktatur zum demokratischen Spanien, die sinnlose Zerstörung Dresdens im Bombenkrieg 1945 sowie das durch die Soziale Marktwirtschaft ermöglichte Wirtschaftswunder des Nachkriegsdeutschland sind die vier Mythen deren Analyse sich die Autor*innen des vorliegenden Buches widmen. Das Autor*innenkollektiv beschäftigt sich in diesem Buch, welches eher eine Monographie in sechs Kapiteln als ein Sammelband ist, auf konzeptionell spannende und inhaltlich vielfältige Weise mit diesen Mythen.

Grundsätzlich geht es den Autor*innen darum, die hegemoniale Geschichtsschreibung auf ihre Mythen zu befragen und ihre Brüchigkeit sichtbar zu machen. Ihr Anliegen ist es zu zeigen, dass es nicht die eine Geschichte gibt, deren einzig mögliches Ergebnis die aktuelle gesellschaftliche Konstellation sei. Dies suggerieren aber (nationale) Mythen, deren Funktion es sei, die gegenwärtige Gesellschaft und ihre nationale Identität zu stützen und zu legitimieren. Zentraler Bezugspunkt des Buches, in den Rahmentexten des Autor*innenkollektives wie in den einzelnen Aufsätzen, sind Walter Benjamins Überlegungen zu Geschichte und den Möglichkeiten ihrer Erforschung. Der Forderung des Ausgrabens und Erinnerns, die auch die Angabe des Fundortes wie der eigenen Perspektive mit einschließt, haben sich die Autor*innen als Aufgabe für ihre Analysen angenommen. Mythen fassen sie dafür als Naturalisierung von Ereignissen, die in Kampagnen aktualisiert und an nationale Basiserzählungen anschließbar seien.

Mythos I – die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945

Henning Fischer untersucht in seinem Aufsatz, wie sich der Umgang mit den Luftangriffen auf Dresden vom 13.-15. Februar 1945 verändert hat. Die „Legende von der unschuldigen Kunst- und Kulturstadt, der Sinnlosigkeit des Angriffs, der Einzigartigkeit seines Ausmaßes und der drastisch angehobenen Opferzahl“ (S. 41) entstehe bereits im Februar 1945 und sei bis Ende der 1990er Jahre dominierend. Fischer widerlegt die einzelnen Aspekte dieser Erzählung und stellt heraus, dass eine Folge davon die Geschichte so zu erzählen, die „Abtrennung der deutschen Nation von den Verbrechen des Nationalsozialismus“ (S. 43) sei. Gerade die Dresdner Ruinen haben sich für eine Entkontextualisierung geeignet und hier im Besonderen die Dresdner Frauenkirche, dies zeigt Fischer überzeugend an der Rede Horst Köhlers zur Weihe der Frauenkirche 2005.

Öffentlich problematisch wird diese entkontextualisierte Erinnerung allerdings, als Neo-Nazis die Tage der Luftangriffe auf Dresden mit immer mehr Zulauf für ihre „Trauermärsche“ nutzen. Dies führt dazu, dass auch von staatlicher Seite die historische Kontextualisierung der Luftangriffe auf Dresden stärker in den Blick gerät. Dennoch bleibe der Mythos Dresden, so die Kritik des Autors, „als Erfolgsgeschichte der glücklichen Wendung der deutschen Vergangenheit in die ‚Bürgergesellschaft‘ der Berliner Republik“ (S. 59) präsent.

Mythos II – Die einvernehmliche transición

Till Sträter vertritt in seinem Text die These, dass die Erinnerungsbewegung in Spanien, die sich seit dem Jahr 2000 gebildet hat, die herrschende Sicht auf die Vergangenheit, „in der die transición als Erfolgsgeschichte gezeichnet wird und die sinnstiftend für das gegenwärtige politische System fungiert“ (S. 63), in Frage stellt. In der Diskussion um das geforderte und 2007 realisierte Gesetz (ley de la memoria histórica) zum Umgang mit der jüngsten spanischen Vergangenheit geht es vor allem um die Massengräber des Bürgerkriegs sowie die Verschwundenen der Diktatur. Den Autor interessieren dabei vor allem die „Versatzstücke einer Gegenerzählung zum nationalen Narrativ“ (S. 79), die bei dieser Diskussion auftauchen. So sei die Übereinkunft über das Vergessen aller Opfer und Täter der Franko-Zeit ein wichtiger Bestandteil der nationalen Erzählung der transición.

Diesen Konsens stellen die Erinnerungsbewegungen in Frage und damit haben sie sich als ein „geschichtspolitischer Akteur konstituiert“ (S. 91). Ihr Verdienst sei es, dass öffentlich über die Verbrechen und Verbrecher der Diktatur diskutiert werde. Besonders wirkungsmächtig habe sich in der Gegenerzählung „der Bezug auf die Menschenrechte“ (S. 92) und die internationale Zusammenarbeit von Menschenrechtsorganisationen erwiesen.

Mythos III – Die wirtschaftlichen Nachkriegswunder

Uwe Fuhrmann macht in seinem Aufsatz die These stark, „dass die ersten derjenigen Maßnahmen, mit denen das Attribut ‚sozial‘ der Sozialen Marktwirtschaft heute legitimiert wird, auf Widerstand gegen Erhards neoliberale Politik zurückzuführen sind“ (S. 97). Ausgehend von der Inszenierung Ludwig Erhards als „Superstar“ (S. 98) und die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftswunders zeigt Fuhrmann, dass es 1948 zahlreiche Proteste gegen die Marktwirtschaft und vor allem die dramatischen Preisanstiege durch die Einführung der DM und die „Preisfreigabe“ (S. 105) durch Erhard gegeben habe. Als wichtigen Schauplatz dieser Proteste betrachtet der Autor Stuttgart und widmet sich ausführlich der gewerkschaftlich organisierten Einsprüche im Oktober und November 1948.

Ohne abstreiten zu wollen, dass dies außergewöhnliche und wichtige Proteste waren, scheint die These des Autors, dass diese für den sozialen Anstrich der marktwirtschaftlichen Politik maßgeblich waren, gewagt. Die Proteste, so wird es in der Analyse deutlich, richteten sich in erster Linie gegen die hohen Preise. Der Autor überlegt jedoch in einer Fußnote, „dass der Anlass zur Beschwerde nicht die hohen Preise an sich waren, sondern die sich daran materialisierende Ungerechtigkeit“ (S. 110). Dass die Bevölkerung mit ihren Protesten auch explizit den Anspruch hatte, gegen das System der wieder eingeführten Marktwirtschaft zu protestieren, scheint zunächst nicht eindeutig. Den Effekt der Proteste, die Befürworter*innen der Marktwirtschaft zu beunruhigen, sieht der Autor in den Mitteln belegt (Panzer, Tränengas, Bajonette etc.), die gegen sie eingesetzt wurden. Einleuchtender Beweis für diesen Effekt scheint die Aussage Erhards in dem für den Wahlkampf 1957 verfassten Text „Wohlstand für alle“, in dem er schreibt, „dass am 12. November 1948 ‘zum letzten Male in der Geschichte der Versuch gemacht wurde, die soziale Marktwirtschaft durch einen Streik ‚wegzufegen‘“ (S. 122f). Fuhrmanns Schlussfolgerung, dass die Marktwirtschaft unter dem „Druck der Straße“ (S. 127) hätte modifiziert werden müssen, ist hinsichtlich des Effekts der Proteste zuzustimmen, in Bezug auf ihren Anspruch jedoch uneindeutig. Das Anliegen, mit seinem Aufsatz den Dreischritt „Währungsreform – Soziale Marktwirtschaft − Wirtschaftswunder“ (S. 128) in Frage zu stellen, ist ihm gelungen. Ob er ihn damit „erschüttern“ (ebd.) kann, darf bezweifelt werden.

Mythos IV – Glückliche Wiedervereinigung

Jana König und Elisabeth Steffen widmen sich in ihrem Text der „geschichtspolitischen Inszenierung“ (S. 129) des Endes der DDR und dem gegenwärtig verbreiteten Mythos der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands. Nach einer vertiefenden Darstellung von Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ wenden die Autorinnen sich der These vom Ende der Geschichte zu. Geschichte erscheine Fukuyama zu Folge als „unausweichlicher und letztlich universaler Prozess, dessen Telos die liberale, kapitalistische Demokratie ist“ (S. 139). Übertragen auf die deutschen Verhältnisse nach 1989, sei hier von einem Normalisierungsnationalismus zu sprechen. Dieser stelle die DDR als „‘totalitären Unrechtsstaat‘“ (S. 141) dar und schaffe mit dem Abriss des Palastes der Republik und dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses eine „Rückkehr in die ‚ununterbrochene‘ geschichtliche Kontinuität der nun ‚wieder‘ vereinten Nation“ (S. 149). Demokratie und Kapitalismus seien in dieser Debatte der „begrüßenswerte Endpunkt dieser geschichtlichen Entwicklung“ (S. 149). Der Vorwurf lautet also, die zentralen Begriffe des Buchtitels aufgreifend: „Der Umgang mit der Geschichte bewegt sich […] zwischen der Ignoranz gegenüber der DDR- Vergangenheit und der Inszenierung einer historischen Kontinuität von Nation“ (ebd.). Um den geforderten Bruch mit der „Grundstruktur der hegemonialen Erzählung“ (S. 156) zu ermöglichen, scheint es neben der bereits geleisteten Analyse zielführend, auch Ereignisse abseits von politischen Inszenierungen der Machthabenden zu untersuchen.

Teilweise überflüssig erscheinen die mitlaufenden grundlegenden Aussagen zu Geschichtsschreibung in diesem Text, die konstatieren, dass die hegemoniale Geschichtsschreibung nicht-hegemoniale historische Momente ausschließe, dass sie selektiv sei und in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden wäre. Dass die Autorinnen eine alternative und nicht-hegemoniale Geschichtsschreibung anstreben, wird deutlich, hilfreich scheint es dabei jedoch nicht, sich selbst gänzlich außerhalb der „echten“ Geschichtsschreibung zu positionieren.

Ist eine linke Geschichtspolitik möglich?

Im letzten Kapitel ist eine Diskussionsrunde der Herausgeber*innen mit Freund*innen abgedruckt. Dieses Format ist gewöhnungsbedürftig, bietet aber tatsächlich die Möglichkeit Einblick in die geführten Diskussionen zu bekommen und offene Fragen weiterzudenken. Am relevantesten erscheint die Frage wie eine linke Geschichtspolitik überhaupt möglich ist, ohne selbst Mythen zu produzieren, die unterlegene Seite zu verklären, zu verhindern, dass die neu erforschten Aspekte nicht die hegemoniale Erzählung legitimieren und stabilisieren, indem sie vereinnahmt werden oder andererseits nur „kosmetische Veränderung“ (S. 168) darstellen. Keine Lösung sei es, sich nur mit „Mikrogeschichte“ (S. 177) zu befassen, da dies politisch und wissenschaftlich wenige Erkenntnisse ermöglichen würde. Es bleibt die Feststellung, dass es wohl immer wieder Verkürzungen und Mythen in der Geschichtsschreibung geben werde, aber dennoch Alternativen ge- und versucht werden sollten. Ein Diskutant resümiert: „Es ist immer besser, es zu versuchen, als es sein zu lassen“ (S. 168).

Das vorliegende Buch, so die abschließende Einschätzung, bietet einen inhaltlich wie formal anregenden und vielfältigen Einblick in Mythen im Umgang mit der Vergangenheit. Zu bedauern ist einzig, dass der Bezug auf neuere Nationalismusforschung in und außerhalb der Geschichtswissenschaften, die teilweise ähnliche Anliegen wie der vorliegende Band verfolgen, weitgehend fehlt. So wäre ein Bezug auf die bekanntesten Autoren Benedict Anderson („Die Erfindung der Nation“) oder Eric Hobsbawm („Nationen und Nationalismus“), die sich bereits ausführlich mit der Konstruktion einer nationalen Geschichte, nationalen Helden oder anderem befasst haben, sinnvoll gewesen. Unter der Ausblendung von Versuchen des alternativen Umgangs mit Geschichte erscheint das Bild davon, wie „man“ heute Geschichte sieht, als ein hegemonialer, naturalisierender, konformistischer Diskurs linearer und teleologischer Geschichtsschreibung als eine zu einfache Abgrenzungsfolie. Eine Unterscheidung zwischen öffentlichen, häufig aus Regierungskreisen vertretenen, Positionen und Bemühungen anderer gesellschaftlicher Akteure im Umgang mit nationalen Mythen wäre eine wünschenswerte Ergänzung zu diesem Band, der sich fast ausschließlich mit ersteren beschäftigt und diesen die „verschütteten“ historischen Möglichkeiten entgegensetzt, ohne dabei zu merken, welche gegenwärtigen Ansätze dabei unterschlagen werden.

Henning Fischer / Uwe Fuhrmann / Jana König u.a. (Hg.) 2012:
Zwischen Ignoranz und Inszenierung. Die Bedeutung von Mythos und Geschichte für die Gegenwart der Nation.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-897-0.
205 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Selma Haupt: Nationale Mythen. Erschienen in: Gedenkpolitik: Zwischen Mythos und Kritik. 26/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1107. Abgerufen am: 15. 12. 2019 11:27.

Zum Buch
Henning Fischer / Uwe Fuhrmann / Jana König u.a. (Hg.) 2012:
Zwischen Ignoranz und Inszenierung. Die Bedeutung von Mythos und Geschichte für die Gegenwart der Nation.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-897-0.
205 Seiten. 19,90 Euro.