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Nach der Dekonstruktion

Buchautor_innen
Roswitha Scholz
Buchtitel
Das Geschlecht des Kapitalismus
Buchuntertitel
Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats
Mit der Theorie der Wert-Abspaltung liegt ein fruchtbarer Zugang vor zum Verständnis des Fortbestehens hierarchischer Geschlechterverhältnisse jenseits und trotz aller Brüche rund um das ‚Geschlecht als Konstruktion‘.
Rezensiert von Melanie Götz

Scholz reiht sich mit „Das Geschlecht des Kapitalismus“ in eine aktuelle feministische Debatte ein, die auf die Nachwirkungen des Cultural Turn antwortet: Der Kulturalisierung des Sozialen in den Sozialwissenschaften und dem damit einhergehenden dekonstruktivistischen Zugang zur Geschlechterfrage wird ein revidierter feministisch-materialistischen Ansatz entgegengestellt. Gegenstand von Scholz‘ Buch sind die asymmetrischen Geschlechterverhältnisse und die gesellschaftliche Struktur, die diese hervorbringt und reproduziert. Leitend ist die Frage nach dem Warum – und damit dem Sinn – einer Abspaltung und Abwertung des als weiblich konnotierten Anderen und der diesem zugeschriebenen und real mehrheitlich zugewiesenen gesellschaftlichen Bereiche (Reproduktion) und Sphären (Privatsphäre) innerhalb der kapitalistischen Variante sozialer Organisation, die Scholz als das „warenproduzierende Patriarchat“ beschreibt. Ihr zentrales Theorem der Wert-Abspaltung kommt einer Renaissance der ‚großen Erzählungen‘ nahe – mit dem feinen, aber revolutionären Unterschied, dass es feministische und marxistische Theorieansätze fruchtbar zu integrieren weiß und keiner Haupt-/ Nebenwiderspruch-Logik folgt.

Programmatische und erkenntnistheoretische Vorüberlegungen zur Kritik der Wert-Abspaltung

Der Aufbau des Buches orientiert sich entsprechend an der erkenntnistheoretischen Logik ihrer Theorie der Wert-Abspaltung. In einem ersten Kapitel skizziert Scholz dazu, unter kritischem Rekurs auf marxistisches Begriffsinstrumentarium, die Grundbegriffe Wert und Wert-Abspaltung. Für die Leser_innen ist hierfür eine gewisse Vertrautheit mit marxistischer Analyse sicher von Vorteil, wenn auch nicht zwingende Voraussetzung, um den Aufspann der Problematik beziehungsweise ihres Forschungsinteresses zu verstehen. Zumindest sollte man aber mit dem „Fetischismus der Warenform“, dem Begriff der Warenförmigkeit von Arbeit (in ihrer abstrakten Form) etwas anzufangen wissen, um überhaupt in das Gedankengebäude einsteigen zu können. Hier zeigt Scholz gleichsam die Verkürzungen des „traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus“ (S. 18), dessen soziologisch motiviertes Interesse sich im Kern als Phantasma einer möglichen Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Bestehenden darstelle:

„Der absurde Selbstzweck der totalitären Waren- und Geldform selbst ist das Problem, während die ‚gerechte Verteilung‘ innerhalb dieser Form den Systemgesetzen und damit den systemischen Restriktionen unterworfen bleibt, also eine bloße Illusion ist. (…) [N]icht die Abschöpfung des abstrakten Reichtums in der unaufgehobenen Geldform ist das entscheidende Problem, sondern diese Form selbst.“ (S. 19)

In diesem System der Produktion für anonyme Märkte um des fetischisierten (Mehr-)Wert willens – nicht etwa für die Bedürfnisse der darin lebenden und arbeitenden Menschen – bedient sich das System Kapitalismus einer bequemen Lösung seiner Selbstreproduktion: Es spaltet das Gesamt des Reproduktiven in den Bereich des Privaten und vermeintlichen Nicht-Werts ab. Dieser Prozess der Abspaltung hat weitreichende Konsequenzen für die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes und für die Frauen im Besonderen. Denn die Abspaltung zielt auf die reproduktiven Tätigkeiten, die heute zumeist unter dem Schlagwort „Care“ in linken und linksfeministischen Zusammenhängen diskutiert werden und die seit der Moderne immer schon als klassisch „weiblich“ verstanden und überwiegend an Frauen delegiert worden sind. Während aktuelle Care-Ansätze sich – ähnlich dem Arbeitermarxismus – noch mit der Frage der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb des Bestehenden – der patriarchal-kapitalistischen Wirklichkeit – zu befassen scheinen, nimmt Scholz quasi gleich den ganzen falschen Systemzusammenhang in Augenschein:

„Das Abgespaltene ist kein bloßes ‚Subsystem‘, (…) sondern wesentlich und konstitutiv für das gesellschaftliche Gesamtverhältnis (…) zwischen Wert und Abspaltung (…). Es handelt sich um die beiden zentralen, wesentlichen Momente desselben in sich widersprüchlichen und gebrochenen gesellschaftlichen Verhältnisses, die auf demselben hohen Abstraktionsniveau erfaßt werden müssen.“ (S. 21)

Revisited: Das „Private“ ist politisch

Vor diesem Hintergrund nimmt Scholz im zweiten Teil des Buches eine kritische Revision linksfeministischer Theorieklassiker der Zweite-Welle-Frauenbewegung vor, um ihre Position einer radikalen Kritik am warenproduzierenden Patriarchat und seinen geschlechtsspezifischen Implikationen analytisch-inhaltlich (auf kulturell-symbolischer, materiell-ökonomischer und soziopsychischer Ebene) und bezüglich ihrer Reichweite (ab Moderne bis in die Postmoderne) abzustecken. Im Anschluss legt Scholz im zentralen Teil des Buches die Grundzüge ihrer Wert-Abspaltungs-Kritik in zwölf Punkten dar und bestimmt sie definitorisch und programmatisch. Die Wert-Abspaltung ist demnach das eine „übergeordnete Formprinzip“ (S. 126), das als zentrales Vergesellschaftungsprinzip fungiert, indem es „die Gesellschaft auf grundlegende Weise als Ganzes strukturiert“ (S. 117). Die thesenartig formulierte Annäherung an das „Wesen“, das heißt die „Meta-Struktur“ (S. 125), des modernen kapitalistischen Patriarchats lässt sich zentral in der Trennung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verorten. Diese grundlegende und hierarchisierende Spaltung ist auf der kulturell-symbolischen Ebene als das wirkmächtige System der dualistischen Zweigeschlechtlichkeit (Mann/Frau) im modernen Sinne vermittelt, welchem auf der materiellen Ebene die Spaltung in abstrakte Arbeit und „Hausarbeit“ korrespondiert. Das Grundmuster der Wert-Abspaltung – Öffentlichkeit-Privatheit, Produktion-Reproduktion, Mann-Frau – schlägt sich dabei „als Verdrängung/Abspaltung des Weiblichen, die Abwertung der realen Frauen und die Existenz männlicher Dominanz in psychischen Tiefenschichten“ (S. 121) nieder und ist dort wirkmächtig. Als der unbewusste Anteil aller in diesem System des warenproduzierenden Patriarchats Sozialisierten erklärt der gesellschaftlich-dialektisch vermittelte Androzentrismus (also eine den Mann/das Männliche ins Zentrum des Denkens stellende Anschauung) – als eine Art „psychogenetisches Unterbauphänomen“ (S. 120) – ob seiner Tiefenverankerung letztlich auch die Reproduktion des Systems „Wert-Abspaltung“ selbst. Und mithin die Fortdauer der asymmetrischen Geschlechterverhältnisse in die Postmoderne hinein – trotz und neben aller kulturalistisch-interaktionistisch bemühten Brechungen, Umcodierungen und ‚Verwirrungen‘ rund um Geschlecht (beziehungsweise „gender“). Geschlechterverhältnisse können sich, oberflächlich betrachtet, auf der Ebene der Erscheinungen (der Phänomene) schon wandeln – die der Wert-Abspaltung (dem Wesen) immanente Spaltung und Hierarchisierung ‚männlich-weiblich‘ bleibt darin dennoch erhalten und weiter wirksam.

Kritik: Patriarchat ist Androzentrismus… – ist Patriarchat?

Widmet Scholz der Begriffserläuterung zu Wert, Abspaltung und Wert-Abspaltung zwei ganze Kapitel, verwundert es in der Gesamtschau ihres Werks doch sehr, dass sie es komplett unterlässt, ihren wesentlichen Bezugsrahmen (Patriarchat) in seiner historischen Entstehung zu reflektieren und einzubeziehen. Stattdessen erfolgt der Bezug auf „Patriarchat“ anscheinend willkürlich gesetzt erst ab der Moderne (Aufklärung und kapitalistische Produktionsweise). Doch existiert ein ‚System Patriarchat‘ nun schon zwei bis drei Jahrtausende länger als das titelgebende, spezifisch neuzeitliche, und in Gesellschaften, die noch nicht einmal ansatzweise kapitalistisch zu nennen sind. Insofern untersucht Scholz nur eine besondere Ausprägung ihres Bezugsrahmens (zur Erinnerung: „warenproduzierendes Patriarchat“) – nämlich das Moment des Kapitalistischen beziehungsweise Warenförmigen – nicht jedoch das explizit Patriarchale selbst. So scheint es insgesamt, als fiele bei Scholz der Begriff des Patriarchalen mit dem des Androzentrischen schlicht in eins, wenngleich schon der Logik nach ersteres (Patriarchat) als grundlegendes „Wesen“ von Gesellschaft nicht in einem seiner phänomenologisch rekonstruierbaren, spezifischen Aspekte (Androzentrismus) aufgehen kann. Ein wesentlicher begrifflich-theoretischer Bestandteil der Wert-Abspaltung fällt so auf 233 Seiten inspirierender Theorielektüre schlichtweg einfach unter den Tisch. Dies muss gerade vor dem Hintergrund einer derart theoretisch groß aufgezogenen Gesamtschau der feministisch-marxistischen Grundlagenforschung als erhebliche Sollbruchstelle der theoretischen Genese der Wert-Abspaltungskritik bezeichnet werden.

Fazit

Es handelt sich beim „Geschlecht des Kapitalismus“ um ein in Schreibstil und Tiefe sehr anspruchsvolles Werk, das ein grundlegendes Vorwissen marxistischer und links-/feministischer Diskurse und Theorien voraussetzt. Es handelt sich mithin um ein wissenschaftliches Fachbuch, was den Leser_innenkreis sicher auf einen eher akademischen einschränken wird. Nichtsdestotrotz: Scholz‘ Kritik der Wert-Abspaltung ist aufschlussreich für all jene interessierten Leser_innen, die sich schon länger mit der Frage befassen, wie angesichts des allgegenwärtigen Verschwindens traditioneller Geschlechternormen in der Postmoderne die faktischen Geschlechterverhältnisse und die Zugänge zu gesellschaftlichen Ressourcen und Einfluss nahezu unverändert hierarchisch zwischen den Geschlechtern verteilt sind, immer noch zu Ungunsten der Frauen. Weil Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in der sozialen Realität eben doch mehr sind als eine bloß diskursiv-papiergewordene Verhandlungsmasse und der neoliberale „Flexi-Kapitalismus“ auch die Brüche und Umschreibungen von ‚sex und gender‘ in der Postmoderne mitzudenken und in seinem Sinne zu integrieren weiß, ist Scholz‘ Theorie der Wert-Abspaltung so inspirierend wie wertvoll. Dies gilt insbesondere für das Zusatzkapitel („Towards a Big Theory“), das der erweiterten Neuauflage von 2011 zugefügt wurde. Darin setzt sich Scholz kritisch und geradezu bissig-satirisch mit den postmodernen Absurditäten rund um die Systemintegration von fetischisierter ‚Queerness‘ und Gender-Dekonstruktivismen in den neoliberalen „Flexi-Kapitalismus“ auseinander. Und seziert diese am eingängigen Beispiel poppiger Phänomene in Mittelschichtsfeminismen („Alphamädchen“ und „Top Girls“) als das, was „Feminismus“ in bestimmten Kreisen (mittlerweile geworden) ist: eine kapitalismuskompatible Form des Way of Life, der sich nurmehr den Anschein gibt, politisch im feministischen Sinne zu sein, und sich „vor lauter Vervielfältigung und Verquasung selbst nicht mehr kennt“ (S. 210). Ein wichtiges neues Standard(?)-Werk der feministischen Debatte!

Roswitha Scholz 2011:
Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats.
Horlemann Verlag, Angermünde.
ISBN: 978-3-89502-311-8.
224 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Melanie Götz: Nach der Dekonstruktion. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1242. Abgerufen am: 09. 12. 2019 04:12.

Zum Buch
Roswitha Scholz 2011:
Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats.
Horlemann Verlag, Angermünde.
ISBN: 978-3-89502-311-8.
224 Seiten. 14,90 Euro.