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Mit Redundanz gegen Rechts

Buchautor_innen
Astrid Geisler / Christoph Schultheis
Buchtitel
Heile Welten
Buchuntertitel
Rechter Alltag in Deutschland
Das von den Mainstream-Medien allseits gelobte Buch von Astrid Geisler und Christoph Schultheis offenbart wenig Neues.
Rezensiert von Friedrich Burschel

Man könnte ja wirklich ein Fan von Astrid Geisler sein. Unvergessen ihre wirklich schönen, pointierten und entlarvenden Reportagen zum Themenfeld „rechte Unkultur“ in der taz: wie sie den Brandenburger Verfassungsschutz in dem Beitrag „Wie Bin Laden nach Prenzlau kam“ (4.7.2010) hochnimmt oder den wirren Rechtspopulisten und anti-islamischen Unkenrufer Udo Ulfkotte demaskiert („Der Kreuzretter“, 17.7.2007). Ganz toll! Ihr neues Buch aber, das sie gemeinsam mit dem taz-Kollegen Christoph Schultheis bei Hanser veröffentlicht hat, ist in mehrfacher Hinsicht ärgerlich.

Altbekannte Ideen sind selten originell

Das liegt nicht daran, dass die Reportagen nicht handwerklich gut wären: durchaus nicht. Das Autor_innenpaar hat neun Orte aufgesucht. Zum einen solche, die vor Kurzem noch im medialen Rampenlicht standen (z.B. Delmenhorst, Krampfer, Halberstadt), zum anderen solche, an denen sich ein Phänomen aus dem „Rechten Alltag in Deutschland“ beleuchten ließ (z.B. Neubrandenburg, Köln, Strehla, Bargischow). Da geht es um ein „kleines“ soziales Netzwerk in Neubrandenburg, in dem sich unter den 140 000 Nutzer_innen völlig unbehelligt harte Nazis tummeln wie die Fische im Wasser. Es geht um eine wohl situierte Mutter aus Bayern, deren Bub sich nach rechts verabschiedet hat; um die nette NPD-Nachbarin, die auch im Elternbeirat aktiv ist; um „normale“ Menschen, deren Engagement gegen Rechts ihnen das Leben schwer oder zur Hölle macht; um den Mann hinter dem rechtspopulistischen Politically Incorrect-Webprojekt oder um den Schildbürgerstreich um das Stadthotel in Delmenhorst.

Bleibt nur die Frage: wozu das alles noch mal, wozu noch mal den Gestus der rasenden Reportage-Schreiber_innen, die ach so aufwändig vor Ort recherchieren. „Noch so ein Buch über Rechtsextreme also?“ fragen die Autor_innen selbst, um ihr Alleinstellungsmerkmal mit Schwung zu präsentieren: „Eben nicht. Wir haben uns auf den Weg dorthin gemacht, wo sich gerade keine Kamerateams drängen.“ Das wäre originell, wenn auf diese Idee nicht auch schon andere gekommen wären. So z.B. Olaf Sundermeyer und Christoph Ruf 2009 mit „In der NPD – Reisen in die national befreite Zone“, das auch schon keinen mehr vom Schlitten gerissen haben dürfte. Die Ergebnisse lesen sich ähnlich und werden mit dem immer gleichen Anspruch auf Originalität und Einzigartigkeit präsentiert. Diesem Anspruch werden sie in den seltensten Fällen gerecht und sind einfach nur Sammlungen von Reportagen, wie man täglich eine in den Medien lesen kann.

Auch der vermeintliche Tabu-Bruch, dass mit erklärten Nazis gesprochen wird, ist schon lange keiner mehr und kann spätestens seit Wiglaf Drostes Glosse „Mit Nazis reden“ (1993/94) als überflüssig erachtet werden.

Dann darf auch zum x-ten Mal der geradezu antike Hinweis nicht fehlen, dass bei Nazis die „88“ für Heil Hitler steht. Und immer wieder muss darauf hingewiesen werden, dass die Nazis gar nicht so weit weg sind von der Mitte der Gesellschaft und ihre Ideen weit in diese hineinreichen. Da dürfen natürlich die einschlägigen Studien etwa von der Friedrich Ebert Stiftung nicht unerwähnt bleiben. Es liegt auch an diesem immer gleichen ermüdenden Strickmuster solcher Veröffentlichungen, dass „nichts besser geworden ist“ seit Kanzler Schröders „Aufstand der Anständigen“. Pressevertreter_innen, die sich für irgendwie gerissener und schlauer halten als ihre Leser_innen und meinen, ihnen komme eine kardinale Rolle bei der gesellschaftlichen Aufklärung zu, wenn sie sich mit „jenem Alltag jenseits der Schlagzeilen“ befassen, langweilen einfach nur.

Der Alltag jenseits der Schlagzeilen

Dass ihnen dabei immer noch der Verfassungsschutz als höchste und unhinterfragte Referenzquelle etwa für die Gefährlichkeit oder Wichtigkeit einer bestimmten nazistischen Aktivität gilt, belegt ihre eigene Erstarrung in diesem überheblichen Gestus. Nach einem satten Jahr Diskussionen um „Linksextremismus“ und Extremismus-Klauseln und angesichts massiver Vorstöße des Verfassungsschutzes in allen gesellschaftlichen Bereichen (Politik, Wissenschaft, Medien, politische Bildung), erscheint es geradezu rückwärtsgewandt, die zum Teil bedenkliche Rolle und fragwürdigen Praktiken des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz unhinterfragt zu lassen.

Dazu passt, dass der (Rechts-)Extremismus-Begriff gänzlich unbeanstandet bleibt oder gar in behördlicher Diktion einfließt, während unabhängige Rechercheure und Antifa-Gruppen keine Erwähnung finden. Doch gerade sie leisten in jenem ländlichen Raum, den die beiden Schreiber_innen so wagemutig bereisten, oft unschätzbare Arbeit, obwohl sie isoliert und vom Verfassungsschutz kriminalisiert mit dem Rücken zur Wand stehen. Dieses Manko ihrer Veröffentlichung scheint den Autor_innen irgendwie aufgefallen zu sein, weshalb sie in einem kurzen Schlusskapitel rasch noch nachschieben, es sei ihnen nicht um „Tipps und Tricks gegen Rechts“ gegangen, sondern darum „die Sinne zu schärfen“. Aber die Redundanz des Formats „Mutige Reportagen aus dem Herz der Finsternis“ verhindert selbst das.

*

Die Rezension erschien zuerst am 15. April in Analyse und Kritik (Nr. 560, S. 12) und wurde uns freundlicherweise vom Autor zur Verfügung gestellt (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 5/2011)

Astrid Geisler / Christoph Schultheis 2011:
Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland.
Carl Hanser Verlag, München.
ISBN: 978-3-446-23578-6.
224 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Friedrich Burschel: Mit Redundanz gegen Rechts. Erschienen in: Rechte „Mitte“ – „extreme“ Rechte. 3/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/895. Abgerufen am: 25. 08. 2019 20:17.

Zum Buch
Astrid Geisler / Christoph Schultheis 2011:
Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland.
Carl Hanser Verlag, München.
ISBN: 978-3-446-23578-6.
224 Seiten. 19,90 Euro.