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Im Therapiegespräch mit Spinoza

Buchautor_innen
Irvin D. Yalom
Buchtitel
Das Spinoza-Problem
Der dritte große Roman Irvin Yaloms erfüllt die hohen Erwartungen nur bedingt. Der literarischen Umsetzung der durchaus interessanten Thematik hätte ein wenig mehr Zurückhaltung des Autors gutgetan.
Rezensiert von Paul Gensler

Irvin Yalom führt mit „Das Spinoza-Problem“ das Konzept seiner überaus erfolgreichen Romanreihe fort. Wie auch in „Und Nietzsche weinte“ sowie „Die Schopenhauer-Kur“ steht im Mittelpunkt des Romans ein bekannter historischer Philosoph, dessen Leben in eine fiktive Rahmenhandlung eingebunden wird: Benedictus de Spinoza. Der geringe Umfang der überlieferten Details aus dem Leben des Philosophen erschwerte dem Autor den Zugang nach eigenen Angaben enorm. Der Roman besteht letztlich zu gleichen Teilen aus abwechselnden Schilderungen der Lebensgeschichten des sephardisch-niederländischen Philosophen Spinoza sowie Alfred Rosenbergs, seinerseits:

„Bestsellerautor mit Millionenauflage. Herausgeber der wichtigsten Tageszeitung. Ein prestigeträchtiger Regierungsposten nach dem anderen: Vordenker der NS-Ideologie, verantwortlich für die Ausbildung, Leiter des ERR, Reichsminister für besetzte Ostgebiete. Und trotzdem im inneren Zirkel der NSDAP unbeliebt und verlacht.“ (S. 237f)

Die Idee zur Konzeption des Romans kam Yalom bei einem Besuch im Spinoza-Museum in Rijnsburg, wo er von der nationalsozialistischen Beschlagnahmung des Museumsinventars, das „zur Erforschung des Spinozaproblems (sic!) von besonderer Bedeutung“ (S. 11) sei, erfuhr. Eben jenes „Problem“ lässt sich vermutlich am besten als inneren Konflikt Rosenbergs beschreiben. Dieser war zum Einen überzeugter Antisemit und zum Anderen glühender Verehrer Goethes. Goethe hingegen schien eine große Bewunderung für den jüdischen Philosophen Spinoza gehegt zu haben – für Rosenberg ein unvereinbarer Widerspruch. Die Interpretation dieses fiktiven Konfliktes bildet schließlich die Rahmenhandlung des Romans.

„‚Das Geheimnis der Kreativität ist es, seine Quellen zu verstecken zu wissen.‘“ (S. 419) Das Zitat Einsteins führt den Naziideologen zu der Hypothese, dass sich Spinoza seine theoretische Genialität zusammengestohlen habe, diese dadurch nicht als jüdisch gelten könne und sein Idol Goethe somit „entlastet“ sei. Eben jene Vorstellung begleitet Rosenberg durch sein von Yalom skizziertes Leben.

Leben und Denken Spinozas

Neben der biographischen Entwicklung Rosenbergs zeigt der andere Handlungsstrang des Romans das Leben Spinozas von seinem Cherem-Ausschluss aus der jüdischen Gemeinde in Amsterdam 1656 bis kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Werkes „Der Theologisch-Politische Traktat“.

Wie in den beiden Vorgängern des Romans kann auch dieser als Einführung in das Leben und die Philosophie der titelgebenden Figur gesehen werden. Beide Hauptfiguren sind gründlich recherchiert, jedoch eindeutig literarisch gefasst. Besonders interessant ist die Darstellung der philosophischen Theorie Spinozas. Yalom lässt den Titelhelden seine später verfassten Werke („Theologisch-politischer Traktat“ 1670, „Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt“ sowie „Abhandlung über den Staat“, beide 1677 posthum erschienen) skizzieren.

Spinoza – so wird deutlich – war seiner Zeit definitiv voraus. Spinozas Theorie ist elementar antiklerikal und er liest und interpretiert die Thora auf eine Art und Weise, die dem orthodoxen Verständnis diametral entgegensteht:

„‚Ich glaube, das Problem hat seine Wurzeln in einem fundamentalen und gewaltigen Irrtum, dem Irrtum nämlich anzunehmen, Gott sei ein lebendes, denkendes Wesen, ein Wesen nach unserem Ebenbild, ein Wesen das denkt wie wir, ein Wesen, das über uns nachdenkt. (...) Ich glaube, wenn Dreiecke denken könnten, würden sie einen Gott mit dem Aussehen und den Attributen eines Dreiecks erschaffen.‘“ (S. 78, Herv. i. O.)

Seine Analyse der „heiligen Schriften“ und deren Interpretation als nicht-zweifelsfrei-göttliche Werke lassen ihn zu einem Vordenker der modernen Bibelkritik werden, führen aber schließlich auch zu dem Chérem, also dem Ausschluss des 23-jährigen Spinozas aus der jüdischen Gemeinde. Zumindest im Roman verschafft diese Verbannung Spinoza die Freiheit zum Entwickeln seiner späteren Theorie, während er sich seinen Lebensunterhalt durch das Schleifen von Linsen verdient. Einen sehnsüchtigen Ausblick auf sein späteres Leben lässt der yalomsche Spinoza verlauten:

„‚Ich beabsichtige, ein religiöses Leben ohne den Einfluss irgendeiner Religion zu führen. Ich glaube, dass alle Religionen, sei es der Katholizismus, der Protestantismus, der Islam oder auch das Judentum, uns nur den Blick auf die religiösen Kernaussagen versperren. Ich hoffe, dass wir eines Tages in einer Welt ohne Religionen leben werden, in einer Welt mit einer universalen Religion, in welcher jeder Einzelne seine Vernunft einsetzt, um Gott zu erforschen und zu ehren.‘" (S. 265)

Die Frage, inwieweit Spinozas Religionskritik als vernunftorientierter Atheismus zu verstehen sei, schwingt im Roman beständig mit:

„‚Es ist nicht mein Ziel, das Judentum zu ändern. Mein radikaler Universalismus zielt darauf ab, alle Religionen zu beseitigen und eine universelle Religion einzurichten, in welcher alle Menschen danach streben, Glückseligkeit durch das vollkommene Verstehen der Natur zu erlangen.‘“ (S. 404)

Spinoza ist somit eher als ein Vordenker des Pantheismus zu sehen. Dabei handelt es sich um eine Position zwischen Religiosität und radikalem Atheismus, die Gott und Natur gleichsetzt. Eben jene Vorstellung führt Goethe schließlich auch zu Spinoza und zeigt sich in dessen Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ als literarische, ästhetische Umsetzung.

Zu viel Interpretation

Irvin David Yalom wurde 1931 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Washington D.C. geboren. Nach dem Studium der Medizin widmete er sich vor allem der Psychoanalyse. Er gilt als einer der bedeutendsten US-amerikanischen Psychoanalytiker mit einer starken Neigung zu philosophischen Themen. Gerade seine literarischen Werke feiern weltweit große Erfolge. Die charakteristische Verbindung von psychoanalytischem und historischem Stoff, welche vor allem in „Und Nietzsche weinte“ anschaulich umgesetzt wurde, gelingt in dem vorliegenden Werk jedoch nur bedingt.

Um Zugang zur Psyche seiner Protagonisten Spinoza und Rosenberg zu finden, erfindet Yalom zwei weitere Personen: Franco Benitez und Friedrich Pfister. Über diese beiden Charaktere dringt Yalom selbst in die Geschichte ein. Franco tritt als Freund Spinozas auf und unterstützt diesen bei der Ausgestaltung seines philosophischen Grundgerüstes. Er scheint dabei überaus bewandert in psychoanalytischer Theorie: „‚Vielleicht kann ich dies und das bei Bento Spinoza entdecken, was er selbst nicht entdecken kann (...) Ihr eigenes Selbst steht Ihnen im Weg und behindert Ihre Sicht.“ (S. 440) So interpretiert Franco beispielsweise die (historisch belegte) frauenfeindliche Einstellung Spinozas als Ergebnis frühkindlicher Prägungen.

Hier zeigt sich eine Tendenz des Romans, gesellschaftliche Gewalt(en) in gewisser Weise zu pathologisieren und versuchsweise individuell zu korrigieren. Spinozas Sexismus gegen Frauen wird unter Zuhilfenahme der Figur des Franco aus heutiger Perspektive be- und zu Recht verurteilt, aber meines Erachtens nicht zeithistorisch eingeordnet und somit individualisiert.

Yalom reflektiert seine Begeisterung für männliche und in erheblichem Maße frauenfeindliche Philosophen in seinen Romanen. Nietzsche, Schopenhauer und nun Spinoza werden von ihm unter diesem Aspekt therapeutisch betrachtet und kriegen korrigierende, fiktive Charaktere zu Seite gestellt. Eben jene Funktion erfüllen Franco Benitez und seine emanzipierte Ehefrau Sarah. Durch diese Konzeption der Romane wird in Ansätzen eine pro-feministische Relektüre der titelgebenden Philosophen ermöglicht, gleichzeitig kann dies zu einer rehabilitierenden Verklärung frauenfeindlicher Tendenzen führen.

Die Therapie des Antisemitismus

Der zweite Handlungsstrang des Romans betrifft wie erwähnt die Lebensgeschichte Alfred Rosenbergs. Das Konzept ist nahezu dasselbe. Auf sehr deutlich konstruierte Weise tritt Friedrich Pfister – studierter Psychoanalytiker – in das Leben Rosenbergs. Trotz gegenseitiger Sympathie kommt es mehrmals zu Konflikten zwischen den beiden aufgrund des „jüdischen Charakters“ der Psychoanalyse. Im Laufe der Geschichte beginnt Pfister schließlich Rosenbergs Antisemitismus therapeutisch anzugehen:

„‚Es gibt viele, die dieses Gefühl der Minderwertigkeit nicht akzeptieren können und es damit kompensieren, dass sie einen Überlegenheitskomplex entwickeln, der nichts anders als die Kehrseite derselben Medaille ist. Alfred, ich glaube, dass diese Dynamik bei dir im Spiel sein könnte. Wir haben darüber gesprochen, wie unglücklich du als Kind warst und dass du dich nirgends zu Hause fühltest, dass du unbeliebt warst und dich darum bemühtest, zum Teil auch deshalb Erfolg zu haben, um ‚es ihnen zu zeigen‘ - weißt du noch?‘“ (S. 346)

Der Antisemitismus Rosenbergs wird schließlich radikalisiert: „Alfred, uns allen gefällt es, die Juden zu hassen, aber bei dir ist eine solche .... solche Inbrunst dahinter.“ (S. 131) Eben jene dämonische Form des Judenhasses ist der Fokus dieses Handlungsstranges. Die Verantwortung an der Shoah wird in den Nazigrößen, hier exemplarisch am Beispiel des NS-Ideologen Rosenbergs, gesucht. Jeglichen subtileren und dadurch nicht weniger wirkungsmächtigen Ausprägungen des Antisemitismus wird leider keine Beachtung geschenkt.

Die Gestaltung des Charakters Rosenbergs basiert einerseits auf den bekannten biographischen Fakten und andererseits auf Elementen der Psychoanalyse nach Freud. Die alleinige Verwendung der Psychoanalyse als Gesellschaftskritik ist zu Recht keineswegs unumstritten. In der Kritischen Theorie und auch im Poststrukturalismus hat sie jedoch Eingang und produktive Weiterentwicklungen gefunden.

Vermutlich berufsbedingt scheint Yalom die Psychoanalyse eher als individuelle Therapieform anstatt als Gesellschaftstheorie aufzufassen. Die der Psychoanalyse bedingt inhärente Möglichkeit, Antisemitismus als Massenphänomen aufzufassen, wird im Roman durch die Konzentration auf die Person Rosenberg leider nicht genutzt. Eben die Frage, warum es allen gefiel, die Juden zu hassen, wird übergangen und durch den altbekannten Fokus auf die vermeintlich bedeutsamen Täter ersetzt. Die Möglichkeit der individuellen Therapie der Ideologie Antisemitismus kann vermutlich nur als wenig Erfolg versprechend eingeschätzt werden. Das letztendliche Scheitern Pfisters könnte in diesem Falle als Reflexion der Methodik gelesen werden.

Fazit

Die besondere Bedeutung und Bekanntheit der Schriften Irvin Yaloms liegen zu einem nicht geringen Teil darin, dass sie als populär-philosophische und -psychoanalytische Einführungen gelten. Eben dies erfüllt der Roman. Der religionskritische Teil der Philosophie Spinozas wird in dem Werk auf anschauliche Weise dargelegt und regt zu einer weiterführenden Lektüre der Schriften des Philosophen an. Yaloms Erfolgskonzept geht in diesem Roman jedoch nicht auf. Die persönliche Faszination des Autors für Spinoza führt ihn selbst schließlich zu weit in die Geschichte hinein. Darüber hinaus verliert die liebevolle Hommage auf Spinoza durch die Überbetonung des Alfred Rosenberg an Wirkung. Erst der Naziideologe scheint dem ex-jüdischen Philosophen eine Bedeutung zu verleihen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass es sich bei „Das Spinoza-Problem“ von Irvin Yalom nicht unbedingt um einen sehr guten Roman, doch um ein durchaus lesenswertes, wenn auch äußerst strittiges, (politisches) Werk handelt, das Raum für interessante Diskussionen über Judentum, Religion(-skritik), Sexismus, Antisemitismus und Psychoanalyse eröffnet. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass Yalom in naher Zukunft zu der Qualität eines Romans wie „Und Nietzsche weinte“ zurückfindet.

Irvin D. Yalom 2012:
Das Spinoza-Problem.
Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
ISBN: 978-3-442-75285-0.
480 Seiten. 22,99 Euro.
Zitathinweis: Paul Gensler: Im Therapiegespräch mit Spinoza. Erschienen in: Kriegerischer Frieden. 24/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1094. Abgerufen am: 15. 11. 2019 07:17.

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Irvin D. Yalom 2012:
Das Spinoza-Problem.
Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
ISBN: 978-3-442-75285-0.
480 Seiten. 22,99 Euro.