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Grüß den Brecht

Buchautor_innen
Hartmut Reiber
Buchtitel
Grüß den Brecht
Buchuntertitel
Das Leben der Margarete Steffin
Hartmut Reiber hat in dreißig Jahren Lebenszeugnisse zusammengetragen, die uns erlauben, Grete Steffin nicht bloß als Anhängsel des Dichters wahrzunehmen, sondern vor allem auch in ihrem eigenen Wollen und Arbeiten.
Rezensiert von Fritz Güde

Nach den Biographien von Weigel, Bischoff und Ruth Berlau, die wir alle Sabine Kebir verdanken, liegt nun auch diejenige der Margarete Steffin vor – verfasst von Hartmut Reiber. Damit sind nun alle Frauen Brechts ins Licht gerückt worden, mit Steffin vor allem diejenige, die wegen ihres frühen Todes und in Ermangelung eigener Publikationen zu Lebzeiten am unbekanntesten geblieben war.

Das Verdienst Hartmut Reibers liegt vor allem darin, dass er sich bemüht, das selbständige, eigene Leben der Margarete Steffin zu schildern. Dasjenige, das schon vor Brecht existierte und nicht allein von ihm sein Licht empfing. Das gelingt Hartmut Reiber vor allem dadurch, dass er in mehr als dreißigjähriger Arbeit alle Bekannten und Zeitgenossen der Steffin noch befragen konnte. Viele werden inzwischen schon tot sein.

Diese unwiderbringlichen Zeugnisse liefern vor allem das Bild einer geschlossenen Arbeiter-Jugend-Kultur im und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. Geschlossen im doppelten Sinn: Einmal als Ausdruck und Medium einer Lebensgemeinschaft, der ausnahmslos der Feierabend und die Feiertage gehören. Familie wird bei aller Anhänglichkeit als Gefangenschaft, als Enge empfunden. Geschlossen aber auch, weil ziemlich ausschließlich auf Arbeiterinnen und Arbeiter als Mitwirkende und vor allem auch Rezipierende bezogen.

Und das in einer Art Gefangenschaft – oder Gefangennahme. Trotz Stipendium und Förderungsangeboten der Lehrer verbietet der Vater den Übergang ins Lyzeum (Mädchengymnasium) und damit den Zugang zur allgemeinen – höheren, notgedrungen bürgerlichen – Bildung. Margarete soll sich ihrem Ursprung, ihrer Klasse nicht entfremden.

Es blieb der Weg der Autodidaktin - in der Gruppe. Eine der eigentümlichen Formen, die damals als spezifische Arbeiter-Ausdrucks-Form entwickelt wurde, war der Sprechchor. In diese Form wurden allerlei überlieferte Inhalte gegossen. Steffin übernahm früh die Solostimme, der der Chor antwortete. Reiber geht der Vermutung nach, dass das chormüßige Sprechen sich unmittelbar aus dem Demonstrationsverhalten nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt hätte. Parole dort – Ausdruckssprechen hier.

Dazu würde passen, dass diese Art des Sprechtheaters sich im Lauf der zwanziger Jahre – mit dem Nachlassen der Massenaufmärsche – entleerte für die Arbeiterinnen und Arbeiter, während umgekehrt die Nazis die tote Form aufgriffen und bis in die Thing-Feiern zu Beginn des Dritten Reiches ritualisierten. Klemperer erwähnt in seinen Tagebüchern am 11. Februar 1943, er habe gelesen, Sprechchöre aus den vordersten Schützengräben in Stalingrad hätten gerufen: “Wir wollen keine Verhandlung, wir wollen den Sieg". (Klemperer II,327). Mit dem Sprechchor fand die Naziherrschaft ihren ersten Ausdruck. In der bloßen Erfindung vom Soldatensprechchor der Unbeugsamen ihren letzten.

Der Sprechchor-Phase folgt in den späteren zwanziger Jahren die der Revue. Nicht nur von Tucholsky und Mehring erprobt, sondern auch von Weinert und anderen – unter proletarischer Mitwirkung. Wieder beteiligt sich Steffin mit Freunden und Freundinnen.

Bei dieser Gelegenheit kommt es zur ersten Bekanntschaft mit Brecht. Von diesem Augenblick an Zerrissenheit für Margarete Steffin. In einem ziemlich wörtlichen Sinn. Einmal das schwammartige Aufsaugen der neuen Sprachformen, von Brecht übernommen. Das Liebesverhältnis wird zugleich nachfolgendes Arbeits- und begleitendes Sprachverhältnis. In Sonetten antwortet sie dem Geliebten, und zwar in solchen, dass sie oft für Brechts eigene gehalten wurden. Seit dem Dialog von Goethe und Marianne v. Willemer im “Westöstlichen Divan” hat es das in der deutschen Literatur nicht mehr gegeben. Und zwar so, dass Steffin ihre eigene Sicht, den Riss, der durch sie geht, niemals vergisst. So in den Terzetten des einen Sonetts, das sie vom Sanatorium aus an Brecht richtet: In den vierzeiligen ersten Strophen ziehen die Frauen auf, die Brecht schon hatten. Sie kommen in einer traurigen unerbittlichen Prozession auf ihn zu, der sie liegend erwartet.

“Gierig langen sie dich an. Verloren
Bist Du. Die Du einst zum Spaß erkoren,
Treiben mit Dir einen bösen Spaß.
Selbst seh ich mich in der Reihe stehen,
Sehe mich ganz schamlos zu dir gehen,
Und du liegst armselig, krank und blass”

Qual und Eifersucht auf “alle andern” werden hingenommen. Die Eifersucht selbst spricht aus dem sadistischen Bild des Entkräfteten, gleichsam Ausgesaugten. Dann Unterwerfung: ich will nur eine aus der langen Reihe sein, wenn auch – dem Bildgedanken nach – offenbar die letzte vor dem Ende. Ein bitteres Ja, das das Nein verschlucken will. Aber damit nicht zu Rande kommt.

Soviel zum Passiven des “Versklavtseins”, wie Steffin es selbst nennt. Das Aktive aber zeigt sich in einer Zusammenarbeit mit dem Dichter, die freilich wieder auf selbstloser Einfühlung beruht. Viele Zeugnisse führt das Buch auf, dass Steffin als einzige auswendig jedes Blatt, jeden Bezugspunkt im Wust des Gesamtwerks von Brecht wiederzufinden im Stande war. Es ist wörtlich wahr, dass Brecht ohne sie in der Arbeit fast hilflos war. In der Zeit mit ihr, in jener fugenlosen Zusammenarbeit, sind all die später klassisch genannten Werke entstanden. Galilei, Guter Mensch, Puntila – oder zumindest konzipiert worden.

In den langen Sanatorienaufenthalten wegen – wie sich herausstellt – unheilbarer Tuberkulose schreibt sie selbst. Das eine – fertiggestellte – Stück “Wenn er einen Engel hätte” wäre durchaus weiterer Aufführungsversuche wert, gerade von einem Jugendtheater, für das es schließlich verfasst wurde. Die Grundsituation ist die des “Guten Menschen.” Die Götter gehen auf wackligen Beinen und durchjammern die Welt, dass doch einer noch an sie glaube.

Aufgegriffen von Steffin (und von Brecht im “Guten Menschen”) wird damit schon Goethes Frage an die Tradition im “Faust”. Was mit dem vertrauten Gottesbild anfangen, das wir nicht loswerden und das uns für sich allein doch auch nichts hilft. Steffins humoristisch-bittere Antwort: Die Himmel, wenn es sie denn gäbe, funktionieren prima im Leerlauf, solange man nur annimmt, da oben öffne sich ein “Ohr wie meins// zu hören meine Klage”. Erschütternde Pointe: Die Kammer, in der der Chef vermutet wird, öffnet sich am Ende – und Petrus gibt kleinlaut zu: Sie war immer schon leer. Es muss auch ohne Gott gehen. (Steffin, als kleines Mädchen eine religiöse Phantastin mit reicher Traumproduktion diskutiert mit sich selbst, ob das alles ganz von ihr abfallen soll – oder in welcher Form etwa transformiert und verwandelt beibehalten?)

Reiber arbeitet scharf heraus, dass eine geschlossene Kultur nur für Arbeiterinnen und Arbeiter in sich selbst ersticken müsste. Es müssen Elemente der überlieferten Kultur, die das Bürgertum derzeit besitzt und besetzt, dieser Begrenzung entrissen und mithineingenommen werden in etwas Neues, etwas Sprengendes, etwas zum Kampf Aufrufendes für “Alle”.

So wie Steffin einerseits Brecht proletarische Erfahrung nahe brachte, gerade zur Abfassung der kleinen Szenen von “Furcht und Elend des Dritten Reiches”, so fordert er von ihr umgekehrt das Eindringen in die klassischen Formen von Shakespeare oder eben die des Sonetts. Dies alles unter den Umständen der Flucht von Dänemark über Schweden nach Finnland – in die Sowjetunion, wo Brecht sie in einem Sanatorium bei Moskau im letzten Stadium ihrer Schwindsucht zurückließ – und wo sie starb, gerade 33 Jahre alt geworden.

Es ist üblich geworden – Sabine Kebir geht in ihren eigenen Büchern und jetzt noch einmal in der Besprechung Reibers im FREITAG darauf ein – Brecht als den großen Frauen-Ausnutzer und Fallenlasser hinzustellen. Am weitesten ist darin vielleicht Theweleit gegangen im zweiten Teil des “Buchs der Könige”, wo er Brecht in eine Reihe stellt mit Gottfried Benn. So wie dieser – laut Theweleit – sich der in den letzten Kriegstagen elend umgekommenen Ehefrau als Orpheus bemächtigt, um im Vorwand der Totenklage selbst zu neuem Singen – neuer Lyrik – zu kommen, so stehe es mit Brecht in den USA, wenn er sich an Steffin erinnert. Bei beiden – nach Theweleit – dieselbe Angst um die eigene erlöschende Erfindungskraft. Beide “opfern” mehr oder weniger unbewusst die Frau, um neu und weiter produzieren zu können.

Lassen wir den Fall Benn beiseite. Brecht jedenfalls kam in den ersten beiden Jahren in den USA zu keinerlei Produktion, die der der Jahre mit Steffin entsprochen hätte. Natürlich auch durch die widrigen Umstände des Exils, mangelnde Englisch-Kenntnisse usw. Aber auch, weil er sich abgeschnitten sah von einem Arbeitsverhältnis, in welchem – zumindest dem Wunsche nach – alle Abhängigkeiten weggefallen waren, oder sich wenigstens in Wechselseitigkeit verwandelten.

“Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen
Mein Schüler ist weggegangen
Mein Lehrer ist weggegangen...”

wie es lakonisch in einem Erinnerungstext aus Kalifornien heißt.

Am vierten Juni 1941 ist Grete Steffin im Alter von 33 Jahren gestorben. Da sie am 21.März 1908 geboren ist, ließe sich dieses Jahr ihr hundertster Geburtstag feiern. Hartmut Reiber hat in dreißig Jahren Lebenszeugnisse zusammengetragen, die uns erlauben, Grete Steffin nicht bloß als Anhängsel des Dichters wahrzunehmen, sondern auch in ihrem eigenen Wollen und Arbeiten.

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Die Rezension erschien zuerst im April 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ps, 01/2011)

Hartmut Reiber 2008:
Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin.
Verlag Das Neue Berlin, Berlin.
ISBN: 978-3-359-02202-2.
384 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Grüß den Brecht. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/812. Abgerufen am: 14. 11. 2019 18:33.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. April 2008
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Zum Buch
Hartmut Reiber 2008:
Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin.
Verlag Das Neue Berlin, Berlin.
ISBN: 978-3-359-02202-2.
384 Seiten. 24,90 Euro.