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Gegen Kapitalismus und Geschlechtssklaverei

Buchautor_innen
Clara Zetkin
Buchtitel
Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung
Das Werk von Clara Zetkin ist eine marxistische Analyse der politischen und gewerkschaftlichen Entwicklungen seit den Anfängen der gemeinsamen Organisierung des proletarischen und kommunistischen Frauenkampfs.
Rezensiert von Johanna Bröse

Wer sich mit Feminismus und Marxismus beschäftigt, kommt an der Auseinandersetzung mit Clara Zetkin nicht vorbei. Zetkin zeigt in ihrem 1928 vollendeten Werk scharfsinnig und couragiert – mit solidarischer Kritik und gehörigem Pathos – die Stärken und Schwächen der Arbeiter_innenbewegung auf. Sie skizziert den historischen Weg, den das sich organisierende Proletariat in der Folge des Vormärzes und den daraus entstandenen politischen Prozessen in Deutschland zurücklegte, sowie die Bedeutung der unterschiedlichen Strömungen in der Frauen- und Arbeiter_innenbewegung. Das Buch wirft – als erstes zusammenfassendes Zeitzeugendokument einer, auch in vielen anderen Bereichen des politischen wie sozialen Leben, beeindruckenden Frau und standfesten Kommunistin – Schlaglichter auf bedeutende Entwicklungsschritte des (internationalen) bürgerlichen, sozialdemokratischen und kommunistischen Frauenkampfs und aufherausragende Persönlichkeiten dieser Zeit.

Auf gesamtgesellschaftliche Veränderung drängen

Crimmitschau, 1869: Die federführende sozialistisch geprägte Internationale Gewerksgenossenschaft der Fabrik-, Manufaktur- und Handarbeiter verschreibt sich dem Grundsatz der I. Internationale (der Internationalen Arbeiter Assoziation, die von Marx und Engels mitbegründet wurde), Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsam „als gleichberechtigte und vollwertige, tätige Mitglieder gegen den kapitalistischen Klassenfeind“ (S. 9) zu organisieren. Zetkin vergleicht diesen Prozess mit einer„Quelle […], deren Hervorbrechen aber die Vereinigung vieler feiner Wasseradern zur Voraussetzung hat“ (ebd.). Erklärtes Ziel ist die „Zusammenschweißung des Proletariats als revolutionärer Klasse, deren ‚soziale Erkenntnis‘ sich in soziale Macht umsetzen sollte“(S. 124).

Zetkin ist von diesem Moment begeistert, beschreibt aber ernüchtert den geschichtlichen Vorlauf des Prozesses: Die revolutionäre Kraft der französischen und englischen Revolutionen sei nicht nach Deutschland übertragen worden, vielmehr stünden die Frauenrechtsforderungen des Vormärz weit dahinter zurück, seien „mehr Kostüm als Tat“ (S. 18). Die nordamerikanische Frauenbewegung – gespeist aus den Erfahrungen des Kampfes für die Emanzipation der Sklaven – lehnte 1848 in Seneca/New York an die Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 eine kämpferische Forderung des Anspruchs voller Bürgerrechte für Frauen an; diese war gleichwohl verknüpft mit einer naiven, religiös geprägten Weltanschauung. Sie erkannten (noch) nicht, was Zetkin als grundsätzliche Ursache dieser Unterdrückung offenlegt: „Es war letzten Endes nicht das Recht des Menschen, sondern das Recht, die Macht des Besitzes, des Eigentums“ (S. 38).

Den zu diesem Zeitpunkt kaum sichtbaren Fortschritt der Frauenemanzipation in Deutschland verknüpft sie mit einem Fortschreiten an anderer Stelle: Jenem des sich rasant entwickelnden Kapitalismus mit seinen sich immer weiter zuspitzenden Klassengegensätzen, der vor allem eine erstarkende Organisierung der männlich dominierten Arbeiterschaft hervor rief, welche erst nach und nach die Lage der proletarischen Frauen mitdachte. Sie kommt zu dem Schluss: „Die deutsche Revolution fand einen so weit fortgeschrittenen Klassengegensatz der Bourgeoisie zum Proletariat vor, dass sie sich nicht frei entfalten konnte, ohne das Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden Klassen zugunsten des Proletariats zu verschieben und dessen eigene Revolution zu entfesseln“ (S. 41).

Das Eintreten der bürgerlichen Frauenbewegung für die Gleichberechtigung aller Frauenist für Zetkin auch infolge dessen ungenügend; diese habe, so schreibt sie süffisant, „den Zeitströmungen entsprechend“ ihr Engagement „mit einem Sträußlein Interesse für die Lage der Arbeiterinnen, von Mitgefühl für ihre Leiden geschmückt“ (S. 10). Politische Forderungen – etwa nach Wahlrecht oder Wählbarkeit von Frauen – wurden nicht, oder nur „leise lispelnd“ (S. 53) gestellt, die verlangte Gleichberechtigung „schrumpfte in der Hauptsache zusammen zur Forderung des Rechts der Freiheit zur Berufsarbeit der Frauen“ (S. 48) und beschränkte sich auf die „Erweiterung des weiblichen Gesichtskreises, Erhebung und Anregung für stille Arbeitsstunden, Erweckung und Stärkung zu freudiger Berufstätigkeit“ (S. 50). Freude, Pflicht und Recht auf Arbeit waren jedoch, so Zetkin, für die Proletarierinnen mitnichten Grund für den Arbeitskampf – für sie bestand „der grausamste Zwang zur Arbeit“(S. 49). Der Klassengegensatz unter den Frauen zeitigte „untilgbare Wesensunterschiede“ (S. 87) des Kampfes, die immer stärker hervortraten und nach einer Neugestaltung der gesellschaftlichen Umstände verlangten.

Den Nebel ideologischer Illusionen entschleiern

Die klassenbewusste, proletarische Frauenbewegung ist weder aus der bürgerlichen entwachsen, noch sind die Anfänge der beiden ideologisch miteinander verbunden gewesen, betont Zetkin. Vielmehr brachte die beginnende gewerkschaftliche Organisierung des Proletariats den Arbeiterinnen eine kraftvollere Unterstützung, als es die bürgerliche Frauenrechtlereimit belehrenden und unterhaltenden Vorträgen und „Mitgefühl für die ‚armen Schwestern‘“ (S. 56) je vermochte.

Die entstehenden Arbeiterbildungsvereine in den 1860er Jahren wurden – entgegen der Intention der Bourgeoise – „Diskutierclubs der Arbeiter“(S. 65), in denen der „Prometheus-Funke des proletarischen Klassenbewusstseins“ (S. 66) heller und heller aufflammen konnte und als Vorstufe der Entwicklung der Sozialistischen Arbeiter Partei(en) in ihren Anfängen gilt. Auch für die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung waren diese Vereinigungen von großer Bedeutung. Diskussionen um die Abschaffung der Erwerbsarbeit von Frauen führten mit fortschreitender Bestimmtheit zum Beschluss: „kein Verbot der erwerbenden Frauenarbeit, [sondern] gemeinsamer Zusammenschluss und Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter gegen das auswuchernde Kapital!“ (S. 74). Die proletarische Frauenbewegung konzentrierte ihre Arbeit auf die Gebiete der Sozialpolitik, des Frauenwahlrechts und der Massengewinnung für die Arbeiter_innenbewegung. Das Ziel war, bei den Arbeiterinnenein Klassenbewusstsein zu schaffen, das nach gesamtgesellschaftlicher Veränderung drängt.

40 Jahre später – im Sommer 1907 – wurde auf dem Arbeiterkongress der II. Internationale in Stuttgart beschlossen, alle Kämpfe der sozialistischen Parteien obligatorisch auch als Kämpfe für das Frauenwahlrecht zu führen,„als Kämpfe für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht aller Großjährigen ohne Unterschied des Geschlechts“ (S. 85). Der Kongress übernahm damit den Beschluss der I. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz im selben Jahr, an deren Umsetzung Clara Zetkin maßgeblich beteiligt war. Allerdings: „Das Nachwort zu beiden Tagungen […] hat der Weltkrieg geschrieben, der Verrat der internationalen proletarischen Solidarität“ (S. 85), der auch zum erniedrigenden Schicksal des Großteils der proletarischen Frauenbewegung wurde. Zetkin schreibt dies 1928; schon im Schatten der weitreichenden Niederschläge, die der erstarkende Faschismus der Frauenemanzipation zufügen würde. Am 30. August 1932, als Alterspräsidentin des Deutschen Reichstages, hält Clara Zetkin – trotz aggressiver Drohungen und vor hunderten deutschen Faschisten – eine flammende Eröffnungsrede, in der sie die„Einheitsfront aller Werktätigen gegen den Faschismus“ beschwört und an den Kampfgeist der Frauen appelliert, „die noch immer die Ketten der Geschlechtssklaverei tragen“(Badia 1994, S. 272).

Ihre Analyse der immanenten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft ist nicht nur im Rückblick anwendbar; Clara Zetkin zu lesen trägt auch heute dazu bei, die – mit den Worten Rosa Luxemburgs gesprochen – „in Regenbogenfarben schillernden Nebel ideologischer Illusionen“ (S. 41) der geschichtlichen Konsequenzen des damaligen Klassenkampfs in der heutigen Zeit, etwa bei den Diskussionen über Care- und Reproduktionsarbeit, zu entschleiern. Die Kritik an der Fokussierung werktätiger proletarischer Frauen, wie sie etwa von postmodernen Feministinnen oftmals getätigt wird, wird der damaligen historischen Notwendigkeit des emanzipatorischen Frauenkampfs nicht gerecht; das Buch empfiehlt sich hier als wichtige marxistische Grundlage zum Verständnis der Geschichte. Heute sind die Ausblendung oder Verharmlosung asymmetrischer Machtverhältnisse, die abwertende und individualisierende Festschreibung von „erlernter Hilflosigkeit“ (Seligmann) oder eine tendenziell moralisierende Haltung bürgerlicher Frauenrechtlerinnen gegenüber proletarischen Lebenslagen strategische Formen von „fürsorglicher Belagerung“, wie es Clara Zetkin einmal nannte. Stärker thematisiert werden müssen die Mechanismen des neoliberalen Arbeitsmarkts, der – unter Anderem – immer größere Flexibilität und (zeitliche und örtliche) Unabhängigkeit von den Arbeitnehmer_innen verlangt: Anbieten, und sich damit frei machen von den „Fesseln“ des Niedriglohnsektors und der Care-Arbeit, können sich nur diejenigen, die über ein hohes Bildungsniveau und die Möglichkeit zur permanenten Weiterqualifikation verfügen. An der Realität der prekarisierten Frauen – die, auch manchmal im vorauseilenden Gehorsam, eine Reduktion der eigenen Lebensentwürfe entlang der eingeschränkten Chancen getroffen haben, die ihnen, in einem Ungleichheit produzierenden System, offen stehen – gehen die echauffierten Diskurse in der Wissenschaft ohne konkreten Übertrag in die politische Praxis vorbei. „Dass du dich wehren musst, wenn du nicht untergehen willst, das wirst du doch einsehen“, hat Brecht einmal formuliert – und wen sollte man heute eher als Beispiel nehmen denn jene, die ihr Leben lang mutig gekämpft und sich gewehrt haben?

Zusätzlich verwendete Literatur

Badia, Gilbert (1994): Clara Zetkin. Eine neue Biographie. Berlin: Dietz Verlag.
Die Analyse von Clara Zetkin ist auch online hier verfügbar.

Clara Zetkin 1971:
Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung.
Verlag Roter Stern, Berlin.
ISBN: 9783878770084.
248 Seiten.
Zitathinweis: Johanna Bröse: Gegen Kapitalismus und Geschlechtssklaverei. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1238. Abgerufen am: 24. 04. 2018 16:22.

Zum Buch
Clara Zetkin 1971:
Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung.
Verlag Roter Stern, Berlin.
ISBN: 9783878770084.
248 Seiten.
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