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Erhobener Zeigefinger statt geballter Faust

Buchautor_innen
Jason W. Moore, Raj Patel
Buchtitel
A History of the World in Seven Cheap Things
Buchuntertitel
A Guide to Capitalism, Nature, and the Future of the Planet
Das Buch will kapitalismuskritische Anleitung für die Rettung des Planeten sein. Es ist eher ein gut gemeinter Beipackzettel.
Rezensiert von Anne Engelhardt

Natur, Essen, Arbeit, und Energie. Das sind die „vier billigen Dinge“, die Raj Patel und Jason W. Moore, angelehnt an Moores früheres Buch „Capitalism in the Web of Life“, in ihrem neuen Buch wieder aufgreifen. Wie der Buchtitel schon erwarten lässt, ergänzen sie drei weitere Kategorien: Leben, Sorgearbeit und Geld. Moores Vorgängerwerk wurde an dieser Stelle bereits ausführlich diskutiert und auch deutlich auf seine theoretischen Schwächen hin abgeklopft. Auch der Nachfolger hat Licht- und Schattenseiten. Es lohnt sich das Buch zu lesen, wenn man Interesse an geoökologischer Kolonial- und Kapitalismusgeschichte sowie sozialen Bewegungen der Neuzeit hat. Für eine fundierte Analyse des heutigen Kapitalismus greift es jedoch zu kurz und kann das Versprechen des englischen Untertitels, „Anleitung zum Kapitalismus, der Natur und der Zukunft des Planeten“ zu sein, kaum einlösen.

Hand- und Kopfarbeit

Im Fokus steht zunächst das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Alles, was produziert und verwertet wird, wird von beiden Seiten „koproduziert“. Um das zu untermalen, zeigen die Autoren auf, inwiefern die moderne Fabrik ein industrielles Abbild der Zuckerplantagen Brasiliens ist, inklusive Arbeitsteilung zwischen Geschlechtern und Ethnien, Schichtarbeit, Disziplinierung, Pünktlichkeit und der Zerlegung der Arbeitsschritte in kleinste monotone Abläufe. Auch heute gibt es immer noch einen engen Zusammenhang zwischen den transnationalen Konzernen und den Feldern weltweit. Denn, so die Autoren, „jede globale Fabrik benötigt eine globale Farm“ (S. 107; Übers. Redaktion). Ohne die billigen Arbeitskräfte auf den Feldern und in den Schlachthöfen, welche die nötige schnelle und billige Nahrung für IT-Angestellte und andere Kopfarbeiter*innen liefern, wäre die Just-in-time-Produktion und Wertschöpfung undenkbar.

Diese oft übersehene Verbindung wollen Patel und Moore aufdecken. Sie lehnen sich dabei an die Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein an, die das Interagieren von kapitalistischen Zentren und deren Peripherie analysiert. Sie stellen heraus, dass Kapitalismus als Wirtschaftssystem nicht nur Teil einer ökologischen Realität ist, sondern selbst eine neue Umwelt erzeugt (und zerstört), die sich über den Planeten erstreckt, Grenzen überwindet und permanent durch die scheinbar unendlichen Kräfte der Akkumulation getrieben ist. Krisen des Systems entstehen dadurch, dass sich an den Grenzen, die es für das System zu überwinden gilt, Konflikte auftun: „because externalities struck back” (S. 21). Das „Äußere“ des Kapitalismus, die Peripherie, Natur, das (noch) Nicht-Akkumulierte, das von der Einverleibung bedroht ist, wehrt sich.

Diese Aussage lässt sich so verstehen, dass die Autoren Kämpfe nicht als Teil des Systems verstehen, die sich aus widersprüchlichen (Klassen-) Kräften und Interessen entwickeln, wie es beispielsweise bei Marx deutlich wird. Vielmehr liegt die Grenze des Konflikts am Rande beziehungsweise außerhalb der Akkumulation und interagiert mit dieser. So gehören Sklavenaufstände und antikoloniale Revolten ebenso zu jenen Kämpfen an der Grenze der Akkumulation wie die ersten Streiks der US-Näher*innen 1824 oder die Aufstände auf den Zuckerplantagen im brasilianischen Bahia 1835. Globale Fabrik und globale Plantage, so Moore und Patel, gehören auch im Widerstand zusammen. Klassengegensätze, die doch für die Überwindung des Kapitalismus entscheidend sind, treten in den Hintergrund.

Dabei liefert das Buch eigentlich sehr gute Hinweise, weshalb die unterschiedlichen Kämpfe der Arbeiter*innenklasse zu Ökologie, Sorgearbeit, Rassismus, Kolonialismus und Arbeitsausbeutung eben gerade nicht getrennt voneinander oder gar gegeneinander agieren müssen. Es fehlt jedoch ein erweiterter Klassenbegriff, der deutlich macht, dass Reproduktionsarbeit, Landarbeit und vieles mehr eben auch direkt oder indirekt das kapitalistische Klassenverhältnis aufrechterhalten.

Warum alles billig sein muss

Wie steht es aber nun aber um die „sieben billigen Dinge“? Zunächst einmal definieren Patel und Moore das Billigsein als eine Strategie, die vom kapitalistischen System eingeführt wurde, um Krisenerscheinungen zu überstehen. So, wie die „billige“ – oder eher kostenlose – Natur ausgebeutet wird, so wird auch die Herstellung und Verwertung des Geldes, der Arbeit, der Sorgearbeit, des Essens, der Energie und des Lebens mit geringem Gegenwert oder gar nicht entlohnt. Alle Bereiche sind ihrerseits aufeinander angewiesen: Billiges Leben wird zu billigen Arbeitskräften, die von billiger Sorgearbeit und Essen abhängig sind. Kurz: „Capitalism values only what it can count, and it can count only dollars“ (S. 21).

Moore und Patel sehen den Kern von Marx’ Kapitalismusanalyse als ein „machtvolles Modell“ von Produktion und Austausch, in dem Kapitalist*innen Arbeitskräfte mit Rohstoffen und Maschinen kombinieren: „If all goes well, there is a profit, which needs then to be reinvested“ (S. 27). Tatsächlich betrachten die beiden Autoren dabei jedoch nur zwei Aspekte des kapitalistischen Systems. Für Marx gab es neben Produktion und dem Austausch aber noch den zentralen Punkt der Zirkulation, den er insbesondere im zweiten und dritten Band des „Kapitals“ analysiert und auch in seinen Grundrissen vorstellt. Die entscheidende Frage damals (wie heute): Was passiert, wenn eben nicht alles glatt läuft?

Wo Marx schon weiter war

Ein Aspekt ist die wachsende Produktivität, die durch die Entwicklung der Technologie, die Ausweitung von Märkten über immer weitere Räume, durch das Zusammenziehen von Arbeitskräften und vor allem durch den ständigen Fall der Transportkosten ermöglicht wird. Marx beschreibt die fortschreitende Entwicklung der Transport- und Kommunikationstechnik, die die Ausdehnung der Märkte erst ermöglicht, als „Vernichtung des Raums durch die Zeit“ (Marx 1967, S. 423). Durch die wachsende Geschwindigkeit der großen Kapitalzirkulation entstehen einerseits Kapitalzentren, andererseits muss Raum jedoch überwunden werden, um den Markt oder die Produktionsstätten oder die Konsumptionsstätten zu erreichen. Je schneller die Kapitalzirkulation, desto mehr verliert räumliche Distanz an Bedeutung.

Auf der anderen Seite steht die „kleine Zirkulation”, die Marx in den Grundrissen beschreibt und die die Auszahlung des Lohns zur Reproduktion der Arbeitskraft meint. Diese Zirkulation ist jedoch nicht klein, weil hier weniger Geld eingesetzt wird oder Essensunternehmen keinen großen Gewinn erwirtschaften würden, sondern weil die Zeit, in der die Ware Essen erst erstellt und dann konsumiert wird, wesentlich kürzer ist als der Bau von Bahnhöfen oder Flughäfen. Der Umstand der Geschwindigkeit beziehungsweise der verschiedenen Umschlagszeit, der erst den unterschiedlichen Waren erlaubt, „billig“ zu sein, wird bei Patel und Moore leider unterschätzt oder gar nicht berücksichtigt. Bei Marx sind die sozialen Kämpfe also systemimmanent gedacht und können somit systemsprengend sein. Sie finden nicht (nur), wie bei Patel und Moore, an den Grenzen der Akkumulation statt.

Während bereits viele Arbeiten Rosa Luxemburgs oder auch David Harveys auf dem zweiten Band des „Kapitals“ fußen, bleiben Patel und Moores Ausführungen hinter diesem Werk und dem darin entfalteten Wissen um die „Gesetze“ der Kapitalzirkulation zurück. Sie begrenzen sich dadurch selbst. Trotz der wirklich informativen Punkte, die in dem Buch zusammengetragen werden – Woher kommen die Wörter „Sklave“ oder „Dollar“? Worin besteht der Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Kolonialismus? – liefert das Werk auf theoretischer Grundlage wenig Neues.

Zusätzlich verwendete Literatur

Marx, Karl (1967 [1850-1859]): Grundrisse der politischen Ökonomie. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main.

Jason W. Moore Raj Patel 2018:
A History of the World in Seven Cheap Things. A Guide to Capitalism, Nature, and the Future of the Planet.
University of California Press, Oakland.
ISBN: 9780520299931.
312 Seiten. 23,99 Euro.
Zitathinweis: Anne Engelhardt: Erhobener Zeigefinger statt geballter Faust. Erschienen in: Vom Ende erzählen: Dystopien in der Gegenwartsliteratur. 52/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1559. Abgerufen am: 23. 09. 2019 12:03.

Zum Buch
Jason W. Moore Raj Patel 2018:
A History of the World in Seven Cheap Things. A Guide to Capitalism, Nature, and the Future of the Planet.
University of California Press, Oakland.
ISBN: 9780520299931.
312 Seiten. 23,99 Euro.