Zum Inhalt springen
Logo

„Eine bedeutende Umwälzung in der Naturgeschichte“

Buchautor_innen
Charles Darwin
Buchtitel
Die Entstehung der Arten durch Naturauslese
Buchuntertitel
Oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein
Darwin entfaltet in seinem bahnbrechenden Werk der Naturwissenschaften die bis heute in Grundzügen gültige Evolutionstheorie.
Rezensiert von Christian Stache

Der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, kam bekanntlich zu der Diagnose, dass der „allgemeine Narzißmus, die Eigenliebe der Menschheit bis jetzt drei schwere Kränkungen von seiten der wissenschaftlichen Forschung erfahren“ (Freud 1917, S. 3) habe: Nikolaus Kopernikus bewies im 16. Jahrhundert, dass der Mensch und sein Heimatplanet nicht den Mittelpunkt des Weltalls bilden. Charles Robert Darwins Evolutionstheorie nahm dem Menschen rund drei Jahrhunderte später die Illusion, er sei ein von Gott einzigartig geschaffenes Wesen, dessen „Band der Gemeinschaft mit der Tierwelt“ zerrissen sei. Freud, keineswegs bescheiden, fügte dem Menschen schließlich nach der kosmologischen und biologischen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die psychologische Kränkung zu. Er enthüllte, dass das Ich des Menschen nicht Herr im eigenen Haus ist.

Evolutionstheorie statt metaphysischer Naturauffassung

Freud unterschlug zwar die soziale Kränkung des Menschen durch Marx, der gezeigt hat, dass sich die durch die gesellschaftliche Arbeit geschaffenen sozialen Verhältnisse gegenüber dem menschlichen Individuen relativ verselbständigen. Nichtsdestotrotz bringt die posthume Würdigung den Stellenwert der Arbeit Darwins in der Entwicklung der Natur- und Sozialwissenschaften eindeutig auf den Punkt. Den Grundstein für die zweite, bis heute nicht ausgeheilte narzisstische Kränkung legte der 1809 geborene Sohn des Arztes Robert Waring Darwin und Susannah Darwins (geborene Wedgwood) mit der in englischer Sprache erstmals 1859 publizierten Schrift „Die Entstehung der Arten durch Naturauslese oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein“.

Die Zeit für Darwins Entdeckung der Deszendenztheorie war Mitte des 19. Jahrhunderts bereits überreif. Das zeigt dessen „geschichtliche Skizze“ über den „Fortschritt der Ansichten von der Entstehung der Arten“, die seit der dritten Auflage dem Werk voransteht. Darwin würdigt darin nicht nur die Arbeiten des französischen Biologen Jean-Baptiste Lamarck und anderer Wissenschaftler, die seine Theorie – von „Evolution“ spricht er ausdrücklich erst 1871 in der englischen Erstausgabe von „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ und in der sechsten Auflage von „Die Entstehung der Arten“ 1872 – faktisch vorbereitet haben. Darwin gesteht offen ein, dass er die Abstammungstheorie nicht als einziger formuliert hat. Sein 14 Jahre jüngerer walisischer Kollege Alfred Russel Wallace war parallel zu Darwin bei einigen Unterschieden im Großen und Ganzen zu denselben Erkenntnissen gekommen und drängte auf deren Veröffentlichung.

Dass diese eine solche Sprengkraft weit über die Wissenschaft hinaus entwickelt haben, liegt daran, dass Darwin mit seiner Darstellung nicht nur eine materialistische und naturgeschichtliche Lösung des „Geheimnis der Geheimnisse“ über den Ursprung der Arten geliefert hat. Er hat mit ihr faktisch auch andere – vornehmlich religiös-kreationistische – mehrheitlich von den „Naturforschern“ seiner Zeit vertretene Erklärungsansätze ins Reich der Fabeln verbannt, mit denen „Unwissenheit unter Ausdrücken wie 'Schöpfungsplan', 'Einheit des Entwurfs' usw.“ verborgen worden sei. Insbesondere wandte sich Darwin gegen die Vorstellung, „daß jede Art unabhängig für sich selbst erschaffen worden sei“. Die Arten seien „nicht durch wunderbare Schöpfungsakte hervorgebracht und vernichtet“ worden. Ebenso könne zwischen Arten, „die nach der gewöhnlichen Annahme durch besondere Akte der Schöpfung“ entstanden seien, und „Spielarten, die, wie anerkannt wird, durch abgeleitete Gesetze hervorgebracht worden sind, keine Grenzlinie gezogen werden“. Diese Positionen waren nach der Publikation von „Die Entstehung der Arten“ nicht mehr wissenschaftlich haltbar. Friedrich Engels, Karl Marx' kongenialer Partner, konstatierte bereits 1880 in „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, dass Darwin „der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat“ (MEW 19, S. 205).

Natürliche Biopolitik: der „Kampf ums Dasein“ und die „natürliche Auslese“

Für Darwin stellt sich die Natur im Widerspruch zu den zeitgenössischen christlich-idealistischen Lehren, deren Vertreter davon ausgingen, dass Gott die Natur mit Sinn und Zweck geschaffen habe, als ein historisch-evolutionär gewachsenes, nicht durch ein unumstößlich von Außen festgelegtes Entwicklungsziel bestimmtes „System“ dar. In diesem sind alle Pflanzen und Tiere miteinander verwandt, sie stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander und sind durch Naturauslese („natural selection“) beziehungsweise dem „Überleben der Tauglichsten“ („survival of the fittest“) im Kampf ums Dasein („struggle for existence“) auseinander hervorgegangen. Das gesamte Buch sei, so Darwin, „ein langer Beweis“ für die evolutionäre Entfaltung dieses Systems, das er mit der Metapher eines „großen Lebensbaums“ beschreibt.

In einem Brief an den russischen Sozialrevolutionär Pjotr Lawrowitsch Lawrow urteilte Friedrich Engels 1875 voller Anerkennung und dennoch differenzierend über die Stichhaltigkeit des Arguments Darwins:

„Ich akzeptiere von der Darwinschen Lehre die Entwicklungstheorie, nehme aber Darwins Beweismethode (struggle for life, natural selection) nur als ersten, provisorischen, unvollkommenen Ausdruck einer neuentdeckten Tatsache an. Bis auf Darwin betonten grade die Leute, die jetzt überall nur Kampf ums Dasein sehn, grade das Zusammenwirken der organischen Natur. Beide Auffassungen haben ihre gewisse Berechtigung innerhalb gewisser Grenzen, aber die eine ist so einseitig und borniert wie die andre.“ (MEW 34, S. 169)

Darwins Beweisführung beginnt in den ersten fünf Kapiteln von „Die Entstehung der Arten“ mit der Darlegung der Evolutionstheorie. Er geht davon aus, dass die von Thomas Robert Malthus konzipierte Bevölkerungstheorie „in verstärktem Maße auf das ganze Tier- und Pflanzenreich“ angewendet werden könne. Tier- und Pflanzenpopulationen wüchsen demzufolge „geometrisch“ (1-2-4-8-16-32 und so weiter) und gerieten dadurch letztlich miteinander in Konkurrenz zueinander. Denn die verschiedenen Populationen beanspruchten dieselben Ressourcen innerhalb desselben Raumes. Die Intensität des Wettkampfs werde durch die Masse der Nahrungsmittel, das Klima, Epidemien und so weiter verschärft oder abgemildert. Am heftigsten tobe der Wettbewerb zwischen den Einzelwesen und Varietäten derselben Art.

Unter diesen Bedingungen des Kampfes ums Dasein finde in der Natur analog zur Auswahl in der Zucht von domestizierten Pflanzen und Tieren durch den Menschen eine „natürliche Auslese“ statt. Für das Überleben „günstige Verschiedenheiten und Abänderungen der Einzelwesen“ blieben bei der Vererbung über sehr lange Zeiträume erhalten. „Schädliche“ würden nicht beziehungsweise nach und nach weniger weitergegeben. Dieser Prozess führe einerseits unter den Lebensformen, die sich behaupten, „zum Auseinandergehen der Merkmale“ und zu ihrer sich stetig differenzierenden Anpassungen an die vielfältigen Bedingungen und Plätze im „Naturhaushalt“. Andererseits komme es zu einer „ausgedehnten Vernichtung der weniger verbesserten Lebensformen“, darunter auch der „Übergangsformen“ zwischen den Spezies. Die anfänglich kleinen Differenzen zwischen den Varietäten einer Art würden auf diese Weise schrittweise vergrößert, bis sich neue Arten oder sogar neue Gattungen herausbildeten.

Nicht Gott und seine Gesetze managen oder steuern also „Leben und Tod“ der Pflanzen und Tiere. Die Steuerung geschieht durch die individuellen und sozialen Handlungen der Tiere – die Menschen inbegriffen – und die natürlichen Prozesse der Pflanzen. Darwin insistiert mehrfach darauf, dass sie über sehr lange Zeiträume und graduell erfolge, das heißt ohne Brüche, durch stetige kleine Verschiebungen. Allerdings bedeutet das Motto der Evolution „Natura non facit saltum“ („Die Natur macht keinen Sprung“) nicht, dass qualitative Neuerungen in der natürlichen Entwicklungshistorie ausbleiben.

Graduelle Differenz zwischen Mensch und Tier

Nachdem Darwin das Grundgerüst seiner Theorie errichtet hat, begegnet er in den restlichen neun von zehn Kapiteln akribisch potentiellen Einwänden gegen seine Theorie, die zum Teil, wie etwa im Fall von mangelnden Belegen für die Evolution in Form von Fossilien, historisch überholt sind. Außerdem zeigt er auf einigen Feldern die Anwendbarkeit sowie Überlegenheit seines neuen Paradigmas gegenüber dem Mainstream seiner Zeit.

Darwin war etwa davon überzeugt, dass man die Genese „äußerst vollkommener und zusammengesetzter Organe“ wie des Auges auf der Grundlage seiner Theorie erklären könnte, auch wenn er den gesamten Prozess noch nicht im Einzelnen zu beschreiben vermochte. Am Beispiel der hochgradig ökonomischen Verwendung von Wachs zum Bau von Waben durch Honigbienen, die damit „die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker durch die That vorweggenommen“ hätten, und der sozialen Organisation der Arbeit von Ameisen veranschaulicht Darwin ferner, dass „Naturtriebe“ und andere „geistige Fähigkeiten“ ebenso wie die äußerlichen Eigenschaften von Pflanzen und Tieren evolutionär weitergegeben und -entwickelt werden.

Entgegen gängiger Fehlinterpretationen ist darauf zu verweisen, dass der Vordenker der Biologie wiederholt die Einteilung in „hohe“ und „niedere“ Lebewesen aufgrund mangelnder wissenschaftlich belastbarer Kriterien kritisiert. Er verabsolutiert die Differenzen zwischen den Lebewesen nicht, sondern relativiert und betrachtet sie in ihrer naturgeschichtlichen Konstellation, ohne sie dabei zu nivellieren. Darwin schreibt etwa: „Ein kleines Maß von Urteil oder Vernunft (…) spielt oft sogar bei Tieren mit, die auf der Stufenleiter der Natur niedrig stehen.“ Darwin lehnt zudem die Vorstellung eines „Gesetzes notwendiger Entwicklung“ ab. Dafür gebe es „keinen Beweis“.

Im Schlusskapitel seines Werks kündigt der wissenschaftliche Revolutionär nach einer Zusammenfassung seiner opulenten Beweisführung seine zweite epochemachende Arbeit, „Die Abstammung des Menschen“, bereits implizit an. Wichtige Forschungsvorhaben ergäben sich aus seiner Theorie. Es werde unter anderem „helles Licht (…) auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte fallen“. Außerdem prognostizierte Darwin die Begründung der Psychologie als Konsequenz aus seiner Theorie der graduellen Entwicklung der Triebe und geistigen Fähigkeiten. Ohne Darwins „bedeutende Umwälzung in der Naturgeschichte“ hätte Freud die Menschheit nicht noch einmal kränken können.

Zusätzlich verwendete Literatur

Freud, Sigmund (1917): Schwierigkeiten der Psychoanalyse. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. S. 1-7.
Engels, Friedrich (1973): Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: Marx-Engels-Werke. Band 19. 4. Auflage. Unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962. Berlin. S. 177-228.
Engels, Friedrich (1966): Engels an Pjotr Lawrowitsch Lawrow. 12. November 1875. In: In: Marx-Engels-Werke. Band 34. Berlin. S. 169-172.

Charles Darwin 1859:
Die Entstehung der Arten durch Naturauslese. Oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein.
Gutenberg Projekt, Berlin.
Zitathinweis: Christian Stache: „Eine bedeutende Umwälzung in der Naturgeschichte“. Erschienen in: Repression und Überwachung. 42/ 2017. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1387. Abgerufen am: 20. 02. 2017 23:18.

Zum Buch
Charles Darwin 1859:
Die Entstehung der Arten durch Naturauslese. Oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf ums Dasein.
Gutenberg Projekt, Berlin.
Newsletter