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Ein Flipper macht Revolte

Buchautor_innen
Tijan Sila
Buchtitel
Die Fahne der Wünsche
Ein doppelbödiger Roman über Männlichkeit und Lust in einem autoritären Staat.
Rezensiert von Thore Freitag

Nicht die besten Zeiten, um eine Radsportkarriere zu starten. Der 16-jährige Ambrosio ist angehender Radrennfahrer im Leistungsbereich. Er wächst im Spiroismus, der Herrschaftsform im Land Crocutanien, auf. Dort wird der Sport ideologisch ausgeschlachtet, und Lizenzen für Rennen im Ausland werden nur willkürlich vergeben. Man macht es ihm nicht gerade leicht und das, obwohl Ambrosio das vielversprechendste Talent des crocutanischen Kaders ist. Auch deshalb wird Ambrosio im Laufe des Romans zum Spielball der Machtinteressen des Staatsapparates.

„Die Fahne der Wünsche“ ist eine Erinnerung Ambrosios an seine Jugendzeit in Crocutanien. Das kleine Land und die ihm angehörigen Staatsapparate befinden sich in einem Status der Desorganisation. Nach dem Tod Spiros, „Marschall-Vater“ und Revolutionsheld, scheint der Spiroismus mehr und mehr auf seine Auflösung hinzusteuern. Es herrscht Konkurrenz unter den Eliten. Trotz des verbreiteten Vokabulars, das Brüderlichkeit, Antikapitalismus und die Einheit des Volkskörpers predigt, existieren Klassenunterschiede im Spiroismus weiterhin. Die spiroistische Partei und ihre „Mäntel“, die eine Symbiose aus Verwaltung und Polizei verkörpern, sichern ihre Herrschaft mittels Gewalt und Kontrolle. Auf der anderen Seite steht die „freie Jugend“, die sich mit ausschweifendem und nonkonformem Verhalten der Herrschaft zu entziehen sucht.

Der Bosnier Tijan Sila kam als Kriegsflüchtling in den 1990ern aus Bosnien nach Deutschland. Man kann die Erzählung mit ihrem an sozialistische Staaten erinnernden Vokabular als eine Parabel auf die jugoslawische Ära lesen. Die Stoßrichtung des Romans ist allerdings eine andere: Sila schreibt über den Konflikt mit dem Staat, wenn die eigenen Sehnsüchte von der herrschenden Ideologie abweichen.

Was ist das für eine Gesellschaft, die das Flipperspielen verbietet?

Auch Dystopien können Coming of Age-Storys sein. Wie den meisten crocutanischen Jugendlichen geht es Ambrosio um das Erleben gewöhnlicher Teenagerdinge: Biertrinken, Flippern und erste sexuelle Erfahrungen. Zugleich zeichnet ihn beim Sport eine unglaubliche Leidensfähigkeit aus. Bei Wettkämpfen gewinnt Ambrosio Medaillen. Was im Sport klappt, mag ihm in der Realität des Spiroismus nicht ganz gelingen. Sein Vater ist bereits tot, und seine Mutter gerät mehr und mehr in Zustände geistiger Umnachtung. Das Flippern wird bald als „besonders schädliche Ablenkung“ (S. 71) gelistet und verboten. Der Sportkommissar Cherubino, der Flippern als das Sinnbild von Kindlichem und Lustempfinden verteufelt, zwingt Ambrosio fortan unter Flipperspieler*innen zu spitzeln. Dieser beugt sich, um nicht auch noch den Radsport an das System zu verlieren. Nur selten lässt Sila – und das macht den Roman stellenweise flach – Ambrosio wirklich zur Tat schreiten. Er zeichnet ihn naiv und ausschließlich passiv. Ambrosio ist gewiss kein Romanheld, der den Weg aus der Dystopie weist.

An Silas Dystopie fällt auf, dass sie nicht in einer fernen Zukunft, sondern im Hinblick auf den technischen Fortschritt eher den 1970ern oder 1980ern gleicht. Trotz der kalten Realität des crocutanischen Alltags und der Regelmäßigkeit von Gewaltexzessen ist der Staat von Beginn an im Begriff sich aufzulösen. Die manchmal schon satirisch anmutenden ideologischen Flügelkämpfe im Staat sprechen nicht gerade für eine hegemoniale Herrschaft. So ist das Abhängen der freien Jugend auf dem „Kopf“ je nach aktuell vorherrschender Ideologie verboten oder geduldet. Der Kopf ist ein Monument, welches das auf seiner linken Wange liegenden Haupt des Marschall-Vaters Spiro darstellt.

Wo Kontrolle und Gewalt zum Tagesgeschäft der Staatsapparate gehören, entstehen unweigerlich Orte mit anderen Regeln. Der Kopf und die mit Flippern bestückten Trinkhallen sind ebensolche. Hier sind für einen Abend die Diszplinierung durch den Staat und jegliche Kontrolle außer Kraft gesetzt. Am Flipper lässt sie sich aus freien Stücken auf die vorgegebenen Regeln ein. Die freie Jugend flüchtet also nicht einfach vor der verwalteten Welt des Spiroismus. Es geht Sila auch darum, dass letztlich ein großer Flipperabend den Umsturz vom Zaun bricht. Flippern als revolutionärer Akt. In New York war das Flippern von 1942 bis 1976 tatsächlich verboten, denn es galt als Einstieg in die Spielsucht und Ablenkung von der Arbeit. Wie in Crocutanien wurden Flipperautomaten aus dem öffentlichen Leben verbannt.

Ein Staat der Männer

Der Fokus der Erzählung liegt weniger auf einem in Ansätzen faschistischen Crocutanien als auf dem Kampf um Freiheiten und der Geltung eines Lustprinzips. Die Rolle der „Mobilen“, eine an die Mod-Kultur angelehnte Jugendbewegung, ist hier zentral und zugleich ambivalent. Sie verkörpern trotz offen gezeigter Ablehnung des Spiroismus und seiner Wertevorstellungen oft nur einen graduell abweichenden Männlichkeitstyp. Die Fahnen der hedonistischen und unkontrollierbaren „Mobilen-Eskadronen“ stehen für ihre Vorlieben und Lüste. Mopeds mit gelb-weiß gepunkteten Fahnen zeigten die Zugehörigkeit zum Sauf- oder jene mit rot-weißen Punkten die zum Kampfsport. Sie messen sich mit Mänteln oder feindlichen Eskadronen, aber gleichzeitig machen alle Gruppierungen gern Jagd auf Schwule. Dass die Mobilen gewisse Männlichkeitsvorstellungen aufweichen, beispielsweise mit einer Travestie des Spiro-Kopfes durch Schmücken und Bemalung, macht sie nicht minder aggressiv oder homophob.

„Die Fahne der Wünsche“ ist angelehnt an ein Zitat aus Klaus Theweleits Dissertationsschrift „Männerphantasien“. Theweleit beschreibt darin einen Typus soldatischer und faschistischer Männlichkeit, den Cherubino und die Mäntel im Buch exemplarisch darstellen. Dem kindlichen Mann mit tiefer Angst vor der Außenwelt wird durch Drill ein „Körperpanzer“ (Theweleit 1980b, S. 144) anerzogen. Mit diesem erhält er Stabilität, aber isoliert sich gleichzeitig von sich selbst, der Außenwelt und vor allem vom anderen Geschlecht. Dieser Männlichkeitstyp kann seine Einheit nur durch Gewalt aufrechterhalten.

Nach der Flucht seiner Freundin Betty verliert Ambrosios Leben an Stabilität und Orientierung. So hat er zunehmend Angst vor Wasser, die auch Sportkommisar Cherubino anhaftet. Es ist eine irrational anmutende Angst, die bei Theweleit die Schwachstelle des Körperpanzers darstellt. Es geht um die Angst vor Flüssigkeiten und Sekreten. Während der Sex mit Betty für Ambrosio einen Austausch von „Zärtlichkeiten“ darstellt, ist das aus Cherubinos Sicht eine „viehische Flut von Sekreten“ (S. 205). Theweleit sieht hier einen psychologischen Vorgang:

„Dieses deutet auf eine Umkehrung der Affekte, die ursprünglich mit der Aussonderung der verschiedenen Substanzen des menschlichen Körpers verbunden sind: Lustempfindungen. An die Stelle solcher Lustempfindungen ist eine panische Abwehr ihrer Möglichkeit getreten.“ (Theweleit 1980a, S. 425)

Ambrosio übt nie Gewalt aus, und doch zieht die patriarchale Gesellschaft nicht unbemerkt an ihm vorbei: Er stellt fest, wie er seine Freundin Betty stets als sexuell verfügbar ansah. Betty selbst bemerkte die Blicke der heranwachsenden Männer, die auf ihr lasteten. Diese Perspektive nimmt Sila leider nur selten ein; ganz wie Theweleits „Männerphantasien“ zeigt er eine männliche Welt. Dennoch gelingt es Sila außerordentlich gut, all diesen Ebenen im Roman Platz zu verschaffen. Es ist erstaunlich, wie dicht der Roman mit Motiven und Bildern von Theweleit bestückt ist und doch so schlicht daherkommt. Dass wir die „in unsere Leiber installierte Herrschaft" (ebd., S. 432) loswerden müssen, mahnte Theweleit schon vor gut 40 Jahren. Angesichts regelmäßiger Neuauflagen von „Männerphantasien“ hallt sein Ruf noch immer nach. Sila hat das Theweleitsche Motiv vom faschistischen Männlichkeitstyp in seinen Roman eingearbeitet. Er liefert uns damit auch ein Stück Gegenwartsdiagnose.

Zusätzlich verwendete Literatur

Theweleit, Klaus (1980a): Männerphantasien. Bd. 1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Rowohlt, Hamburg.
Theweleit, Klaus (1980b): Männerphantasien. Bd. 2: Männerkörper - zur Psychoanalyse des weißen Terrors. Rowohlt, Hamburg.

Tijan Sila 2018:
Die Fahne der Wünsche.
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
ISBN: 978-3-462-05134-6.
320 Seiten. 22,00 Euro.
Zitathinweis: Thore Freitag: Ein Flipper macht Revolte. Erschienen in: Vom Ende erzählen: Dystopien in der Gegenwartsliteratur. 52/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1554. Abgerufen am: 24. 07. 2019 06:42.

Zum Buch
Tijan Sila 2018:
Die Fahne der Wünsche.
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
ISBN: 978-3-462-05134-6.
320 Seiten. 22,00 Euro.