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Differenzen und Gemeinsamkeiten der arabischen Revolutionen

Buchautor_innen
Frank Nordhausen, Thomas Schmid (Hg.)
Buchtitel
Die arabische Revolution
Der Sammelband „Die arabische Revolution" von Nordhausen und Schmid umfasst Beiträge zu Protesten in dreizehn Ländern Nord-Afrikas und des Nahen Ostens.
Rezensiert von Sara Madjlessi-Roudi

Der Sammelband „Die arabische Revolution“, herausgegeben von zwei Journalisten der Berliner Zeitung, Frank Nordhausen und Thomas Schmid, gibt einen Überblick über die politischen Ereignisse in den Ländern der „arabischen Welt“. Die Herausgeber fassen damit eine Reihe von Ländern zusammen, deren wirtschaftliche, kulturelle und politische Unterschiedlichkeit zwar immer wieder betont wird, die jedoch vereinheitlicht von anderen „Welten" abgegrenzt werden.

Im Autor_innenkreis des Sammelbandes finden sich Journalist_innen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Spiegel sowie Wissenschaftler_innen verschiedener Forschungseinrichtungen, die sich alle in ihrer bisherigen Tätigkeit regional mit Ländern Nordafrikas auseinandergesetzt haben. In einem lockeren Sprachstil skizzieren die Autor_innen den Protest in den jeweiligen Ländern.

Differenzen der „arabischen Welt“

Kontextualisiert werden die einzelnen Beiträge durch eine Einordnung in die jeweiligen historischen Entwicklungen. Die Rolle „westlicher Mächte“ wird dabei stellenweise miteinbezogen, begrenzt sich jedoch leider mehrheitlich auf Beziehungen der USA zu den jeweiligen Regimen. Die Rolle Deutschlands am Machterhalt wird weniger thematisiert. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Analysen in ihrer Schwerpunktsetzung voneinander, was sicherlich auch den unterschiedlichen politischen Entwicklungen in den untersuchten Ländern geschuldet ist. So hebt im Falle Jordaniens Heiko Flottau beispielsweise die besondere Bedeutung geflohener Palästinenser_innen für die politischem Entwicklungen des Landes hervor. Als wichtige Akteure des Protests im arabischen Frühling werden mehrheitlich Bürger „der Mittelschicht“ benannt. Die Partizipation von Arbeiter_innen wird ausgeblendet − ihre sozialen Kämpfe somit nicht sichtbar gemacht. Als Ursache des Protests in den Ländern werden mangelhafte Bürgerrechte und hohe Arbeitslosigkeit genannt. Zudem, schreiben die Herausgeber im Vorwort,

„(...) taucht bei allen Protesten immer wieder ein Wort auf: Würde. Es geht der rebellischen Jugend letztlich darum, als mündige Bürger ein Leben in Würde zu führen − ohne permanente Gängelung, ohne Verbeugung und Bakschisch, ohne Angst vor Polizeiwillkür und Folter." (S.11)

Bürgerrechte werden als wichtiges Motiv des Protests hervorgehoben. Die Autor_innen skizzieren auch Länder, in denen zwar Proteste gegen die Machthaber stattfanden, diese jedoch nicht in revolutionäre Umwälzungen mündeten. Dabei werden hierfür unterschiedliche Ursachen benannt. So wird beispielsweise im Falle Marokkos durch Marc Dugge festgestellt, dass die Voraussetzungen für eine Revolution nicht gegeben gewesen wären, da König Mohammad VI. nicht als Feindbild Ziel des Protest wurde. Vielmehr konnte dieser durch die Durchführung von Reformen gestärkt aus den Protesten hervorgehen. Im Falle Algeriens sieht Helmut Dietrich die mangelhafte Unterstützung durch Gewerkschaften und politische Opposition als Ursache des Scheiterns einer Revolution. Für Saudi Arabien stellt Henner Fürtig fest, dass König Abdullah aufgrund von persönlicher Glaubwürdigkeit und Reformbereitschaft und einem geringeren Veränderungsdruck innerhalb der Bevölkerung an der Macht bleiben konnte.

Deutschland als Vorbild?

Ein näherer Blick soll nun auf den Beitrag Frank Nordhausens zu den Protesten in Ägypten gelegt werden. In seinem Beitrag widmet er sich zunächst dem Verlauf der revolutionären Ereignisse vom 15. Januar bis zum 11. Februar 2011. Dabei hebt er die Rolle von Social Media Plattformen wie Facebook oder Twitter hervor, denen sich ein großer Teil der jungen Bevölkerung Ägyptens bediente. So seien staatliche Behörden und Polizei überrascht gewesen, „wie online umschlagen kann in offline“ (S. 39). Nordhausen skizziert in seinem Beitrag die wichtige Rolle des Militärs im Rahmen der Revolution und geht auf die geostrategische Bedeutsamkeit des Landes ein. Er stellt fest, dass im Rahmen der Revolution erstmals „schüchterne“ und „traditionell“ gekleidete Frauen, ihre „Scheu“ (S. 49) überwunden haben, sich öffentlich politisch zu äußern.

Nordhausen knüpft damit an bestehende Diskurse an, die muslimisch geprägte Ländern als rückschrittlich in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit konstruieren. Dabei stellt die ägyptische Revolution einen Generationenkonflikt zwischen traditioneller und moderner arabischer Gesellschaft dar (S. 54). Nachdem Nordhausen auf den Verlauf der Ereignisse eingeht, erläutert er abschließend erste Entwicklungen nach dem Sturz Mubaraks.

Nordhausen bewertet die Entwicklungen in Ägypten als positiv und ordnet die Bewegungen einer demokratischen Zivilgesellschaft zu. Gegner der Bewegungen werden als rückschrittlich und vormodern dargestellt. Im Rahmen des Artikels finden sich immer wieder Vergleiche des Regimes Mubaraks mit der ehemaligen DDR, die auf den ersten Blick irritierend wirken. Nordhausen benennt Parallelen der Revolution Ägyptens mit dem Mauerfall Berlins. Zu Beginn des Artikels schreibt er:

„Das alles erinnert an den historischen Tag vor 21 Jahren, als eine Millionen Menschen sich auf dem Berliner Alexanderplatz versammelten, um das SED-Regime durch ihre schiere Masse hinwegzufegen (...) ,Wir sind das Volk‘ und − genau wie damals in Leipzig oder Ost-Berlin −: ,Keine Gewalt‘!“(S. 49)

Im weiteren Verlauf wird Nordhausen noch deutlicher, indem er politische Zusammenhänge herstellt:

„Nach dem Vorbild der DDR-Revolutionäre stürmen Bürger im ganzen Land am 6. März die Zentralen des Staatssicherheitsdienstes Amn al-Dawla (...): Den Oppositionellen gelingt es, wie ihren Vorgängern in Ost-Berlin, Leipzig oder Erfurt, zahlreiche Akten vor der Vernichtung zu bewahren.“ (S. 59)

Nordhausen stellt somit die politischen Entwicklungen der Bundesrepublik als Vorbild demokratischer Entwicklungen dar, denen Ägyptens Zivilgesellschaft nun folgt. Indem er die revolutionären Entwicklungen euphorisch feiert, spricht er sich gleichzeitig positiv für Deutschland aus. Zudem führen entsprechende Vergleiche zur einer Entkontextualisierung entsprechender Bewegungen. So werden soziale Rechte ausgeklammert, die im Rahmen der revolutionären Umwälzungen Ägyptens eine wichtige Rolle spielten, in herrschenden Diskursen zum Fall der Berliner Mauer jedoch nicht hegemonial waren. Vielmehr wurden hier die Einforderungen von Bürgerrechten stark fokussiert.

Ähnliche Vergleiche der revolutionären Entwicklungen in Ländern Nordafrikas mit Deutschlands finden sich im Beitrag von Thomas Schmidt, der sich mit der „Jasminrevolution“ in Tunesien auseinandersetzt.

Deutsche Verantwortung

Insgesamt gibt der Sammelband einen guten Überblick über die politischen Entwicklungen während den Tagen der Revolutionen, wobei sich die Beiträge stark voneinander unterscheiden. Stellenweise sind die Beiträge sehr deskriptiv und wirken angesichts der jüngsten Entwicklungen in den jeweiligen Ländern nicht mehr ganz aktuell.

Positiv hervorzuheben ist, dass auch Länder behandelt werden, dessen Proteste in hegemonialen Auseinandersetzungen bisher wenig Beachtung fanden. Sie verdeutlichen dabei die Unterschiedlichkeiten der einzelnen Länder. Die Konstruktion „der arabischen Welt“ bleibt dabei jedoch erhalten. Zu wenig Beachtung findet die Frage, ob Kontinuitätslinien zwischen den Protesten existieren, die über diese Idee hinausgehen. Die Rolle europäischer staatlicher Akteure, vor allem Deutschlands, am Machterhalt der Regime wird zu wenig beleuchtet, dafür plädieren einzelne Beiträge für eine europäische Verantwortung, am postrevolutionären Staatsaufbau mitzuwirken. So stellen die Herausgeber gleich zu Beginn fest, dass Europa „Tunesien und Ägypten bei der gewaltigen Aufgabe“ helfen muss, „auch aus Eigeninteresse“, damit nicht „Islamisten“ und Populisten an die Macht kommen (S. 13). So wird explizit die Stärkung der Rolle Europas im politischen Weltgeschehen hervorgehoben. Kritisch hinterfragt wird sie nicht.

Frank Nordhausen, Thomas Schmid (Hg.) 2011:
Die arabische Revolution. 2. Auflage.
Ch. Links Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86153-640-6.
224 Seiten. 16,90 Euro.
Zitathinweis: Sara Madjlessi-Roudi: Differenzen und Gemeinsamkeiten der arabischen Revolutionen. Erschienen in: Arabische Revolutionen. 23/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1081. Abgerufen am: 24. 05. 2019 17:25.

Zum Buch
Frank Nordhausen, Thomas Schmid (Hg.) 2011:
Die arabische Revolution. 2. Auflage.
Ch. Links Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-86153-640-6.
224 Seiten. 16,90 Euro.