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Die Wiederentdeckung der Dissident*innen

Buchautor_innen
Miladin Životić
Buchtitel
Proletarischer Humanismus
Buchuntertitel
Studien über Mensch, Wert und Freiheit
Ein „Humanistischer Marxist“ und „Feind des Nationalismus“ wird neu aufgelegt.
Rezensiert von Gabriel Kuhn

Das sozialistische Modell Jugoslawiens, das sich sowjetischer Bevormundung verwehrte, erweckte immer schon das Interesse „libertärer Sozialisten“. In einer der bekanntesten Einführungstexte in den Anarchismus – „Anarchismus: Begriff und Praxis“ (deutsche Ersterscheinung 1967) bespricht beispielsweise Daniel Guérin ausführlich die Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien. Insofern überrascht es nicht unbedingt, dass nun der anarchosyndikalistische Verlag Syndikat-A ein Buch neu aufgelegt hat, das erstmals 1972 im Carl Hanser Verlag in deutscher Übersetzung erschien: „Proletarischer Humanismus: Studien über Mensch, Wert und Freiheit“ von Miladin Životić.

Der Philosoph Životić gehörte zu einem Kreis jugoslawischer Intellektueller, die von 1964 bis 1974 die marxistische Zeitschrift Praxis herausgaben. Die undogmatischen Deutungen des Marxismus durch die Praxis-Gruppe waren selbst der jugoslawischen Führung suspekt. Die Zeitschrift wurde immer wieder beschlagnahmt und die Herausgeber, inklusive Životić, von ihren Lehraufträgen suspendiert. (2019 erschien bei Syndikat-A ein von Frederik Fuß herausgegebener Sammelband mit Aufsätzen von Mitgliedern der Praxis-Gruppe unter dem Titel „Der vergessene Marxismus“).

Als in den 1980er Jahren nationale Konflikte den Zusammenbruch der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien befeuerten, kritisierte Životić den serbischen Nationalismus. Gemeinsam mit dem bekanntesten Dissidenten Jugoslawiens Milovan Đilas gründete er den „Belgrad-Kreis“, der sich um Dialog zwischen den Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens bemühte. Als Životić 1997 verstarb, wurde ihm in einem Nachruf in der New York Times als „serbischem Feind des Nationalismus“ gehuldigt.

Kommunismus als Humanismus

„Proletarischer Humanismus“ gilt als eines der wichtigsten Werke Životićs. Es ist keine leichte Kost. Die Lektüre erfordert Grundkenntnisse in marxistischer Theorie und philosophischer Ideengeschichte ebenso wie Toleranz für das Soziologendeutsch der Ära, das die Übersetzung prägt. Wer sich die Mühe macht, stößt jedoch auf einen Text, der die Theoriebildung des Sozialismus im 20. Jahrhundert bereichert.

Im Zentrum steht – wie zu erwarten – eine Kritik des Stalinismus, der als „wesentlichster Aspekt der positivistischen Marxismusinterpretation im 20. Jahrhundert“ (S. 48) betrachtet wird. Der Positivismus beraubt Životić zufolge die Philosophie ihrer wichtigsten Aufgabe, nämlich der „Veränderung der totalen bestehenden Realität“ (S. 50). Der Marxismus ist für Životić „eine programmatische Philosophie der Aktion“ (S. 122).

Životić wendet sich sowohl gegen einen „Szientismus“, der die Wissenschaft als „einzig legitimen Richter über die Wirklichkeit“ (S. 130) betrachtet als auch gegen eine „Technokratie“, welche „die Technik auf unmenschliche Weise zur Anwendung bringt“ (S. 139). Im Kontext dieser Reflexionen formuliert Životić Zeilen, die sich heute prophetisch ausnehmen:

„Die Technik liefert lediglich die Möglichkeit zu menschlicher Freiheit; sie ist lediglich das Mittel dazu, doch nicht die Freiheit selbst. Die heutige technische Macht bedeutet gleichzeitig auch die größte Gefahr der Unfreiheit und Destruktion, wenn sie nicht richtig gehandhabt wird“ (S. 137).

Ähnlich aktuell mutet Životić Bestandsaufnahme der „Koexistenz von autoritärer Kultur und Massenkultur“ an:

„In der Sphäre des öffentlichen Lebens funktioniert der Mensch immer mehr als von außen gelenktes Individuum, als programmierter Routinier; in der Sphäre des Privatlebens wird er immer mehr zum anonymen, durchschnittlichen Individuum, das bemüht ist, sich seinen Misserfolgen und Frustrationen durch verschiedene Formen der Flucht anzupassen – deren wichtigste Formen sind dabei die Sucht nach anspruchsloser Unterhaltung sowie die Bedürfnisse des konsumorientierten Menschen“ (S. 232).

In dem Humanismus, den Životić bemüht, ist der Kommunismus „die Überwindung der Gegensätze zwischen den bestehenden Formen der Existenz des Menschen und seinem Wesen“ (S. 78). Der „reale Humanismus“ steht im Gegensatz zum „abstrakten, moralistischen Humanismus“, in dem die „bürokratische Realität“ mit ihren „periodischen Deklarationen und Resolutionen“ (S. 169) der kreativen Umgestaltung der Gesellschaft durch die Arbeiterklasse im Wege steht.

Revolution als Prozess

Die bürokratische Realität kulminiert im Stalinismus, den Životić als das „größte Hindernis für die Entwicklung des Sozialismus“ (S. 91) sieht. Die sozialistische Revolution begreift Životić „nicht als einen Zustand, als eine bestimmte, fixierte Form gesellschaftlicher Ordnung“ (ebd.), sondern als „Prozess“, in dem „das Absterben des Staates und die Einrichtung selbst zu verwaltender Gesellschaftsverhältnisse“ (S. 108) verwirklicht wird.

Životić formuliert in diesem Zusammenhang Sätze wie den folgenden:

„Die politische Praxis der sozialistischen Politik, welche die Selbstverwaltung errichtet, muss immer mehr die persönliche Initiative und einen kompetenten, selbständigen Einzelnen entwickeln, um so die Basis zu schaffen für die Überwindung der politischen Klassengesellschaft“ (S. 176f.).

Es gab eine Zeit, da erschreckten solche Aussagen selbst nicht-stalinistische marxistische Machthaber, während sie von Apologet*innen der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung gefeiert wurden. Für die sozialistischen Dissident*innen Osteuropas war es schwierig, sich den binären Gegensätzen des Kalten Krieges zu entziehen. Diese Zeiten sind vorüber. Damit werden auch neue Einschätzungen dieser Dissident*innen möglich, die nicht gegen den Sozialismus antraten, sondern eine „wirklich“ sozialistische Zukunft einforderten. Deren Notwendigkeit bleibt bestehen, nicht nur für ein gesellschaftliches Leben in Würde, sondern für das Überleben der Menschheit überhaupt. Es kann nur helfen, Stimmen wie jene Životićs in die entsprechenden Diskussionen miteinzubeziehen.

Miladin Životić 2020:
Proletarischer Humanismus. Studien über Mensch, Wert und Freiheit. Übersetzt von: Heidi Pataki.
Syndikat-A, Moers.
ISBN: 978-3-9817138-7-9.
237 Seiten. 14,50 Euro.
Zitathinweis: Gabriel Kuhn: Die Wiederentdeckung der Dissident*innen. Erschienen in: Jugoslawien – 30 Jahre später. 59/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1676. Abgerufen am: 23. 06. 2021 11:44.

Zum Buch
Miladin Životić 2020:
Proletarischer Humanismus. Studien über Mensch, Wert und Freiheit. Übersetzt von: Heidi Pataki.
Syndikat-A, Moers.
ISBN: 978-3-9817138-7-9.
237 Seiten. 14,50 Euro.