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Die Schule der Nation und sein „Anderes"

Buchautor_innen
Anna-Caterina Walk
Buchtitel
Das Andere im Tatort
Buchuntertitel
Migration und Integration im Fernsehkrimi
Eine Untersuchung zum „Anderen“ im Tatort kratzt leider nur an der Oberfläche der beliebten Krimireihe.
Rezensiert von Birgit Peter

Wie wird das migrantische „Andere“ in der Krimireihe Tatort konstruiert und repräsentiert? Dieser Frage anhand einer Medienanalyse von drei Tatortfolgen aus den Jahren 2007 und 2009 nachzugehen, scheint aufgrund der großen Präsenz und Wirkung des Tatorts lohnend. Schließlich folgen auf Tatort-Ausstrahlungen regelmäßig Debatten über Thema, Plot und schauspielerische Leistung der Darsteller_innen der jeweiligen Folge in der Öffentlichkeit. Dabei wird im Tatort weit mehr verhandelt: die Konstruktion einer kollektiven nationalen Identität. Aufgrund des spannenden und relevanten Themenfeldes sei eine Lektüre von „Das Andere im Tatort. Migration und Integration im Fernsehkrimi“ von Anna-Caterina Walk daher empfohlen. Aus einer gesellschafts- und herrschaftskritischen Perspektive werden jedoch deutliche Mängel sichtbar.

Im ersten Kapitel stellt Walk die Fragestellung und deren Relevanz dar. Hier zeigen sich bereits einige Ungenauigkeiten: Walk definiert entscheidende Begriffe wie „fremd“ und „anders“ nicht und kommt des Öfteren nicht über eine Aneinanderreihung von nicht weiter ausgeführten Schlagworten hinaus: „Veränderungen in der Gesellschaft, eine globalisierte Welt und die Krise der Identität bringen Fragen nach dem Anderen mit sich.“ (S. 10). Welche gesellschaftlichen Veränderungen und welche Krise denn nun gemeint sind und wie das mit „dem Anderen“ zusammenhängt, wird dabei nicht weiter ausgeführt.

Mangelnde Kontextualisierung

Walk bettet die Arbeit theoretisch in die Cultural Studies und das Werk Stuart Halls ein und orientiert sich methodisch an der Vorgehensweise des Medienwissenschaftlers Lothar Mikos. Im dritten Kapitel schreibt Walk über verschiedene Konzeptionen „des Anderen“. Sie geht dabei auf verschiedene Konzepte zur Herausbildung von Identität sowie auf Ausschlüsse der als anders markierten Personen im Sinne einer Reinhaltung ein. Auch das Konzept der Intersektionalität (kritisch-lesen.de #10), die Konstruktion von „Rasse“ und Geschlecht und Annahmen aus der Stereotypen- und Vorurteilsforschung werden dargestellt. Dies alles geschieht auf 15 Seiten und lässt sich aufgrund dessen kaum tiefgründig gestalten. Damit allein lässt sich allerdings nicht erklären, weshalb hier auch inhaltlich dürftig gearbeitet wurde. Vielleicht lässt sich darüber streiten, ob sich tatsächlich für die Gegenwart postulieren lässt: „Jede gesicherte oder essentialistische Konzeption von Identität (…) gehört nun der Vergangenheit an“ (S. 27). Aber mit Verweis auf „fleißige Asiaten“ (S. 37) uneingeschränkt von „positiven“ Stereotypen zu sprechen und dabei gar nicht zu berücksichtigen, dass diese Form der Homogenisierung und Zuschreibung ebenfalls Teil eines rassistischen Kanons ist, zeugt doch von einer kurzsichtigen Auseinandersetzung mit der Thematik. Die unscharfe Trennung von Vorurteil und Stereotyp und auch die gelegentliche Nutzung von entpolitisierten Begriffen wie „Fremdenfeindlichkeit“ (S. 69) anstelle von Rassismus legen nahe, dass die Autorin sich zwar mit den relevanten Theorien beschäftigt, diese aber nicht fundiert ausgearbeitet hat. Dies schlägt sich auch darin nieder, dass es zu keiner einleuchtenden Verbindung von Theorie und Untersuchung kommt.

Nach der theoretischen Rahmung gibt die Autorin wichtige Fakten zum Tatort und liefert eine Inhaltsbeschreibung der drei für die Untersuchung ausgewählten Folgen. In der Untersuchung zeigen sich dann Mängel, die auf einer mangelnden Reflektion von Machtstrukturen beruhen. Walk untersucht zum Beispiel die Folge „Wem Ehre gebührt“ vom 23.12.2007. In dieser Sendung klärt die weiße mehrheitsdeutsche Ermittlerin Charlotte Lindholm den vermeintlichen Suizid einer jungen Frau auf. Ihr türkisch-deutscher Kollege Aslan ist ihr dabei keine Hilfe, da er die These der Selbsttötung glaubt. Die Auflösung des Plots ist, dass der Vater der alevitischen Familie seiner Tochter sexuelle Gewalt angetan hat und mit dem Mord an der anderen Tochter sein Auffliegen verhindern wollte. Bei der Analyse dieser Folge übersieht Walk wesentliche Aspekte. Sie interpretiert beispielsweise eine Situation, in der sich die Angehörigen des Opfers in der Familiensprache unterhalten, welche die Ermittlerin nicht versteht, dahingehend, dass die Ermittlerin nun die Andere sei. Dass diese aber umgehend einfordert, deutsch zu sprechen und sich somit auf eine scheinbar selbstverständliche Dominanz der deutschen Sprache und ihre gehobene Stellung als Polizeibeamtin berufen kann, sie also aus der machtvolleren Position agiert, bleibt dabei unausgesprochen. Walk bleibt mit ihrem Begriff von anders dabei unpolitisch und kontextlos. Und dass, obwohl sich Walk mit ihrem theoretischen Hintergrund der Cultural Studies ja explizit mit der Machtdimension von Kulturprodukten auseinander setzen wollte.

Ebenso wenig geht Walk darauf ein, dass Aslan nichts zur Klärung des Falls beiträgt und seiner Kollegin immer wieder - vermeintlich unberechtigt - stereotypes Denken unterstellt. Aslan wird dabei nicht nur als anders, sondern auch als inkompetent und paranoid konstruiert (vgl. Fetzer 2010, S. 134). Auch dazu äußert sich Walk nicht.

Übersehene Klischees

Als weiteres Beispiel für eine mangelnde Kontextualisierung sei hier die Reaktion auf die genannte Tatortfolge genannt. Da es sich bei dem Vorwurf, Alevit_innen seien inzestuös, um ein altes und immer wieder vorgebrachtes Vorurteil handelt, gab es große Demonstrationen gegen diese Darstellung im Tatort mit circa 20 000 Teilnehmenden. Die Alevitische Gemeinde Deutschlands stellte Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Diese Ereignisse finden keinen Niederschlag in Walks Untersuchung, ebenso fehlt eine fundierte Analyse davon, wie das Kopftuch als Symbol in den drei Tatortfolgen eingesetzt wird.

In ihrem Fazit beschreibt Walk die Folge „Wem Ehre gebührt“ als Erfolg, weil dort eine „fast klischeefreie Darstellung“ gelungen sei (S. 102). Dem kann sich hier nicht angeschlossen werden. Schließlich finden sich auch hier das gängige Stereotyp der überfüllten Wohnung, in der die Migrant_innen sich eng zusammengerückt vor der deutschen Mehrheitsgesellschaft da draußen verstecken (vgl. Fetzer 2010, S. 125, 130), der unfähige deutsch-türkische Polizist, der unberechtigterweise überall Diskriminierung erkennt, die junge Frau, die das Kopftuch ablegt, nachdem sie von der weißen deutschen Polizistin gerettet wurde, um nur einige zu nennen.

Walk kommt weiter zu der Schlussfolgerung, dass es zwei der drei Tatortfolgen versäumen, „einen produktiven Beitrag für das Zusammenleben mit dem Anderen zu leisten“ (S. 102). Auch hier gelingt es Walk wieder nicht, deutlich zu machen, dass „das Andere“ eben keine naturgegebene Kategorie ist, sondern immer erst relational konstruiert werden muss. Spätestens hier sollte eine umfassendere Auseinandersetzung beginnen: Welche Bedeutung hat die Darstellung von Migrant_innen im Tatort für die Bestätigung eines deutschen Kollektives? Millionen Menschen in der BRD, Österreich und der Schweiz sitzen sonntäglich vor den Fernsehgeräten und erhalten dort Einblick in Welten, zu denen sie sonst keinen Zugang haben. Es werden aktuelle gesellschaftliche Themen oftmals schon fast pädagogisch aufbereitet − auf dem Klappentext wird der Tatort sogar als „Schule der Nation“ bezeichnet. Walk geht leider zu wenig darauf ein, welche Wirkmächtigkeit die Konstruktion von Anderssein dadurch entfalten kann und in welchem Zusammenhang das mit der Konstruktion eines kollektiven Eigenen steht.

Offene Fragen

Welche ideologischen Momente stecken dahinter, wenn dem mehrheitlich weiß-deutschen Publikum vorgeführt wird, dass der deutsch-türkische Polizist inkompetent ist und der alevitische Vater seine eine Tochter vergewaltigt und die andere tötet? Wer wird als anders konstruiert und welche Aussagen werden damit über das „Eigene“ getroffen? Und welche Rolle spielt dies in einem Land, dessen Bevölkerung sich zunehmend wieder im nationalen Freudentaumel befindet und in dem eine Klärung dessen, wer zum deutschen Kollektiv gehören darf, noch aussteht?

Walk hat sich einer relevanten Fragestellung gewidmet. Hätte sie sich dabei für eine tiefgründigere Auseinandersetzung und Kontextualisierung entschieden sowie einen wirklich gesellschaftskritischen und dekonstruktivistischen Zugang gewählt, wäre die Arbeit wohl um einiges lesenswerter geworden.

Zusätzlich verwendete Literatur

Fetzer, Margret (2010): Eigendynamiken und An-Eignung städtischer Räume im Migranten-Tatort. In: Griem, Julika / Scholz, Sebastian (Hg.): Tatort Stadt: Mediale Topographien eines Fernsehklassikers. Campus, Frankfurt am Main. S. 121–143.

Anna-Caterina Walk 2010:
Das Andere im Tatort. Migration und Integration im Fernsehkrimi.
Tectum, Marburg.
ISBN: 978-3-8288-2593-2.
136 Seiten. 24,90 Euro.
Zitathinweis: Birgit Peter: Die Schule der Nation und sein „Anderes". Erschienen in: Gesellschaft im Neoliberalismus. 29/ 2013. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1134. Abgerufen am: 23. 05. 2018 01:25.

Zum Buch
Anna-Caterina Walk 2010:
Das Andere im Tatort. Migration und Integration im Fernsehkrimi.
Tectum, Marburg.
ISBN: 978-3-8288-2593-2.
136 Seiten. 24,90 Euro.
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