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Die Kinder des Sisyfos

Buchautor_innen
Erasmus Schöfer
Buchtitel
Die Kinder des Sisyfos
Buchuntertitel
4 Bände
Schöfer bietet innerhalb von mehr als 2000 Seiten keinen Roman, aber eine Reihe sehr guter Reportagen aus den Kämpfen von 1967 bis 1989. Der Autor schüttet uns damit Ergebnisse und Erlebnisse als Material der Verarbeitung vor die Füße.
Rezensiert von Fritz Güde

Ein Monumentalwerk von weit über 2000 Seiten. Umfasst die Zeit von 1967 bis 1989. Geschildert aus der Perspektive von hauptsächlich drei Akteuren, die allerdings in Sprache und Haltung so ähnlich sind, dass man sie dauernd miteinander verwechselt. Der Autor, Erasmus Schöfer, der manchmal in dritter Person erwähnt wird, hat sich die drei Personen als Sprachrohr gewählt. Viktor Bliss, Abendrothschüler mit Doktorgrad, floriert an der Uni nicht, bekommt schon nach der Referendarzeit Berufsverbot, haut zeitweise nach Griechenland ab, erleidet dort eine fast tödliche Brandverletzung und figuriert im vierten Band als der weltabgeschiedene Weise, der den Lauf der Welt nur noch begutachtet. Kolenda bei der Deutschen Volkszeitung, die immer als Demokratische Zeitung auftaucht und ihm die bequeme Möglichkeit bietet, als Reporter alle Orte der Auseinandersetzung zu besuchen und so die Kämpfe der Zeit berichtend zusammenzufassen. Manfred, Betriebsratsvorsitzender bei Thyssen/Rheinhausen, wird eingeführt als der Vorkämpfer der Klasse im Streik und gegen Werksschließung. Nach 1989 schlägt er den größten Purzelbaum, tritt reuig bei der SPD ein, um beim "Großteil der Arbeiterklasse" zu verweilen. Zu diesem jammervollen Ende noch ausführlicher später.

Schöfers Darstellungsproblem: Er weiß nicht, ob er einen proletarischen Bildungsroman schreiben soll oder einen nach dem Muster von Voltaires "Candide". Also ob er in bewährter Manier das Hinfinden zur Arbeiterklasse zeigen will, über manche Irrtümer und Unentschlossenheiten hinweg oder ob er den Gesellschaftsroman der letzten zwanzig Jahre zuwege bringen möchte mit einer Figur, die von berufswegen überall dabei war - in Wyhl, an der Startbahnwest, in der selbstverwalteten Glasfabrik, vorher schon beim Vietnam-Kongress 67 und den ersten Demos mit Steinwürfen. Genau so hatte Voltaire seinen Candide in den siebenjährigen Krieg geraten lassen, ins Erdbeben von Lissabon und in die Neue Welt, überall dorthin, wo das geschah, was später im Kalender und Geschichtsbuch stand.

Die beiden Intentionen geraten einander in die Quere. Von Entwicklung kann bei den Protagonisten kaum die Rede sein, allenfalls von Ermattung und schließlich bei Manfred von Einknicken. Umgekehrt ziehen die Schauplätze an Kolenda einfach vorbei. Es wird keine Gesamtveränderung der geschichtlichen Lage sichtbar, in der die dargestellten Kämpfe Etappen bilden würden. Um das Innenleben seiner Figuren zu möblieren, hat sich Schöfer offenbar verführen lassen von denen, die der gesamten linken Literatur zu wenig Leben, zu wenig Leidenschaft vorwarfen. Offenbar soll endlich mal der Beweis erbracht werden, dass das "pralle Leben", wie der Fachausdruck lautet, uns mehr oder weniger trockenen Linken doch nicht ferngeblieben ist. Prall im Wortsinn genommen: Immer wieder sprengen Erektionen - mit geringer Beihilfe - Reißverschlüsse. Wirkt aber auf die Dauer etwas eintönig. Trotz gegenteiliger Beteuerungen kommt den Frauen außer der Beteiligung an den geforderten Lockerungsübungen keine wirklich eigenständige Rolle zu. Diese wird eher behauptet als vorgeführt. Schließlich Titel und zugehörige Lyrik. Die lyrischen Einlagen sollten am besten sofort übersprungen werden. Sie stellen einfach Plusterungen dar: gehobener Stil ohne Anschauung.

Damit kämen wir zum Titel. Der Rückgriff auf den Sisyfos hat sich seit Camus immer neu auch als Rückzug herausgestellt. Revolutionäres Handeln zielt darauf eine Situation zu schaffen, die nachher nicht mehr zurückzunehmen ist. Das Bild des Sisyfos von Camus, der mit geschwollener Stirnader seinen Felsen rollt, um den Göttern zu trotzen, verwandelt die ändernde Tat in Gebärde zurück. Wer Klötze wälzt, um zu trotzen, dem ist das immer neue Herunterpoltern des mühsam Hochgeschafften kein Einwand. Er will ja nicht ändern, nur zeigen. Entsprechend der Titel von Camus Hauptwerk: L' homme revolté. Deutsche Übersetzung: Der Mensch in der Revolte. Revolte - Aufbäumung - nicht: Revolution: Umwälzung der bestehenden Verhältnisse.

All das könnte mit Gewinn aus den vier Bänden wegfallen. Vielleicht nur einer oder zwei übrigbleiben. Eine Sammlung von Reportagen, in denen einzelne Situationen der versuchten Umwälzung detailgetreu und kenntnisreich vorgeführt werden. München 68 zum Beispiel: die Auseinandersetzungen im Ensemble Steins etwa: Wie können Schauspieler kollektiv etwas gegen die Notstandsgesetze unternehmen? Ist Streik gegen sich selbst möglich? Oder später: die Übernahme eines Glasbläserbetriebs in Nordhessen - in Selbstverwaltung, bei immer noch vorhandenem Ersteigentümer. Oder der Kampf der Bauern und Kleinstädter um Wyhl mit der richtig beobachteten Pointe, dass unter den ersten Akteuren herzlich wenig Sozialisten sich befanden und nicht einmal besonders viel grundsätzliche AKW-Gegner. Sie wollten nur nicht die Nebelschwaden um ihre Weinberge ziehen sehen. Und sie wollten sich nicht einfach von de "Hääre" aus Stuttgart die Butter vom Brot nehmen lassen. Der eigentümliche Duck-Anarchismus der Rheinebenen-Bauern und der Elsässer wird sehr gut herausgearbeitet. Unter den dauernden Herrschaftswechseln haben sie zwar gelernt, notgedrungen mal den Buckel krumm zu machen, aber das Misstrauen gegen jede Obrigkeit nie aufzugeben - und von diesem von Fall zu Fall recht aufdringlich Gebrauch zu machen. Bis es dann wieder vorbei ist. Ebenso eindrucksvoll die Erinnerung an die nie abgebrochenen Kämpfe in Griechenland, seit Stalin die Region an Churchill verkauft hatte.

Startbahn West schließlich - das Durcheinander im Hüttendorf, die zwei Gurus Härtling und Karasek und die damals noch ungewohnte Brutalität der Polizei. Diese und ähnliche Episoden in einer Reportagensammlung: vorzügliches Material der Erinnerung für alle, die immer noch meinen, wir hätten es viel weiter gebracht. Was tragen die angeblich handelnden Personen zum besseren Verständnis bei? Wenig bis nichts. Sie werden klatschnass, kriegen Rippen oder Finger gebrochen und verschwinden wieder.

Eine Katastrophe ist der vierte Band. Alles steuert auf die Kapitulation der DDR 1989 zu. Im Westen kommt man auf die Natur zu sprechen. Kaufungen, die wirklich vorhandene Kommune hinter Kassel, wird zum Ideal. Ganz ohne Problematisierung. So nützlich Genossenschaften sein mögen, um den antrainierten Individualismus zu überwinden, das Konkurrenz-Prinzip zwischen Kommune und Kommune können sie doch nie abschaffen. Als Lernmöglichkeit zur kollektivem Handeln ideal, als Instrument zur Durchsetzung einer Umwälzung der gesamten Gesellschaft ungeeignet. Noch härter: Nach dem in Rheinhausen die letzten Stahlkocher ein Gnadenbrot erkämpft haben, kommt die Enkelin des Viktor Bliss aus den USA, sieht die schwere Arbeit am Hochofen und erbricht sich. Sofort geben der Manfred und andere nach, die so lange für die Arbeit der Arbeiter gekämpft haben: ja, ja - ist unmenschlich diese Arbeit - sollte es gar nicht geben. Ideal Kaufungen. In der im ganzen Roman so gelobten "Ästhetik des Widerstands" beschreibt Peter Weiss auch Menzels Bild der Arbeiter am Hochofen. Die Härte des Tuns wird auch dort sichtbar, nur auch die Kraft derer, die zeigen, dass eigentlich sie den ganzen Produktionsvorgang beherrschen und keinen Chef dazu brauchen.

Der härteste Hammer am Ende: Gerade derjenige, der als Betriebsrat die Sauereien der SPD in Zusammenarbeit mit den Spitzen der Gewerkschaft am deutlichsten beobachtet und analysiert hatte, will in der SPD auf die Mehrzahl der Arbeiter treffen. Unter Berufung auf den damaligen Lafontaine in der SPD. Auch sonst zeichnet sich eine Zukunft ab, in der Kampf nicht mehr nötig sein wird. Andächtig erzählt die Runde, das Gorbatschow Bush senior getroffen hätte, und schon die Hälfte des Raktenbestandes hätte jede Partei zur Verschrottung freigegeben. Ja, wozu dann noch die Stahlschmieden? Dies alles über Lafontaine, Gorbatschow und Bush senior wurde nicht etwa wirklich 1989 geschrieben, sondern die ganzen neunziger Jahre lang, als man sah wo es mit Bush senior und junior und einer SPD unter Schröders Knute wirklich hinaus wollte. Kein Irak-Krieg 1 und 2 am Horizont! Kein Überfall der angebeteten SPD auf Belgrad. Gorbatschow wurde im Verlauf des Romans kritisiert, dass er das Vermächtnis von 1917 verkauft und verraten hätte. Woher jetzt das Glücks-Glucksen aus den Eingeweiden? Woher die Rührung beim tête à tête der beiden Weltaufteiler?

Wie das erklären? Schlimmste Lösung: Schöfler glaubt sich alles und hat seinen Schwenk zu Kaufunger-Grünen und SPD wirklich als Bekehrung erlebt. Wie bei allen Paulus-Erlebnissen dieser Art: grundlos. Is eben so. Was bleibt sonst? Oder soll es Ironie sein: Schaut was für Illusionen manche von uns 89 immer noch hatten. Allerdings als Ironie hinge das völlig in der Luft. Durch nichts in den 2500 Seiten vorbereitet. Also als Literatur genommen: Jauche.

Oder der Schriftsteller Schöfer, dem seine Volkszeitung abhanden kam und die Mehrzahl der linken Publikationen, in denen er bisher schreiben konnte, hat ein verkapptes Bewerbungsschreiben abgegeben, um im Vorwäts noch einen Unterschlupf zu finden. Damit allerdings auf lange Sicht auch noch fehlspekuliert. Müntes und Steinmeiers haben selbst solche Bekehrte nicht mehr nötig.

Wie gesagt: Wenn es schon vier Bände sein mussten, am vierten hätte der Autor am besten beim großen Name-Dropping des UZ-Festes die Sache gut sein lassen sollen. Oder zum Beispiel statt all der Kniefälle präziser untersuchen können, wie denn die finanzielle Abhängigkeit der Volkszeitung von der DDR sich wirklich auswirkte die ganze lange Zeit. Das hätte ein Stückchen Erkenntnis verschafft statt eines langhindrohnenden "mea cupla". Und das ohne Reue.

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Die Rezension erschien zuerst im März 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)

Erasmus Schöfer 2008:
Die Kinder des Sisyfos. 4 Bände.
Dittrich Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-937717-31-9.
77,00 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Die Kinder des Sisyfos. Erschienen in: Fem(me)_ininitäten. 5/ 2011. URL: https://kritisch-lesen.de/c/835. Abgerufen am: 26. 09. 2021 15:23.

Zum Buch
Erasmus Schöfer 2008:
Die Kinder des Sisyfos. 4 Bände.
Dittrich Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-937717-31-9.
77,00 Euro.