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Die im Dunkeln sieht man nicht

Buchautor_innen
Ceren Türkmen
Buchtitel
Migration und Regulierung
Ceren Türkmen thematisiert die mediale Darstellung von kultureller Differenz und Hybridität und fragt nach den Zusammenhängen von sozialer Anerkennung und politischem Ausschluss.
Rezensiert von Magnus Treiber

Türkmens Abhandlung in der Reihe „Einstiege“ des Verlags Westfälisches Dampfboot liegt eine einleuchtende These zu Grunde: Einst waren Gastarbeiter*innen in Deutschland als Fremde von sozialer Anerkennung und politischer Partizipation grundsätzlich ausgeschlossen. Bis heute hat sich an der sozialen Markierung ethnischer Differenz wenig geändert, das heißt, auch die Nachfolgegenerationen wurden aus der Zuschreibung, Migrant*in zu sein, nicht entlassen. Allerdings, so Türkmen, fand eine bemerkenswerte Verschiebung im Verhältnis von Mehrheit und Minderheit statt. Im neoliberalen Zeitalter sind Mobilität und kulturelle Offenheit zu neuen Werten globalisierter Eliten herangereift, das kulturell Andere wird nicht länger per se ausgeschlossen, sondern darauf geprüft, was es denn zu Zeitgeist und Lebensstil beizutragen habe. Die fremde Kultur wird also auf ihre Verwertbarkeit hin untersucht und darf sich auf dem Markt der Kulturen anbieten. Dabei wird sie allerdings nicht nur selbst erst als homogene Einheit konstruiert, Kulturschaffende unterwerfen sich, wollen sie als Repräsentant*innen des kulturell Anderen Erfolg haben und Massen erreichen, auch den Zurichtungen der Kulturindustrie. Dies nimmt ihrer kulturellen Arbeit nicht nur die politische Spitze, es verlangt auch die verinnerlichte Zustimmung zu den vorgegebenen Bedingungen individuellen Erfolges. Ethnische beziehungsweise kulturelle Differenzkonstruktion ist dabei gleichermaßen möglicher Schlüssel zu sozialer Anerkennung wie unausweichliche Letztkategorie. Türkische Männer dürfen, so argumentiert Türkmen, im zeitgenössischen Film zwar zu ironisch gebrochenen „Kanaken“ und Frauen zu schicken „High-Heel-Turkas“ (S. 110f.) werden, letztlich werden erzählte Figuren ebenso wie ihre Erzähler*innen aber Türk*innen bleiben. Schlimmer noch, sie füllen die soziale Abgrenzung auch noch mit kulturellem Inhalt, ergänzen Differenz also um Essenz.

Vom fremden Elend zur Métissage

Türkmen ist es ein Anliegen, die Geschichtlichkeit kultureller Selbstverständlichkeiten und ihrer Entstehungsbedingungen zu zeigen. Hierzu zeichnet sie die Geschichte des migrantischen Films in Deutschland nach. Sie zeigt, wie das frühe „Kino der Fremdheit“ männliche Gastarbeiter im fremdbestimmten Elend darstellt – etwa in Rainer Werner Fassbinders „Katzelmacher“ (1969) oder „Angst essen Seele auf“ (1974) – oder Frauen als „Opfer repressiver und patriarchalischer Familienstrukturen inszeniert“ (S. 51), beispielhaft in Hark Bohms „Yasemin“ (1987/88). Dabei kommt das „Kino der Fremdheit“ ohne Beteiligung und ohne Stimme der dargestellten Anderen aus. Nicht zuletzt dank der „Errungenschaften von migrantischen Kämpfen“ (S. 56) setzt sich das mittlerweile etablierte „Kino der Métissage“ durch Partizipation und Perspektive der Anderen ab und hat so den „Weg von der Unsichtbarkeit in die Sichtbarkeit“ (S. 59) beschritten. Allerdings wird Andersartigkeit nicht aufgehoben, der Begriff der Métissage bezeichnet die eigentlich unmögliche Vermischung unvereinbarer kultureller Bestandteile und Zugehörigkeiten: Gerade der Blick auf kulturelle Differenz macht Reiz, Witz und Popularität von Fatih Akins Filmen und diversen humorigen Fernsehserien à la „Türkisch für Anfänger“ aus. Kulturelle Differenz eignet sich daher in entpolitisierter, also bürgerlich akzeptabler Form durchaus zur Erschließung neuer medialer Marktsegmente.

Vom Film zur Gesellschaft

Man könnte nun einwenden, dass es sich hier kaum um ein neues Phänomen handeln kann, haben doch allerlei künstlerische Avantgarden, der Feminismus, die Schwulenbewegung und der Umweltschutz ähnliche Vereinnahmungen erlebt. Zwar wurde auch hier immer ein gesellschaftliches Bewusstsein geschaffen, wo bislang Ignoranz und Spott vorherrschten, doch eben zum Preis inhaltlicher Verflachung und kultureller Marktförmigkeit. Türkmens Argumentation endet hier jedoch nicht. Vom sozialen und politisch unbestrittenen Einschluss einer kulturell distinkten, doch erfolgreichen Elite schließt sie auf die Kehrseite des verschärften sozialen Ausschlusses derer, die in der Unsichtbarkeit verblieben sind.

Ist Ethnizität für die einen der Schlüssel zu Partizipation und Erfolg, so ist es für andere die entscheidende Begründung ihrer Diskriminierung. Türkmen kann hier noch nicht auf Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ (2010) verweisen – ihr Buch ist schon 2008 erschienen – sie kommentiert aber die damalige Social-Marketing-Kampagne großer Medienunternehmen „Du bist Deutschland“ und erwähnt die Debatte um die „deutsche Leitkultur“. Türkmen rückt in den Fokus, was Kampagne und Debatte bemerkenswert unerwähnt lassen, nämlich wer und was konsequenterweise nicht deutsch ist. Man müsste hinzufügen, dass in beiden Fällen vor allem Ratlosigkeit zurückbleibt, was denn dann das Deutsche überhaupt ausmachen könnte. Denn Goethe und Siemens, Bratwurst und Pünktlichkeit scheinen zu kultureller Ganzheitlichkeit ebenso wenig zu taugen wie Kopftuch und Gemüseladen. Multikulturalismus spiegelt, so befindet nicht nur Türkmen, kulturelle Gleichberechtigung vor und verwischt politische Hierarchien und soziale Asymmetrien: Wer über kulturelle Differenz und Zuweisung hinaus konsequent die allgemeine Verfasstheit von Gesellschaft, Staat und Ökonomie anerkennt und zu Selbstdisziplin und Eigenverantwortung bereit ist, bekommt im „Gastland“ eine Chance auf individuellen Erfolg. Wer sich weigert beziehungsweise diese Chance vertut, kann im allgemeinen Interesse nur mit Bestrafung und Ausschluss rechnen. „Wir brauchen weniger Ausländer, die uns ausnützen, und mehr, die uns nützen“, brachte es der frühere bayerische Innenminister Günther Beckstein selbstsicher auf den Punkt.

Jargon ersetzt keine empirische Forschung

Ceren Türkmens Abhandlung ist ein kluges Buch, das wissenschaftliche Debatten und Positionen kritisch auszuloten versteht und sich nicht vorschnell anbiedert. Ihr Bemühen um geschichtliche Prozessualität und ihr Anliegen, über eine ideologiekritische Diskursanalyse hinauszugehen, sind durchweg zu loben. Besonders gefallen mir ihre sehr grundsätzlichen Ausführungen zu Problem und Ambivalenz des Stereotyps am Beispiel der marktförmigen Ethno-Komödie (S. 90f.). Allerdings schreibt Türkmen ausschließlich für ein wissenschaftliches Publikum. Sie greift – etwas langatmig, aber durchaus gekonnt – auf Gramsci, Thompson, Hall, Fanon, Taylor, Bhabha und natürlich immer wieder auch auf Foucault zurück. Ohne soliden kulturtheoretischen Hintergrund ist ihr Text in Tiefe und Verortung daher wohl kaum zu erfassen. Ob Text allerdings erst durch reichlich soziologischen Jargon und schwer verdauliche Schachtelsätze zu Wissenschaft werden kann, sei dahingestellt. Ein strenges Lektorat, vielleicht sogar ein anderes Genre – etwa ein gestraffter Essay – hätten dem Text sicher gut getan. Für einen ersten Blick ins Buch empfehle ich daher den wohltuend lockeren Schluss. Indes tun sich auch verschiedene inhaltliche Fragen auf. Sicherlich hätte man von einer dezidierten Film- und Medienanalyse auf verschiedene gesellschaftspolitische Fragen Bezug nehmen können, aber kann man eine umfassende Gesellschaftsanalyse beabsichtigen und sich empirisch dann auf wenige Spartenfilme beschränken, die ja eben nicht einfach Realitäten abbilden, sondern in erster Linie Erzählungen sein wollen? Türkmen ist dieses Problem bewusst (vgl. S. 56, S. 73, S. 122), wenn sie es auch nicht zu lösen vermag. Allerdings macht sie einen interessanten, weiterführenden Vorschlag:

„Kulturindustrie trifft nie vollkommen im Sinne eines totalen Verblendungszusammenhangs auf die Individuen ein. Auf der Stufe der Rezeption müsste demnach nach Formen widerständigen kollektiven Gedächtnisses zwischen einerseits Gebrauch, Genuss, und Nutzung und andererseits Kontrolle gefragt werden. Das ethnisierte Individuum und kulturelle Alltagspraxen zwischen Freiheit und kultureller Manipulation im Rahmen einer neuen Kulturpolitik der Differenzen in postfordistischen Gesellschaften wäre das Hauptthema einer neuen Kulturforschung“ (S. 143).

Will man über die zugerichtete Subjektivität der Marginalisierten sprechen, so kann man diese weder ausschließlich aus den industriellen Kulturproduktionen erfolgreicher ethnischer Eliten herleiten, noch mit dramatisierenden und referenzlosen Phrasen – „immer stärker“ (S. 26, S. 103, S. 106, S. 112, S. 139), „immer direkter und verschärfter“ (S. 120), „immer mehr“ (S. 125) oder „immer gezielter und konsequenter“ (S. 142) – die „Erfahrung“ (S. 144) von Stigmatisierung und Ausschluss erfassen. Man muss die Menschen fragen.

Zudem bin ich nicht überzeugt, dass sich Kultur ausschließlich und in letzter Begründung auf „ein soziales Herrschaftsverhältnis“ (S. 123) reduzieren und von außen quasi wegerklären lässt. Zwar verweist Türkmen hierzu auf Hobsbawms und Rangers berühmtes Werk „The Invention of Tradition“ (1983), doch darf gerade in der Ethnologie daraus keine stets vorausgesetzte Vereinfachung gebastelt werden. Auch der starke Begriff der Strategie von Zurichtung und Ausschluss scheint mir zu weitreichend gewählt. Strategien sind häufig erst im Nachhinein als solche zu erkennen. Handelt es sich hier nicht zumindest teilweise um politische Effekte, die so nicht unbedingt vorhergesehen, mitunter aber billigend in Kauf genommen wurden. „Wohin mit politischem Begehren?“, fragt Türkmen zu Recht (S. 123), denn der politische Gegner ist nicht immer so konturscharf zu verorten, wie und wo man ihn gerne hätte. Ein teuflisch intelligenter Mastermind fehlt. Dies führt uns abschließend zum Titel des Buches. Der Begriff der „Regulierung“ entpuppt sich erst nach und nach als der oben beschriebene Herrschaftskonsens und die daraus folgende Selbstdisziplinierung des Subjekts beziehungsweise dessen politische Abstrafung. Mit Migration im eigentlichen Sinne hat Türkmens Buch hingegen wenig zu tun. Hier geht es nicht um globale Wanderungsprozesse, sondern um die Kinder und Kindeskinder einstiger Gastarbeiter aus der Türkei in Deutschland. „Der Begriff der Post-Migration würde den Analysegegenstand eher beschreiben“, meint auch Türkmen selbst (S. 13). Dass sie dennoch von Migration spricht, legitimiert die fremdbestimmte Zuschreibung und setzt sie fort. Dies verdeutlicht die Fallstricke recht gut, gegen die Türkmen anschreibt.

Dennoch, die Autorin verliert soziale Wirklichkeiten nicht aus dem Blick und sucht jenseits der Diskursanalyse Möglichkeiten, praktisch zu werden. Tatsächlich bleibt wohl auf kulturelle Entpolitisierung und soziale Desintegration mit dezidiert politischer Kultur zu antworten (S. 147).

Ceren Türkmen 2008:
Migration und Regulierung.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-684-6.
171 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Magnus Treiber: Die im Dunkeln sieht man nicht. Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1159. Abgerufen am: 21. 03. 2019 21:20.

Zum Buch
Ceren Türkmen 2008:
Migration und Regulierung.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-684-6.
171 Seiten. 14,90 Euro.