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Die Grenzen bürgerlicher Tierethik

Buchautor_innen
Friederike Schmitz (Hg.)
Buchtitel
Tierethik
Buchuntertitel
Grundlagentexte
Der Band gibt einen guten Einblick in den Status quo des moraltheoretischen Tierrechtsdiskurses. Wissenschaftliche Schützenhilfe für die Befreiung der Tiere liefern die versammelten AutorInnen nicht.
Rezensiert von Christian Stache

Der umfangreiche Sammelband „Tierethik. Grundlagentexte“ hält, was sein Titel verspricht. Das ist zugleich seine größte Stärke und seine größte Schwäche.

Wer auf der Suche nach einer Einführung in den Mainstream der Tierethik ist oder ein paar einschlägige moralisch-theoretische Argumentationen älteren und jüngeren Datums insbesondere aus dem englischsprachigen Raum kennenlernen will, sollte dieses Buch kaufen. Vielleicht hätte man einen Essay von Richard Ryder, Donna Haraway oder Ursula Wolf mehr aufnehmen können, um den tierethischen Diskurs noch genauer abzubilden. Aber für den Einstieg reicht die umfangreiche Auswahl allemal.

Um sich mit den Kernaussagen der AutorInnen vertraut zu machen, muss man aber nicht unbedingt die 580 Seiten des mitunter ermüdenden moralphilosophischen Kleinklein durchackern. Es reicht eigentlich aus, die von der Herausgeberin Friederike Schmitz hervorragend lesbare und ausführliche Einleitung zum Band zu lesen. Der Eindruck, der sich bereits aus ihren Ausführungen auf den ersten 70 Seiten ergibt, erhärtet sich bei der weiteren Lektüre leider: Man lernt schnell, warum die abgebildete Tierethik weder politischen AktivistInnen noch wissenschaftlichen TheoretikerInnen anzuempfehlen ist, die sich zu Recht für die Befreiung der Tiere von der Barbarei in den Schlachthöfen, Mastanlagen, Tierversuchslaboren, Pelzfarmen und so weiter einsetzen.

Bürgerliche Tierethik,...

Beispielsweise Peter Singers präferenzutilitaristische Moralphilosophie basiert auf der Vorstellung, dass die Interessen aller leidensfähigen Wesen auch in der Ethik berücksichtigt werden müssten, daher auch zumindest die des Gros der Tiere. Anhand von Vergleichen etwa zwischen neugeborenen Menschen und Menschenaffen zeigt er in seinem Aufsatz, dass die gängigen Abgrenzungen zwischen Menschen und Tieren entlang bestimmter ausgewählter Eigenschaften wie zum Beispiel der Vernunft nicht haltbar sind, weil auch nicht alle Menschen diese besitzen. Anders als ihm fälschlicherweise unterstellt wird, schlussfolgert er daraus aber nicht die Abwertung der Menschen, die nicht dem Idealbild entsprechen (so genannte „nicht-paradigmatische Menschen“ (Pluhar, S.112)), sondern den Einschluss bestimmter Tiere in die moralische Gemeinschaft.

Neben zahlreichen anderen Kritiken der Singerschen Philosophie (für moraltheoretische siehe dazu auch die Beiträge von Nussbaum und Luke, eine gute Übersicht bietet Benton im Band), die entgegen politisch diffamierenden Falschbehauptungen Zeit ihrer Existenz auch in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung formuliert worden sind, sind vor allem zwei entscheidend, um seine Theorie zu verwerfen. Singer akzeptiert erstens die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse als Grenze für seine praktische Ethik. In der Konsequenz beschneidet er zweitens seine Philosophie, derzufolge so gehandelt werden soll, dass am Ende das größtmögliche Glück generiert wird, weil Glück in der gegenwärtigen Gesellschaft nur beschränkt hergestellt werden kann. Der Utilitarist kann sich schlicht keine Bewegung vorstellen, in der gleichzeitig das Glück aller verwirklicht wird. Abgesehen von der kruden Annahme, Glück sei quantitativ messbar, haben diese Prämissen zur Folge, dass das Glück und das Leiden verschiedener Individuen, deren Interessen aufgrund ihrer Leidensfähigkeit moralisch relevant sind, gegeneinander abgewogen werden müssen: das Glück eines Schweins gegen das Leiden eines menschlichen Säuglings, das Leid eines kranken Menschen gegen das Leid des Versuchstiers und so weiter. Diese perverse Rationalisierung der bürgerlichen Gesellschaft kann niemandem als Leitfaden dafür dienen, die nichtmenschlichen wie die menschlichen Tiere von ihrem gesellschaftlich erzeugten Leid zu befreien. Zumal Singer auch – seiner Philosophie immanent – die Tötung oder Nutzung von Tieren nicht grundsätzlich ablehnt. Wesentlich ist für ihn, ob „die allgemeine Glücksbilanz stimmt“ (Schmitz, S. 53), wie Schmitz in ihrer Einleitung zu Recht kritisch bemerkt.

Gary L. Francione, einer der historischen Vorreiter der rechtswissenschaftlichen Debatte über den Ein- und Ausschluss von Tieren ins Rechtssystem, verwehrt sich gegen die – unter anderem von Peter Singer vorgenommene – Verknüpfung von Leidens- und kognitivem Vermögen zur Begründung von Tierrechten. Für ihn bedürfe es „außer der Empfindungsfähigkeit keiner anderen geistigen Fähigkeit“ […], um in die moralische Gemeinschaft aufgenommen zu werden“ (Francione, S. 154). Im Widerspruch zu Singer gesteht Francione ein, dass „Tiere keinen inhärenten oder intrinsischen Wert“ in unserer Gesellschaft hätten, weil sie de facto „Eigentum sind“ (Francione, S. 160). In letzter Instanz heiligt der ökonomische Zweck, der Profit etwa eines Tierversuchslabors wie „Laboratory of Pharmacology and Toxicology (LPT)“, die Mittel, wie etwa Tierversuche an Mäusen, Ratten, Hamstern, Meerschweinchen, Kaninchen, Hunden, Affen, Katzen, Schweinen, Fischen und Vögeln.

Francione erklärt die bestehenden Eigentumsverhältnisse nicht historisch-materialistisch, er untersucht sie auch nicht in ihrer bürgerlichen Besonderheit oder analysiert im Anschluss daran ebenso wenig, welcher Platz Tieren in der kapitalistischen Produktionsweise durch die gesellschaftliche politisch-ökonomische Praxis zugewiesen wird. Stattdessen behauptet er, dass „der Eigentumsstatus [der Tiere; C.S.] unmittelbar auf der Idee“ der Menschen beruhe, „dass Tiere – anders als Menschen – kein Interesse an ihrem Leben haben, weil sie sich kognitiv von uns unterscheiden“ (Francione, S. 161), weil sie „als Eigentum der Menschen betrachtet werden“ (Francione, S. 172, Herv. C.S.). Tiere würden also nicht unterdrückt, weil Menschen ein speziesistisches Vorurteil haben, sondern weil sie Tiere aufgrund ihres speziesistischen Vorurteils – der absoluten „kognitiven Differenz“ (Francione, S. 161) – zu Eigentum machten. Mit dieser metaphysischen Begründung für Ausbeutung der Tiere durch die KapitalistInnen trennt Francione weniger von Singers Position, derzufolge die Ausbeutung von Tieren auf „ein Vorurteil oder eine Voreingenommenheit gegenüber Wesen aufgrund ihrer Spezies“ (Singer, S. 81) zurückzuführen sei, als seine radikal erscheinende Kritik auf den ersten Blick suggeriert. Francione konterkariert durch seinen Rückfall in den Idealismus seine richtige und wegweisende Erkenntnis, dass die moralische Einstufung der Tiere belanglos ist, solange sie Eigentum – genauer müsste man sagen: Privateigentum der Kapitalisten – sind.

…Tierrechte...

Tom Regans Ansatz, Tieren universelle Rechte zuzusprechen, weil sie „Subjekt-eines-Lebens“ (Regan, S. 101) seien, war für die historische US-Tierrechtsbewegung bedeutend, auch wenn er theoretisch kaum haltbar ist. „Subjekt-eines-Lebens“ sind alle Lebewesen unabhängig ihrer Spezies, die Überzeugungen, Wünsche, Absichten und einen gewissen Zukunftsbezug haben. Unter dieser Voraussetzung hätten zumindest die meisten Säugetiere im fortgeschritten Alter unhintergehbare Rechte, wie das der körperlichen Unversehrtheit.

Sue Donaldson und Will Kymlicka, zwei der derzeit aufgehenden Sterne am Himmel der Tierrechtsdebatte und der Human-Animal-Studies, geht Regans Herleitung von Tierrechten aus den intrinsischen Eigenschaften der Tiere nicht weit genug. Sie formulieren in ihrem Essay, dass man zusätzlich zu den gemeinsamen Fähigkeiten „eine ganze Reihe von moralisch bedeutsamen politischen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren in den Blick nehmen“ müsse, „von denen jede mit je eigenen, spezifischen Rechten und Pflichten verbunden ist“ (Donaldson/Kymlicka, S. 582). Quelle der Tierrechte seien also etwa „Beziehungen, die sich durch Zusammenarbeit und kollektive Selbstverwaltung, sowie Beziehungen, die sich aus früheren Interaktionen oder historischer Ungerechtigkeit ergeben“ (Donaldson/Kymlicka, S. 550).

Aus diesen ergibt sich für die beiden AutorInnen unter anderem, dass domestizierte Tiere als „Mitbürger“ mit Staatsbürgerschaft inklusive aller „staatsbürgerlichen Rechte“ (Donaldson/Kymlicka, S. 552) und Pflichten in einem gemischten politischen Kollektiv aus Menschen und Tieren zu behandeln seien. Tiergemeinschaften zum Beispiel „wildlebender Tiere“ (Donaldson/Kymlicka, S. 565) wiederum sollten als souverän betrachtet werden.

Die Schwächen beider Ansätze liegen auf der Hand. Individuen in bürgerlichen Gesellschaften erhalten ihre Menschenrechte weder aufgrund biologisch-physischer, geistiger, emotionaler Gemeinsamkeiten noch infolge ihrer politischen Beziehungen untereinander. Diese sind das Resultat (historischer) Klassenkämpfe. In den idealistischen Theorien Regans sowie Donaldsons und Kymlickas wird diese reale geschichtliche Genese des bürgerlichen Rechts allerdings ausgeblendet. Ohnehin beeindrucken die genannten TierrechtstheoretikerInnen im Band durch eine erstaunliche Ignoranz gegenüber kritischer Rechts- und Staatstheorie. Um das zu erkennen, muss man kein/e VerfechterIn von Paschukanis' Rechtstheorie, Marx' Einschätzungen des bürgerlichen Nationalstaats oder Hirschs Staatsableitungsthese sein.

Der ökosozialistische Soziologie-Professor Ted Benton etwa kritisiert Tom Regans moraltheoretische Begründung für Tierrechte in seinem Aufsatz mit einigen guten Argumenten. Er verweist darauf, dass die formale Existenz von Rechten in „kapitalistisch-liberalen Gesellschaften“ (Benton, S. 499) auch bei Menschen nicht dazu führt, dass diese auch wirklich ihre Rechte wahrnehmen können, weil sie durch die politisch-ökonomischen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse unterminiert werden. Zudem erklärt er, dass das bürgerliche Recht das Produkt eben jener historisch besonderen Gesellschaften sei, deren Matrix sich dadurch auszeichnet, dass die Natur und Tiere keine Rechtssubjekte sind und auch nicht sein können. Schließlich sind sie weder Subjekte in der kapitalistischen Zirkulation noch sind sie in der Lage, Klassenkampf für sich zu führen.

…und ihre Grenzen

Den Horizont der bürgerlichen Ethik und des Versprechens bürgerlicher Emanzipation, das heißt die Hoffnung auf die – ob nun durch Rechte oder andere Mechanismen gestaltete – Integration der Tiere in die realexistierende Demokratie, überschreitet kaum einer der AutorInnen des Bandes. Das Problem daran ist: Positive Moralphilosophie scheitert, wo die reale politisch-ökonomische Praxis der Gesellschaft beginnt. Ihre Einrichtung erlaubt es dem Einzelnen nicht, politisch nach ethischen Erwägungen zu handeln. So gut sie auch gemeint ist, soviel Emphase, Empathie, Wut und berechtigte Empörung in ihr steckt, bleibt sie hohle Phrase, individualistisches Wunschdenken – eine stumpfe Waffe im Konflikt mit einer ökonomisch, politisch und ideologisch hochgerüsteten herrschenden Klasse, deren Hegemonie sogar bis weit in die Linke hineinreicht, wenn es darum geht, ob das Schlachten beendet werden soll oder nicht. Selbst die Integration in die bürgerliche Demokratie, wie sie die Eliten unter den Frauen, Schwarzen und Homosexuellen erreicht haben, ist für Tiere nahezu ausgeschlossen. Sie können sie weder in der Auseinandersetzung mit den Kapitalisten erkämpfen noch wäre sie für die Kapitalverwertung und die Herrschaft ähnlich funktional. Bürgerliche Emanzipation ist ein Widerspruch in sich.

Eine den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen angemessene Moral überführte sich aufgrund der Einsicht in die eigene Ohnmacht der eigenen politischen und theoretischen Unzulänglichkeit. Politisch-ökonomische Gesellschaftstheorie und – darin inbegriffen – Ideologiekritik bildeten die Fluchtpunkte revolutionärer Moral, die sich ihrer eigenen Grenzen in einer Gesellschaft bewusst geworden ist. Der kategorische Imperativ – eigentlich eine theoretische Unmöglichkeit für historische MaterialistInnen – besteht darin, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen Mensch und Tier erniedrigte, geknechtete, verlassene, verächtliche Wesen sind, und eine Gesellschaft einzurichten, in der Ethik nicht nur denk-, sondern auch umsetzbar wäre. Solange Moraltheorie, sei sie politisch oder juristisch, nicht derart über sich hinaustreibt, sorgt sie dafür, dass die bestehende gesellschaftliche Totalität fortbestehen kann – mit den hinlänglich bekannten Folgen für die arbeitende Klasse und die Tiere.

Friederike Schmitz (Hg.) 2014:
Tierethik. Grundlagentexte.
Suhrkamp, Berlin.
ISBN: 978-3-518-29682-0.
589 Seiten. 24,00 Euro.
Zitathinweis: Christian Stache: Die Grenzen bürgerlicher Tierethik. Erschienen in: Radikale Soziale Arbeit?. 33/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1224. Abgerufen am: 17. 09. 2019 02:48.

Zum Buch
Friederike Schmitz (Hg.) 2014:
Tierethik. Grundlagentexte.
Suhrkamp, Berlin.
ISBN: 978-3-518-29682-0.
589 Seiten. 24,00 Euro.