Zum Inhalt springen
Logo

Die Freiheit, die wir meinten

Buchautor_innen
Christoph Menke, Juliane Rebentisch (Hg.)
Buchtitel
Kreation und Depression
Buchuntertitel
Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus
Der Sammelband analysiert den Zusammenhang zwischen Entfremdungs-Kritik und neoliberalen Arbeitsverhältnissen mit dem Ziel, die Kritik gegen heutige Erscheinungen der Entfremdung zu erneuern.
Rezensiert von Johannes Lütkepohl

Ganz am Ende des vorliegenden Buchs befindet sich ein literarischer Essay, den der Dramaturg René Pollesch zum „Lob des alten litauischen Regieassistenten im grauen Kittel“ schrieb: In deutlichem Kontrast steht das alte Grau zu den hippen Praktikantinnen, die sich im heutigen Theaterbetrieb sonst überall tummeln. Was der unspektakuläre Regieassistent seinen zeitgemäß hochgestylten Kollegen voraus hat, ist kurz gesagt dies: „Der gibt sein Leben einfach keiner heroischen Lebensweise (...) [D]er altert in einem klar definierten Job und nicht in einem diffusen Versprechen“ (S. 243). Die nüchterne Haltung, mit der der gelobte Regieassistent seine „kleine spröde Arbeit“ (S. 248) tut, eröffnet so eine kritische Perspektive auf den in der Branche verbreiteten neoliberalen Jargon, in dem die Kulturarbeiter ihre Arbeit denken. Der Anspruch auf Selbstverwirklichung und Authentizität erscheint aus dieser Perspektive als Metaphysik, die ihre Anhänger nicht nur zu Arbeit ohne Geld antreibt, sondern in Wirklichkeit auch radikal ihres eigenen Lebens enteignet. Der Essay von René Pollesch, der als eine Art Anhang im Buch steht, diente den Herausgebern als Initial. Die Beiträge des Sammelbands bemühen sich darum, jene diffuse Einheit von Disziplinierung und individueller Motivation zu theoretisieren, die weit über den Kulturbereich hinaus neoliberale Arbeitsverhältnisse prägt. Das von den Frankfurter Philosophieprofessorinnen Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebene Buch stellt Texte zusammen, die sich aus „soziologischer, philosophischer, kulturtheoretischer und historischer Perspektive“ (S. 8) mit den zwanghaft gewordenen Freiheitsversprechen des Neoliberalismus auseinandersetzen. Zum Teil handelt es sich bei den sechzehn Texten um bereits andernorts veröffentlichte und kanonisch gewordene Aufsätze zum Thema.

Die neoliberale Transformation von Arbeitsverhältnissen

Eine kritische Theorie neoliberaler Disziplinierung hat dabei zunächst Differenzen herauszuarbeiten. Ist doch für die neoliberale Arbeitsmoral eine Figur der Identität zentral. Die Lohnarbeiterin soll mit dem unternehmerischen Profit zugleich für ihren eigenen arbeiten. Sie soll sich als Person einbringen, kreativ sein und den unternehmerischen Profit steigern, indem sie sich selbst verwirklicht. Die neoliberale Lohnarbeiterin muss deshalb nicht zur Arbeit gezwungen werden. Sie arbeitet gern und ihren Neigungen entsprechend. Dagegen müsste eine Kritik dieser Identitätsbehauptung zeigen können, dass die Individuen in der neoliberalen Arbeitswelt gerade nicht aufgehen. Solche Kritik kann sich zunächst auf eine Evidenz berufen: die Einzelnen kapitulieren vor dem Anspruch flexibel und kreativ zu sein und bleiben oftmals überfordert zurück. So ist in den letzten Jahrzehnten ein heftiger Anstieg psychischen Leidens zu verzeichnen, dessen verbreitetster Ausdruck wohl die im Titel benannte Depression ist. Indem er dies ins Zentrum seiner Kritik stellt, geht es dem Sammelband also vorrangig nicht um die vom Neoliberalismus zerstörten Sozial-Systeme und gedrückten Löhne, sondern um die Analyse „neuer Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung“ (S. 7). Dieses Unterfangen ist vor eine besondere Schwierigkeit gestellt. Schließlich brachte die herkömmliche Entfremdungs-Kritik gegen die kapitalistische Produktionsweise eben jene Begriffe in Anschlag, die nun im Zentrum der neoliberalen Ideologie stehen: Kreativität, Spontanität, Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung. Kein Wunder, dass die Kritik an Unfreiheit und sozialem Zwang zeitgleich mit der neoliberalen Transformation verstummte. Die Beiträge des Sammelbandes sind deshalb vor allem mit zweierlei beschäftigt. Einerseits stellen sie die Frage nach der Rolle herkömmlicher Entfremdungs-Kritik im neoliberalen Transformationsprozess. Andererseits versuchen sie jene Kritik zu aktualisieren, das heißt Vorschläge für einen Begriff individueller Freiheit zu machen, der gegen die neoliberale Pseudo-Identität von gesellschaftlicher Arbeit und Selbstverwirklichung zu wenden wäre.

Die Karriere der Entfremdungs-Kritik

Besonders aufschlussreich für den Zusammenhang von Entfremdungs-Kritik und neoliberaler Transformation sind die Texte von Luc Boltanski, Ève Chiapello und Axel Honneth. Der Soziologe Boltanski und die Betriebswirtschaftswissenschaftlerin Chiapello entwickeln die These, dass sich die Transformation kapitalistischer Arbeits-Verhältnisse von ihrer tayloristischen (d.h. in kleinst-fragmentarische Standard-Tätigkeiten zergliederte, hierarchisch organisierte Arbeitsteilung) hin zu ihrer neoliberalen Ausprägung auch als Prozess der Integration von Forderungen verstehen lässt, die sich seitens der sozialen Bewegungen der 60er/70er-Jahre erhoben. Ihnen zufolge fiel der subjektive Protest gegen den repressiven Charakter des Sozialstaats zusammen mit objektiven Erfordernissen der ökonomischen Produktion. Während sich der Protest der größtenteils studentischen Linken gegen den faden Arbeitsalltag, das Einerlei der standardisierten Tätigkeiten, autoritäre Organisation richtete und man keine Lust mehr hatte, Tag für Tag acht Stunden des eigenen Lebens zu verlieren, begann zugleich eine Verschiebung der Produktionssektoren. Die industrielle Produktion verlor gegenüber dem auf Internet und Biotechnologie gestützten Dienstleistungsbereich an Wichtigkeit. Die Kritik der studentischen Linken am Taylorismus harmonierte so mit veränderten Ansprüchen an die Arbeitskraft von Seiten der Produktion. Auf diese Weise konnten die einstmals subjektiv erhobenen Forderungen nach mehr Selbstbestimmung zum „neuen Geist des Kapitalismus“ avancieren. Der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth knüpft hieran an, wenn er von den „Paradoxien der Individualisierung“ spricht. Gemeint ist eben jene Verkehrung einstmals subjektiver Forderungen in institutionelle Ansprüche, die sich nun gegen die Subjekte richten. Die einstmals individuellen Freiheitsansprüche seien hierbei zu einer „eigentümlich missbrauchten Produktivkraft der kapitalistischen Modernisierung“ (S. 73) geworden, indem die Individuen heute sich der Forderung ausgesetzt sehen, „sich als biographisch flexible, veränderungsbereite Subjekte präsentieren zu müssen, um beruflich oder gesellschaftlich Erfolg haben zu können“ (S. 73). Die Konsequenz sei das Paradox eines Zwanges zur Authentizität:

„Die Angestellten müssen um ihrer zukünftigen Beschäftigungschancen willen ihre eigene Berufsbiographie fiktiv nach dem Muster der Selbstverwirklichung organisieren, obwohl weitgehend nur der Wunsch nach sozialer und ökonomischer Sicherheit bestehen dürfte.“ (S. 75)

Wiederbelebungsversuche der Entfremdungs-Kritik

Was bedeutet die Diagnose dieser Verstrickung nun für das Projekt, die Entfremdungs-Kritik zu aktualisieren? Dass die Texte des Sammelbandes die Entfremdungs-Kritik nach Reflexion ihrer Instrumentalisierung nicht einfach verwerfen, ist gut und richtig, realisiert sich Authentizität als kapitalistische Produktivkraft doch gerade durch Ökonomisierung immer weiterer Bereiche des Sozialen, das heißt eben durch forcierte Entfremdung. Nötig scheint eine dezidierte Kritik dieser Entfremdung auch angesichts dessen, dass sich große Teile der gegenwärtigen Linken auf die Kritik des neoliberalen Sozial-Abbaus beschränken und derart in der Defensive oftmals blind werden für den autoritären Charakter des sozialstaatlichen Kapitalismus, auf dessen Standpunkt sie dann unversehens stehen. Die Versuche des vorliegenden Bandes, das von seiner kapitalistischen Vereinnahmung unabgegoltene Moment der Forderung nach individueller Autonomie wiederzubeleben, finden dabei sehr unterschiedliche Ansatzpunkte. Eine Schwäche vieler Texte ist dann allerdings, dass sie sich ihrerseits zu strikt von der Sozial-Kritik trennen. Wäre es doch wichtig, um der neoliberalen Suggestion einer Identität zwischen individueller Entfaltung und Lohnarbeit nicht aufzusitzen, das gleichbleibende Moment kapitalistischer Produktion festzuhalten. Dies liegt eben in den fortbestehenden Besitzverhältnissen. Sie bedeuten, dass die Arbeitenden anstatt den Produktionsprozess demokratisch zu kontrollieren, was hieße seine Zwecke selbst zu bestimmen, nach wie vor sich für die Akkumulation von Kapital abzumartern.

Im Blick hat dies Diedrich Diederichsen. Sein Text „Kreative Arbeit und Selbstverwirklichung“ problematisiert die Genese neoliberaler Arbeitsverhältnisse als Prozess der De-Politisierung. Für ihn geht die Individualisierung der Lohn-Arbeit mit einem verschwindenden Bewusstsein ihrer gesellschaftlichen Dimension einher. Ebenso wie die Identifikation mit dem Job – der ja oft gerade darin besteht, man selbst zu sein – die für politische Reflexion essentielle Fähigkeit zur Distanzierung blockiert. Weil aber angesichts ihrer ökonomischen Misere eine politische Organisierung der gemeinsamen Interessen für die Lohnabhängigen dringend wäre, stellt Diederichsen am Ende seines Textes selbst die Frage: „Was hülfe es, würde man sich in eine Gewerkschaftsposition gegenüber der Kreativarbeit begeben, was könnte man fordern, ohne gleich alles zu fordern?“ (S. 127). Seine Antwort verweist darauf, was es für die neoliberal vergesellschafteten Individuen zurückzugewinnen gälte. Sie soll hier das letzte Wort haben:

„Nun dies: Die Wieder-Versachlichung der personalisierten Techniken, das Verfügen über Rückzugsmöglichkeiten, die nicht vom Zwang zur Reproduktion aufgefressen werden, die Wieder-Aneignung des Selbst durch das Selbst, die De-Ökonomisierung der Seele, des Körpers, der Präsenz, der Sexyness; die Re-Politisierung, Re-Objektivierung, Re-Reifizierung von Fähigkeiten, Skills, Wissen.“ (S. 127f.)

Christoph Menke, Juliane Rebentisch (Hg.) 2011:
Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus.
Kulturverlag Kadmos, Berlin.
ISBN: 978-3-86599-126-3.
252 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Johannes Lütkepohl: Die Freiheit, die wir meinten. Erschienen in: Gesellschaft im Neoliberalismus. 29/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1141. Abgerufen am: 16. 02. 2019 00:58.

Zum Buch
Christoph Menke, Juliane Rebentisch (Hg.) 2011:
Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus.
Kulturverlag Kadmos, Berlin.
ISBN: 978-3-86599-126-3.
252 Seiten. 19,90 Euro.
Newsletter