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Deutscher Faustkampf

Buchautor_innen
Roger Repplinger
Buchtitel
Leg dich, Zigeuner
Buchuntertitel
Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder
Eine Doppelbiografie erzählt die Geschichten des Boxers Johann Trollmann, der als Sinto im KZ Wittenberge ermordet wurde, und des Fußballers Otto Harder, der im Nationalsozialismus Karriere in der SS machte – eine ambivalente Perspektive.
Rezensiert von Bente Gießelmann

Bis 1933 boxte Johann Rukeli Trollmann im Mittelgewicht, zuletzt mit blond gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut. Zunehmend wurde sein Boxstil als unpassend zum „deutschen Faustkampf", einem Kondensat völkischer Ideen und nationalsozialistischer Männlichkeit, wahrgenommen – Trollmann wurde zum ,Zigeuner' und seine Technik zum ,unsteten Instinktboxen' gemacht. „Leg dich, Zigeuner, sonst holen wir dich", riefen SA-Männer dem Profiboxer im Ring zu. Nach der Machtübernahme 1933 erboxte Rukeli Trollmann sich den Titel des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht – 8 Tage später wurde ihm der Titel vom mittlerweile nationalsozialistisch überzeugten Boxverband wieder aberkannt. 1942 wurde Johann Trollmann nach mehreren Einsätzen in der Wehrmacht als ,Zigeuner' ausgeschlossen, verfolgt und ins KZ Neuengamme deportiert, in Wittenberge wurde er 1944 ermordet.

Verwoben wird Trollmanns Geschichte mit der des Nationalsozialisten und KZ-Außenlager-Kommandanten Tull Harder. Nach einer Profi-Fußballer-Karriere beim Hamburger Sportverein in den 1920er Jahren wurde er früh überzeugter Anhänger des NS und trat 1932 der NSDAP, 1933 der SS bei. 1940 bis 1944 war er als SS-Mitglied tätig im KZ Neuengamme, leitete ab 1944 das KZ-Außenlager Hannover-Ahlem und wurde 1945 wegen seiner Verantwortung für Morde an Häftlingen verurteilt – und 1951 freigelassen.

Eine Doppelbiografie nennt Roger Repplinger, freier Journalist und Autor, sein Buch, welches mit Harders Geschichte beginnt und endet. Passend für das Werk wäre vielleicht ein Begriff zwischen ungewöhnlich und provokant – schließlich verarbeitet Repplinger die rekonstruierten Biografien zweier Personen, deren Position im Nationalsozialismus unterschiedlicher kaum sein konnte, in einer fiktional ergänzten Doppelbiografie. Ungewöhnlich, und durchaus spannend sind die Verbindungen und Themen, die durch die Beschreibung und Kontrastierung der zwei Biografien sichtbar werden.

Semi-fiktionalisierte historische Personen

Abwechselnd entwickelt der Autor die Geschichten von Trollmann und Harder, verbindet in diesen Gedankengänge der Protagonisten, zeithistorische Geschehnisse und reflexive zeitliche Einordnungen, die er teils zynisch kommentiert. Die Konstruktion von Gedanken und Einstellungen der zwei historischen Personen ist fraglich – es existiert zwar Quellenmaterial zu Selbstverständnissen von beispielsweise SS-Männern, aber die innere Perspektive ohne autobiografisches Material stellt eine gewagte fiktionale Ergänzung dar. Das Buch ist spannend und sprachlich im Stil eines Romans einfach geschrieben, und vielleicht legitimiert der Anspruch, die grausame Geschichte ein bisschen greifbar und emotional erfahrbar zu machen, die Erzählperspektive. Dennoch bleibt beim Lesen ein Stirnrunzeln, ob die Erzählung den Personen gerecht werden kann.

Gerecht wird das Buch jedoch der Vermittlung von historischen Zusammenhängen, die durch sehr gute und detaillierte Recherchen und zeitliche Einordnungen einen Eindruck von gesellschaftlichen Entwicklungen um Sport und ,Volk' geben. Gefordert ist die Leserin/der Leser durch viele Details, zeitliche und gedankliche Sprünge und Nebeninformationen, die jedoch gleichzeitig einen spannenden Zugang abseits von reiner Faktenvermittlung bieten. Repplinger schafft es, detaillierte Sport-Berichte mit Fragen zur Verbindung von Sport, Männlichkeit, 'Volk' und Rassismus zu verknüpfen. Und dies ist der Punkt, an dem die Verbindung der beiden Biografien Sinn macht.

Sport, Männlichkeit und Rassismus

Das Aufeinandertreffen von Trollmann als KZ-Häftling und Harder als SS-Mann in Neuengamme ist keine merkwürdige Fügung oder das Schicksal zweier Sportlerkarrieren – warum sind die beiden Biografien erzählerisch in „Leg dich, Zigeuner" dennoch verwoben, und wo liegen die Verbindungen von Trollmanns Ermordung und Harders Karriere?

Repplinger illustriert die Bedeutung und Funktion des Sports vor und während des Nationalsozialismus: von der Etablierung völkischer Ideen im Sport über die Bedeutung in Organisationen wie der SS bis zu sportbezogenen Seilschaften, die NS-Tätern nach 1945 milde Urteile und vorzeitige Entlassungen sowie Begnadigungen einbrachten.

Im Nationalsozialismus wurde im oder gerade über den Sport eine völkische Idee etabliert und umgesetzt, und neben der konkreten Bedeutung des Boxens für nationalsozialistische Strukturen wie die SA kam dem Sport eine hohe symbolische Funktion zu, in der sich Konstruktionen von Körper, Männlichkeit, ,Volk' und ,Rasse' verbanden. Über die Rassifizierung von Johann Rukeli Trollmann und seinem Boxstil konnten Sportverbände wie politische Kräfte rassistische Deutungsmuster etablieren. Vor allem durch Sport-Medien wie die Zeitschrift „Box-Sport" wurde Johann Trollmann ein „zigeunerhafter" Boxstil zugeschrieben. Wenn Trollmann boxen und gewinnen darf, „dann besteht die Gefahr, dass der innere Wert eines Titels durch den merkwürdigen Stil dieses Instinktboxers herabgezogen werden kann" (S. 157). Einerseits ist diese Beschreibung Ausdruck antiziganistischer Bilder wie Unstetigkeit, Unberechenbarkeit oder Instinkthaftigkeit. Andererseits hat sie die Funktion, als Negativ-Folie für den „deutschen Faustkampf" zu dienen und über das Boxen „deutsche Eigenschaften und Tugenden" zu konstruieren. Johann Trollmann diente hier schon früh als „Feindbild", während Harder, dessen Karriere eher in den 1920er Jahren ihren Höhepunkt hatte, zum Bild „deutscher Männlichkeit und Kraft" beitrug und von ihm profitierte.

Eine Doppelbiografie?

Die Verwebung dieser unterschiedlichen Perspektiven und Betroffenheiten macht gesellschaftliche Strukturen und rassistische Mechanismen sichtbar, und bleibt doch provokant. Ist es legitim, die rekonstruierte Geschichte eines im KZ ermordeten Boxers mit der eines nationalsozialistischen Fußballers, im Sinne zweier Sportler-Biografien, nebeneinander und damit auch auf eine Ebene zu stellen? Die Perspektive des Autors ist klar kritisch positioniert. Er versucht, Harders Handeln als Lagerkommandant differenziert zu betrachten, ihn als viel bürgerlicheren SS-Mann als andere darzustellen, und betont doch, obwohl dieser selbst gegenüber Häftlingen nicht physisch brutal gewesen sein soll, dessen Verantwortung für vielfache Morde und grundlegende Verstrickung in nationalsozialistische Ideen und Rechtfertigungen der Vernichtung. Unklar bleibt, warum das letzte Kapitel des Buches umfassend die Rechtfertigungen und Rehabilitierungen von NS-Verbrechen und Tätern beschreibt, nicht jedoch die Kontinuitäten wie Sondererfassung, Verfolgung und Nicht-Entschädigung von Sinti und Roma nach 1945. Dennoch wird sichtbar, wie sehr sportliche Seilschaften NS-Täter aus dem Strafvollzug geholt haben – die Geschichte von Trollmanns Familie nach dem NS bleibt seltsam unsichtbar.

Die beiden Biografien sind direkt nur über die kurze gleichzeitige Anwesenheit an einem Ort, dem KZ Neuengamme, verbunden. Indem der Autor die Lücken im Quellenmaterial fiktional durch die Schilderung der Gefühle und Gedanken der Protagonisten ergänzt, illustriert er historische Gegebenheiten, entwirft halb-fiktionale Figuren, schreibt symbolhafte Personen.

Gleichzeitig ist dieses Buch eine wertvolle Dokumentation des Lebens Rukeli Trollmanns, dessen Person in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit zukommt. 2003 erhielt seine Familie nach 70 Jahren vom Bund deutscher Berufsboxer den Meistertitel, den Rukeli Trollmann 1933 erkämpft hatte. 2012 wurde seine Geschichte von Eike Besuden verfilmt. Tull Harders Biografie ist aus einer Ablehnung des Nebeneinanderstellens der Geschichten vielleicht eher zu lesen als Kontrast, als Beispiel einer nationalsozialistischen Karriere. Wichtig ist das Buch, weil es Trollmanns Geschichte und wesentlich auch die Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus sichtbar macht.

Roger Repplinger 2008:
Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder.
Piper-Verlag, München.
ISBN: 9783492049023.
376 Seiten. 22,90 Euro.
Zitathinweis: Bente Gießelmann: Deutscher Faustkampf. Erschienen in: Sport - Zwischen Unterwerfung und Emanzipation. 28/ 2013. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1132. Abgerufen am: 10. 12. 2019 23:40.

Zum Buch
Roger Repplinger 2008:
Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder.
Piper-Verlag, München.
ISBN: 9783492049023.
376 Seiten. 22,90 Euro.