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Das Marxbild?

Buchautor_innen
Rolf Hosfeld
Buchtitel
Die Geister, die er rief
Buchuntertitel
Eine neue Karl-Marx-Biografie
Ein Autor, eine Biographie, eine Person, ein Bild.
Rezensiert von Dirk Brauner

Rolf Hosfeld erhielt 2010 für diese Biographie den Literaturpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung. Auch wenn dieses Jahr bei rororo eine neue Biographie Hosfelds zu Marx erschien, soll hier auf sein preisgekröntes Werk geschaut werden, da es umfangreicher als das Neuere ist und sich deshalb ein besseres Bild machen lässt, wie der Autor das Thema darlegt.

Die Schwierigkeit einer Biographie bei einem Theoretiker wie Marx ist wohl, dass neben den biographischen und zeitgeschichtlichen Geschehnissen, aus denen sich der Werdegang erzählen ließe, die Gedanken eine ausgesprochen bedeutende Rolle spielen. Hosfeld zeichnet nun in dieser Biographie die Entwicklung der Gedanken nach, um die er, wie um einen roten Faden, die anderen Geschehnisse und Verhältnisse ordnet. Das eine bedingt natürlich das andere und Hosfeld schafft es die verschiedenen Stränge im Wechselspiel zu einem essayistisch geschriebenen Ganzen zu verbinden. Dazu gliedert er das Buch in die Abschnitte „Ideen“, „Taten“, „Entdeckungen“ und „Folgen“ und lässt auf 222 Seiten mit 670 Zitaten Marx und auch andere, recht oft zu Wort kommen. Hosfeld bleibt im Hintergrund und erklärt im lehrreichen Ton. Dabei, und das ist erst mal eine gute Idee, versucht er unaufgeregt zwischen den Zitaten zu moderieren und damit zu einem Überblick zu gelangen. Bemerkenswert wird es dann, wenn Hosfeld sich doch in den Vordergrund wagt:

„Marx wollte seitdem immer, sein künftiges Leben lang durch die umgekehrte Geschichtstheologie der elften These über Feuerbach verzaubert, eine auf den Kopf gestellte Welt durch Einebnung von Komplexitäten verändern, anstatt sie nur zu interpretieren und damit vielleicht in Grenzen beherrschbar zu machen. Mit einer richtigen Interpretation der Widersprüche des Kapitalismus wäre allerdings schon viel gewonnen. Jede vernünftige Politik staatlicher (und globaler) Regulierung ist schließlich darauf angewiesen, ob und wie weit man das, was reguliert werden soll, richtig interpretiert hat.“ (S. 192)

Der Vorwurf der Reduktion der Komplexität zeigt wie Hosfeld sich wertend äußert. Dass solch ein Vorwurf auch für diese Biographie gelten kann, weil sich Hosfeld des Mittels der Vereinfachung selbst bedient, scheint ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein. Eine umfassende Zusammenfassung kann es natürlich nicht sein. Muss es auch nicht. Um dieses komplexe Thema auch nur irgendwie für eine solche Biographie handsam zu machen, muss Hosfeld vereinfachen. Es wirkt deshalb aber umso widersprüchlicher, wenn auf dem Buchrücken steht: „In dieser Biographie erfahren Sie alles über den gescheiterten Revolutionär und sein ebenso umstrittenes wie grundlegendes Werk.“

Sicher ist das nur Reklame, aber sicher ist dieses Buch auch das - Reklame mit Marx. Hier wird „Marx“ werbewirksam zwischen die Buchdeckel gefaltet. Hosfeld lässt die theoretischen Debatten, wie zu jener Frage, ob es einen konzeptionellen Bruch zwischen dem alten und dem neuen Marx gibt, schlicht beiseite. Eine solche differenzierte Darstellung lässt er nicht zu, sondern legt uns nur seine Perspektive nahe. Er diagnostiziert bei Marx zum Beispiel, dass dessen materialistische Eschatologie eine fatale Tendenz sei, die schon in den Frühschriften angelegt sei. (S. 222) Auch kommt Hosfeld nicht umhin wesentliche Merkmale ausmachen zu wollen, wie, dass Marx prinzipiell antinomisch denken würde. (S. 50) Dabei legt Hosfeld auch Widersprüche und Ungereimtheiten dar, nur ordnet er sie den wesentlichen Merkmalen, also vermeintlichen charakteristischen Zügen, unter, um zu einer (seiner) Marxidentität zu kommen. Deshalb bleibt es insgesamt nur bei einem runden Bild, anstatt Bildern.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2009 ließ Hosfeld verlauten, dass Marx als ein Wissenschaftler seiner Zeit ein geschlossenes Gesellschaftsbild trug, was ihn glauben ließ, dass die Abläufe vorherbestimmt seien. Nun, Hosfelds geschlossenes Marxbild sollte niemanden glauben lassen, dass es ein solches allgemeines Bild gibt.

Wer es als ein gutgeschriebenes Sachbuch lesen will, sollte den hosfeldschen Stempel im Blick behalten. Wer sich aber mit den Theorien beschäftigen will, kann es sein lassen, weil dieses Buch durch seine gewisse Einseitigkeit einem offenen Umgang im Wege steht.

Rolf Hosfeld 2009:
Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx-Biografie.
Piper Verlag, München.
ISBN: 9783492052214.
270 Seiten. 19,95 Euro.
Zitathinweis: Dirk Brauner: Das Marxbild? Erschienen in: Zeichen des Aufstands. 4/ 2011. URL: http://kritisch-lesen.de/c/903. Abgerufen am: 16. 10. 2018 05:49.

Zur Rezension
Rezensiert von
Dirk Brauner
Veröffentlicht am
26. Mai 2011
Erschienen in
Ausgabe 4, „Zeichen des Aufstands” vom 26. Mai 2011
Eingeordnet in
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Zum Buch
Rolf Hosfeld 2009:
Die Geister, die er rief. Eine neue Karl-Marx-Biografie.
Piper Verlag, München.
ISBN: 9783492052214.
270 Seiten. 19,95 Euro.
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