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Braune Kameradschaften

Buchautor_innen
Andrea Röpke/ Andreas Speit (Hg.)
Buchtitel
Braune Kameradschaften
Buchuntertitel
Die militanten Neonazis im Schatten der NPD
Der Band vermittelt eine lohnenswerte Fülle an Information und gewährt einen tiefen Einblick in die neuen rechtsextremen Strukturen.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Das Auftreten der Rechtsextremen hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Die äußere Erscheinung vieler Neonazis änderte sich ebenso wie die Organisationsformen rechtsextremer Gruppierungen.

Mit dem Ziel, mehr Jugendliche für ihre Ideologie zu gewinnen, vollzogen die führenden Neonazi-Köpfe Thomas Wulff und Christian Worch 1995 einen entscheidenden strategischen Wechsel. Nach den Verboten mehrerer Neonazi-Organisationen schufen sie das Konzept der „Freien Kameradschaften“. Durch Politisierung der Privatsphäre und den Zusammenschluss von Nazikadern, rechten Skinheads und der Rechtsrockszene entstand eine neue Bindungskraft. Der Erfolg der Kameradschaften ließ nicht lange auf sich warten. Die NPD erkannte das Potential, holte führende Kameradschaftsführer zu sich ins Boot und ließ sich in Wahlkämpfen von Kameradschaften unterstützen.

Zu diesem Thema gaben die Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit 2005 den Band „Braune Kameradschaften“ heraus. Mit Beiträgen von Christian Dornbusch, Jan Raabe, Heike Kleffner, Alexander Hoffmann und den Herausgebern selbst wird in neun Reportagen eine ausführliche Übersicht über die Kameradschaftsszene geboten. Neben der Geschichte zur Entstehung der Freien Kameradschaften erfährt der Leser unter Anderem einiges über die Verbindungen zur rechtsterroristischen Szene und deren Ursprüngen.

Der subkulturelle Wandel der Neonazi-Szene wird umfassend dargestellt. Rock ist unter den Rechten beispielsweise längst nicht mehr als nichtdeutsch verrufen, sondern das wichtigste Mittel, um Jugendliche zu politisieren. Auf Schulhöfen verteilen Kameradschaften und NPD-Mitglieder Schulter an Schulter CDs und leisten so "Basisarbeit". Eine entscheidende Rolle bei der Herstellung und dem Vertrieb rechtsextremer Musik spielt Thorsten Heise. Der Gründer des „WB-Versands“ ist nebenbei Kameradschaftsführer und sitzt mittlerweile im NPD-Bundesvorstand.

Der Lifestyle der Rechten hat sich im Laufe der letzten Jahre ebenfalls entscheidend geändert. Palästinensertücher und Che Guevara-Pullis werden mittlerweile genauso getragen wie „T-Hemden“, auf welchen eine weiße Taube und der FDJ-Slogan „Für Frieden und Sozialismus“ abgebildet sind. Ihre Buttons und Aufnäher unterscheiden sich nur im Detail von denen linker Jugendlicher. Anstatt „Good Night White Pride“ skandieren die Neonazis „Good Night Left Side“. An Stelle einer roten und einer schwarzen Fahne bilden sie zwei schwarze Fahnen ab. Auf Demos schallen aus den Lautsprechern Lieder von Ton Steine Scherben und auf Spruchbändern wird Rosa Luxemburg zitiert.

Weitere Themen der Reportagen sind die wachsende Rolle der Frauen in der Szene, die Immobilienankäufe wohlhabender Neonazis, die Entwicklung der Kameradschaft Anklam, das internationale Netzwerk weltweiter Organisationen und schließlich die Verbindung zwischen freien Kameradschaften und der NPD.

Die Herausgeber appellieren an staatliche Institutionen, die Kameradschaften zu verbieten, da es sich beim Neonazismus nicht um eine Meinung handle, folglich dieser außerhalb der geschützten Meinungsfreiheit stehe. Verbote seien deshalb, aus einem klaren Verfassungsverständnis heraus, möglich. Aber gehören solche Organisationen wirklich verboten? Sollten ihre Argumente nicht lieber widerlegt werden, und müsste die Gesellschaft nicht in der Lage sein, die Anziehungskraft dieser Strukturen zu entzaubern? Die beiden letzten Fragen bleiben in diesem Band unbeantwortet.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Braune Kameradschaften“ um ein besonders lesenswertes Werk. In einem flüssigen Erzählstil erhält der Leser eine Fülle an Informationen über Personen und Strukturen in der rechten Szene. Aufgrund dessen, und auch nicht zuletzt dank des ausführlichen Personenregisters im Anhang, bietet sich "Braune Kameradschaften" geradezu als Nachschlagewerk an.

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Die Rezension erschien zuerst im März 2007 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ast, 12/2010)

Andrea Röpke/ Andreas Speit (Hg.) 2005:
Braune Kameradschaften. Die militanten Neonazis im Schatten der NPD.
Ch. Links Verlag, Berlin.
ISBN: 3-86153-365-0.
221 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Braune Kameradschaften. Erschienen in: . URL: https://kritisch-lesen.de/c/762. Abgerufen am: 16. 07. 2019 13:18.

Zum Buch
Andrea Röpke/ Andreas Speit (Hg.) 2005:
Braune Kameradschaften. Die militanten Neonazis im Schatten der NPD.
Ch. Links Verlag, Berlin.
ISBN: 3-86153-365-0.
221 Seiten. 14,90 Euro.