Antimilitaristischer Werkzeugkasten
- Buchautor_innen
- Gunnar Hindrichs
- Buchtitel
- Abseits des Krieges
- Buchuntertitel
- Ein philosophischer Essay
Ein philosophischer Essay sucht nach Wesen und Ursprung des Krieges – und findet zumindest den Antimilitarismus.
Während sich ein großer Teil der Zivilgesellschaft und andere wissenschaftliche Disziplinen längst in einen Kriegsdiskurs begeben haben, lasse sich die Philosophie in ihrer dauerhaften reflexiven Tätigkeit nicht einziehen. Sie stehe „abseits des Krieges“, so der Titel eines vom Philosophen Gunnar Hindrichs anlässlich der sogenannten „Zeitenwende“ verfassten Essays. Mit dieser Verortung philosophischen Denkens inmitten unserer verstärkt kriegerischen Gegenwart meint der Autor zweierlei: Der Philosophie käme in Zeiten des Krieges erstens die Aufgabe einer kritischen Bestandsaufname der Gegenwart – unter veränderten Vorzeichen – zu, und damit auch eine fundamentale antimilitaristische Haltung. Zweitens hat die Philosophie dafür auf Abstand zum diskursiven und praktischen Kriegstreiben zu gehen. Das meint, sie muss ihren Gegenstand erst einmal – oder: aufs Neue – durchdringen, ehe sie sich auf eine Seite schlagen kann. Er entzieht sich der Fachsimpelei um geopolitische Interessen, mögliche Kriegsszenarien und um die Rolle Deutschlands darin. In seinen einleitenden Worten drückt Hindrichs diesen Anspruch folgendermaßen aus:
„Denn wenn das abseits des Krieges den Ort seiner philosophischen Reflexion bildet, und wenn zugleich deren zivilgesellschaftlicher Raum vom Krieg besetzt worden ist, dann besitzt diese Reflexion keine andere operative Bestimmtheit, als sich dem Zugriff des Krieges entgegenzustellen“ (S. 9).
Inmitten des öffentlichen Wirbels um die immer gleichen Fragen der geopolitischen und strategischen Neuausrichtung, der europäischen und globalen Bedrohungslagen sowie der nationalen „Kriegstüchtigkeit“ ist diese Haltung des Autors äußerst begrüßenswert.
Spurensuche im Krieg
Es ist zugleich Stärke und Schwäche des Essays, dass Hindrichs sich darin auf die Philosophie beschränkt. Der kritischen Positionierung „abseits des Krieges“ kann der Bezug auf die Philosophie nämlich dann zum Verhängnis werden, wenn er sich als Rückzug ins Philosophische darstellt. Sie droht, ins gesellschaftliche Abseits zu geraten. Hindrichs ist allerdings zuerst daran gelegen, das Wesen des Krieges und seine Ursprünge im Denken und – noch allgemeiner – im Sein des Menschen zu verstehen. Dafür untersucht er den Krieg der „Zeitenwende“ in neun Kurzessays unter philosophischen Gesichtspunkten. Zugleich macht er klar: „eine Philosophie des Krieges, die gibt es nicht“ (S. 7). Unter Zuhilfenahme philosophischer Denkfiguren sowie zentraler Kategorien begibt er sich auf die Suche nach dem Kriegerischen der Gegenwart. Was ist Recht im Krieg? Wie bedingen Macht-, Freiheits- und Selbsterhaltungsdrang den Krieg? Und welche Rolle nehmen die gesellschaftlichen Subjekte darin ein?
Hindrichs verwendet ein anderes Begriffsinstrumentarium, stellt also auch andere Fragen und eröffnet so neue Denkkorridore. Das heißt auch, dass er sich an manchen Stellen stark vom herrschenden Diskurs und den Argumentationslinien der heutigen Kriegsdebatten entfernt. Ja, er sucht geradezu die Distanz. Doch in dieser Distanziertheit hätte man sich an einigen Stellen einen Abgleich zur Einordnung gewünscht, der die philosophischen Exkurse für den Diskurs und das argumentative Handgemenge innerhalb der Zeitenwende wieder einfängt und fruchtbar macht. Gewisse Figuren oder Denkbewegungen, die Hindrichs herausarbeitet, finden sich in den kriegerischen Konflikten von heute zwar wieder, die Leser*innen haben die Einordnung allerdings größtenteils selbständig zu erbringen. So argumentiert Hindrichs beispielsweise anhand von Jan Assmanns „mosaischer Unterscheidung“, dass religiös-monotheistische Gesellschaften zu einem Freund-Feind-Schema und damit zu „Gewalt im Namen Gottes“ (S. 88) tendieren. Auch Kriege werden also qua religiös motivierter Feinderklärung geführt. Inwiefern der Angriffskrieg Russlands tatsächlich unter religiösen bzw. „postsäkularen“ (S. 88) Vorzeichen geführt und nicht nur ideologisch angefeuert wird, erschließt sich nicht direkt. Der Wahrheitsgehalt der philosophischen Betrachtungen lässt sich also bei Hindrichs nicht immer an der Gegenwart messen. Oder ist nicht vielmehr die Rückführung kriegerischen Handelns auf die ihm zugrundeliegenden Denk- und Lebensformen die angemessene Art der Auseinandersetzung, könnte man Hindrichs zugute erwidern. „Aus den Reflexionen Schlüsse aufs Handeln zu ziehen, wäre dann die Aufgabe politischer Urteilskraft“ (S. 7), stellt er eingangs fest.
Philosophischer Antimilitarimus
Hindrichs unternimmt mit seinem Essay keine Tiefenbohrungen; keine Theoretisierung des Krieges, wie er selbst schreibt. Er hält sich stets nur kurz am Gegenstand seiner Reflexion auf, ehe er zu einem weiteren Begriff als nächstes Glied seiner Argumentationskette übergeht. Das kommt der kurzweiligen Lesbarkeit dieses Büchleins zugute, aber seine Leser*innen bleiben von den heutigen kriegerischen Konflikten und ihrem Verständnis entrückt.
Einen Brückenschlag hinein in den Krieg der bürgerlichen Gesellschaft unternimmt Hindrichs schließlich doch noch. In einem zehnten und letzten Kurzessay untersucht er mehr politisch denn philosophisch begründete Konzepte des Antimilitarismus auf ihren Gehalt. So landet Hindrichs schließlich bei einem marxistisch begründeten Antimilitarismus, dem er vieles abgewinnen kann. Denn es sei nicht allein die „Selbsterhaltung“ (S. 47) jedes einzelnen Menschen und Staates, die zu Kriegen führe, sondern in besonderem Maße der Selbsterhaltungsdrang der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Der moderne Kapitalismus, vor allem sein Streben nach Waren- und Wertanhäufung, wirke wie ein unaufhaltsamer Sog auf die bürgerliche Gesellschaft. Er schaffe damit ein Kontinuum des Krieges, nach innen wie nach außen. Das Streben nach Frieden innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stellt der Autor in eine „gegenläufige Bestimmtheit“ (S. 98) zum Krieg. Das eine geht nicht ohne das andere. Wir alle sind Hindrichs zufolge in unserer heutigen Lebensform in den Krieg verwickelt.
Man muss dem Autor gewiss nicht in allen seinen Ausführungen zu den Bedingungen des Krieges folgen. Dennoch kann seine Philosophie der Kriegsgegnerschaft für das weitere Denken in der „Zeitenwende“ von Hilfe sein. Der Krieg ist mehr als der gewaltsam ausgetragene Interessenskonflikt zwischen Nationen oder anderen Parteien. Er erschüttert die Grundfesten menschlichen Handelns, unseren „Gemeinsinn“ (S. 108), und damit die Möglichkeit von Leben in Freiheit. Mit dem Antimilitarismus, der den Kriegszustand aufzuheben trachtet, wird die Möglichkeit radikaler Freiheit eröffnet oder zumindest ins Spiel gebracht.
Wenn wir über Krieg sprechen, wird also auch radikal um das gesellschaftliche Miteinander gerungen, zumindest der Möglichkeit nach. Hierfür braucht es erst einmal die Positionierung abseits der Kriegslogik. Ein vielversprechenderer Zugang als die fast schon leere Forderung nach Frieden, ist ein Antimilitarismus angesichts der „Eigenbestimmtheit“ (S. 110) des Krieges. Für seine „bestimmte Negation“ (S. 110) plädiert Hindrichs. Die abstrakte Forderung nach Frieden hält er derweil für zu äußerlich. Das erlaube, sie allzu schnell auszuhebeln. Vielleicht lässt sie sich sogar vom Krieg überzeugen, wie auch in den jüngsten geopolitischen Debatten bereits geschehen. „Nie wieder Krieg!“ hat an Strahlkraft verloren. Der Antimilitarismus kann also starke Fürsprecher*innen gebrauchen. Einen philosophisch-argumentativen Werkzeugkasten für die Auseinandersetzungen der Gegenwart – und realistischerweise auch der Zukunft – zur Verfügung zu haben, ist eine Notwendigkeit, die Gunnar Hindrichs mit seinem Essay bekräftigt.
Abseits des Krieges. Ein philosophischer Essay.
C.H. Beck.
ISBN: 978-3-406-81457-0.
126 Seiten. 16,00 Euro.