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„Die Welt als Desaster ist Realität“

„Die Welt als Desaster ist Realität“
Interviewpartner_innen
Interview mit Jaye Austin Williams
Warum der Weltuntergang nicht nur Panik auslöst, sondern auch Ausgangspunkt für etwas Neues sein kann.

In Literatur und Politik gibt es derzeit einen Boom an dystopischen Erzählungen. Du reihst dich in die Tradition des Afropessimismus ein – Pessimismus, da liegt zunächst eine Assoziation zur Dystopie nahe. Aber wie steht denn Afropessimismus zur Apokalypse?

Es gibt so viele falsche Vorstellungen und Missverständnisse, wenn es um Afropessimismus geht. In meinem Verständnis als Dramatheoretikerin ist es eine theoretische Gesinnung. Sie ist gegen die Auffassung gerichtet, dass Menschen Afrikanischer Herkunft auf die gleiche Weise auf ein Erbe oder eine Vergangenheit zurückgreifen können wie Menschen anderer Bevölkerungsteile. Wir leiten das aus dem transatlantischen Sklavenhandel ab, den wir als einen ganz spezifischen und konstitutiven Bruch verstehen. Und wenn wir tatsächlich Schwarzsein von diesem Bruch aus analysieren, dann können wir nicht anders, als die stumpfe Gewalt anzuerkennen, mit der die zivilisatorischen Strukturen bestimmte menschliche Körper in Frachtgut verwandelt haben – oder, um von Hortense Spillers’ Wort Gebrauch zu machen: in Fleisch. Das bedeutet, auch die Verhältnisse anzuerkennen, die diesen Bruch überhaupt erst möglich gemacht haben. Dieser Prozess ist mindestens bis ins 15. Jahrhundert zurück zu verfolgen, aber viele Menschen bleiben dennoch der Vorstellung verhaftet, die Fortschritte und Zivilisationsprozesse des Menschen seien etwas Universelles. Eine solche Erzählung erschwert es, ein Verständnis davon zu entwickeln, wie diese transatlantischen Handelsgeschäfte und die damit verbundenen Verschleppungen bis in den heutigen Moment hinein hallen.

Afropessimismus ist demnach eine Gesinnung, mit Hilfe derer viele sehr unterschiedliche Menschen von unterschiedlichen Perspektiven aus die missliche Lage des Schwarzseins in der Moderne begreifen. Sie dient als Werkzeug, mit der man die globale Landschaft lesen kann, die wir „die Welt“ nennen. Die Welt so zu lesen, wie sie ist, ist an sich nicht „dystopisch“: Eine Dystopie entsteht aus einer Sorge oder Vorstellung darüber, wie schlimm die Dinge noch werden können. Der Afropessimistische Blickwinkel zeigt allerdings, dass wir schon da sind – und das nicht erst seit gestern. Es werden damit also einige Annahmen über Dystopien und die Apokalypse problematisiert. Ich meine damit, dass das, was viele als apokalyptisch verstehen, für jemanden mit einer Afropessimistischen Gesinnung vielleicht sogar utopisch wäre. Oder anders herum: Was für viele utopisch, also wünschenswert erscheint, konstituiert die andauernde Apokalypse des Schwarzen Leid(en)s.

Stellen die Ängste der Mehrheitsgesellschaft über das Ende allen Lebens - die Bedeutung der Apokalypse - für Afropessimist*innen somit die Möglichkeit eines neuen Anfangs dar?

Man kann es so ausdrücken, ja. In der Apokalypse dieser Welt könnte das Leben beginnen, das wir uns derzeit nicht einmal vorstellen können - an dieser Bruchstelle. Was „das Ende dieser Welt“ bedeutet, ist damit etwas komplett anderes als die allgemeinere Vorstellung davon. Etwas, was möglicherweise Leben ähnelt.

Überrascht dich diese Wertigkeit, die „das Ende der Welt“ als Erzählung gerade erhält?

Nein, es überrascht mich gar nicht. Diese Welt weiß überhaupt nicht, wie man sich irgendetwas jenseits von einer wie auch immer gearteten Währung vorstellen kann. Es gibt immer Profit oder Tauschgeschäfte. Diese Welt kann sich selbst nicht jenseits der Erzeugung von Wertigkeit denken. Die derzeitige Popularität oder Wertigkeit apokalyptischer Szenarien entspringt allerdings einer sehr realen und wachsenden Sorge – einer globalen Angst vor Eskalation, vor einem großen Sturm, der sich immer weiter zusammenbraut: Die Menschen fürchten die Umweltveränderungen, die politischen Spannungen in der ganzen Welt und vieles mehr. Dass diese Szenarien im Zusammenhang mit Dystopien selbst eine Art Währung gewinnen, ist daher keineswegs überraschend. Für viele Schwarze Menschen (und nicht alle, die schwarz sind, sind da gleich oder ähnlich eingestellt, was zu einem komplizierten Nebenwiderspruch dieses Gesprächs führt) ist es das Gefühl von „Willkommen!“ (lacht): Die Welt als Desaster ist schon lange unsere Realität. Was also viele als Krise wahrnehmen, ist einfach eine Wiederholung des Bestehenden.

Also ist „einfach nur die Ruhe bewahren!“ die Afropessimistische Antwort?

Nicht unbedingt. Auch aus einer Krise des Seins heraus kann man erkennen, dass der Planet in Schwierigkeiten steckt oder dass die Umwelt leidet. Es ist daher keine Geste der Apathie, sondern vielmehr eine Art Erkenntnisaufzeichnung. Man tut Dinge, zu denen man sich bewegt fühlt – das kann die äußerliche Linderung von unmittelbarem Leiden oder von Krankheiten sein oder anderes. Tagtäglich begegnet man Anlässen und Situationen, in denen man reagieren muss. Du tust, was du tust, weil es von dir verlangt wird. Ich mache die politische Arbeit, die ich mache, nicht aufgrund einer idealisierten Vorstellung, dass dadurch die Welt ein besserer Ort wird. Ich mache diese Arbeit, so wie ich sie mache, weil sie getan werden muss. Weil vielleicht ein kleiner Anteil unmittelbaren Leidens gelindert wird.

Wenn wir über Wertigkeit reden: Es ist wichtig, dass wir anerkennen, dass dies auch zu Diskussionen über den Wert von Leben an sich führt, darüber, welche Leben Wertschätzung erfahren. Welche Leben als menschlich angesehen werden, und welche nicht. Jared Sexton, einer der Vorreiter, wenn es darum geht, Afropessimismus zu definieren, bezieht sich auf den Umgang mit Hurrikan Katrina in den Vereinigten Staaten. Die Nichtreaktion der Regierung auf die Krise, bei der insbesondere die Schwarze Bevölkerung betroffen war, war zunächst für viele erschreckend. Für Schwarze selbst war dies aber keineswegs überraschend. Selbst als die Not überall bekannt wurde, gab es mehr Sorge um die Hunde, die obdachlos waren, die durch die Flut paddelten und so weiter, als um die Menschen, die auf Dächern standen und winkten und versuchten, gerettet zu werden. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie nichtmenschliches, fühlendes Leben mehr geschätzt wird, als manch anderes, das biologisch menschlich ist. Sobald wir anfangen, darauf zu achten, müssen wir uns fragen: Was geht mit einer solchen Reaktion auf Krisen einher? Und was bedeutet das überhaupt?

Du sagst, es gibt Körper, die keine Wertigkeit erfahren und deren Leid nicht beklagt wird. Aber ich höre da auch heraus, dass es eine strukturelle Ebene ist, die scheitert. In welcher Beziehung stehen diese Körper – schwarze Körper – zum individuellen und strukturellen Scheitern?

Mit Jared Sexton muss eine ganze Konstellation von Denker*innen Erwähnung finden, zum Beispiel Patrice Douglass, Selamawit Terrefe, Joy James, Christina Sharpe, Zakiyyah Jackson, wie auch Frank Wilderson, Saidiya Hartman, Hortense Spillers und so weiter. Von ihnen stammt der Vorschlag, anders an die Sache heranzugehen. Sie fragen: Können wir hier wirklich vom Scheitern sprechen? Ist es nicht vielleicht eher ein Erfolg? Wir sprechen von einer strukturellen „anti-blackness“, die Abwertung allen Schwarzseins. In diese Struktur können sich nicht nur weiße Personen hineindenken. Die ganze Welt hat diese Idee gekauft.

Zum Beispiel denken die Menschen, Masseninhaftierung sei ein Alleinstellungsmerkmal der Vereinigten Staaten. Aber wenn man den gefängnisbürokratischen Staat über die Grenzen des Gefängnisses hinaus begreift und beobachtet, wie die kapitalistische Maschinerie sich durch ihn hindurch schlängelt und dabei inhaftierte Körper zunehmend zu Plantagenarbeiter*innen macht – indem Unternehmensziele von Unternehmen so gesteckt sind, dass sie in diese Industrie investieren und damit ihren Zugriff auf Arbeitskraft auslagern – dann erkennt man, dass das ein ziemlich globales Unterfangen ist. Diese Maschinerie wird zusammengehalten von einer disproportional hohen Anzahl Schwarzer Körper, im Gegensatz zu anderen inhaftierten Körpern. Wir sprechen also nicht vom Scheitern. Wir sprechen von der Entsendung überwiegend Schwarzer Körper in eine ehrlicherweise ziemlich erfolgreiche Matrix, welche auf Kosten dieser Körper Kapital erzeugt. Der Fakt dieses exponentiellen Unterschieds wird oftmals unter den Teppich gekehrt, zum Beispiel in Gesprächen um die Abschaffung des Gefängnissystems und wenn es dort darum geht, wie Masseninhaftierung Menschen mit jeglichen Hintergründen betreffen. Und natürlich stimmt das – das bestreite ich überhaupt nicht. Aber ich möchte mit einem kritischen Auge weiterhin den Blick darauf richten, was üblicherweise redigiert wird: der Fakt, dass Schwarze Körper den Zustand der Gefangenschaft und den strafenden Staat definieren und ausmachen, sodass die Gründe und Umstände, die ihre Inhaftierung „erklären“ lediglich Symptome eines tieferliegenden Problems sind.

Andere Körper (braune, arme weiße und noch andere) werden in dieses System beiläufig und zufällig verstrickt. Wie auch immer man dieses System der Inhaftierung analysiert, die Ausweitung und Profitmaximierung des Projekts können nicht unter dem Begriff des „Scheiterns“ zusammengefasst werden. Im Gegenteil: Das System ist so erfolgreich, dass dessen vermeintliches Scheitern gegenüber Schwarzen Menschen nur aus Hohn ins Gespräch kommen kann. Denn, wie Audre Lorde uns erinnert, waren Schwarze nie zum Überleben bestimmt. Die einzige Frage, die sich jemals gestellt hat, handelt davon, wie Schwarze Körper eingesetzt werden, um eben diese kapitalistischen Matrizen zu erhalten und ihren Erfolg durch Gewalt zu garantieren.

Zeugt dann die Existenz Schwarzer Menschen in der heutigen Welt nicht von unglaublicher Widerstandskraft? Also ist das nicht irgendwie emanzipatorisch und macht handlungsfähig?

Der Titel eines Essaybands von June Jordan lautet „Some of Us Did not Die“. Einige von uns haben überlebt, trotz allem. Daran nehme ich keinen Anstoß, auch nicht an unserem Überleben. Aber ich frage mich, wann Überleben das zu feiernde Endspiel geworden ist, wenn so viele andere ihr Leben tatsächlich auch einfach leben können; ihrem Glück hinterher jagen können in einem Lebenskontext, der Freiheit und unterschiedliche Möglichkeiten der Akkumulation voraussetzt. Was ist mit der Bewältigung der Bedingungen, die uns beständig dazu zwingen, überleben zu müssen – obwohl wir so viel durchgemacht haben?

Dies passiert nicht nur in den USA: dass Schwarze Menschen durch ihre Widerstandsfähigkeit definiert werden, ist etwas Globales. Es ist eine Möglichkeit, die Aufmerksamkeit von der Gewalt abzulenken, die dieses Leben ausmacht. Und von der Tatsache, dass so viele nicht überleben. Also trage ich diese Widerstandskraft nicht wie einen Orden, obwohl ich weiß, dass viele von uns widerstandsfähig waren oder immer noch sind. Aber dieses Wissen ernüchtert mich. Ich finde es verwerflich, dass wir als Überlebende markiert und vermarktet werden, und nicht als Menschen, die einfach leben können. Auch innerhalb der Schwarzen Bevölkerung führt dieser Umstand zu heftigen Diskussionen, etwa darüber, ob und welche beschwichtigenden Konzepte hinter dem Reden von Resilienz stehen. Nicht unbedingt für Schwarze an sich, aber für die, die sich erst sagen müssen, dass Schwarze Widerstandskraft haben, um ihre Handlungsmacht anzuerkennen.

Ist das der Unterschied zum Afrofuturismus?

Afrofuturist*innen haben auch eine ziemlich klare Vorstellung davon, durch welches Leid Schwarze Menschen gegangen sind und immer noch gehen, historisch und global. Ich glaube, der Unterschied liegt vor allem in der Haltung gegenüber einer Investition in die Zukunft von und innerhalb dieser Welt, was natürlich bedeutet, dass man die Systeme und Infrastrukturen für das „Wohl“ und weitere Überleben „aller“ verbessert.

Die Metapher, die zwar schrecklich vereinfacht, aber praktisch ist: Wenn du einem Haus, das von Termiten befallen ist, einen neuen Anstrich verpasst, neue Fenster einsetzt und andere strahlende Reparaturarbeiten machst, dann sieht es sicher nach einem wunderschönen Haus aus. Aber wenn du dann den Boden aufreißt, und das Fundament freilegst – und das Fundament repräsentiert vielleicht die Ethik, die hinter diesem Hausprojekt steht – wirst du sehen, dass es bereits weggefressen wurde. Und wenn wir uns die verbleibende Fäule ansehen, dann gibt es diejenigen, die fragen werden, warum sollte ich darin investieren? Nun lass uns sagen, dass die Währung, die notwendig ist, um solche umfangreichen Reparaturarbeiten zu leisten, die politische Ontologie ist. Und ohne diese kann man nicht effektiv einen solchen Schaden beheben, vor allem nicht, wenn man die Widerstandskraft als Pfand benutzt. Ich hinterfrage den zeitlichen Aufwand und die Kraft, die es kostet, um dies zu tun.

Was mich wieder zu der Frage nach politischer Handlungsmacht zurückführt. Du hast bereits erwähnt, dass uns durch Afropessimismus deutlich wird, wie limitiert dieser Spielraum für Schwarzes Dasein ist. Aber im antikapitalistischen Denken existiert, den neoliberalen Tendenzen zum Trotz, immer noch eine Hoffnung, dass das kapitalistische System eines Tages überkommen werden kann, selbst wenn wir noch nicht wissen wie. Glaubst du, dass es irgendwo so einen Horizont gibt?

Das führt mich zurück zu der Weggabelung, an der die Entscheidung fällt zwischen der Reparatur eines termitenbefallenen Hauses und dem Blick auf das Haus, um zu sagen: Diese Scheiße muss weg. All diese Investitionen und Entbehrungen und die Vielzahl an Menschen, die innerhalb des Establishments „performen“ und sich anpassen, die dessen Pförtner*innen und Wachhunde sind, katapultieren den Diskurs weit über die Frage der „Eindämmung“ als solche hinaus. Wie Jared Sexton suggeriert, muss die Frage nach Freiheit gegenüber der Gefangenschaft viel geschickter gestellt werden, und jenseits von allzu flachen Gegensätzlichkeiten gedacht werden, denn beide Pole sind tiefgehend und komplex.

Frank Wilderson sagt: Du denkst du hast Probleme, aber du begreifst ein Problem erst, wenn du als Schwarze Person in den Lauf einer Waffe starrst, an dessen anderem Ende ein schwarzer Polizist steht. Denn dieser Polizist hat investiert und will nun als Vorzeigebeispiel von Recht und Ordnung dastehen. Und hier liegt der Hund begraben: in dieser schrecklichen Verschmelzung von schwarzer Performance und anti-schwarzer Staatsgewalt. Die Frage nach dem Jenseits von Wiedergutmachung, jenseits von Befreiung, die müssen wir uns stellen. Wir alle werden auf dem einen oder anderen Wege Agent*innen jedweder Kultur, in der wir leben und daher erwarten, auch weiter zu kommen. Wir sammeln unsere Gehaltchecks ein und sind allesamt in unterschiedlichem Ausmaß in diese globale Maschinerie verwickelt. Wir sind alle ihr Werkzeug. Und diese Frage nach Handlungsmacht ist fast eine Tyrannei, wenn man sie auf höherer Ebene betrachtet.

Schwarze Menschen müssen immer diesen Hoffnungsmarathon laufen – weil es Teil des Pakets ist, das uns soziale Gerechtigkeit und rechtliche Gleichheit verspricht. Aber woher kommt diese Forderung, dass Menschen auf Ewigkeit hoffen sollen? Ich kann machen, was ich machen muss, ich kann die größeren globalen Strukturen hinterfragen und mich daran abarbeiten, dieses Hinterfragen aufrecht zu erhalten. Ich kann, soweit es möglich ist, einige der unmittelbaren Symptome des Leidens lindern, die ich um mich herum sehe. Aber ich muss dafür keine Hoffnung haben. Vielmehr bin ich fokussierter, je weniger ich hoffe. Diese Idee, dass es nur Hoffnung gibt, die uns Handlungsmacht verleiht, wird zur Tyrannei, weil nur diese Hoffnung zu einem Sinn für die Zukunft führt. Und wer auf eine Zukunft hofft, kann unmöglich ertragen, ein wahres Auge darauf zu richten, was aus der Welt wird und was sie ist. Denn für so viele bedeutet zu sehen, dass sie gelähmt werden und nichts tun.

Gibt es im Afropessimismus kein Konzept der Heilung oder Erlösung?

Zur Katharsis würde ich die kühne Behauptung aufstellen, dass es eben jene Liberal-Progressiven gibt, die der Meinung sind, sie können in gutem Glauben alle als gleich fassen und ein universelles „Wir“ erschaffen. Aber das Problem in diesem Versuch des Ausgleichs ist, dass es eher zu einer Verstärkung der Verwundung führt. Nehmen wir einen so populären Mann wie Barack Obama: Nichts, keine unangebrachte Sexualbeziehung, kein einziger öffentlicher Skandal – Er hätte seinen Scheiß nicht besser beisammen halten können. Und dennoch musste er sich der unerbittlichen performativen Überzeugung beugen, dass er auf irgendeine Art dieses Amt skandalisiert hat. Es gibt Leute, die darüber diskutieren, in welchem Ausmaß der Albtraum, den wir Trump nennen, Teil eines „Backlashes“ ist. Sie stellen die Frage, was denn die Konditionen sind, unter denen eine so unhaltbare Situation wie Trump im Weißen Haus möglich wird. Es könnte die Antwort sein auf den Fakt, dass ein Schwarzer Mann überhaupt dieses Amt besetzen durfte. Und ich weiß nicht, ob ich dagegen argumentieren kann. Und das intensiviert die Verletzung. Die Anerkennung, dass es kein Außerhalb dieser Zwickmühle gibt.

Kein Außerhalb, nur das Hoffen auf das Ende der Welt.

Und natürlich kein Hoffen auf, in dem eigentlichen Sinne, als wäre es einfach ein vertrödelter Wunsch. Ich glaube, wenn Leute diese Verkürzung hören, schrecken sie zurück, ohne die außergewöhnlich-bedachten Formulierungen zu beachten, die Afropessimist*innen da erschaffen. Also lass es mich deutlich sagen: Wenn ich vom Ende der Welt spreche, ist das ein theoretisches Konstrukt. Weil das globale Projekt der „anti-blackness“ und damit einhergehend die Inhaftierung schwarzer Körper – sowohl wortwörtlich wie auch als Verarmung, Verelendung und sonstiger Unterwerfungen – nie und nimmer eine Kondition des gut bewaffneten und geplanten Schwarzen Aufstandes bereit stellen kann.

Das Ende der Welt, das ist kein Wahnwitz. Und es ist kein dystopisches Nachdenken über das Ende des Planeten, sondern über „die Welt“ als ein Konstrukt des westlich-europäischen Mannes. Wenn diese Halunken, die weltweit in alle möglichen schrecklichen Geschäfte verwickelt sind, uns morgen von der Erdoberfläche bomben, wäre ich auch ziemlich verärgert. Weil Macht und Geld einfach keine fairen Gründe sind, „die Welt“ zu beenden. Schwarze Befreiung – als Ziel, das innerhalb dieser Welt weder haltbar noch erreichbar ist – wäre ein solcher Grund. Das Ende der Welt ist also keine saloppe Zielsetzung, aber eine, die sich mit der ethischen Abrechnung der Welt mit dem Schwarzsein auseinandersetzt. Und Afropessimismus wagt es, zu fragen, warum diese Begegnung notwendig ist, und wie sie aussehen könnte. Aus meiner Sicht wäre Afropessimismus die einzige ethische Begründung für ein Zunichtemachen „der Welt“.

Interview und Übersetzung: Sara Morais dos Santos Bruss

Zitathinweis: kritisch-lesen.de Redaktion: „Die Welt als Desaster ist Realität“. Erschienen in: Vom Ende erzählen: Dystopien in der Gegenwartsliteratur. 52/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1567. Abgerufen am: 23. 09. 2019 11:43.