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„Das Ideal der Autonomie hinterfragen“

„Das Ideal der Autonomie hinterfragen“
Interviewpartner_innen
Interview mit Ann-Madeleine Tietge
Wie neoliberale Eigenverantwortlichkeit Verbindlichkeiten unterwandert. Ein Gespräch über alte und neue Geschlechterbilder und die (Un-) Möglichkeiten progressiver Beziehungsmodelle.

In deiner Dissertation beschäftigst du dich mit der Frage, ob und wie normative Gender-Konzepte in heterosexuellen Beziehungen überwunden werden können. Was sind die zentralen Ergebnisse deiner Forschung? Wird die geschlechtergerechte Beziehung auf Augenhöhe erreicht?

Ann-MadeleineGenau. Ich habe heterosexuelle cisgeschlechtliche Paare interviewt, die versuchen, nach einem nicht-heteronormativen Beziehungsmodell zu leben. Interessant ist, dass diese Versuche durch viel Unsicherheit geprägt sind. Die Paare selbst sind sich gar nicht so sicher, ob ihre Versuche erfolgreich sind. Von außen ließ sich feststellen, dass auch in diesen Beziehungen viele unbewusste Mechanismen eine Rolle spielen, welche durch geschlechtliche Sozialisation verinnerlicht werden. Deshalb ist es gar nicht so einfach, klassische Beziehungsformen zu überwinden. Es gibt sowohl gesellschaftliche Sachzwänge, wie auch individuell-psychische Herausforderungen, die es enorm schwer machen.

Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, fällt auf, dass es den Paaren leichter fiel, individuelle Abweichungen von der Norm zu beschreiben. Zum Beispiel haben sich die Frauen beziehungsweise weiblich sozialisierten Personen in diesen Beziehungen selbst als „rüpelig“ beschrieben oder betont, dass sie diejenigen sind, die in ihren Beziehungen in Vollzeit arbeiten. Männer wiederum haben sich häufig als weniger dominant beschrieben, zum Beispiel in ihrem Redeverhalten. All das sind Selbstbeschreibungen, die auf die Ebene der Persönlichkeiten verweisen. Einen Unterschied im Miteinander war allerdings schwer zu benennen.

Aber du hast dir ja wahrscheinlich auch eher die nicht-expliziten Muster angeschaut, oder?

Ein Schwerpunkt meiner Forschung war die Frage, wie Männlichkeit hergestellt wird. Und zwar nicht nur, wie sie von Männern selbst hergestellt wird, sondern auch, wie sie sich innerhalb der Beziehung ausbildet. Schaut man sich die „unbewusste“ Ebene an, kann man generell sagen, dass sich meist eine Art Mutter-Sohn-Beziehung hergestellt hat. Die heteronormative Abweichung besteht seitens der Männer oft darin, dass sie weniger mackermäßig und insgesamt weniger dominant auftreten. Dafür zeigen sie in ihrem Verhalten etwas – wie soll ich sagen? – Welpenhaftes. Dieses Verhalten führt dazu, dass sich Partnerinnen sehr um ihren Partner kümmern und viel Care-Arbeit in der Beziehung übernehmen. Ich fand es besonders interessant, dass sich dieser Effekt in Beziehungen, in denen die Partnerinnen Feministinnen sind, sogar verstärkte. Indem sie versuchen, ihren Partner zu „erziehen“, zeigt sich etwas Elterliches. Wenn die Partner dann versuchen, diesen Anforderungen zu entsprechen, zeigen sie sich vordergründig unterwürfig, doch bedürfen weiterhin stets der Motivation durch ihre Partnerin.

Ich würde so weit gehen, auch dieses „Sohnhafte“ als eine Form von Herrschaft zu verstehen. Klar kann man so ein Verhalten irgendwie niedlich finden – und viele Frauen finden es ja auch niedlich, wenn Männer so welpenhaft sind. Aber diese Dynamik darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in solchen Beziehungsmustern meist darum geht, die Autonomie und die Wünsche der männlichen Partner zu ermöglichen. Zwar setzen sie ihre Bedürfnisse nicht durch Dominanz oder Gewalt durch, doch werden zeitliche und finanzielle Ressourcen durch Trödelei, Unbeholfenheit, mangelnde Belastbarkeit sowie fehlende Verbindlichkeit durchgesetzt. Frauen versuchen dann oft, sich in der Form ihrer Fürsorge diesem Anspruchsdenken anzupassen. Deshalb gibt es auch in diesem nicht-dominanten Verhalten ein klares Herrschaftsmoment.

Solche Beziehungsmodelle führen also gerade nicht zu mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Nein. Aber ich habe die Hoffnung, dass es hilft, sich diese Mechanismen bewusst zu machen. Nur so gibt es die Möglichkeit, darüber zu sprechen und eine Veränderung zu erreichen.

Wie arbeiten Paare in ihrer Selbstwahrnehmung daran, diese heteronormativen Beziehungs-Konzepte aufzulösen oder zu überwinden? Wenn du sagst, das passiert auf einer manifesten und einer unbewussten Ebene – welche Themen werden dort jeweils ausgehandelt?

Es geht viel um Autonomiefragen: Kann ich meinen Hobbys nachgehen? Bekomme ich dafür beispielsweise ein eigenes Zimmer? Im Englischen gibt es dafür den Begriff „Man Cave“. Das klingt ein bisschen steinzeitlich, aber tatsächlich gab es bei vielen Paaren, die ich für meine Arbeit interviewt habe, einen eigenen Raum zur Selbstverwirklichung – und zwar für den männlichen Beziehungspartner.

Es sind genau diese beiden Pole: Selbstverwirklichung versus Selbstaufopferung, die nach wie vor den beiden Polen männlich und weiblich zugeordnet werden. Und zwar sowohl im Job als auch im Hobbybereich. In beiden Fällen ist die Selbstverwirklichung für Männer nicht nur wichtiger, sondern vor allem möglicher. Selbst in Beziehungen, in denen Frauen in Vollzeit arbeiten und Männer die Hausarbeit machen, ist die Selbstverwirklichung trotzdem für Männer ausschlaggebender. Für Frauen ist die Vollzeitarbeit wieder vor allem eine Selbstaufopferung für die Familie. Man sieht also, wie stark Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft männlich definiert ist. Selbst wenn die Versorger-Rolle des Mannes aufgegeben oder an die Frau abgegeben wird.

Ich würde gerne noch einmal auf die Mutter-Sohn-Rollenverteilung eingehen. Es gibt also einerseits das, was du als „welpenhaft“ beschreibst – etwas das sich noch in der Entwicklung befindet und deshalb viel Aufmerksamkeit braucht. Aber es gibt auch das autonome männliche Subjekt. Wie passt das zusammen?

Gute Frage. Vielleicht kann ich das an einem Beispiel verdeutlichen: Mehrere männliche Partner, die ich interviewt habe, haben die Wünsche geäußert, noch einmal in eine andere Stadt ziehen oder zum Beispiel noch einmal auf der „Sea Shepherd“ mitfahren zu wollen – auch in Beziehungen, in denen schon eine Familie gegründet wurde. Die Frauen in diesen Beziehungen sagten dann oft: „Das ist ja schön. Ich möchte dir die Möglichkeiten geben, deine Wünsche auszuleben.“ Dieses Ideal der autonomen Selbstverwirklichung, in dem nicht die Beziehung oder die Familie Vorrang hat, wurde also nicht nur von den Männern, sondern auch von den Frauen total hochgehalten. Es wird deutlich, dass die individuellen Ziele des Mannes absolut im Mittelpunkt stehen. „Wenn es ihm gut geht, geht es uns gut.“ Hier spiegelt sich die Mutter-Kind-Beziehung wider: Zwar sitzen Mütter am längeren Hebel, was den Zugang zu den Möglichkeiten ihrer Kinder angeht, aber gerade deshalb sollen sie dafür verantwortlich sein, ihnen einen Wunsch nach dem anderen zu erfüllen. Vielleicht war das in heteronormativen Beziehungen auch schon immer so. Aber das Neue daran ist, dass eben dieses Welpenhafte, diese männlichen Bedürfnisse „tarnt“. Die männliche Bedürfnisbefriedigung wird nicht mehr auf dominante Weise durchgesetzt. Gleichzeitig gibt es dieses gemeinsame Ideal der Selbstverwirklichung: Man muss sich selbst verwirklichen, man muss autonom sein. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Vorstellung und betrifft deshalb alle Geschlechter. Deshalb akzeptieren Frauen sie bei ihren Partnern und streben zusätzlich zur Selbstaufopferung selbst danach.

Könnte man sagen, dass die so gewonnene männliche Autonomie die Belohnung für Niedlichkeit ist?

Das ist nett formuliert. Ich würde es eher als eine Tarnung auf dem Weg zur Autonomie bezeichnen. Es ist auf jeden Fall geschickt! Diese Strategie spielt sich natürlich nicht bewusst ab. Das unterstelle ich niemandem. In der Männlichkeitsforschung gibt es die These, wonach es heute eine starke Verunsicherung bezüglich der eigenen Männerrolle gibt. Und ich glaube, dass es diese Verunsicherung tatsächlich gibt, was aber vor allem mit den immer prekärer werdenden Arbeitsverhältnissen zu tun hat. Diese welpenhafte Niedlichkeit lässt sich durchaus als Strategie im Zusammenhang mit einer solchen Verunsicherung verstehen. Wenn es schwerer wird, Selbstwert durch die Rolle des Familienernährers zu gewinnen, entsage ich mich dieser Aufgabe, kritisiere beispielsweise das Konzept der Lohnarbeit und verwirkliche mich selbst in hobbyähnlichen, meist brotlosen Erwerbsarbeiten. Aber am Ende leiden vor allem Frauen in solchen Dynamiken unter der „getarnten“ männlichen Herrschaft, da diese Selbstverwirklichung auf ihrem Rücken realisiert wird.

Sind dir in deiner Arbeit auch Fälle begegnet, die andersrum funktionieren? In denen der Mann oder die gemeinsame Beziehung die Selbstverwirklichung der Frau unterstützen?

Das ist mir bisher kaum begegnet, aber ich finde es gut, das als Ziel zu formulieren. Ein solches Ziel, das konkret die Förderung der Frauen im Blick hat, war aber in meiner Forschung schwer mit den Paaren zu besprechen. Das liegt meines Erachtens daran, dass in der Kritik an heteronormativen Prinzipien schnell das, was geschlechtlich ist, verwässert oder nivelliert wird. Also platt gesagt: „Es gibt kein Geschlecht und deswegen hat unser Problem hier gerade auch nichts mit Geschlecht zu tun.“ In einem solchen Verständnis wird im Alltag versucht, beide Seiten – das Weibliche und das Männliche – in gewisser Weise zu reduzieren und ihre Bedeutung für das Miteinander und auftretende Konflikte wird nivelliert oder verleugnet. Wenn es um die Selbstverwirklichung von Frauen geht – vorausgesetzt sie begreift sich als Frau und sieht sich als Teil eines heterosexuellen Cis-Paarbeziehung –, muss Geschlechtlichkeit meines Erachtens klar benannt werden. Immerhin stecken da tausende Jahre Geschichte drin; in den Körpern, aber auch in den Psychen. Diese Muster dürfen nicht verleugnet werden.

Die Soziologin Eva Illouz hat sich dem Thema Beziehungen im Neoliberalismus mit der Beobachtung genähert, dass männliche Autonomie nicht beschränkt, sondern einfach durch weibliche Autonomie – oder das Streben danach – ergänzt wird. Dabei geht es vor allem um berufliche Selbstverwirklichung. Da Frauen aber zusätzlich noch in der Reproduktionssphäre gefangen sind und dort nach wie vor wesentlich mehr Verantwortung tragen, ist die 40-Stunden-Woche eine Doppelbelastung für Frauen.

Das ist ein entscheidender Punkt: Die Selbstverwirklichung von Frauen wird vermeintlich in der Lohnarbeit erreicht. Die Frage der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie spielte auch in meiner Forschung eine Rolle. Während die Frauen oft angaben, es sei ihnen sehr wichtig, schnell wieder arbeiten zu gehen, war es für die Männer wichtiger, sich in einem Hobby oder in einem neuen Projekt zu verwirklichen. Auffällig war, wie stark das Ideal der Selbstverwirklichung aus männlicher Sicht an Freizeitbeschäftigungen und politische Projekte gebunden war. Für Frauen gab es nur die berufliche Selbstverwirklichung in der Lohnarbeit. Aber vielleicht haben Frauen in der daraus entstehenden Doppelbelastung einfach keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.

Eigentlich stehen sich also nach wie vor die Bereiche der männlichen Selbstverwirklichung versus weiblicher Selbstaufopferung entgegen. Das ist doch ein sehr altes Konzept in einem neuen, neoliberalen Gewand. Zeigt sich darin, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten auch in progressiven Beziehungen geändert hat?

Ja, diese alten Zuschreibungen bestehen nach wie vor. Aber hinzu kommt, dass sie immer weniger besprechbar werden. Wenn man sich eine traditionelle Beziehungsdynamik vorstellt, in der der Mann immer beruflich unterwegs ist und damit seinen Autonomieanspruch geltend macht, könnte die Frau dieser Forderung entgegensetzten: „Du musst jetzt auch mal zu Hause sein und hier Aufgaben übernehmen.“ Diese Reaktion ist aber nur möglich, wenn es eine relativ deutliche Trennung von Hausarbeit und Lohnarbeit gibt. Heute sind diese Forderungen nicht mehr auf diese Weise besprechbar, weil sich auch Frauen an dem männlichen Ideal des sichtbaren beruflichen Erfolgs orientieren müssen. Der Wunsch, unabhängig von einem Mann zu sein, macht eine Kritik an diesem männlichen Verhalten unmöglich.

Wie stark dieser Autonomieanspruch geworden ist, zeigt sich auch beim Dating. Das A und O ist erstmal, dass wir alle unabhängig voneinander sind. Wenn Menschen sich daten, ist ganz klar: „Erstmal bedeutet das hier alles nichts.“ Sobald es anfängt, einer Seite etwas zu bedeuten, ist die klassische Reaktion: selber schuld. Die Person, die Verbindlichkeit möchte, ist die Gearschte. Das ist eine Herausforderung für alle Beziehungen. Das Ideal der Autonomie ist in unserer Gesellschaft so präsent, dass man sich diesem Ideal auch in Beziehungen unterordnen muss. Man fängt an, sich für den Wunsch nach einer Beziehung zu schämen. Das finde ich problematisch. Auch aus meiner Perspektive als Psychotherapeutin.

Das männliche Ideal der Autonomie steht also im Widerspruch zum Bindungswunsch, den auch Männer haben? Da ist ja eine permanente Identitätskrise vorprogrammiert.

Ja. Natürlich, es gibt auch viele Männer, die Bindungswünsche haben – und es gibt auch viele Männer, die sie ausleben können. Das Problematische ist, dass es Männern vorbehalten zu sein scheint, zu wählen, wann sie Autonomie wünschen und wann Bindung. Frauen sollen diesen Wünschen dann jeweils den gewährenden Gegenpol bieten. Allgemein gilt es festzustellen, dass der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Autonomie und dem Wunsch nach Bindung ein Konflikt ist, der allen Geschlechtern innewohnt. Meine These ist, dass versucht wird, diesen inneren Konflikt zu lösen, indem ein Pol dem weiblichen und einer dem männlichen zugeschrieben wird und durch die Identifizierung mit einem der Geschlechter Erleichterung entstehen soll. Hinzu kommt heutzutage, dass es als Befreiung angesehen wird, dass auch Frauen das Ideal der Autonomie verfolgen. Allerdings fehlt ihnen das Gegenüber, das sie darin auch gewähren lässt und keine Fürsorgeansprüche an sie stellt.

Und es gibt natürlich Ängste bei allen Geschlechtern. Aber vielleicht gibt es mehr Ängste bei Frauen, sich einfach auf die Autonomie zu stürzen und ohne Rücksicht auf Verluste ihr Ding durchzuziehen. Das gilt es zu bearbeiten. Gleichzeitig sollte man auch bei männlich sozialisierten Personen fragen: Was sind das für Ängste, die eine Bindung verunmöglichen? Immer wieder gibt es die Vorstellung, es würde Männern besonders schwerfallen, ihre Emotionen zu zeigen, weshalb sie keine dauerhaften Bindungen eingehen könnten. Das finde ich wenig plausibel. Ich glaube nicht, dass es Männern besonders schwer gemacht wird, ihre Emotionen zu zeigen. Eine gewisse Form von Aggression beispielsweise gilt ja sogar als erwünschter Emotionsausdruck bei Männern. Außerdem glaube ich nicht, dass es für Paarbeziehungen unbedingt ein Fortschritt ist, wenn den Emotionen der Männer mehr Raum gegeben wird. Dann ginge es wieder nur darum, dass Frauen den Männern zuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Ich glaube es wäre es ein Fortschritt, auch für Männer, Frauen zuzuhören und deren Emotionen Raum zu geben.

Welche Werkzeuge oder Instrumente stellt die Psychoanalyse bereit, um sich dem Thema Paarbeziehung im neoliberalen Kapitalismus zu nähern?

Man muss unterscheiden, ob man die Psychoanalyse methodisch oder theoretisch nutzt, um Verhältnisse zu verstehen. Ich habe zunächst eine psychoanalytisch orientierte Methode genutzt, um das Eigene, das Subjektive, in den Blick zu bekommen. Ich wollte schauen: Wo gibt es Irritationen, Brüche, Affekte – und zwar auch bei mir selbst. Es geht darum, diese subjektive Ebene zu nutzen und bei Widersprüchlichkeiten aufzuhorchen. Man darf sich nicht vormachen, man könnte an solche Themen objektiv drangehen. Das ist das Paradigma aller qualitativer Forschung. Aber im Psychoanalytischen speziell geht es auch darum, Dinge zu erfassen, die nicht sofort ins Auge fallen. So kann man zum Beispiel bestimmte fortbestehende Muster erkennen, wie das der Selbstaufopferung und der Selbstverwirklichung. Die Psychoanalyse bietet eine andere Sprache dafür. Oder andere Möglichkeiten, darüber zu sprechen, weil sich dort verdeckte Mechanismen abspielen.

Kommen wir noch einmal auf die „Mutter-Sohn“-Dynamik zurück. Laienhaft könnte man darin eine Form des Ödipuskonfliktes sehen. Würdest du sagen, dass insbesondere Versuche der progressiven Beziehungsführung dazu führen, diese Rollenzuweisungen zu bedienen?

Da kommen wir zum theoretischen Nutzen der Psychoanalyse. Ich gehe nicht davon aus, dass ödipale Muster vor allem in progressiv anmutenden Beziehungen vorkommen. Ich denke eher, dass Dynamiken, die man als Ödipus-Konflikte verstehen kann, sehr beständig sind, auch wenn sich die Ausprägung durchaus ändern kann. Der Ödipus-Konflikt beschreibt ja ganz allgemein, dass wir unsere Partner:innen nach Eigenschaften und Mustern auswählen, die wir von unseren Eltern kennen und dass in der heterosexuellen Entwicklung ein Konkurrenzverhältnis zum gleichgeschlechtlichen Elternteil entsteht. Wie wir Bindung und Autonomie herstellen, haben wir im Umgang mit unseren ersten Liebesobjekten gelernt. Ich denke also, dass sich in Paarbeziehungen generell auf irgendeine Art Eltern-Kind-Beziehungen reproduzieren. Und entweder tendieren wir dann dazu, unsere Liebesobjekte selbst so zu behandeln wie wir als Kinder behandelt wurden oder wie wir als Kinder unsere Eltern erfahren haben. Je nachdem, was besser gelingt.

Bei der beschriebenen Mutter-Sohn-Dynamik kann man sich fragen, inwiefern die männliche Sozialisation den „Rollenwechsel“ in die elterliche Position einfach nicht erfordert. Und zwar gerade weil die mütterliche Position so stark mit Fürsorge verknüpft ist. Während die weiblich sozialisierte Person sich erstmal aus einer Kind-Position entwickelt und eine elterliche Position einnimmt, nämlich, wenn sie sich als Mädchen mit der Mutter identifiziert. Dabei spielt das frühe Entwicklungsstadium von Kindern eine große Rolle. Zu Anfang sind Kinder in gewisser Weise primär narzisstisch. In dieser Phase sind Kinder der Überzeugung, dass alle Menschen um sie herum dafür da sind, ihre Wünsche zu erfüllen. Es ist eine Entwicklungsaufgabe, diese Perspektive loszulassen. Ich vermute, dass diese Erwartung in unserer Gesellschaft an männlich sozialisierte Personen nicht so stark herangetragen wird, da weiterhin von der Verfügbarkeit weiblicher Fürsorge ausgegangen wird.

Das Erbe der Weiblichkeit im Patriarchat…

Das Patriarchat sorgt dafür, dass diese Fürsorgerolle der Mutter immer wieder perpetuiert wird, damit der Mann seine Autonomie genießen kann. Dazu wird er permanent angehalten. Ganz konkret wird der weibliche Körper als viel stärker durch das Kind beansprucht wahrgenommen. Das ist das erste Lernen: Frauen sind dem Kind verpflichtet und Männer können sich dieser Verpflichtung mehr oder weniger bedienen. Aber natürlich ist nicht nur diese körperliche Konstitution ausschlaggebend. Es ist gesellschaftliches Denken, das diese Wahrnehmung fördert, indem die männliche Überlegenheit als Konstante gilt. Die höhere Wertung des Männlichen unterstützt das alles. Dieses Denken muss man verlernen.

Du hattest ja schon Eva Illouz angesprochen. Sie sagt, früher sei es der Mann gewesen, der sein ehrenhaftes Wesen beweisen konnte, indem er Verbindlichkeit zeigte. Konnte er das nicht, war er entehrt. Heute liegt die Verantwortung für das Zustandekommen einer verbindlichen Beziehung bei der Frau, die den Mann wohl nicht genug beeindrucken konnte, wenn eine Beziehung nicht zustande kommt. Damit beziehen Frauen das Scheitern einer verbindlichen Beziehung notwendigerweise auf sich und zweifeln an ihrem Selbstwert. Wenn sich die Verbindlichkeit in Beziehungen also nur herstellen lässt, indem konstant Gefühle der Zuneigung erneuert werden, zweifeln Frauen an ihrer äußeren Erscheinung oder Fürsorglichkeit, wenn eine Bindung nicht gelingt. Darin sieht Illouz den Mechanismus der emotionalen Herrschaft.

Diesen Mechanismus kann man auch heute beim Dating sehen. Man sieht, welche krassen Selbstzweifel durch die Zurückweisung beim Dating gerade für Frauen entstehen können. In heterosexuellen Beziehungen sind es die Gefühle des Mannes, die das Barometer darstellen. Es wird nie daran gedacht, dass der Typ vielleicht einfach ein Idiot sein könnte. Oder dass es das männliche Autonomie-Denken ist, an dem die Beziehung scheitert. Im Dating gibt es zwar auch Versuche, etwa durch Poly-Beziehungen, diesem Anspruch zu begegnen. Aber da muss man sich natürlich fragen, inwiefern solche Beziehungsmodelle nicht auf ihre Art ein bisschen neoliberal sind. Schließlich zeigt sich darin der Wunsch, aus unendlichen Möglichkeiten das individuell Beste rauszuholen. Mit möglichst wenig Verbindlichkeit. Da gibt es natürlich auch schon sehr viele Versuche, in denen zum Beispiel stark auf die Gefühle aller Beteiligten geachtet wird. Aber wahrscheinlich bleibt doch ein bisschen was auf der Strecke. Ich denke aber, dass diese Versuche auch deshalb entstehen, weil es zunehmend ein Bewusstsein dafür gibt, in welches Korsett die alten Beziehungsmuster Menschen zwängen. Bei neuen Beziehungsmodellen muss man sich aber auch immer fragen, ob sie nicht ein neues Korsett erschaffen.

Müssen alternative Beziehungskonzepte jenseits der klassischen Heteronorm, wozu ich jetzt auch progressive Heteropaare zählen würde – müssen solche Ansätze zwangsläufig an der gesellschaftlichen Asymmetrie der Geschlechter scheitern?

Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Aber wenn man den politischen Kampf gekämpft hat, gibt es am Ende die Frage, inwiefern ich mich mit bestehenden Missständen persönlich arrangieren kann. Es geht auch darum, ob ich die Einschränkungen, die aus diesen gesellschaftlichen und individuellen Spannungen entstehen, aushalten kann. Ich glaube, da hilft auch der Kontakt mit anderen, die solche Missstände ähnlich sehen, um sich gegenseitig zu stützen, solidarisch zu sein und zu empowern.

Es muss aus meiner Sicht genau darum gehen, die Selbstverwirklichung oder Autonomie als Ideal zu hinterfragen. Dazu muss man zunächst klar benennen, dass dieses Ideal ein recht männliches und neoliberales ist. Darunter liegt ein Optimierungs-Gedanke: Es geht darum, sich selbst für die Gesellschaft immer wertvoller zu machen und darüber ein Selbstwertgefühl zu erlangen. Aber in einer patriarchalen, neoliberalen Gesellschaft wird dieser Optimierungswunsch schnell ganz schön schwierig und belastend. Für Frauen reicht es nicht mehr, eine „gute Mutter“ oder eine „gute Hausfrau“ zu sein. Auf der anderen Seite profitieren natürlich auch Männer in diesen Partnerschaften finanziell davon, wenn Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Gleichzeitig kann man aber gerade deshalb – selbst als Feministin – seinem Partner in einer Beziehung nicht sagen: „Du musst aber jetzt auch mal mehr Care-Arbeit machen und dich weniger selbst verwirklichen.“ Das widerspricht diesem Ideal der autonomen Frau, die alles selbst hinbekommt und keinen Mann braucht, der ihr hilft. Hier müsste es eigentlich darum gehen, Netzwerke aufzubauen und auch staatliche Unterstützung zu etablieren. Aber in erster Linie werden diese Kämpfe in Beziehungen ausgetragen – und damit total individualisiert.

Der neoliberale Zwang zur Selbstverwirklichung gilt für Frauen umso mehr. Und auch der Zwang zur Selbstfürsorge. Deshalb hängt mir diese ganze Selbstfürsorge-Maxime der Frauenzeitschriften so zum Hals raus. Die Idee der Selbstfürsorge setzt einfach stillschweigend voraus, dass sonst niemand für dich sorgt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Zwang zur Selbstverwirklichung ein Grund dafür ist, dass es so viele depressive Erkrankungen gibt. Mit Selbstfürsorge soll man sich dann auch noch selber heilen. Es ist total anstrengend und erschöpfend, sich ständig selbst zu verwirklichen und per „carpe diem“ sozial, finanziell, kulturell und instagram-gerecht erfolgreich zu sein. Der Zwang zur Selbstverwirklichung ist aber nicht nur für Frauen, sondern für alle Geschlechter erschöpfend. Die Vorstellung ist Teil dieses neoliberalen Paradigmas, indem immer noch mehr geht – ein Prozess, in dem es kein Ende gibt. Das begegnet uns in allen Lebensbereichen. In riesigen Supermärkten, beim Internetshopping und bei der Serienauswahl in der Mediathek. Auch Tinder bietet unendliche Möglichkeiten. Aber unendliche Möglichkeiten befriedigen nicht. Es ist eine Illusion, in der Unendlichkeit Befriedigung finden zu wollen. Ich glaube, dass nur Endlichkeit befriedigen kann, auch wenn Endlichkeit Schmerz mit sich bringt.

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Dr. phil. Ann-Madeleine Tietge ist Diplom-Psychologin und befindet sich in Ausbildung zur Psychoanalytikerin/Psychologischen Psychotherapeutin. Ihre 2019 erschienene Dissertation mit dem Titel „Make Love, Don’t Gender!?“ untersucht die unbewusste Reproduktion von Männlichkeit in heterosexuell definierten Paarbeziehungen. Sie arbeitet freiberuflich als Autorin und Referentin von Vorträgen, Workshops und Seminaren zu den Themen Geschlecht, Paarbeziehung und Elternschaft.

Das Interview führte Andrea Strübe mit Unterstützung der restlichen Redaktion.

Zitathinweis: kritisch-lesen.de Redaktion: „Das Ideal der Autonomie hinterfragen“. Erschienen in: Liebe, Sex und Dating im Neoliberalismus. 65/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1787. Abgerufen am: 08. 12. 2022 14:41.