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Über Frauenbegehren

Über Frauenbegehren
Thema
Essay von Andrea Long Chu
Was wollen trans Frauen? Über die Problematik des politischen Begehrens und den Wunsch nach Vernichtung der Männer.
Essay von Andrea Long Chu

Einmal die Woche wurde ich während eines einzigen Highschool-Semesters vorzeitig aus dem Unterricht entlassen, um mit fünfzehn Teenagermädchen in schlanken Volleyballtrikots und superkurzen Hosen in den Sportbus zu steigen. Ich war der einzige Junge.

Gelegentlich zog sich ein Mädchen, das sich noch umziehen musste, entschuldigend hinter einer Sitzreihe zurück, um aus ihrer Schuluniform in die dunkelblauen Mannschaftsfarben zu schlüpfen. Für kleinere Anpassungen der Garderobe wurde ich einfach gebeten, kurz die Augen zu schließen. Eigentlich aber waren alle Blicke auf das bevorstehende Spiel gerichtet, bei dem ich als offizieller Punktezähler Nummern von links nach rechts schieben würde, während die Mädchen mit der rohen Kraft ihrer Adoleszenz sprangen, baggerten und tauchten. Doch die strenge Disziplin, die sich vor dem Spiel eingestellt hatte, löste sich spätestens auf der Rückfahrt bei fettigem Essen während des eingeschobenen Boxenstopps an der Autobahnausfahrt in Luft auf. Nachdem die disziplinierte Anspannung des Spiels abgefallen war, glitten die Mädchen in einen Zustand nachlässiger Entspannung: Aufgeknöpfte Trikots zeigten enge Unterhemden, den Träger eines Sport-BHs. Nun sprachen die Mädchen mit der Offenheit der Nach-Spiel-Erschöpfung über Jungs, Sex und andere Laster, über guten Geschmack und schlechtes Blut und über kleine, scharfe Lüste. Ich saß da, hörte zu und wartete geduldig auf den elektrischen Impuls, der an einem ansonsten unaufgeregten Dienstagabend ungeplant vom einen auf den anderen nackten Oberarm wanderte, während der Bus auf dem Weg zum Auswärtsspiel über die Grenze von einem Redstate zum nächsten fuhr.

Die Wahrheit ist, dass ich nie in der Lage war, das Begehren nach Frauen von dem Begehren, eine Frau sein zu wollen, zu unterscheiden. Jahrelang behielt ersteres Verlangen das zweite im Mund wie eine Pille, die zu gefährlich war, um sie herunterzuschlucken. Wenn ich auf dem Meeresgrund meiner Kindheit nach versunkenen Anzeichen für die Zukunft suche, sind diese Busfahrten so ziemlich das Schwulste, was ich finden kann. Wahrscheinlich waren sie nicht einmal besonders schwul. Es ist schließlich ganz üblich, dass Highschool-Athlet*innen versuchen, die Homoerotik, die dem gleichgeschlechtlichen Sport innewohnt, unter der schweren Klamotte der Verleugnung zu verdrängen. Aber ich bin einfach zu verzweifelt, um eine einzige echte lesbische Erinnerung aus den Trümmern des verängstigten, heterosexuellen Jungen zu retten, dessen Leben ich nie gelebt haben werde, um überhaupt wählerisch zu sein. Die einzige andere Erinnerung, die eine Chance auf diesen Titel hat, ist meine pubertäre Verliebtheit in meine beste Freundin, ein launisches, leises, Hot Topic kaufendes Mädchen, das, wie mir viele Jahre später klar wurde, Shane aus The L Word bestens imitierte. Eines Tages erzählte sie mir, dass sie mir nach der Schule ein Geheimnis anvertrauen wollte, und ich verbrachte den ganzen Tag mit einem mulmigen Gefühl in der Hoffnung, dass sie mir ihre Zuneigung gestehen würde. Später, am Telefon, nach einer Pause, die so groß war, dass man darin ertrinken konnte, sagte sie mir, dass sie lesbisch sei. „Ich dachte mir, dass du das sagen würdest“, antwortete ich und weinte innerlich. Ein Jahrzehnt später, nachdem wir uns lange nicht mehr gesehen hatten, schrieb ich ihr eine SMS: „Vor einer Woche habe ich herausgefunden, dass ich trans bin“, schrieb ich. „Du hast dich mir gegenüber vor all den Jahren geoutet. Nun erwidere ich den Gefallen.“

Später auf dem College hatte ich mich dann in den Feminismus verliebt. Doch Feminismus war zu cool, zu mühelos hip, um sich für eine Person wie mich zu interessieren, die aufgrund ihrer sozialen Ängste bis weit in die Highschool hinein kein Telefonat führen konnte. Außerdem hatte ich gehört, dass sie nur mit Frauen ging. Ich beschränkte mich daher auf Bewunderung aus der Ferne. Ich hinterließ kritische Kommentare zu den neuesten Enthüllungen der Studierendenzeitung über diese oder jene Verbindungsparty. Ich belegte einen Kurs zur Frauenforschung, in dem nur ein einziger anderer Mann saß. Ich las verzweifelt, alles von Shulamith Firestone bis Jezebel, und ich schrieb: bizarre, profane Theaterstücke über Rape Culture; eines, in dem der Erzengel Gabriel einen Monolog hielt, der so abscheulich war, dass es David Mamet die Zunge weggebrannt hätte, und hässliche, seltsame Gedichte, in denen es um etwas ging, das ich das schöne hermaphroditische Proletariat nannte. Feminismus war alles, woran ich denken, worüber ich reden wollte. Wenn ich zu Besuch nach Hause fuhr, erklärten mir meine Mutter und meine Schwester sichtlich genervt, dass ich nicht wüsste, wie es sei, eine Frau zu sein. Aber eine Schwärmerei war eine Schwärmerei, die durch die Überzeugung gestärkt wurde, dass der Feminismus, wie auch jedes der Mädchen, die ich je gemocht hatte, einfach zu gut für mich war.

In meinem ersten Collegejahr las ich zum ersten Mal Valerie Solanas „SCUM-Manifest“, als ich in einem einsamen U-Bahn-Wagen den East River überquerte. Das SCUM-Manifest ist eine köstlich bösartige, feministische Polemik, die zum revolutionären Sturz aller Männer aufruft. Solanas veröffentlichte ihn 1967 im Selbstverlag, ein Jahr bevor sie Andy Warhol im sechsten Stock des Decker Building in New York City erschoss. Es berauschte mich: die Größe, die Brutalität, der rohe, saftige Stil des Ganzen. Solanas war cool. Als ich SCUM erneut las, wurde mir klar, dass dies kein Zufall war. Das Manifest beginnt wie folgt:

„Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und sensationsgierigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ (S. 9)

Was hier auffällt, ist nicht Solanas' revolutionärer Extremismus an sich, sondern die Leichtfertigkeit, mit der sie ihn rechtfertigt. Das Leben unter männlicher Vorherrschaft ist nicht unterdrückend, ausbeuterisch oder ungerecht: Es ist einfach nur verdammt langweilig. Für Solanas, eine angehende Dramatikerin, beginnt Politik mit einem ästhetischen Urteil. Denn „Mann“ und „Frau“ sind für sie im Wesentlichen Stile, rivalisierende ästhetische Schulen, die sich durch ihre jeweilige Adjektivpalette unterscheiden. Männer sind ängstlich, schuldbewusst, abhängig, geistlos, passiv, animalisch, unsicher, feige, neidisch, eitel, frivol und schwach. Frauen sind stark, dynamisch, entschlossen, durchsetzungsfähig, zerebral, unabhängig, selbstbewusst, böse, gewalttätig, egoistisch, befreit, aufregend und arrogant. Vor allem aber sind Frauen cool und groovy.

Doch als ich das Manifest in Vorbereitung auf den Unterricht noch einmal las, wurde ich zu meiner Überraschung daran erinnert, dass Solanas trotz all ihrer angeblichen Männerfeindlichkeit in ihrem Streben nach Ausrottung der Männer erstaunlich kulant ist. Zum einen verschonen die groovigen, unbekümmerten Frauen von Solanas' revolutionärer Infanterie namens SCUM (die einmal für "Society for Cutting Up Men" stand und daher im Deutschen auch als Gesellschaft zur Vernichtung der Männer übersetzt wurde, Anm. d. Red.) jeden Mann, der sich entscheidet, ihrer Männerhilfsgruppe beizutreten, wo er sich selbst zu einem „Scheißhaufen, ein niederer, elender Scheißhaufen“ (S. 65) erklären wird. Zum anderen wird den wenigen Männern, die nach der Revolution noch übrig sind, großzügig gestattet, auf Drogen oder in Frauenkleidern zu verkümmern, auf Weiden zu grasen oder sich in 24-stündige Live-Feeds einzuklinken, in denen sie das aufregende Leben der Frauen in Aktion miterleben können. Und dann ist da noch dies:

„Wenn die Männer klug wären, würden sie sich anstrengen, tatsächlich Frauen zu werden; sie würden intensive biologische Forschung betreiben, durch die es möglich würde, mit Hilfe von Operationen am Gehirn und am Nervensystem Männer seelisch wie körperlich in Frauen umzuwandeln.“ (S. 57)

Diese Zeilen haben mir den Atem geraubt. Dies war eine Vision von Transsexualität als Separatismus, ein Bild davon, wie die Geschlechtsumwandlung von Mann zu Frau nicht nur die Nicht-Identifikation mit der Männlichkeit, sondern die Entfremdung von den Männern ausdrücken könnte. Hier wurde die Transition, ebenso wie die Revolution, in ästhetischen Begriffen umgedeutet, so als ob trans Frauen sich für die Transition entschieden hätten, nicht um irgendeine angeborene Geschlechtsidentität zu „bestätigen“, sondern weil es dumm und langweilig ist, ein Mann zu sein.

Vielleicht lese ich da zu viel hinein. Im Jahr 2013 wurde eine Veranstaltung in San Francisco, die als Hommage an Solanas anlässlich ihres 25. Todestages gedacht war, abgesagt, nachdem auf der Facebook-Seite ein erbitterter Konflikt über die von einigen als transphobisch empfundene Haltung von Solanas ausgebrochen war. Eine trans Frau beschrieb, dass sie in queeren Räumen von radikalen Feministinnen belästigt wurde, die sich fast genauso oft auf Solanas beriefen wie auf Janice Raymond, deren Buch „The Transsexual Empire: The Making of the She-Male“ ein Klassiker des Anti-Trans-Feminismus ist. Andere gingen in die Offensive. Mira Bellwether, die Macherin des Punk-Rock-Zines Fucking Trans Women, schrieb einen langen Blogbeitrag, in dem sie ihre Bedenken gegen die Veranstaltung darlegte und das SCUM-Manifest als „das möglicherweise schlimmste und bösartigste Beispiel lesbisch-feministischer Hassrede“ der Geschichte bezeichnete. Sie wirft Solanas biologischen Essenzialismus ersten Grades vor, welchen sie in Solanas angeblichen Bezug zur Genwissenschaft begründet sieht:

„Der Mann ist eine biologische Katastrophe: Das (männliche) Y-Gen ist ein unvollständiges (weibliches) X-Gen, d.h. es hat eine unvollständige Chromosomenstruktur. Mit anderen Worten, der Mann ist eine unvollständige Frau, eine wandelnde Fehlgeburt, die schon im Genstadium verkümmert ist.“ (S. 9)

Für Bellwether ist dies der eindeutige Beweis, dass alles, was SCUM über Männer sagt, auch für trans Frauen gilt.

Dennoch sind dies merkwürdige Anschuldigungen. Solanas als „lesbische Feministin“ zu bezeichnen, impliziert fälschlicherweise, dass sie mit Lesbengruppen wie Lavender Menace aus New York City in Verbindung stand, die 1970 kurzzeitig den Second Congress to Unite Women kaperten, um gegen Homophobie in der Frauenbewegung zu protestieren und ihr klassisches Pamphlet „The Woman-Identified Woman“ („Die sich als Frau identifizierende Frau“; Anm. d. Red.) zu verbreiten. Aber Solanas war weder eine politische Lesbe noch eine lesbische Politikerin. Sie war auf jeden Fall eine Einzelgängerin und Außenseiterin, eine kämpfende Schriftstellerin und Sexarbeiterin, die sich manchmal als homosexuell identifizierte, aber sich eigentlich nur um sich selbst kümmerte.

Was die Frage der Genetik angeht, so sollte ich wohl beleidigt sein, wenn der gute Name meiner Y-Chromosomen in den Schmutz gezogen wird. Ehrlich gesagt, fällt es mir aber schwer, mich an etwas aufzugeilen, das ich für ungefähr so wertvoll halte wie einen 15-Dollar-Gutschein für die Videothek. Die Wahrheit ist: Wenn es für zeitgenössische Leser*innen schwer ist, in Solanas' Analyse, Männer und trans Frauen auseinanderzuhalten, dann nicht, weil sie alle trans Frauen für Männer hält; sondern, wenn überhaupt, weil für sie alle Männer verkappte trans Frauen sind. Wenn Solanas zischt, dass Männlichkeit eine „Mangelkrankheit“ sei, erinnert mich das an jene trans Frauen, die sich selbst, nur halb im Scherz, eine Testosteronvergiftung diagnostizieren. Wenn sie knurrt, Männer seien „biologische Unfälle“, höre ich nur die eminent vernünftige Behauptung, dass jeder Mann buchstäblich eine Frau ist, die im falschen Körper gefangen ist. Das ist es, was das SCUM-Manifest als „Pussy-Neid“ bezeichnet, unter dem alle Männer leiden, auch wenn sich nur wenige trauen, dies zuzugeben – abgesehen von „Schwulen“ und „Drag Queens“, die Solanas zu den am wenigsten elenden unter ihnen zählt.

Bellwether könnte einwenden, dass ich wieder einmal zu großzügig bin. Aber Großzügigkeit ist die einzige Haltung, in der ein so brisanter Text wie das SCUM-Manifest jemals hätte aufgenommen werden können. Immerhin handelt es sich um ein Pamphlet, das Massenmord und – noch schlimmer – Sachbeschädigung befürwortet. Es ist nicht so, dass diejenigen, die ihre Enttäuschung über die abgesagte Tributveranstaltung zum Ausdruck brachten, damit auch Solanas‘ langfristige Pläne zur totalen Auslöschung der Menschheit (einschließlich der Frauen) oder ihren Mordversuch an einem Mann, der Suppendosen malte, pauschal guthießen. Für die National Organization for Women (NOW) war die Schießerei leidglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Trotz ihres jungen Alters – sie wurde 1966, also nur zwei Jahre zuvor, gegründet – zerbrach die bereits wegen Abtreibung und Lesbentum zerstrittene Organisation. Als die radikalen Feministinnen Ti-Grace Atkinson und Florynce Kennedy Solanas im Gefängnis besuchten und Letztere sich bereit erklärte, sie pro bono zu vertreten, bemühte sich die damalige NOW-Präsidentin Betty Friedan, die Organisation von diesem einen Problem zu distanzieren. Sie forderte Kennedy in einem Telegramm auf, „SOFORT JEDE VERBINDUNG MIT VALERIE SOLANAS ZU UNTERLASSEN“. Innerhalb eines Jahres verließen sowohl Kennedy als auch Atkinson die Organisation und gründeten jeweils ihre eigenen, angeblich radikaleren Gruppen: die Feministische Partei und die Bewegung des 17. Oktober. Nachdem später die Solanas-Ehrung 2013 abgesagt wurde, veranstalteten Leute, die hofften, den Facebook-Streit persönlich klären zu können, eine Abspaltung mit dem Namen „We Who Have Complicated Feelings About Valerie Solanas“ („Wir, die wir komplizierte Gefühle zu Valerie Solanas haben“).

Diese Geschichten haben vielleicht weniger mit dem zu tun, was wirklich passiert ist, als mit dem, was Fredric Jameson einmal als „die ‚Emotion‘ der großen historiografischen Form“ bezeichnet hat – nämlich mit der Befriedigung, die chaotischen empirischen Daten der Vergangenheit zu einem eleganten historischen Bogen zusammenzufassen, in dem alles, was geschehen ist, nicht anders hätte geschehen können.

Zu sagen, dass diese Geschichten selten, wenn überhaupt „wahr“ sind, ist lediglich der Verweis, dass alle kulturellen Dinge, das SCUM- Manifest eingeschlossen, bestenfalls in zweiter Linie Anrufbeantworter für die Botschaften der Geschichte sind. Zuallererst sind sie Anlässe für Menschen, etwas zu fühlen: die Tonlage eines Wunsches oder die Fadenstärke einer Fantasie zu erhöhen, sich auf eine neue Art zu fühlen einzulassen oder den Schwur mit einer alten zu erneuern. Wir lesen und sehen Dinge, von der politischen Geschichte bis zur Popkultur, als Feministinnen und als Menschen, weil wir zu einer Gemeinschaft oder einer Öffentlichkeit gehören wollen, oder weil wir bei der Arbeit gestresst sind, oder weil wir auf der Suche nach einer Freundin oder einer Geliebten sind, oder vielleicht, weil wir darum kämpfen herauszufinden, wie wir uns politisch fühlen können in einem Zeitalter und einer Kultur, die vom allgemeinen Schiffbruch der schönen alten Geschichten der Geschichte geprägt sind.

Wenn Bellwether also das SCUM-Manifest als „den Gipfel des fehlgeleiteten und hasserfüllten Feminismus der zweiten Welle und des Lesbenfeminismus“ verurteilt, ist diese Verurteilung ein Vehikel für eine Art von politischer Enttäuschung, die Feministinnen gerne in Bezug auf frühere Generationen von Feministinnen kultivieren. In dieser Version der Geschichte schloss der Feminismus in der Vergangenheit trans Frauen aus, lernt jetzt, trans Frauen einzubeziehen, und wird in Zukunft trans Frauen in den Mittelpunkt stellen. Die Plausibilität dieser Geschichte ist zweifelsohne auf einen riskanten Revisionismus zurückzuführen, der durch die Bezeichnung trans-exkludierende radikale Feministinnen, oft abgekürzt TERF, impliziert wird. Wie die meisten Feministinnen sind auch die TERFs keine Partei oder einheitliche Front. Ihre Überzeugungen sind zwar vielfältig, laufen aber meist auf die Ablehnung der Vorstellung hinaus, dass trans Frauen tatsächlich Frauen sind. Sie mögen auch den Namen TERF nicht besonders, den sie als Schimpfwort betrachten – ein Vorwurf, der verachtenswert wäre, wenn er nicht auch in dem Sinne stimmen würde, dass alle Bezeichnungen für Fanatismus diffamierend sein sollen. Das eigentliche Problem mit einem Epitheton wie TERF ist sein historiografischer Taschenspielertrick: nämlich die irrtümliche Annahme, dass alle TERFs Sturköpfe sind, die die dritte Welle verpasst haben, radikale Feministinnen der alten Schule, die es nie besser gelernt haben. Dies erlaubt es, sie als eine Art lebenden Anachronismus zu betrachten, in welchem man die Vergangenheit erkennen kann, ähnlich wie sich die europäischen Anthropolog*innen die sogenannten primitiven Gesellschaften als eine in Bernstein gefangene, frühere Stufe der zivilisatorischen Entwicklung vorstellten.

Tatsächlich wäre es besser, über TERFs im Kontext des Internets zu sprechen, wo eine rebellische Allianz von Bloggerinnen wie Meghan Murphy von Feminist Current und Linda Shanko von GenderTrender ihre Tage damit verbringt, Clickbaits auf die thermischen Abluftöffnungen des transsexuellen Imperiums zu feuern. Die wahren Kämpfe toben auf Tumblr, in Form von Kommentaren, Memes und Doxing; es ist zum Beispiel möglich, Tumblrs zu finden, die sich ausschließlich dem Katalogisieren anderer Tumblr-Nutzer*innen widmen, die als „genderkritische Feministen“ bekannt sind, wie sie sich selbst gerne bezeichnen. Aber dieser Konflikt hat genauso viel mit den Besonderheiten der sozialen Medien zu tun – insbesondere mit Tumblr, Twitter und Reddit – wie mit einem großen ideologischen Konflikt. Wenn eine Subkultur eine extremistische Politik vertritt, vor allem online, ist es verlockend, aber oft falsch, diese Politik für das schlagende Herz dieser Subkultur zu halten. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob TERFs, wie auch bestimmte Strömungen der Alt-Right-Bewegung, weniger durch ihre politische Ideologie (wie schädlich sie auch immer sein mag) als vielmehr durch eine komplexe, offen gesagt, faszinierende Beziehung zum Trolling definiert werden könnten, die künftige Anthropolog*innen, die das Problem der digitalen Ethnografie gelöst haben werden, näher erläutern sollen.

Denn auch wenn der radikale Feminismus insgesamt seinen Anteil an trans-liebenden Lesben und trans-hassenden Heterosexuellen hatte, so gibt es doch eine historische Linie, die vom politischen Lesbentum als einer spezifischen, keineswegs dominanten Tendenz innerhalb des radikalen Feminismus bis zu dem zeitgenössischen Phänomen reicht, das wir als trans-exkludierenden radikalen Feminismus bezeichnen. Nehmen wir Sheila Jeffreys, eine englische, lesbische Feministin, die kürzlich von einer Professur an der Universität von Melbourne in Australien zurückgetreten ist. In ihren wilden und unbekümmerten Jugendtagen war Jeffreys Mitglied der Leeds Revolutionary Feminist Group, die durch ihren feurigen Konferenzbeitrag „Political Lesbianism: The Case Against Heterosexuality“ bekannt wurde, den sie 1979 veröffentlichte. Der Beitrag definierte eine politische Lesbe als „eine Frau, die sich als Frau identifiziert und nicht mit Männern fickt“, forderte aber keinen homosexuellen Sex. Der Artikel teilte mit dem SCUM-Manifest auch einen todernsten Sinn für Humor: „Eine heterosexuelle Feministin zu sein, ist so, als wäre man im Widerstand im von den Nazis besetzten Europa, wo man tagsüber eine Brücke in die Luft sprengt und sich abends beeilt, sie zu reparieren.“ Heutzutage hat Jeffreys es sich zur Aufgabe gemacht, trans Frauen zu verunglimpfen, und steht damit auf der Liste der TERF-Redner*innen ganz oben. Wie viele TERFs ist sie der Meinung, dass die billigen Imitationen von Weiblichkeit durch trans Frauen (wie sie sie sich vorstellt) die gleichen schädlichen Stereotypen reproduzieren, durch die Frauen überhaupt erst untergeordnet werden. „Transgenderismus auf Seiten der Männer“, schreibt Jeffreys in ihrem 2014 erschienenen Buch „Gender Hurts“, „kann als rücksichtslose Aneignung der Erfahrungen und der Existenz von Frauen gesehen werden.“ Sie zitiert auch gerne sexologische Literatur, die „Transgenderismus“ als eine Paraphilie einstuft. Es ist eine beliebte Behauptung von TERFs wie Jeffreys, dass trans Frauen triebhafte Eindringlinge sind, kranke Voyeure, die sich verschworen haben, in reine Frauenräume einzudringen und den größten Höschen-Raubzug der Militärgeschichte durchzuführen.

Ich stimme dieser Beschreibung gerne zu. Hätte ich jemals das Glück gehabt, das legendäre Michigan Womyn’s Music Festival zu besuchen, bevor es 2015 durch die Hand von trans Aktivist*innen zerstört wurde, dann hättet ihr eure Birkenstocks darauf verwetten können, dass es nicht wegen der Musik gewesen wäre. Zumindest unter Lesben lässt sich der trans-exkludierende radikale Feminismus am ehesten als Schwulenpanik, girl-on-girl-Edition, verstehen. Es geht hier nicht darum, dass sich alle TERFs heimlich zu trans Frauen hingezogen fühlen – obwohl diese köstliche Ironie zweifellos häufiger vorkommt, als irgendjemand zugeben möchte –, sondern vielmehr darum, dass der trans-exklusive Feminismus die Angst der politischen Lesben vor der Unregierbarkeit des Begehrens geerbt hat. Das traditionelle Subjekt der Schwulenpanik, sei es ein US-Senator oder nur ein Mitglied des Repräsentantenhauses, ist ein Subjekt, das von seinem eigenen politisch kompromittierenden Begehren bedroht ist: Um sich selbst zu schützen, projiziert es dieses Begehren auf einen anderen, den es nun über Gesetze oder Prügel zur Nichtexistenz verdammen kann. Auch die politische Lesbe ist ein Subjekt, das zwischen der Pest der Politik und der Cholera des Begehrens steckt. Wie Jeffreys 2015 in einer Rede vor der Lesbian History Group in London sagte, war politisches Lesbentum als Lösung für die allzu reale kognitive Dissonanz gedacht, die der heterosexuelle Feminismus hervorruft: „Warum gehst du zu all diesen Treffen, bei denen du all diese wunderbaren Theorien und Politiken aufstellst, und dann gehst du nach Hause, in meinem Fall zu Dave, und sitzt da, weißt du, vor dem Fernseher und denkst: ‚Das ist seltsam. Das fühlt sich seltsam an.‘“ Aber echter Separatismus hört nicht damit auf, dass man seinen Mann verlässt. Er geht mit paranoider Strenge dazu über, die Wohnungen des Geistes von allem zu säubern, was auch nur entfernt mit dem Patriarchat zu tun hat. Das Begehren ist da keine Ausnahme. Politisches Lesbentum beruht auf der Überzeugung, dass selbst das Begehren bei genügend hohen Temperaturen biegsam wird. Für Jeffreys und ihre Genossinnen war das Lesbischsein keine angeborene Identität, sondern ein Akt des politischen Willens. Dies war eine Welt, in der Biologie kein Schicksal war, eine Welt, in der es beim Lesbischsein darum ging, was einen wach, nicht was einen nass machte.

Nur war die Heterosexualität vielleicht auch für Dave nicht das Richtige. Es scheint Jeffreys nie in den Sinn gekommen zu sein, dass einige von uns „Transgendern“, wie sie uns gerne nennt, sich vielleicht gerade deshalb für eine Transition entscheiden, um dem Gefängnis zu entkommen, für das sie die Heterosexualität erklärt. Es ist eine große Ironie der feministischen Geschichte, dass es keine Frau gibt, die sich mehr als Frau identifiziert als ein lesbisches trans Girl wie ich, und dass die trans Sängerin Beth Elliott und ihre Schwestern die ersten politischen Lesben waren: Frauen, die sowohl den Männern in ihrem Leben als auch den Männern, deren Leben sie gelebt hatten, den Rücken gekehrt hatten. Wir sind Separatistinnen unserer eigenen Körper. Wir sind so militant, dass wir regelmäßig Maßnahmen ergreifen, um den Weltvorrat an männlicher Biologie zu vergiften. Zu TERFs wie Jeffreys sagen wir lediglich, dass Nachahmung die höchste Form der Schmeichelei ist. Denn seien wir mal ehrlich: Wegen Jeffreys haben sich ein paar Frauen in den 70ern die Haare schneiden lassen. Wegen uns gibt es buchstäblich weniger Männer auf diesem Planeten. Valerie Solanas zumindest wäre stolz darauf. Die Gesellschaft zur Vernichtung der Männer ist ein ziemlich fabelhafter Name für einen transsexuellen Buchclub.

Aber jetzt überstrapaziere ich die Lektüre wirklich. Dass trans Lesben als eine Art feministische Avantgarde überhöht werden sollten, ist eine ebenso unhaltbare wie attraktive Vorstellung. Wenn ich sie verteidigen würde, würde ich das vernachlässigen, was ich für die wahre Lehre des politischen Lesbentums als gescheitertes Projekt halte: dass nichts Gutes dabei herauskommt, wenn man das Begehren zwingt, sich politischen Prinzipien anzupassen. Das bedeutet nicht, dass die Politik keine Rolle für das Begehren spielen kann. Solidarität zum Beispiel kann furchtbar erregend sein – das war zweifellos eines der besten Dinge, die die Consciousness-Raising Gruppen der 70er Jahre für sich verbuchen konnten. Aber man kann nicht als Akt der Solidarität erregt werden, so wie man vielleicht Briefumschläge vollstopft oder in politischer Schwesternschaft durch die Straßen marschiert. Das Begehren ist von Natur aus kindlich und gegenüber jeglicher Form der Regierung misstrauisch. An dem Tag, an dem wir anfangen, es durch die Rechtmäßigkeit des politischen Inhalts zu qualifizieren, beginnen wir, bestimmte Wünsche vorzuschreiben und andere zu verbieten. Auf diesem Weg liegt allein der Moralismus vor uns. Man stelle sich für einen Moment das Leben als feministische Anemone vor, in dem die Ranken des Begehrens sich im Nu vor jeder Berührung durch das Patriarchat zurückziehen. Es würde nichts Sehenswertes mehr im Fernsehen laufen.

Es muss betont werden, wie unpopulär es heute in der Linken ist, die Vorstellung zu unterstützen, dass Transition nicht die Wahrheit einer Identität, sondern die Kraft eines Begehrens ausdrückt. Dies würde voraussetzen, dass man Transidentität nicht als das versteht, was man ist, sondern als das, was man will. Die primäre Funktion der Geschlechtsidentität als politisches Konzept – und in zunehmendem Maße auch als rechtliches Konzept – besteht darin, die Rolle des Begehrens bei dem, was wir Geschlecht nennen, einzuschränken, wenn nicht gar völlig zu leugnen. Historisch gesehen resultiert dies aus dem Wunsch von Transgender-Befürworter*innen, Befürchtungen zu zerstreuen, dass trans Personen und insbesondere trans Frauen die Transition vollziehen, um Sachen zu bekommen: Geld, Sex, rechtliche Privilegien, kleine Mädchen in öffentlichen Toiletten. Wie der politische Theoretiker Paisley Currah feststellt, ist der Staat viel eher bereit, eine Geschlechtsumwandlung anzuerkennen, wenn die umgewandelten Personen nichts davon haben. Im Jahr 2002 erklärte der Oberste Gerichtshof von Kansas die Ehe einer trans Frau und ihres damals verstorbenen cis-geschlechtlichen Ehemannes, dessen 2,5 Millionen Dollar schweres Vermögen sie erben sollte, mit der Begründung für ungültig, dass ihre Verbindung aufgrund des Verbots der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kansas ungültig sei. Das Geschlecht auf der Geburtsurkunde der Frau aus Wisconsin, die sie Jahre zuvor erfolgreich von M auf F geändert hatte, erwies sich nun als wertlos, als sie versuchte, damit Kasse zu machen.

Ich sage nicht, dass ich glaube, dass diese Frau die Transition vorgenommen hat, um schnell reich zu werden. Was ich sagen will, ist: Was wäre, wenn sie es getan hätte? Ich bezweifle, dass irgendjemand von uns sich dem Procedere unterzieht, nur weil wir auf irgendeine abstrakte, akademische Art und Weise eine Frau „sein“ wollen. Ich zumindest ganz sicher nicht. Ich tat es für den Tratsch und die Komplimente, für Lippenstift und Wimperntusche, für das Weinen im Kino, um die Freundin von jemandem zu sein, um ihr zu erlauben, die Rechnung zu bezahlen oder mir die Taschen zu tragen, für den wohlwollenden Chauvinismus von Bankangestellten und Kabelträgern, für die telefonische Intimität einer weiblichen Fernfreundschaft, dafür, dass ich mich im Badezimmer schminke, flankiert wie Christus von einer Sünderin auf jeder Seite, für Sexspielzeug, dafür, dass ich mich heiß fühle, dafür, dass ich von Butches angemacht werde, für das geheime Wissen, vor welchen Lesben man sich in Acht nehmen muss, für Bikinioberteile und all die Kleider, und, oh mein Gott, für die Brüste. Aber hier zeigt sich das Problem mit dem Begehren: Wir wollen selten die Dinge, die wir wollen sollten. Jede TERF wird dir sagen, dass die meisten dieser Dinge nur die traditionellen Insignien der patriarchalischen Weiblichkeit sind. Sie wird auch nicht Unrecht haben. Um es klar zu sagen: TERFs sind gender-Abolitionistinnen, auch wenn dieser Abolitionismus nur ein Deckmantel für die übliche moralische Abscheu ist. Wenn es um die Frage der feministischen Revolution geht, lassen TERFs trans Mädchen wie mich mit unseren Schminkkoffern im Staub liegen. In dieser Hinsicht ist jemand wie Ti-Grace Atkinson, eine selbsternannte radikale Feministin, die sich der revolutionären Abschaffung des Geschlechts als Unterdrückungssystem verschrieben hat, nicht der Dinosaurier – nein ich, die ich mir alle zwei Wochen die Augenbrauen fädeln lasse, bin es.

Vielleicht muss mein Bewusstsein geschärft werden. Doch ich zucke mit den Schultern. Wenn die Fluggesellschaft dein Gepäck verliert, machst du keine prinzipielle politische Aussage über die Tyrannei des Privateigentums; du willst einfach nur dein verdammtes Gepäck zurück. Am schmerzlichsten zeigt sich dies im Fall der Geschlechtschirurgie, welche eine Clique von Queer-Theoretiker*innen immer noch verblüfft, die aufgrund eines gemeinsamen Präfixes nur allzu bereit sind, Transgender-Personen als Maskottchen für ihre Politik der Transgression zu benutzen. Heutzutage ist der Glaube, dass man durch eine Vulva zu einer richtigen Frau wird, extrem rückschrittlich. Viele gute Feministinnen können die Geschlechtsoperationen nur als persönliche ästhetische Entscheidung nachvollziehen: Wenn man sich dadurch in seinem Körper wohler fühlt, ist das toll. Das ist ebenso falsch wie herablassend. Natürlich sind geschlechtsangleichende Operationen ästhetische Eingriffe, die sich nicht von den sogenannten Schönheitsoperationen unterscheiden, sondern mit ihnen einhergehen. (Niemand geht in den Operationssaal, um eine hässliche Muschi zu bekommen.) Es geht also nicht darum, dass es sich nicht um ästhetische Entscheidungen handelt; es geht darum, dass sie nicht persönlich sind. Das ist das grundlegende Paradoxon ästhetischer Urteile: Sie sind gleichzeitig subjektiv und universell. Trans Frauen wollen keine Geschlechtsumwandlung, weil sie persönlich der Meinung sind, dass eine Vulva besser aussehen oder sich besser anfühlen würde als ein Penis. Trans Frauen wollen eine Operation, weil die meisten Frauen Vulven haben. Das kann man transphobisch finden, wenn man will – das wird mich aber nicht davon abhalten, meinen Schwanz in eine Origamiblume zu zerlegen.

Ich bin tendenziös, liebe Leser*innen, weil ich versuche, etwas zu artikulieren, über das sich nur wenige von uns zu sprechen trauen, vor allem in der Öffentlichkeit, vor allem, wenn wir versuchen, uns politisch zu fühlen: nicht die (für uns, die wir sie leben) langweilig offensichtliche Tatsache, dass viele trans Frauen sich wünschen, cis Frauen zu sein, sondern die dunklere, schwierigere Tatsache, dass viele trans Frauen sich wünschen, Frauen zu sein. Punkt. Das ist ausdrücklich nichts, was trans Frauen zu wollen haben. Die Grammatik des zeitgenössischen trans Aktivismus duldet keinen Konjunktiv. Trans Frauen sind Frauen, werden wir mit seidener Herablassung getadelt, als ob wir uns alle mit Chimamanda Ngozi Adichie verwechseln würden, als ob wir alle einfach in der falschen Politik gefangen wären, als ob das Heilmittel für Dysphorie Wokeness wäre. Wie kann man etwas sein wollen, was man bereits ist? Verlangen impliziert Mangel; wollen impliziert wünschen. Sich einzugestehen, dass das, was Frauen wie mich transsexuell macht, nicht die Identität, sondern das Begehren ist, bedeutet zuzugeben, wie viel von der Transition in den Warteräumen der Wünsche stattfindet. Sich einzugestehen, dass deine Brüste vielleicht nie kommen, deine Stimme vielleicht nie hell klingen wird, deine Eltern vielleicht nie zurückrufen.

Nennen wir es die Romantik der Enttäuschung. Du willst etwas. Du hast ein Objekt gefunden, das dir geben wird, was du willst. Dieses Objekt ist eine Person, eine Politik, eine Kunstform oder eine Bluse, die passt. Du hängst dich an dieses Objekt, folgst ihm, trägst es mit dir herum, siehst es im Fernsehen. Du sagst dir, eines Tages, wird es dir geben, was du willst. Und dann, eines Tages, tut es das nicht. Jetzt dämmert es dir, dass dein Objekt dir wahrscheinlich nie geben wird, was du willst. Aber das ist nicht das, was enttäuschend ist, nicht wirklich. Enttäuschend ist das, was dann passiert: nichts. Du behältst dein Objekt. Du folgst ihm weiter, verstaust es in einer Schublade, gießt es, twitterst es an. Es gibt dir immer noch nicht das, was du willst – aber das wusstest du ja. Du gewinnst sogar eine weitere Erkenntnis: Dass du nicht bekommst, was du willst, hat sehr wenig damit zu tun, dass du es willst. Wenn du es besser weißt, wird es aber in der Regel auch nicht besser. Man will etwas, nicht weil das Wollen dazu führt, dass man es bekommt. Man will es, weil man es will. Dies ist die Enttäuschung nullter Ordnung, die alles Begehren strukturiert und möglich macht. Denn wenn man nur Dinge wollen könnte, die man garantiert bekommt, könnte man überhaupt nichts wollen.

Damit will ich kein Mitleid für traurige Transen wie mich erregen. Wir haben genug Rosen neben unseren Betten. Vielmehr soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass auch trans Frauen etwas wollen. Die Ablagerungen unseres Begehrens sind so tief und fein wie sonst was. Der Reichtum unseres Verlangens ist atemberaubend. Vielleicht ist das der Grund, warum sich das Coming-out wie eine Niederlage anfühlen kann, warum sich das erste Kleid wie der erste Kuss anfühlen kann, warum sich Dysphorie wie Herzschmerz anfühlen kann. Ein anderer Name für Enttäuschung ist schließlich Liebe.

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Bei diesem Essay handelt es sich um eine gekürzte und von der Redaktion übersetzte Fassung des Textes, der im Winter 2018 im Magazin n+1, Issue 30 erschienen ist.

Zusätzlich verwendete Literatur

Solanas, Valerie (2022): Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer. Aus dem amerikanischen Englisch von Nils-Thomas Lindquist, hrsg. von Barbara Kalender. März Verlag, Berlin.

Zitathinweis: Andrea Long Chu: Über Frauenbegehren. Erschienen in: Liebe, Sex und Dating im Neoliberalismus. 65/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1781. Abgerufen am: 08. 12. 2022 14:23.