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Gegen die fiktionale Nebelmaschine

Gegen die fiktionale Nebelmaschine
Thema
Essay von Christine Koschmieder
Die Schriftstellerin und Literaturagentin Christine Koschmieder braucht keine Endzeitfiktionen in der Literatur – die Gegenwart ist ihr bedrohlich genug. Ein kritisches Statement.

Wir sind nicht in die Geisterbahn gegangen, vorletzte Woche auf der Leipziger Kleinmesse. Die Geisterbahn reizt uns nicht. Ob das an schlecht animierten Pappkameraden, zu viel Angst oder dem fehlenden Thrill an der Angst liegt, keine Ahnung. Die Geisterbahn reizt uns nicht.

Als Agentin vertrete ich keine Genreliteratur. Keine Krimis, keine Historienromane, keine Chick-Lit, keine Thriller, kein SciFi. Keine Dystopien. Die Realität scheint mir kriminell, historisch aufgeladen, stereotypengesteuert, realistisch bedrohlich genug. Aber das ist ja immer auch ein bisschen Geschmackssache. Manche bevorzugen den fiktionalen Thrill, manche den der Realität.

„Eine Dystopie“, weiß Wikipedia, „entwirft ein zukunftspessimistisches Szenario. Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen.“ Und fächert beliebte Requisiten aus dem dystopischen Fundus auf: diktatorische Herrschaftsformen, repressive soziale Kontrolle, mechanisierte Superstaaten, eingeschränkte Kommunikation, fehlende Mitbestimmung bestimmter Schichten an politischen Entscheidungen, Etablierung einer Sprache, die Kritik am Staat unmöglich macht.

Ich versuche, dystopische Szenarien aufzurufen. Auf meiner inneren Leinwand irren verzweifelte Menschen durch rauchende Trümmer oder kahle Ödnis, auf der Flucht vor den Folgen einer Naturkatastrophe oder einer namenlosen Bedrohung, sehe ich aseptische Riesenlabore und biopolitisch kontrollierte Gebärmütter, spucken Monitore bevölkerungspolitische Codeschlangen aus, aktualisieren sich Ungleichwertigkeit stabilisierende Maßnahmen per autoinstall.exe.

„Supermarktketten liefern uns das ganze Jahr Mangos; wir halten es für angemessen, alle zwei Jahre ein neues Handy mit Bestandteilen aus Coltan-Minen zu kaufen; moderne Putztruppen von den Philippinen müssen acht Stunden täglich Enthauptungsvideos und Dokumente sexualisierter Gewalt betrachten, um das Erscheinungsbild von Facebook und Google reinzuhalten“. Ich lese „Tiefrot und radikal bunt. Für eine neue linke Erzählung“ von Julia Fritzsche. Ein Sachbuch, keine Dystopie. Ich lese, wie privilegierte Menschen die Legende von Fleiß, Willenskraft und Innovationsfähigkeit bemühen, um ihre Privilegien und ihre ganzjährigen Mangos und ihre Flugreisen zu legitimieren. Was zunehmend schlecht gelingt, „Heute, da mehr Menschen als je zuvor auf der Flucht sind, da die Folgen der Klimaerhitzung auch im Norden langsam zu spüren sind, da auch europäische Meere, Flüsse und Wasserleitungen voller Mikroplastik sind.“ Was zunehmend schlecht gelingt, je sichtbarer die Umstände hinter den Mangos, den Telefonen und den Flügen aus den Dystopien hervortreten und die Realität bevölkern. „Eine Lösung dafür scheint aber in der liberalen Erzählung nicht auf. Die liberale Erzählung verweist individualisierend auf bewussten Konsum, Charity-Akte von Großspendern oder das Spendenkonto der Tagesschau nach dem Beitrag über die jüngste Katastrophe in Südostasien.“ Die liberale Erzählung, die hinter Konsumreduktion und Privilegienscham zu verstecken sucht, dass wir mit Scham und Reduktion nicht weiterkommen. Dass es einer radikalen Umverteilung bedürfte. Einer radikalen Umverteilung, die sich allerdings nicht auf Flugmangos, Fairtradeprodukte und CO2-Ausgleichszahlungen beschränkt. Eine Umverteilung, die nicht das Liberale in der Erzählung ins Visier nimmt, sondern das Kapital in Kapitalismus.

Aber wir haben ja nicht nur die liberale Erzählung. Neben Dystopien und Realität bemühen sich ja auch andere um neue Narrative.

Ich lese das „Regierungsprogramm Sachsen“ der AfD. Eine politische Willenserklärung, keine Dystopie. Ein Programm, das verspricht, Sachsen wieder zu dem zu machen, „was es einmal war: eine stolze, familienfreundliche und sichere Heimat“. Und frage mich, warum Stolz, Familienfreundlichkeit und Heimat auf mich ein viel größeres Bedrohungspotenzial auszuüben scheinen als Geisterbahnen und andere kalkulierbare und kalkulierte Untergangsszenarien, ein Bedrohungspotenzial, ausgehend von „der Welt zugewandte(n) Sachsen, die gleichwohl das Eigene bewahren und schätzen“, deren eigenes Bedrohungsnarrativ die „Massenzuwanderung meist unqualifizierter Menschen aus inkompatiblen Kulturkreisen“ evoziert. Frage mich, ob fiktionale dystopische Szenarien für mich so wenig funktionieren, weil sie in Portionspackungen daherkommen und sich jederzeit zuschlagen und zwischen anderen Erzählungen ins Regal zurückschieben lassen, unterbrechen lassen zum Beispiel durch ein Schaumbad. In die Wanne zu steigen mit einem Menschen meiner Wahl und mit diesem Menschen in der Wanne zu tun, was uns gefällt, ohne dass irgendwer wissen muss, welche Geschlechtsteile, Geschlechtszuschreibungen und Reproduktionsbedingungen in dieser Wanne zueinander finden.

„Eine verbindliche, langfristige, beglückende Partnerschaft mit Kindern ist ungebrochen das wichtigste Lebensziel der meisten jungen Deutschen“, weiß meine Lektüre des AfD-Regierungsprogramms, dessen dystopischem Szenario nicht mit dem Untertauchen in der Badewanne zu entgehen ist. Meine Lektüre, deren VerfasserInnen die Realität umzugestalten gedenken, statt sich in den Bereich der Fiktion zu trollen. Weswegen ihre Vorstellungen auch ganz handzahm und scheinrealistisch daherkommen. Wer aus der Forderung, den Sachkundeunterricht wieder in Heimatkunde umzubenennen, ein Katastrophenszenario herausdestillieren möchte, muss sich schon ganz schön auf den Kopf stellen. Und es bedarf einiger intellektueller Anstrengung, um die Aussage, ein Klassenzimmer dürfe „kein Ort der politischen Indoktrination sein“ als Wegbereiterin repressiver sozialer Kontrolle zu entlarven, im Gegenteil, wer könnte etwas anderes als lupenreine demokratische Motive hinter der Forderung vermuten, dass denjenigen, „die Schüler ideologisch zu indoktrinieren versuchen, der Zugang zur Schule verwehrt werden muss“? Warum nur klingt es in meinen Ohren so bedrohlich, Sachsen wieder zu dem zu machen, was es einmal war? Zumal, wenn diese Vergangenheit eine familienfreundliche und sichere Heimat im Angebot hatte? Und Opa war ja auch kein Nazi.

Entspringt also die aktuell konstatierte Dichte dystopischer Fiktionen der dringenden Sehnsucht nach einer von der Realität durch Katastrophalität unterscheidbaren Fiktion? Wanken wir lieber durch die Schwaden einer fiktionalen Nebelmaschine, um uns nicht der Erkenntnis stellen zu müssen, dass wir längst drin leben? Dass es sich bei dieser Geisterbahn um keinen fiktiven poetischen Entwurf handelt, sondern um (wo)man-made Realität?

Wir sind dann stattdessen Kettenkarussell gefahren und haben Lose gekauft.

Zitathinweis: Christine Koschmieder: Gegen die fiktionale Nebelmaschine. Erschienen in: Vom Ende erzählen: Dystopien in der Gegenwartsliteratur. 52/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1562. Abgerufen am: 24. 07. 2019 07:09.