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Worte der Stille

Buchautor_innen
Yannic Han Biao Federer
Buchtitel
Für immer seh ich dich wieder

Der schonungslose Essay über den Tod eines ungeborenen Kindes – und die Sprachlosigkeit danach – erzählt vom Versuch, Trauer sichtbar zu machen.

Das ungeborene Kind von Charlotte und Yannic ist ungefähr im sechsten Monat, als sich ein Hämatom zwischen Plazenta und Gebärmutterwand bildet. Die Plazenta löst sich und kann den Fötus nicht mehr versorgen. Das Kind stirbt in Charlottes Bauch. „Unser Sohn ist heute gestorben. Er heißt Gustav Tian Ming. Er ist wunderschön, war kerngesund, eine seltene Komplikation hat ihn uns genommen.“ (S. 25) Das sind die Worte, die mantraartig die ersten Seiten, für Yannic und Charlotte die ersten Wochen und Monate nach Gustavs Tod begleiten. Es ist Yannic Han Biao Federers eigene Erfahrung, die er in „Für immer sehe ich dich wieder“ aufschreibt, um Gustav Tian Ming ein Denkmal zu setzen.

Die Tage nach Gustavs Tod und dem Kaiserschnitt verbringen Yannic und Charlotte im Krankenhaus. Charlotte ist kaum in der Lage zu Essen oder zu Trinken. Jeden Tag wird Gustav zu ihnen gebracht. Nachts liegt Gustav nicht bei seinen Eltern, sondern in der Kühlkammer.

Tian Ming ist Chinesisch und steht für Morgenröte. Gemeinsam mit seinem Vater, seiner Tante und seiner Stiefmutter hatte Federer den Namen ausgesucht. Es wird zu einem Ritual: Jedes Mal, wenn die Sonne scheint, war Gustav Tian Ming es, der sie geschickt hat. Seit seinem Tod scheint die Sonne sehr oft.

Federer ist nicht der erste, der autobiographisch von Tod und Verlust erzählt. Die Stille und Körperlosigkeit in Federers Essay erinnerte mich an Joan Didion. „Ich musste allein sein, damit er zurückkommen konnte. So begann mein Jahr magischen Denkens“ schreibt sie in „Das Jahr magischen Denkens“ nach dem Tod ihres Mannes John Dunne an einem Herzinfarkt und ihrer Tochter Quintana Roo Dunne Michael an einem septischen Schock. Ein Jahr lang bewegt sich Didion zwischen imaginärer Rettung der beiden und völliger Einsamkeit. Es ist ein Zustand, in dem sich Didions Körper aufzulösen scheint, Hunger oder Durst in den Hintergrund treten. Jeder Satz und jeder Umgang mit Erinnerung wird zu einem Symbol, einem streng zu folgenden Ritual, hinter dem alles andere an Bedeutung verliert.

Mit dem Schmerz weiterleben

„Ich habe Angst, irgendetwas zu vergessen“, schreibt Federer mit seinem toten Sohn im Arm, „irgendetwas Wichtiges, Entscheidendes, das nur sagbar ist, solange ich ihn vor mir sehe, das Näschen in die Schulter geschmiegt, aber später nicht mehr, an seinem Grab.“ (S. 53) Das zweite Ritual: Ihm alles erzählen.

Zum Glück haben sie noch kein Kinderzimmer eingerichtet und nur wenig Kindersachen gekauft, was würden sie sonst damit tun? Umziehen in eine neue Wohnung? Das erste, was auf Yannic und Charlotte wartet, sind hingegen Formulare und Jugendamtstermine. Nicht einmal bei einer Totgeburt hat man in Deutschland seine Ruhe. Unterdessen versucht Yannics Vater in Indonesien das Visum für Deutschland zu bekommen, um es noch rechtzeitig zur Beerdigung zu schaffen. Yannic arbeitet in den ersten Wochen nicht, Charlotte ist sowieso krankgeschrieben oder in Elternzeit, als nächstes werden sich Fragen stellen, die mit Krankenkasse und Elterngeldstelle zu klären sind. Das dritte Ritual: Hast du heute überhaupt schon etwas gegessen?

Was Federers Buch von Didions „Jahr magischen Denkens“ unterscheidet, ist die Rolle von Freund*innen und Familie. Das erste was Yannic tut, noch vor dem Kaiserschnitt, ist, der Familie Bescheid zu sagen. Das erste was danach kommt: Es den Freund*innen sagen. Unser Sohn ist heute gestorben. Er heißt Gustav Tian Ming. Er ist wunderschön, war kerngesund.

Ein Plädoyer für das Nicht-Funktionieren

Wie in dem Film „Pieces of a Woman“, den Yannic und Charlotte sich gemeinsam im Kino ansehen, wird die Außenwelt zum Feind. Sie läuft gleichgültig weiter, als wäre nichts passiert und sie vereinzelt, versteht den Schmerz einfach nicht, den man erlebt, wenn das eigene Kind stirbt. Noch schlimmer sind die Fragen: Wo ist euer Kind? Und das Erklären danach.

Es ist aber kein One-Way: Immer wenn ein Autor über ein tabuisiertes Thema schreibt, öffnet er damit den Raum auch für andere Menschen, darüber zu sprechen. Es sind viele, die ihre Kinder verloren haben, und sie beginnen Yannic und Charlotte davon zu erzählen. Das Buch soll auch ein Plädoyer für das Nicht-Funktionieren sein, für die Sichtbarkeit von Trauer in der Öffentlichkeit – besonders als freischaffender Autor, der sein Geld mit Lesungen, Workshops, Hörspielen und Texten verdient:

„Und sollte es schiefgehen, sollte es wirklich total schiefgehen, weil ich plötzlich auf der Bühne weinen würde oder nicht mehr weiterwüsste, eine Pause bräuchte, dann wäre es eigentlich gar nicht schiefgegangen, sondern anders gut und sinnvoll, weil die Leute das sehen würden, weil die Leute sehen würden, dass es okay ist. Dass da keiner dran kaputtgeht, wenn man zeigt, wie es ist, dass wir Menschen sind, und Menschen sterben, und Menschen trauern, das verdrängen wir gerne“ (S. 94f.).

Diese Passage steht jedoch exemplarisch für Federers rein moralisierende Haltung und die unpolitische Herangehensweise an das Thema. Die Essayform hätte ihm klassischerweise Querbezüge auf andere Werke oder gesellschaftspolitische Bezüge ermöglicht, doch Federer hat sich wohl aktiv dagegen entschieden und bleibt rein bei seiner eigenen Geschichte. Er befindet sich in einer vergleichsweise privilegierten Situation. Man fragt sich: Wie sieht es im Inneren von Charlotte aus? Welche Schicksale erleben andere Menschen, die nicht einfach dem Verlag Bescheid sagen können, dass es gerade nicht geht, und Verständnis bekommen? Was ist mit prekär beschäftigten Müttern, die gekündigt werden, sollten sie so lange krank sein? Nicht die (Un)Sichtbarkeit von Trauer ist ein Problem, sondern die Unersetzbarkeit von billiger, menschlicher Arbeitskraft im kapitalistischen Produktionsprozess. Das soll kein Appell dafür sein, dass entpolitisierte Bücher nicht geschrieben oder gelesen werden sollten, im Gegenteil. Wo wären wir als Gesellschaft, wenn die großen emotionalen Themen nicht zentrale Aufgabe von Literatur wären. Aber ein klassenbewusster Text ist dieses Buch nicht.

Trotzdem ist Federers Buch absolut lesenswert. Mit Worten die unaussprechliche Stille darzustellen ist eine schwierige Aufgabe, die dieser Text hervorragend meistert. Er lässt auch die ekelhaften und unschönen Situationen nicht aus. Allerdings sollte man das Buch nur lesen, wenn man so ein hartes Thema aushält.

Yannic Han Biao Federer 2025:
Für immer seh ich dich wieder.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-47482-2.
184 Seiten. 20,00 Euro.
Zitathinweis: Yaro Allisat: Worte der Stille. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/cRNZw. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:38.

Zum Buch
Yannic Han Biao Federer 2025:
Für immer seh ich dich wieder.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-47482-2.
184 Seiten. 20,00 Euro.