Wohnen in Zeiten der Krise
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Literatur muss konfrontieren: Der Erzählband findet eine dringend notwendige Sprache gegen die Verteilungskämpfe um verknappten Wohnraum.
Acht Personen in drei Zimmern, seit über zehn Jahren. Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt der süddeutschen Kleinstadt. Keine Privatsphäre, keine Ruhe um zu Lernen, Schulaufgaben zu erledigen oder um ungestört mit der besten Freundin zu telefonieren. Einen Wohnberechtigungsschein beantragen, jeden Tag die Immobilien-Apps checken, immer wieder dieselben Anfragen verschicken, keine Antwort. Oder die ewig gleiche Leier: zu viele Personen, die Miete kommt vom Jobcenter, wie lange sind Sie schon in Deutschland? Und natürlich, Nein, wir haben die Wohnung anderweitig vergeben. Das sind Erfahrungen, die mir in meinem Alltag begegnen, als Sozialarbeiterin, in dem ich geflüchtete junge Frauen begleite. Aber wir alle können Geschichten wie diese erzählen, über Wohnungsnot, prekäre Wohnverhältnisse, steigende Mieten, existenzielle Sorgen und Ängste, häufig verkörpert in einem Stapel gelber Briefe. Das Literaturkollektiv nous greift diese Realität mit seinem Erzählband „Welches Zuhause“ auf.
Schimmel und Wut auf die Verhältnisse
Zehn Erzählungen, zehn unterschiedliche Zugänge – und doch verbindende Elemente. Schimmel zum Beispiel. Seine grauen Schatten und schwarzen Sporen, die sich über weiße Tapeten ausbreiten, kommen in mehreren Erzählungen vor. Im Zimmer von Volkan beispielsweise, welches er sich mit seinen jüngeren Brüdern teilen muss. Mesut Bayraktars Text handelt von Enge und vom eingesperrt sein, von sich zuspitzenden (Wohn-)Verhältnissen während der Corona-Pandemie. Sein Protagonist verlässt unerlaubt den durch die Polizei abgeriegelten Wohnblock, um sich in einem verlassenen Wohncontainer mit seiner Freundin zu treffen und für ein paar Stunden davon zu träumen, dass es eines Tages besser werden könnte. Eine Hoffnung, die ihm sein Vater, ein ehemaliger Gastarbeiter, mit auf den Weg gibt und an der er zweifelt, sobald er mit seinen Gedanken allein ist. Schimmel findet sich auch im winzigen Badezimmer der Einzimmerwohnung von Alina Essbergers Ich-Erzählerin. Sie berichtet von der Isolation und Anonymität eines großen Wohnblocks: bei den meisten anderen Wohnungen weiß sie nicht, „ob sie bewohnt sind, und auch nicht, wie die Personen aussehen, nur wie sie beim Wohnen klingen“ (S. 30). Da wäre beispielweise das Paar aus der Nachbarwohnung; beide trinken häufig große Mengen Alkohol, dann hört man Schreie, Beschimpfungen, Poltern. In regelmäßigen Abständen kommt die Polizei, die einen Wohnungsverweis aussprechen könnte, „aber das wäre viel Papierkram gewesen, und am Ende würde sie ja eh wieder zu ihm in diese von Zigarettenrauch vergilbte Wohnung zurückgehen“ (S. 32). Oder der Nachbar, der glaubt, seine Wohnung sei von kleinen Lichtwesen bevölkert, die er nachts versucht mit einem Besen zu zerdrücken. Die Fenster sind mit Plastiktüten verdunkelt, um kein Sonnenlicht hereinzulassen. Die Personen in ihren Einzimmerwohnungen verkörpern Sucht, Einsamkeit, Gewalterfahrungen, psychische Erkrankungen und Angst und bleiben damit allein hinter verschlossenen Türen – bis es zu einem kurzen Moment des Zusammenhalts und der Solidarität kommt, als im Hausflur ein Feuer ausbricht und sich die Türen kurzzeitig öffnen. In der Wohngruppe, in der Rici und Marvin leben, „riecht´s überall wie schimmliges Brot“ (S. 65), seitdem das Dach undicht ist. Der Text von Michaela Parosanu erzählt von Jugendlichen, die nicht zuhause aufwachsen können; von Auseinandersetzungen und Streits, von Verzweiflung, Heimweh und Gefühlen, die sie größtenteils mit sich selbst ausmachen. Bis ihnen Bruno, der Hund einer Betreuerin, entkommt: „Ich muss Bruno finden. Vielleicht ist er tot. Ich habe gelernt, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wie damals, als ich noch bei Mama gewohnt hab“ (S. 70). Die zwei Jugendlichen machen sich auf eine nächtliche Suche und finden Bruno schließlich schwer verletzt, angefahren, an einer Straße. Die Sorge um den geliebten Hund und der Versuch ihn zu retten, bringt sie näher zusammen und viele tiefe Gefühle an die Oberfläche. Alle Erzählungen verbindet eine tiefe Verzweiflung – mal deutlicher spürbar, mal verborgen zwischen den Zeilen. Sie äußert sich in Wut gegen die Verhältnisse, in Angstzuständen, die versucht werden zu betäuben, in einer vermeintlichen Ordnung – etwa, wenn die gelben Briefe fein säuberlich aufgestapelt werden – in Aggression und Angriff oder in Resignation. Die Erzählungen handeln vom schmalen Grat, der entscheidet, in welcher Welt man lebt: auf der Straße, in einem sicheren Zuhause oder im Gästezimmer eines Freundes? Wer Glück hat, verfügt über Sicherungssysteme, hat Ressourcen und Kontakte, die ihn oder sie in der einen Welt halten; oft nur einen kleinen Schritt davon entfernt, alles zu verlieren. Eine*r von jenen zu werden, die als „nicht wohnfähig“ (S. 26) eingestuft werden, die unsichtbar werden in den Parks und Unterführungen. Jede*r von uns kennt Orte und Geschichten wie diese.
Konfrontative Literatur
Es ist unbedingt notwendig, diese Geschichten zu erzählen, weil „Wohnen ein radikal politisches Verhältnis“ und „Ausdruck sozialer Gewalt“ (S. 5) ist. Die zehn Autor*innen des Erzählbands nehmen sich damit kein neues Thema klassenbewusster Literatur vor, wie sie selbst schreiben, aber sie werfen Schlaglichter auf eine sich zuspitzende Krise. Die Perspektiven, die dabei beleuchtet werden, sind die der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Denn sie sind es, die am stärksten unter der Profitlogik des Kapitalismus leiden und unter diesen „Umstände[n], die gesellschaftlich gemacht und politisch gewollt sind“ (S. 5) gegeneinander aufgebracht und ausgespielt werden. Wenn wir mit 30 anderen in der Schlange für eine Wohnungsbesichtigung stehen, wird die Person neben uns zur Konkurrenz, zum Gegner im Verteilungskampf um verknappten Wohnraum – nicht der Immobilienkapitalist, der sich an unserer Not bereichert. Deswegen brauchen wir konfrontative Literatur, schreibt das Literaturkollektiv passenderweise im Vorwort, die diese Widersprüche thematisiert, in Worte fasst, eine Sprache dafür findet. Denn sie überträgt Zahlen, Fakten, Statistiken in die Realität der Menschen: „Sie besteht aus leidenden Körpern, aus verdrängten Gefühlen, aus wütenden Gedanken, aus schambesetzen Gesten, aus einem verweigerten Leben, aus Klassenkämpfen im Alltag“ (S. 7). Darin liegt die Macht der Einzelnen zu erkennen, dass sie nicht allein sind in ihrer Unterdrückung, „[d]ann entfaltet das Schreiben einen literarischen Sinn. Es bekommt Zähne“ (S. 5). Den Autor*innen gelingt es mit diesem Erzählband und den klugen einführenden Worten zu zeigen, wie eine konfrontative Literatur aussehen kann, die sich der sozialen Gewalt, die uns alle umgibt, entgegenstellt.
Welches Zuhause. Erzählungen. Herausgegeben von: nous - konfrontative Literatur.
edition assemblage.
ISBN: 978-3-96042-204-4 / 2-140.
112 Seiten. 14,00 Euro.