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Wie im Dorf, so im Land

Buchautor_innen
Sarah Diehl
Buchtitel
Eskimo Limon 9
Der Roman erzählt vom schwierigen Verhältnis der deutschen Gesellschaft gegenüber Judentum und Migration und plädiert für eine differenziertere Wahrnehmung jüdischen Lebens hierzulande.
Rezensiert von Michaela Hartl

Diehls Roman „Eskimo Limon 9“ dreht sich um Ziggy, Chen und Eran Allon, eine israelische Familie, die in eine hessische Provinzstadt zieht, da Vater Chen dort einen neuen Arbeitsplatz antritt. Wie zu erwarten ist, führt dieser ungewöhnliche Zuzug auf Seiten einer verschnarchten deutschen Dorfgemeinschaft zu einigen Irritationen, Missverständnissen und Unsicherheiten. Doch auch für die Neuangekommenen bietet die deutsche Provinz von monatlichen Dorfversammlungen im Pfarrhaus über Bienenstich und Toast Hawaii zahlreiche Kuriositäten.

So weit, so banal. Die Geschichte der Familie Allon erschöpft sich allerdings nicht in diesem abgegriffenen Setting, denn die Autorin verfolgt ein Anliegen. Im Rahmen der Dorfgeschichte verhandelt Sarah Diehl die Misere bis heute stabiler deutscher Kollektivimaginationen gegenüber „dem Jüdischen“. Dabei vermeidet Diehl tunlichst, überstrapazierte Stereotype provinzieller Beschränktheit zu bedienen: Der bemühte, jedoch in klischeehaftem Denken über Jüd_innen gefangene Klassenlehrer Erans, der altlinke Dorfkauz Koffel, der sämtliche Bücher israelischer Autor_innen in seinem Bücherregal unter die Rubrik „Zweiter Weltkrieg“ einsortiert hat, und selbst der obligatorische Dorfnazi, der Hakenkreuze an Häuserwände schmiert – sie alle werden mit einer auffälligen Nachsicht gezeichnet.

Wenn Diehl die derzeitige Lage des von Ignoranz, Projektionen und Abwehrstrategien geprägten, auch gewalttätigen deutschen Verhältnisses zum Judentum anhand dieser Figuren verhandeln will, könnte man sich fragen, wo im Roman die Jugendlichen zu finden sind, die im letzten Jahr den Rabbiner Daniel Alter zusammengeschlagen haben und von wem die in der deutschen Medienlandschaft immer wieder Gehör findenden selbsternannten „Israelkritiker_innen“ verkörpert werden. Aktuelle Formen antisemitischer Gewalt kommen in Diehls Buch nicht vor und möglicherweise ging es ihr auch weniger darum, ein vollständiges Bild wiederzugeben als vielmehr – wie sie es im Nachwort des Romans zu erkennen gibt – um eine „komplexere“ Darstellung Israels und jüdischen Lebens, um dessen Erstarrung auf der „Symbolebene“ (S. 317) in Deutschland etwas entgegenzusetzen. Dies gelingt ihr ausgesprochen gut durch die den Roman zentral kennzeichnende Bezugnahme auf jüdisch-israelische Popkultur, die bereits im Titel angedeutet ist.

„Eskimo Limon 9“ bezeichnet nämlich eine israelische Teenie-Serie der 1980er Jahre, die in Deutschland unter dem Namen „Eis am Stiel“ bekannt wurde. Entscheidend für diese Namenswahl war der Umstand, dass der Originalname der Serie in Deutschland absolut unbekannt ist, wie auch häufig irrigerweise angenommen wird, dass sie in Italien produziert wurde. An diesem Beispiel scheint sich zu bestätigen, dass Jüdischsein in Deutschland allein in Form von offizieller Holocaustgedenkkultur und Debatten um den Nahostkonflikt Thema sein kann. In ihrem Bemühen um Aufarbeitung der problematischen und eingeschränkten deutschen Wahrnehmung jüdischer Kultur erscheint Sarah Diehls Buch als relevanter und einzigartiger Beitrag, wenn man bedenkt, dass ein beträchtlicher Teil deutscher Romane nichtjüdischer Autor_innen über das deutsch-jüdische Verhältnis und seine Geschichte im besten Fall exotistisch und im schlimmsten Fall relativistisch in Bezug auf den Holocaust geschrieben ist.

Angesichts der Feel-Good-Stimmung, die „Eskimo Limon 9“ in weiten Teilen verbreitet – fortwährend muss es Kuscheldecken, Kekse und tiefsinnige Gespräche geben – und seiner lockeren, kalauerhaften Schreibe stellt sich nach der Lektüre allerdings auch ein gewisses Unbehagen ein. Selbstverständlich klammert Diehls reflektierter Roman das Erinnern an den Holocaust nicht aus. Und doch drängt sich ein wenig der Eindruck auf, dass das verbreitete Auftreten von Antisemitismus in Deutschland in ihm verharmlost wird.

Auch stellt der Roman sich nicht der Problematik, die das Einnehmen einer jüdischen Perspektive durch eine nichtjüdische Autorin mit sich bringt. Es mag eine kleine selbstironische Spitze Diehls gewesen sein, dass sie ausgerechnet die unsympathischste Figur des Romans Sarah genannt hat. Bei ihr handelt es sich um eine nervtötende, philosemitische Bekannte Ziggys, die sich bei einem gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte Sachsenhausen nicht entblödet mitzuteilen, dass es sie erleichtert, das ehemalige Konzentrationslager nicht als Jüdin zu besuchen. Mit dieser Figur übt Diehl auch an vordergründig wohlwollenden Fixierungen auf das Judentum subtile Kritik. Anstatt derlei Anspielungen hätte Sarah Diehl ihren eigenen Entwurf der jüdisch-israelischen Hauptfigur Ziggy, aus deren Blickwinkel die Geschichte erzählt wird, allerdings prominenter verhandeln, und damit auch den gewichtigen Unterschied zwischen Selbstsprechen und Fürjemandensprechen diskutieren können. Vor allem am Beginn des Romans erscheint einem Ziggy wie eine junge Frau, die es ebenso gut von Berlin nach Hessen verschlagen haben könnte, da auch die Schwierigkeit, in einer fremden Sprache sprechen zu müssen, kaum ins Blickfeld gerät.

Zuletzt stellt sich im Hinblick auf den gänzlichen Verzicht eines Plots noch die Frage, weshalb Diehl sich eigentlich für die Romanform entschieden hat. Nachdem sie sich bereits erfolgreich im Medium Dokumentarfilm bewegt hat – mit „Abortion Democracy: Poland/South Africa“ gewann sie beim Black International Cinema-Festival 2009 den Preis als beste deutsche Filmmacherin –, lässt sich vermuten, dass sie auch die Thematisierung jüdisch-israelischer Popkultur in diesem oder einem ähnlichen Format fruchtbar umzusetzen gewusst hätte. Da sie mit ihrer Annahme einer weit verbreiteten deutschen Unkenntnis israelischer Punkbands und Trashfilme vollkommen richtig liegt, hätte sie deutschen und/oder nichtjüdischen/-israelischen Leser_innen sicher einen Gefallen getan, diese nicht nur zu benennen, sondern auch vor Augen zu führen.

Sarah Diehl 2012:
Eskimo Limon 9.
Atrium-Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3855350711.
320 Seiten. 19,95 Euro.
Zitathinweis: Michaela Hartl: Wie im Dorf, so im Land. Erschienen in: Kunst in Ketten. 31/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1195. Abgerufen am: 14. 11. 2019 06:01.

Zur Rezension
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Sarah Diehl 2012:
Eskimo Limon 9.
Atrium-Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3855350711.
320 Seiten. 19,95 Euro.