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Wettbewerb der Statussymbole

Buchautor_innen
Hanno Sauer
Buchtitel
Klasse
Buchuntertitel
Die Entstehung von Oben und Unten

Die vermeintliche Klassenanalyse befasst sich lieber mit Status und Habitus – und läuft auf eine Naturalisierung der Verhältnisse hinaus.

In seiner eigenen Gegenwart schrieb Max Adler, Politiker und wichtiger Sozialtheoretiker der II. Internationale, schon 1914 sei der Punkt eingetreten, da die „Entwicklung der modernen Technik bereits die reale Möglichkeit einer genügenden und sogar reichlichen Bedürfnisbefriedigung der Gesamtheit gestattet“ (Adler 1914, S. 26). Die Marx’sche Gesellschaftstheorie sei deshalb weniger eine revolutionäre Theorie, eine Theorie des Klassenkampfes, als vielmehr eine „Naturwissenschaft des sozialen Seins“ (ebd., S. 18), eine Technik des Sozialen, deren Nutzen im Prinzip jeder*m einleuchten müsste. Wenn die Möglichkeit einer „reichlichen Bedürfnisbefriedigung“ für alle besteht, wer sollte dann letztlich ein Interesse daran haben, dass diese Möglichkeit nicht Realität wird?

Es ist nicht abwegig zu behaupten, dass Hanno Sauer in „Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten“ davon ausgeht, dass sich inzwischen realisiert hat, was für Max Adler noch als ein Projekt erschien. In den „reicheren und politisch stabileren Gesellschaften“ (S. 263f.) – gemeint sind die Zentren des kapitalistischen Weltsystems, die (westlichen) Industrienationen – gäbe es, so Sauer, materielle Not im Grunde nicht mehr, dort sei „längst jeder reich“ (S. 180f.). Und dennoch sind diese Gesellschaften weiterhin Klassengesellschaften. Wie ist das zu erklären?

Klasse und Status

„Klasse ist sozial konstruierte Knappheit.“ (S. 10) Diese präzise und scheinbar einleuchtend daherkommende Definition, mit der Sauers Buch gleich zu Beginn aufwartet, weist auf den zweiten Blick eine wichtige Leerstelle auf. Knappheit von was? Die Frage ist Programm. Politisch stabile und ökonomisch prosperierende Industrienationen, die im Laufe der Moderne unermessliche Reichtümer angehäuft und Wohlstand in zuvor ungekanntem Ausmaß produziert haben, stünden, folgt man Sauer, quasi permanent vor der Frage, was überhaupt noch knapp sein könnte. Klar ist für Sauer, was alles nicht knapp ist, und zwar in erster Linie: Geld. Schon eine „15-Stunden-Woche“ würde, so Sauer, „nach allen realistischen Kriterien beurteilt“ (S. 182) – das heißt: im historischen und globalen Vergleich – zu einem Leben ohne (materielle) Not ausreichen.

Klassenhierarchien könnten, das ist Sauers Diagnose, ihr Fundament in substanzieller materieller Ungleichheit längst verloren haben und sind deshalb „intrinsisch instabil“ (S. 62). Oder müssten es eigentlich sein. Paradoxerweise stellt sich aber, betrachtet man die Historie westlicher Gesellschaften, ein ganz anderes Bild ein. Da zeigt sich, auch für Sauer, dass Klassenverhältnisse „extrem hartnäckig“ (S. 214), mithin alles andere als instabil sind.

Für Sauer gilt es also – im Rahmen seines Klassenbegriffs – zu erklären, wieso Klassenverhältnisse nicht verschwinden, wenn die ihnen (scheinbar) zugrundeliegende materielle Knappheit aufgehoben ist. Er folgert, dass Klassenhierarchien ihr Fundament in etwas haben müssen, das per se knapp ist. Eine solche Ressource ist „Status“, und Klassenhierarchien sind daher, so Sauer, das Ergebnis von „Statuswettbewerben“ (S. 32).

Zwei Mechanismen von Status sind dabei entscheidend. Erstens, dass man Status, also „soziales Prestige und Anerkennung“ (S. 263) erwirbt, indem man sich vor anderen auszeichnet – egal wodurch. Mein Status, mein Prestige, bemisst sich also beispielsweise nicht nach der Höhe meines Vermögens oder meinem Bildungsstand, sondern nur danach, wie sehr ich mich durch mein Vermögen oder meine Bildung vor anderen auszeichnen, oder, allgemeiner gesprochen, von ihnen unterscheiden kann. Status ist ein Distinktionsphänomen.

Zweitens, dass Status auf den Zuschreibungen anderer beruht. Der Status einer Person hängt also nicht davon ab, was eine Person tatsächlich hat oder kann, wieviel Geld sie besitzt oder wie gebildet sie im Vergleich zu anderen ist, sondern allein davon, welche Fähigkeiten und Kompetenzen – in Sauers Diktion: welche „internen Qualitäten“ (S. 37) – ihr andere zuschreiben. Um Status zu gewinnen, muss man also die Zuschreibungen anderer erfolgreich moderieren. Statusgewinne erfordern aktives „Reputationsmanagement“ (S. 133).

Klasse und Lebensstil

Die Grundidee dahinter ist simpel und lässt sich leicht an einem Beispiel demonstrieren: Durch ein teures Auto kann man den eigenen sozialen Status positiv beeinflussen, weil man als Fahrer*in eines solchen Autos von anderen als reich und (finanziell) erfolgreich wahrgenommen wird. Das passiert, so Sauer, weil es schwierig ist, ein teures Auto zu besitzen, ohne das, was es signalisieren soll – Reichtum und Erfolg – auch wirklich zu haben.

Am Beispiel des Autos lässt sich überdies zeigen, was mit Statuswettbewerben passiert, wenn postmaterielle Orientierungen in Gesellschaften an Relevanz gewinnen. Das Auto verliert dadurch nicht grundsätzlich seine Funktion als Statussymbol, sie verschiebt sich nur. Wichtig ist nicht länger, überhaupt ein teures Auto zu haben – sondern welches. Das Auto muss jetzt den „jeweiligen Lebensstil einer Person“ (S. 168) ausdrücken. Erkennbar sein muss, dass sich die Wahl dieses speziellen Autos einem komplexen und langwierigen Auswahlprozess verdankt, in dem weit mehr noch als finanzielle Erwägungen – kann ich es mir leisten? – die „Vorlieben“ und „Geschmacksurteile[]“ (S. 167) der/des Käufers*in eine maßgebende Rolle gespielt haben.

Klasse und Biologie

Sauers Generalthese, dass dieser Lebensstil, oder, allgemein gesprochen, die „ästhetische Dimension“ (S. 72, Herv. i. O.) von Klassenhierarchien massiv an Bedeutung gewinnt und zur Reproduktion von Klassenhierarchien beiträgt, ist grundsätzlich nachvollziehbar und auch nicht wirklich neu, wie er selbst unter Rekurs auf Pierre Bourdieu und die Sozialtheorie von Thorstein Veblen bemerkt. Es leuchtet auch ein, dass Klassenverhältnisse, die auf dieser ästhetischen Dimension von Ungleichheit fußen, deutlich instabiler sind als solche, die in materiellen Ungleichheiten gründen.

Was dagegen überhaupt nicht einleuchtet, ist die Art und Weise, wie Sauer die Reproduktion dieser ästhetisierten Klassenhierarchien erläutert. Aus der Beobachtung, dass die „ästhetischen Präferenzen von Personen und Gruppen […] einen entscheidenden Beitrag zur Reproduktion von Klassenhierarchien“ (S. 78) leisten, zieht er den Schluss, dass dies so sei, weil „unsere ästhetisch-kulturellen Gewohnheiten […] uns zur zweiten Natur geworden“ (ebd., Herv. i. O.) sind.

Klassenhierarchien reproduzieren sich aber nicht nur, weil sie „uns zur zweiten Natur“ geworden sind – sie sind auch zur zweiten Natur geworden, weil sie sich beständig reproduzieren. Die vermeintliche Natürlichkeit von Klassenhierarchien erklärt nicht deren Reproduktion, sondern höchstens die Reibungslosigkeit, mit der sie vor sich geht. Das ist auch in Sauers Klassentheorie so. Wenn die Erklärung, warum es zur Reproduktion der Klassenhierarchien kommt, nicht darauf hinauslaufen soll, diese Klassenhierarchien zu naturalisieren, sie also für im Grunde unabänderlich zu erklären, dann muss die Erklärung zum mindesten zeigen, dass es sich bei der Reproduktion um einen gesteuerten, kontrollierten Prozess handeln könnte. Sauer macht das auch selbst, wenngleich nur nebenbei, deutlich, wenn er schreibt: „[D]ie Oberschicht weiß […], dass Geschmack, Stil und Kultur die eigentliche Währung sozialer Eliten“ (73, Herv. M.E) sind. Dieses Wissen um die Bedeutung der ästhetischen Dimension von Klassenunterschieden erklärt erst, wieso sie sich beständig reproduzieren, wieso aus fluiden Statuswettbewerben hartnäckige und stabile Klassenhierarchien werden. Indem Sauer der Oberschicht dieses Wissen zuschreibt, erklärt er erst, wieso die Reproduktion von Klassenhierarchien „extrem hartnäckig“ (S. 214) ist: Sie ist der reale Machteffekt gerade dieses Wissens.

Das größte Versäumnis von Sauers Buch ist, dass es die Bedeutung dieses Wissens für die Reproduktion von Klassenhierarchien nicht systematisch herausarbeitet. Die Analyse ihrer Reproduktion führt ihn stattdessen ins Feld der Biologie. Dass die „Schichtenzugehörigkeit eine substanziell erbliche Komponente hat“, dass es eine „Erblichkeit von Klasse und Status“ (S. 214) gibt, zeigt, dass die Reproduktion von Klassenhierarchien auch eine biologische Komponente hat. Aber wen wundert das? Klassenverhältnisse, die auf dem Geschmack, den Vorlieben, den Gewohnheiten von Individuen basieren, die sich also anders gesagt in das Wollen, Fühlen, Begehren von Subjekten einschreiben, sind im Vollsinn des Wortes verkörpert, sodass ihre Reproduktion mit der biologischen Reproduktion dieser Körper verzahnt ist. Neben der kulturellen, sozialen und monetären gibt es also noch eine Kapitalform, die Michel Foucault schon vor über 40 Jahren als „pathologische[s] Kapital“ (Foucault 1983, S. 143) bezeichnet hat. Die Mechanismen der biologischen Reproduktion werden kapitalisiert, zu einer eigenständigen Kapitalform, weil und insofern es ein Wissen von ihnen gibt, das zugleich ihre strategische Kontrolle und Beeinflussung ermöglicht. Erst durch dieses Wissen werden „physische Marker wie Gesundheit, Jugend, Fruchtbarkeit und Fitness“ (S. 293) zu klassenrelevanten Merkmalen – sie sind es keinesfalls von Natur aus, wie Sauer das meint.

Man muss Sauers Buch daher vorwerfen, dass es nicht nach den Ursprüngen dieser Biologisierung fragt. Anstatt kritisch zu reflektieren, wie es kommt, dass sich so flüchtige und arbiträre Dinge wie Geschmack und Habitusformen mit einer Beständigkeit reproduzieren, die der von Naturgesetzen gleichkommt, zeigt er sich umstandslos bereit, die Isomorphie von sozialer und „natürlicher“ Ungleichheit zu akzeptieren, die doch erst das Ergebnis, nicht die Ursache von Klassenhierarchien sein kann.

Zusätzlich verwendete Literatur

Adler, Max (1914): Der soziologische Sinn der Lehre von Karl Marx. Hirschfeld, Leipzig.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I. Suhrkamp, Frankfurt/Main.

Hanno Sauer 2025:
Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten.
Piper, München.
ISBN: 978-3-492-07141-3.
368 Seiten. 26,00 Euro.
Zitathinweis: Max Edmunds: Wettbewerb der Statussymbole. Erschienen in: Zivil-Militärische Zusammenarbeit. 79/ 2026. URL: https://kritisch-lesen.de/s/ARpsH. Abgerufen am: 21. 04. 2026 14:40.

Zum Buch
Hanno Sauer 2025:
Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten.
Piper, München.
ISBN: 978-3-492-07141-3.
368 Seiten. 26,00 Euro.