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Welche Arbeit? Welcher Protest?

Buchautor_innen
Harald Rein, Wolfgang Scherer
Buchtitel
Erwerbslosigkeit und politischer Protest
Buchuntertitel
Zur Neubewertung von Erwerbslosenprotest und der Einwirkung sozialer Arbeit
Ein vernichtendes Zeugnis stellen die beiden Sozialarbeiter und Erwerbslosenaktivisten ihrer Profession aus: Sie wirke affirmativ, systemstabilisierend und entpolitisierend.
Rezensiert von Wiebke Dierkes

Die Sozialwissenschaftler und Sozialarbeiter Harald Rein und Wolfgang Scherer veröffentlichten ihr Buch 1993, womit sie an die sozialwissenschaftlichen Diskurse der 1980er Jahre anschlossen. In jenem Zeitraum wurde die Erwerbslosigkeit selbst Thema zahlreicher sozialwissenschaftlicher Forschungsprojekte, ebenso wurde diese durch die real existierende Massenarbeitslosigkeit zum zentralen Bearbeitungsfeld der Sozialen Arbeit. Obwohl sich in den vergangenen 20 Jahren viel an der Organisation des Arbeitsmarktes (Stichwort: Agenda 2010) verändert hat und die Soziale Arbeit so stark wie nie zuvor in die Verwaltung der Erwerbslosigkeit eingebunden ist (etwa in Beratungszentren, Jobcentern oder im Rahmen von „Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration“), hat sie bis heute auf viele Fragen, die Rein und Scherer aufwerfen, keine Antworten gefunden und den (selbst-) kritischen Diskurs vor allem in der pädagogischen Praxis weitestgehend vermieden.

Der dezidierte Versuch Rein und Scherers, eine (politische) Positionsbestimmung der Sozialen Arbeit im Kontext von Erwerbslosigkeit vorzunehmen und die Formulierung von damit verbundenen kritischen Anfragen an die Profession, machen dieses Buch auch heute noch lesenswert. Beide Autoren blicken auf langjähriges eigenes Engagement in Erwerbsloseninitiativen zurück und verfügen über entsprechend großes Erfahrungswissen. Die manchmal sehr detailgenaue Darstellung rechtlicher Sachverhalte oder etwas ausufernde Berichte aus dem Innenleben von Erwerbsloseninitiativen machen zwar die Lektüre bisweilen etwas mühsam, dennoch enthält das Buch spannende Merkpunkte für die Bestimmung einer Kritischen Sozialen Arbeit bereit.

Pathologisierung von Armut

Die Argumentation von Rein und Scherer besticht vor allem durch zwei grundlegende Kritikstränge, die für die heutigen Debatten rund um eine politische Soziale Arbeit im Kontext von Erwerbslosigkeit nach wie vor von großer Relevanz sind.

Erstens wenden sie sich gegen eine durch wissenschaftliche Forschung begünstigte und von medialer und sozialarbeiterischer Seite aus stark rezipierte stigmatisierende Darstellung der Erwerbslosen als „antrieblos“, „psychisch belastet“, „faul“, „desorientiert“, „hilflos“ oder „selbstzerstörerisch“. Diese Darstellung weisen die Autoren unter Bezugnahme auf Eckard Rohrmann (1990) als „Pathologisierung von Armut“ zurück und legen ihren Ausführungen stattdessen eine (auf eigenen Erfahrungswerten beruhende) ambivalente Einschätzung zu Grunde. Demnach könne „der Zustand des Ausgegrenzt-Seins aus dem regelmäßigen Lohnarbeitsalltag als Entlastung und Möglichkeit der Reformulierung der traditionell vermittelten Lebensentwürfe“ (S. 2) erlebt werden.

Zweitens wenden sie sich gegen einen eindimensionalen Begriff von Widerständigkeit und Konfliktfähigkeit, der eine „politische Sinnhaftigkeit nur dort sieht, wo sich gesellschaftlich unterschiedliche Interessen in Parteien oder Verbänden organisieren“ (S. 8). Diese einspurige Sichtweise, die Protest und Bewegung mit programmatisch verfasster Organisierung gleichsetze, verdecke die zahlreichen Strategien des „sich Entziehens“, der „alltäglichen Resistenz“ im Umgang mit Autoritäten der Behörden, die „Freisetzung von Utopiefähigkeit“ durch Distanznahme zu normativen Lebensentwürfen sowie einer Vielzahl weiterer individueller Selbstbehauptungs-, Verweigerungs- und Fluchtstrategien. Dabei seien es gerade diese Strategien und Handlungsoptionen, die das Protestverhalten der Erwerbslosen ausmachen. Unter Bezugnahme auf die Forschungen von Frances Fox Piven und Richard Cloward (1986) erweitern sie ihre Kritik auch auf die Veröffentlichungen und Forschungsansätze der „Neuen Sozialen Bewegungsforschung“ der 1980er Jahre. Der auch hier verengte Blick auf widerständige Praxen, der davon ausgeht, dass „Proteste einen Führer, eine Satzung, ein legislatives Programm oder doch zumindest einen Banner haben müssen, bevor sie anerkannt werden“ habe mit Piven und Cloward gesprochen zur Folge, „dass die Aufmerksamkeit von vielen Formen der politischen Unruhe abgelenkt wird und diese per definitionem den verschwommenen Bereichen sozialer Probleme und abweichendem Verhalten zugeordnet werden“ (S. 14).

Politischer Protest wird zu deviantem Verhalten und dadurch zur Aufgabe der Sozialen Arbeit. Hier wird, folgt man den Autoren, die Schwierigkeit einer Kritischen Sozialen Arbeit in diesem Feld deutlich, wenn diese nicht als politischer Akteur auf den Plan tritt, sondern der „Behandlung“ und Einschränkung des zum abweichenden Fehlverhalten umgedeuteten politischen Protestes dient.

Fragen an die soziale Arbeit

Kernstück des Buches ist das Kapitel „Soziale Arbeit und Erwerbslosigkeit – Analyse eines Berufsfeldes“. Eine Debatte innerhalb der Sozialen Arbeit über ihr Verhältnis zu Erwerbslosigkeit, Lohnarbeit sowie die damit verbundenen normativen Werte und gesellschaftlichen Leitbilder blieb in den 1980er Jahren weitestgehend aus, auch wenn sich die Arbeit mit Erwerbslosen seinerzeit als eben jenes große Betätigungsfeld herauskristallisierte, das es bis heute in unterschiedlichen Varianten geblieben ist. Neben einigen wenigen Aufsätzen finden sich bis heute kaum Versuche einer systematischen Positionsbestimmung der Sozialen Arbeit, wie es Rein und Scherer in ihrem Buch unternehmen. Sie arbeiten in diesem Kapitel mehrere zentrale Spannungsfelder und Fragen an die Soziale Arbeit heraus, die bisher kaum behandelt wurden, jedoch nur wenig an Aktualität eingebüßt haben:

Eigeninteresse der Sozialarbeiter*innen: Wie stark bestimmt das Eigeninteresse der Sozialarbeiter*innen an der Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes deren pädagogisches Handeln? Inwieweit wird eine affirmative Haltung der Pädagog*innen durch Arbeit in prekären Beschäftigungsverhältnissen befördert? Was Rein und Scherer in ihrem Buch in Bezug auf die ABM-Kräfte der 1980er Jahre analysieren, findet sein Pendant heute in der Situation der befristet beschäftigten Pädagog*innen, die im Auftrag der Jobcenter und freier Träger diverse „(Qualifizierungs-) Maßnahmen“ für Erwerbslose leiten.

Entpolitisierung durch Einzelfallberatung: Rein und Scherer beobachten eine „sich entwickelnde Dominanz der Beratung – hier insbesondere der Rechtsberatung“, durch die „ganz offensichtlich vielfach andere Aufgaben der Erwerbsloseninitiativen zurückgedrängt“ (S. 170) wurden. Die Autoren werfen die Frage auf, ob durch die starke Fokussierung der Sozialen Arbeit auf am Einzelfall orientierte Rechtsberatung „nicht das allenthalben beklagte fehlende gesellschaftspolitische Protestverhalten […] mit verursacht wurde“ (S. 170). Nach Rein und Scherer bestehe die Gefahr, dass den Sozialarbeiter*innen „der zusammenfassende Blick für die jeweiligen problemauslösenden strukturellen Bedingungen“ (S. 172) verloren gehe. Sollte dem so sein – und auch heute ist das eine Diskussion wert – befürchten die Autoren, dass das Handeln der Pädagog*innen entpolitisierend und systemstabilisierend wirke und daher eines Korrektivs bedürfe, das nur die Erwerbslosen selbst darstellen könnten.

Soziale Arbeit der (Frei-) Räume: Daran anknüpfend schlagen Rein und Scherer vor, vermehrt Räume des Austausches zu schaffen, in denen die Gemeinsamkeit der Erwerbslosen für sie selbst wieder erfahrbar wird, kollektive Beratungssettings entwickelt werden und die Selbstorganisierung stärker in den Fokus rückt. Sie stehen damit in der Tradition von Walter Hollstein, der bereits 1973 in seinem Artikel „Sozialarbeit im Kapitalismus“ in dem Sammelband „Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen“ (siehe dazu die Rezension in dieser Ausgabe) konstatiert, dass sich „in der Praxis jene Versuche [sinnvoller zeigen], die bei den Klienten nicht missionieren wollten, sondern ihnen die materiellen Möglichkeiten zur Selbstorganisation offerierten“ (Hollstein 1973, S. 43).

Skandalisierung der Verhältnisse? Fehlanzeige! Was die politische Sichtbarkeit und Einflussnahme der Sozialarbeit in emanzipatorischer Absicht angeht, ziehen Rein und Scherer eine nüchterne Bilanz. Die Soziale Arbeit sei

„nach einer Phase der qualitativen und quantitativen Überforderung in der ersten Hälfte der 80er Jahre […] zu den herkömmlichen Formen der tendenziell psychiatrisierenden definitorischen Zurichtung auf die eigenen Kompetenzen und der bürokratischen Bearbeitung von Arbeit zurückgekehrt. […] Eine Skandalisierung der Armutsverhältnisse und die politische Einmischung der SozialarbeiterInnen in den etablierten Institutionen findet […] nicht statt“ (S. 98)

.

Warum dem so war und es auch aktuell noch so zu sein scheint, obwohl es paradoxerweise gerade die Sozialarbeiter*innen sind, die die Verhältnisse von Armut in der Bundesrepublik fundiert einschätzen und öffentlich skandalisieren könnten, bleibt an dieser Stelle eine weitere ungeklärte Frage.

Alternativen „freisetzen“? Nur Mut! Eine letzte und vielleicht auch die interessanteste Frage, die Rein und Scherer aufwerfen, fordert die Soziale Arbeit heraus, sich der „Brüchigkeit des gesellschaftlichen Leitbildes der Erwerbsarbeit und der entsprechenden Sozialisation und Zurichtung“ (S. 140) zu stellen. Dies würde damals wie heute bedeuten, die gängigen Konzepte von Lohnarbeit, Carearbeit und Erwerbslosigkeit in Frage zu stellen, neue und andere Arbeitsbegriffe zu diskutieren und in Diskursen stark zumachen, ebenso wie die Kopplung der (monetären) Existenzsicherung an Arbeit und Leistung zu kritisieren. Rein und Scherer sind hier konsequent in ihrer Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und befinden sich so im Einklang mit dem hegemonialen Diskurs unter den Erwerbslosen der 1980er Jahre, die eben dieses auf ihrem 1. Bundekongress zur zentralen Forderung erhoben. Im Ringen um Alternativen zum klassischen Arbeitsbegriff und den damit verbundenen normierten Lebensentwürfen, hält sich die sozialarbeiterische Praxis bis heute weiterhin sehr bedeckt.

Verborgenes bleibt verborgen

Enttäuschend ist an dem Buch lediglich, dass auch hier nichts Konkreteres zu erfahren ist über jene von den Autoren so stark gemachte „unsichtbare Widerspenstigkeit“ der Erwerbslosen im Alltag als politische Handlungsstrategie: all die kleinen Akte des Aufbegehrens, die möglicherweise auch in den bilateralen Beziehungen zwischen Sozialarbeiter*in und Beratungsnehmer*in besprochen und zur Umsetzung gebracht werden können. Stattdessen gehen sie davon aus, dass die individuelle Beratungspraxis zwischen Sozialarbeiter*in und Klient*in „in der Initiative entpolitisierend wirkt“ (S. 172). Rein und Scherer bezeichnen die Sozialarbeiter*innen bilanzierend als „Teil der staatlichen sozialen Hilfen“, deren fachliche Kompetenz auf (rechts-)beraterischer, organisatorischer Ebene zwar gewünscht ist, von denen jedoch keine politischen Impulse zu erwarten seien.

So bleiben klandestine, weil möglicherweise nicht legale Protestformen auch hier weiterhin verborgen. Möglicherweise sind Rein und Scherer damit ihrem eigenen Einwand gefolgt,

„ob nicht selbst gutgemeinte Untersuchungen in diesen Bereichen zu Nachteilen für die Betroffenen führen. Nischen sind nur solange Nischen, solange sie nicht öffentlich beleuchtet werden und Analysen von Überlebensstrategien armer Leute können rasch zu institutionellen Konsequenzen führen“ (S. 261).

Abgerundet werden die Ausführungen zum Verhältnis von Sozialer Arbeit zu Erwerbslosenprotest mit einem Überblickkapitel zum Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung sowie mit einem leider etwas isoliert am Ende stehenden Kapitels zur Geschichte des Erwerbslosenprotestes in der Geschichte der Bundesrepublik und ihrer Vorgängerstaaten.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch für alle jene, die um eine Bestimmung von Kritischer Sozialer Arbeit unter kapitalistischen Produktions-, Arbeits- und Lebensbedingungen ringen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Hollstein, Walter (1973): Sozialarbeit im Kapitalismus. In: Hollstein, Walter / Meinhold, Marianne (Hg.): Soziale Arbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
Piven, Frances Fox / Cloward, Richard (1986): Aufstand der Armen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt.
Rohrmann, Eckhard (1990): Die Pathologisierung von Armut in der Bundesrepublik – aufgezeigt am gesellschaftlichen Umgang mit sog. Nicht-Seßhaften. In: Sozialpsychiatrische Informationen 1/ 90. Psychiatrie-Verlag, Köln.

Harald Rein, Wolfgang Scherer 1993:
Erwerbslosigkeit und politischer Protest. Zur Neubewertung von Erwerbslosenprotest und der Einwirkung sozialer Arbeit.
Peter Lang, Frankfurt am Main u.a.
ISBN: 978-3631463222.
305 Seiten. 69,95 Euro.
Zitathinweis: Wiebke Dierkes: Welche Arbeit? Welcher Protest? Erschienen in: Radikale Soziale Arbeit?. 33/ 2014. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1230. Abgerufen am: 22. 08. 2019 22:10.

Zum Buch
Harald Rein, Wolfgang Scherer 1993:
Erwerbslosigkeit und politischer Protest. Zur Neubewertung von Erwerbslosenprotest und der Einwirkung sozialer Arbeit.
Peter Lang, Frankfurt am Main u.a.
ISBN: 978-3631463222.
305 Seiten. 69,95 Euro.