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Was sollte man unbedingt lesen?

Buchautor_innen
P.M.
Buchtitel
Manetti Lesen
Buchuntertitel
oder vom Guten Leben
Der Roman macht sich auf die Reise durch altes und neues, grünes und linkes − und fragt nach den Möglichkeiten des Loslassens.
Rezensiert von Adi Quarti

Der Erzähler im neuen Roman von P.M., ein gewisser Paul Meier, dessen Initialen wohl nicht ohne Grund an den Verfasser selbst erinnern, macht in diesem Buch eine Entdeckung. Eine ganze Reihe seiner Bekannten sind plötzlich verschwunden − und alle haben eigentlich nur eines gemeinsam: Sie alle haben die Nachlassschriften eines gewissen Roberto Manetti gelesen, eines aus der Züricher Bewegung aus den 1980er Jahre stammenden fiktiven Autors, der es durch den Kaffeehandel zu einigem Vermögen gebracht hat, inzwischen aber verstorben ist. P.M. macht sich also wieder einmal auf eine Suche, diesmal aber nicht nach fehlenden Seiten in Marx‘ „Grundrisse“, sondern nach alten Bekannten. Er stößt dabei, bestimmt nicht unvermittelt, auf die eigene Vergangenheit.

Weshalb sollte man nun eigentlich Manetti lesen? Warum nicht den Philosophen Zizek oder gar den Vizepräsident von Bolivien, Álvaro Garcia Linera, einen großen Denker unserer Zeit? Gemach, das Rätsel wird sich auflösen, wenn man sich mit Paul Meier auf die Suche in die Toscana, die Provence, nach Paris und schließlich auf eine geheimnisvolle Schiffspassage nach Südamerika begibt. Meiers teils verschwundener Bekanntenkreis besteht aus Altlinken und Angehörigen der besseren Mittelschicht mit Genossenschaftswohnung in Zürich und Ferienhaus in Italien. Sie sind Lehrer, Architekten, Steuerberaterinnen oder Psychoanalytiker. Übrigens solche Psychoanalytiker, die noch bei Lacan selbst studiert hatten und etwas von Verschiebungen verstanden. Eine Berufsgruppe vergessen? Klar, grüne Politikerinnen! Natürlich hat sich der Zeitgeist gewandelt, man diskutiert erbittert, ob nun Marx oder Hayek und Friedman recht hatten. Nicht selten wird in diesen Kreisen lamentabel darüber geklagt, wie Luhmann, die Postmoderne, Baudrillard, Foucault alles aufgelöst, aber nichts zusammengefügt hätten. Wir blieben in der Luft hängen.

Interessanter dagegen die Lektüre von „Der kommende Aufstand“ (kritsich-lesen.de #4) im Nachtzug nach Berlin. Dem Erzähler wird schlagartig klar, warum der Text zur Pflichtlektüre von französischen Polizisten gehört. Der Inhalt sei allerdings völlig harmlos, nur ein Kracher, keine Bombe. Die Energie sei da, aber der Behälter fehle. Trotzdem habe er den Text gerne gelesen, wahrscheinlich weil er die geliebten alten Meinungen bestärkt. Hier reflektiert P.M. sehr amüsant seine alte lange Erfahrung in der autonomen Szene, die gescheiterten temporär autonomen Zonen eines Hakim Bey, der Kommunismus der Bescheidenen. Der Roman ist randvoll mit Szenen und Gedanken, die an eine gescheiterte Revolution erinnern. Der Autor wird aber dabei niemals zynisch oder überheblich. Selbst die Poulet à la Crème, die ausgezeichnete deutsche Leberwurst, die französischen Pasteten und der dazu passende Wein gehen runter wie nichts. Es sei denn, man ist Veganerin, aber auch für die soll sich alles zum Besten wenden.

Nicht so für den Erzähler. Der erhält einen gewaltigen Schlag auf den Kopf und wacht auf einer kleinen Segeljacht wieder auf, deren Besatzung, allesamt sehr sympathische Leute, ihm eröffnen, dass es Richtung Brasilien gehe. Dort, mitten im Matto Grosso in der Kleinstadt Alivio, stellt sich ihnen Roberto Manetti vor. Er ist also am Leben, um die siebzig und bei bester Gesundheit. Auch der vermeintlich verschwundene Bekanntenkreis Meiers ist gerne anwesend, man lebt in großzügigen Wohnungen, welche in größere oder kleinere Wohneinheiten aufgeteilt sind. Die Einrichtungen weisen auf ein haltbares Design hin, Computer gibt es nur wenige in Terminals, die gemeinschaftlich genutzt werden und über ein Intranet via Stromnetz verbunden sind. In der gesamten Kleinstadt existieren funktionierende Infrastrukturdienste für Wäsche, Essen und Kochen, Werkzeug- und Maschinenverleih, Notfalldienste und Kindergärten. Die gesamte Struktur wird über ein System von Ökopunkten verwaltet. Die Stadt ist kompakt gebaut, alles kann bequem zu Fuß oder Fahrrad erreicht werden. Es existieren Schule, Theater- und Musiksaal, Bibliothek und Sportanlage. Aliviocom, in der die Betriebe organisiert sind, gehört zu 49,8% den Angestellten. 50,2% gehören natürlich Manetti. Das ganze zeichnet sich durch eine hervorragende Energiebilanz aus: Man kann auf dem Niveau von 500 Watt funktionieren. Strom wird über Parabolspiegel in einem aufwändigen Verfahren erzeugt, dafür aber klimaneutral. Selbst angebaute Lebensmittel wie Soja, Mais, Bohnen, Erdnüsse, Kichererbsen, usw. werden zu Tofu, Sojasauce, Bohnenpaste, Speiseöl und selbst Fleischkonserven aus eigener Haltung weiterverarbeitet. Sogar eine kleine Brauerei ist vorhanden. Wie schön.

Man könnte nun einwenden dies sei ein wenig der Utopie zu viel, dies könne gar nicht funktionieren und ist ohnehin nur ein müder Abklatsch der bolo‘ bolos von P.M. aus den 1980er Jahren. Kann man überhaupt, um Adorno abzuwandeln, von einem guten Leben im falschen sprechen? Jedenfalls handelt es sich um ein höchst unterhaltsames Buch − und eine genaue Chronik des Widerstandes ohnehin.

P.M. 2012:
Manetti Lesen. oder vom Guten Leben.
Edition Nautilus, Hamburg.
ISBN: 978-3-89401-761-3.
288 Seiten. 19,90 Euro.
Zitathinweis: Adi Quarti: Was sollte man unbedingt lesen? Erschienen in: Arabische Revolutionen. 23/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1082. Abgerufen am: 15. 12. 2019 11:54.

Zur Rezension
Rezensiert von
Adi Quarti
Veröffentlicht am
06. November 2012
Erschienen in
Ausgabe 23, „Arabische Revolutionen” vom 06. November 2012
Eingeordnet in
Schlagwörter
Zum Buch
P.M. 2012:
Manetti Lesen. oder vom Guten Leben.
Edition Nautilus, Hamburg.
ISBN: 978-3-89401-761-3.
288 Seiten. 19,90 Euro.