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Von der Kommune zum ländlichen Raubtierkapitalismus

Buchautor_innen
Zhun Xu
Buchtitel
From Commune to Capitalism
Buchuntertitel
How China’s Peasants Lost Collective Farming and Gained Urban Poverty
Ist es an der Zeit, Schluss mit jahrzehntelangen Mythen über den chinesischen Sozialismus zu machen?
Rezensiert von Alexander Schröder

Mit dem Buch „From Commune to Capitalism“ dürfte der chinesische Ökonom Zhun Xu langfristig einigen Staub aufwirbeln. Im Zeitalter der „alternativen Fakten“ zeigt der Juniorprofessor an der Howard University auf, wie sich Behauptungen, die kaum fundiert wurden, jahrzehntelang als unhinterfragbare „Tatsachen“ halten konnten und unser China-Bild bestimmten. Zwei dieser Behauptungen verdienen besondere Aufmerksamkeit: Erstens die angeblich desaströsen Folgen der bäuerlichen Kollektivwirtschaft in der Mao-Ära (1949-1976) und zweitens die in den 80er Jahren angeblich widerstandslos umgesetzte Privatisierungspolitik. Zhun legt nahe, dass fehlerhafte Annahmen und unkritische Übernahme antikommunistischer Dogmen dahinter stecken. Grundlage seines Standpunktes ist die kritische Prüfung wirtschaftstheoretischer Überlegungen und eine empirische Fallstudie, deren Ergebnisse der Mainstream-Darstellung völlig widersprechen. Zhuns Ergebnisse sind verblüffend und beeindruckend.

Desaströse Kollektivwirtschaft?

Was die Behauptung, die kollektive Landwirtschaft des Maoismus sei ein einziges Desaster gewesen, angeht: Üblicherweise wird in diesem Zusammenhang mit erhobenem Zeigefinger auf die Hungersnot des „Großen Sprungs nach vorn“ (1958-1961) verwiesen. Abermillionen Menschen sollen aufgrund der sozialistischen Misswirtschaft verhungert sein. Aber nicht nur das; aus Sicht vieler „ExpertInnen“ war bereits die Einführung von Kooperativen, Produktionsbrigaden und Volkskommunen in den 1950ern desaströs. Denn eine Zusammenlegung von Böden, Werkzeugen, Tieren oder Küchen musste den BäuerInnen als brutale Enteignung erscheinen. Das unterstellen die antikommunistischen „ExpertInnen“ zumindest unisono.

Weiterhin kursiert die Mär von einer allgemeinen Arbeitsverweigerung unter den KollektivbäuerInnen. Die garantierte Versorgung mit Wohnraum, Nahrung und Produktionsmitteln in den Volkskommunen habe dafür gesorgt, dass sich niemand mehr verantwortlich gefühlt habe, einen Beitrag zum Wohl aller zu leisten. Das gemeinsame Wirtschaften sei also zum Scheitern verurteilt gewesen. Zhun kritisiert diese voreingenommene Geschichtsschreibung. Er argumentiert in seinem Buch, dass gerade das Gegenteil der Fall war. Dafür verweist er auf seine Fallstudie des Bezirks Songzi in der Provinz Hubei.

Die Fallstudie überzeugt: Die Lebenserwartung lag in Songzi im Jahr 1947 bei lediglich 28 Jahren, 1979 bereits bei knapp 60 Jahren. Die Anzahl an gelisteten Krankenhäusern und Stationen ist von einer einzigen im Jahr 1950 auf 148 im Jahr 1966 angestiegen, die Zahl medizinischen Personals von 232 auf über 1.058, die Zahl der Krankenbetten von acht auf 280 und bis zum Jahr 1980 sogar auf 1.772. 1949 hatte es in Songzi nur drei Mittelschulen und Gymnasien für die Wohlhabenden gegeben. Bis 1965 wurden bereits 1.327 Grundschulen aus dem Boden gestampft, die weit über 30.000 SchülerInnen aller Schichten beziehungsweise 90 Prozent der Kinder im schulfähigen Alter eine schulische Bildung ermöglichten. Die BäuerInnen seien gerade durch diese Maßnahmen der KP Chinas zu größter Hingabe verleitet worden. Solche Verbesserungen seien erst mit der Kollektivierung von Ressourcen möglich geworden, erklärt Zhun.

Mit Blick auf die wirtschaftlichen Daten des Landes stellt der Ökonom fest, dass es gerade die Jahre 1956 bis 1980 waren, in denen die jährliche Getreideproduktion um 2,79 Prozent zunahm, während sie in der Phase von 1984 bis 2008 nur um knapp ein Prozent anwuchs. Die landwirtschaftlichen Kollektive waren dem Autor zufolge hochgradig produktiv und die KollektivbäuerInnen im Allgemeinen hoch motiviert. Umgekehrt habe gerade die Entkollektivierung viele BäuerInnen entmutigt und auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in die Städte getrieben. Positive Resultate in der Landwirtschaft der 80er Jahre schreibt Zhun hingegen gerade den langfristigen Errungenschaften aus den 70er Jahren zu – etwa der massenhaften Nutzung von Traktoren, modernen Düngemitteln und neuen Anbaumethoden. Technische Neuerungen aus der maoistischen Periode, nicht die Privatwirtschaft, seien für größere Fortschritte in diesen Jahren verantwortlich gewesen.

Die Verkennung dieser Tatsachen führt er auf falsche Berechnungen zurück. So habe etwa der angesehene Ökonom Justin Lin statistische Zahlen ganz im Sinne der pro-kapitalistischen Reformer um Deng Xiaoping interpretiert. Das muss nicht wundern, denn Lin war als späterer Chefökonom der Weltbank gewiss nicht unvoreingenommen. Seine Darstellung galt aber nicht nur neoliberalen US-Ökonomen als unabweisbares Fundament einer jedweden Bewertung der volksrepublikanischen Ökonomie. Sie wurde auch zum Ausgangspunkt der bürgerlich gesinnten Chinaforschung. Alternative Erzählungen wurden auf dieser Grundlage kurzerhand als maoistische Propaganda abgetan. Zhun zeigt weiterhin, was die Ursprünge dieser neoliberalen Darstellung waren.

Widerstandslose Entkollektivierung?

Die unhinterfragte Erzählung der unwirtschaftlichen Kommunen ist dem Autor zufolge den Reihen der chinesischen KommunistInnen selbst entsprungen. In den ersten Jahren nach Maos Tod konnte die neue pro-kapitalistische Führung um Deng Xiaoping den Sozialismus nicht direkt zerschlagen. In den Städten, wo das Proletariat noch äußerst politisiert war, war größerer Widerstand zu erwarten. Reformen zur Privatisierung der städtischen Staatsbetriebe waren daher zunächst unmöglich. Hingegen waren Reformen in der Landwirtschaft leichter umsetzbar. Deng Xiaopings Clique fand eine Methode, um die gewünschten Reformen gegen allen Widerstand durchzudrücken. Dafür musste sie zunächst das Bündnis von städtischem Proletariat und Kollektivbauern und -bäuerinnen auf dem Land brechen, so Zhun.

Der Autor zeigt, dass auch die zweite Märchengeschichte, wonach die Privatisierung der Landwirtschaft auf keinen Widerstand traf, keineswegs der Wahrheit entspricht. Demnach war es eine Minderheit, welche die Reformpolitik gegen die Mehrheit durchgedrückt habe. Die Mehrheit der BäuerInnen und viele KaderInnen waren nicht begeistert. Denn die Kollektivwirtschaft hatten abermillionen ChinesInnen nach Jahrzehnten extremen Leidens als einzigen Ausweg aus Armut, Elend, Hunger und Tod erlebt. Zhun macht die Pekinger Parteizentrale als Wurzel des Übels aus. Entgegen dem antikommunistischen Märchen wurde die Entkollektivierung der betrogenen Mehrheit „von ganz oben“ aufgedrängt.

Zunächst musste die Pekinger Parteizentrale eine Alternative zur Kollektivwirtschaft glaubhaft verkaufen: Das „System der Haushaltsverantwortlichkeit“, das in Wirklichkeit einen großen Sprung zurück in Richtung Kapitalismus bedeutete, wurde Zhun zufolge nur von wenigen Privilegierten gut geheißen. Wohlhabendere BäuerInnen konnten ihre Produkte wieder zur privaten Bereicherung auf dem Markt frei verkaufen. Profitiert hat davon aber nur die Minderheit, sodass eine neue Klassengesellschaft auf dem Lande entstanden ist. Aufrichtige KaderInnen, die sich dagegen sträubten, wurden gnadenlos abgesetzt. Unterstützt wurde diese Entwicklung von einigen Intellektuellen. „Die BürokratInnen erstrebten, Bündnisse mit Elite-Intellektuellen zu formen, die in der Mao-Zeit ihre Privilegien verloren hatten.“ (S. 69)

Während die Reichen und Mächtigen kooperiert und von der Parteiführung Rückendeckung erhalten haben, waren die ärmeren BäuerInnen nun isoliert. Sie mussten von da an wieder im Alleingang um ihr Überleben kämpfen. Garantierte Speisung durch die Kommunen gab es keine mehr. Das wiederum hat den Weg für weitere Angriffe auf die Staatsbetriebe und das politisch bewusste Proletariat frei gemacht.

„Ich behaupte, dass die Entkollektivierung als politische Basis für den Übergang zum Kapitalismus in China diente, indem sie nicht nur die BäuerInnen entmachtete, sondern auch die Bündnis von ArbeiterInnen und BäuerInnen aufbrach und das Widerstandspotenzial gegenüber den Reformen stark vermindert hat. Die politische Bedeutung der Landreform für die KP Chinas kann nicht überbetont werden. Und das ist eben der Grund dafür, warum der Mainstream die Entkollektivierung als etwas Spontanes interpretiert hat.” (S. 16)

Rückkehr zum Kapitalismus

Das weitverbreitete Gerücht, dass die Kollektivwirtschaft unwirtschaftlich sei, bremste den Widerstand der Bauernschaft. Der politische Druck auf mittlere und untere KaderInnen hemmte den Widerstand der kommunistisch gesinnten Intellektuellen. Und die Spaltung des kommunistischen Bündnisses aus KollektivbäuerInnen, städtischen ArbeiterInnen und kommunistischen KaderInnen ermöglichte die Zerschlagung des sozialistischen Systems insgesamt. Letztlich ermöglichte die Privatisierungspolitik der ReformerInnen nach Maos Tod so eine Rückkehr zum Raubtierkapitalismus in ganz China. Zhuns nur 154 Seiten kurzes Buch stellt diesen Wandel hervorragend dar und zeigt im Gegensatz zu den liberalen KritikerInnen der Mao-Ära die Erfolge und Widersprüche der Kollektivwirtschaft auf.

Mit seiner Fallstudie kann er immerhin aufzeigen, dass es nicht nur eine Version der Geschichte gibt. Ob es ihm damit gelingen wird, den antikommunistischen Konsens in Forschung und Öffentlichkeit aufzudröseln, ist fraglich. Aber seine Arbeit ist ein Schritt in die richtige Richtung und verdient zweifellos größere Aufmerksamkeit.

Zhun Xu 2018:
From Commune to Capitalism. How China’s Peasants Lost Collective Farming and Gained Urban Poverty.
Monthly Review Press, New York.
ISBN: 978-1-58367-698-1.
154 Seiten. 21,70 Euro.
Zitathinweis: Alexander Schröder: Von der Kommune zum ländlichen Raubtierkapitalismus. Erschienen in: China. 49/ 2018. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1505. Abgerufen am: 24. 10. 2018 05:31.

Zum Buch
Zhun Xu 2018:
From Commune to Capitalism. How China’s Peasants Lost Collective Farming and Gained Urban Poverty.
Monthly Review Press, New York.
ISBN: 978-1-58367-698-1.
154 Seiten. 21,70 Euro.
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