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Vogelfreund als Wetterfrosch

Buchautor_innen
Jonathan Franzen
Buchtitel
Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?
Buchuntertitel
Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können
Der Erfolgsautor erklärt den Kampf gegen den Klimawandel für gescheitert.
Rezensiert von Sam Oht

Als Romanautor, der die Deformationen und Abgründe der intimen (Familien-)Beziehungen auf unterhaltsame Weise zur Darstellung bringt, hat Jonathan Franzen in der Vergangenheit viel Anerkennung bekommen. Für seine Essays zum Klimawandel weniger. „Die Reaktion der Klima-Community, vor allem in den sozialen Medien, war geradezu bösartig negativ“ (S. 15), klagt der etwas selbstmitleidige Autor im Vorwort zum vorliegenden Buch.

Grob zusammenfassen lassen sich seine Thesen so: der Kampf gegen den Klimawandel ist verloren; wer etwas anderes behaupte, sei vermutlich Teil der „Klima-Community“ mit nicht näher bestimmten „Interessen“. Daraus folgt keine grundsätzliche Absage Franzens an den Klimaschutz. Zwar werde sich die Erwärmung langfristig nicht bremsen lassen, so der Autor, sie lasse sich aber möglicherweise herauszögern. Und, weil es Franzen weniger um die Veränderung der Welt, als um die Arbeit am Selbst geht, meint er: „die ethische Anstrengung, unseren CO2-Fußabdruck zu verkleinern, ist wichtig; es ist etwas, das einem ein gutes Gefühl verschafft.“ (S. 53) Gleichzeitig fordert er, „ein bisschen mehr über lösbare Probleme“ (S. 51) zu reden. „Umweltprobleme (…) die tatsächlich gelöst werden könnten“ (S. 50) scheinen für ihn solche zu sein, die mit etwas Engagement und Geld, aber ohne eine grundsätzliche Umwälzung der Produktionsverhältnisse angegangen werden können. Beispielsweise die Einrichtung von Vogelschutzgebieten – statt Vergesellschaftung der Energieversorgung und der sonstigen Produktionsmittel.

Wirklich alles zu spät? Ja, zu spät

Mag sein, dass dem Kampf gegen den Klimawandel ein Zeitindex innewohnt; dass der Menschheit nach dem Überschreiten von kritischen Klima-Kipppunkten nichts anderes mehr bleibt, als den Ablauf der Katastrophe zu verlangsamen. Und Anpassungsversuche an sich verändernde Bedingungen zu unternehmen. Fragwürdig aber ist die Gewissheit, mit der Franzen davon ausgeht, dass sich das Überschreiten sämtlicher Kipppunkte nicht mehr verhindern lasse. Dies sei nur noch „theoretisch“ möglich, in Gedankenmodellen, die nicht nach den „Grenzen der menschlichen Psyche und der politischen Wirklichkeit“ (S. 27) fragen. Und natürlich kann er auf allerlei Phänomene und Tatsachen verweisen, um die Hoffnungslosigkeit der Situation zu begründen. Allerdings richtet sich sein Blick dabei nur auf die Moral der Konsument*innen und den politischen Willen der Regierenden. Die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Gesetzmäßigkeiten sind für ihn kein Thema. Es wird geklagt über die „menschliche Natur“, gegen die „anzukämpfen […] richtig und gut“ (S. 37) sei; aber es wird kein Wort verloren über kapitalistischen Akkumulationszwang. Unhinterfragt vorausgesetzt ist der Mensch eine, auf sein borniertes Privatinteresse zurückgezogene, Warenmonade; die zur Verfügung stehenden Ressourcen sind in der Geldform gefangen und die politische Einrichtung der Welt zerfällt in konkurrierende Nationalstaaten. Werden diese Gegebenheiten aber nicht zum Gegenstand der Kritik gemacht, lässt sich die Gesellschaft auch nicht als veränderbar denken.

Dabei ist die Veränderung der Welt ja genau deswegen notwendig, weil die Chancen dafür so schlecht stehen; weil alles verhängnisvoll in eine falsche Richtung läuft. Dass mit der Zuspitzung der Katastrophe auch der Druck, mit dem „weiter so wie bisher“ zu brechen, größer wird, löst bei Franzen „als Vogelfreund“ Frustration aus, weil er „die öffentliche Diskussion über Umweltfragen nach wie vor so stark vom Klimawandel dominiert“ (S. 12) sieht. Dies ginge, so meint Franzen, zu Lasten der Probleme, wo sich „noch immer sinnvolle und effektive Maßnahmen ergreifen ließen“ (S. 13).

Hoffnung um der Hoffnungsvollen willen

Der eigentliche Kern des Essays formiert sich um den Begriff der Hoffnung. Schon im Klappentext wird als Alternative zu den immer wieder von der Realität frustrierten Hoffnungen auf wirkliche Veränderungen (Linksradikale kennen das) vorgeschlagen: „Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“ Dabei scheint Franzen weniger als in früheren Texten damit zu ringen, ob diejenigen „die mehr Hoffnung im Leben brauchen“, die solche düsteren Perspektiven nicht ertragen, „Nachsicht verdienen“ (Franzen 2019, S. 26). Er schreibt mit dem klaren Bewusstsein des Kleinaktionärs über die Notwendigkeit von Ehrlichkeit, „weil Hoffnung eine Investition wie jede andere ist, also am besten mit klarem Blick getätigt wird“ (S. 15). Aber seine Vorstellungen davon, worauf sich noch hoffen lässt, zeugen von einem bornierten Konformismus. Eine grundlegende Veränderung der Welt scheint Franzen unmöglich. Aber die Bewahrung von „Demokratie“ und „Rechtsstaatlichkeit“, sowie „faire Wahlen“ (S. 36f.) hält er – durchaus typisch für das privilegierte Bürgertum, dass nichts von den historischen, gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen seiner Existenz wissen will – auch dann für möglich, wenn der Klimawandel ganze Regionen unbewohnbar macht.

Seine langfristige Hoffnung ist, „dass die Zukunft, selbst wenn sie zweifellos schlechter sein wird als die Gegenwart, in mancher Hinsicht auch besser sein könnte“ (S. 39). Aber, wieder der Kleinaktionär von eben: „in Anlehnung an den Rat von Finanzplanern würde ich ein ausbalanciertes Portfolio empfehlen, mit wenigen langfristigen und vielen kurz- bis mittelfristigen Hoffnungen“ (S. 37). Verdinglichtes Bewusstsein auf der Suche nach Sinn und moralischer Erhebung. Auch wenn Franzen nichts wissen will von einer Kritik an seiner Sprechposition, so ist dem Essay doch anzumerken, „dass ein privilegierter Weißer ihn geschrieben“ (S. 16) hat.

Veränderung von oben?

Franzens Problem mit der „Umweltbewegung, die sich früher für wild lebende Tiere und Pflanzen und die Bewahrung ihrer Lebensräume starkgemacht hatte“, ist, so wird an vielen Stellen deutlich, dass diese heute „fast gänzlich vom Thema Klimawandel in den Bann geschlagen“ (S. 11f.) sei. Also, dass sie sich mehr um Windräder als um Vogelschutz kümmert. Er kritisiert einen rein technologischen Klimaschutz mit einem eskapistischen Naturschutz, der sich wenig für die Menschen und ihre Verhältnisse interessiert. Soziale Kämpfe tauchen kaum auf. Die Bewegung der gilets jaunes, der französischen Gelbwesten, die durchaus relevant für eine linke Position zur Klimapolitik ist, wird reduziert auf: „die Menschen in Frankreich randalieren schon wegen einer geringfügigen Benzinsteuer“ (S. 50). Für Franzen ist das ein weiterer Beweis, dass der Klimawandel aufgrund der conditio humana nicht gestoppt werden kann. Weil die Menschen weder „selbstlos“ noch „vorausschauend“ sind, wären die notwendigen Veränderungen „um es milde auszudrücken, sozialer Sprengstoff“ (S. 55). Selbstredend stellt er sich Klimaschutz als „eine Top-down-Intervention“ (S. 28) vor, die für „eine überwältigende Anzahl von Menschen“ keine Befreiung aus falschen Verhältnissen, sondern „eine erhebliche Einschränkung ihres gewohnten Lebensstils“ (S. 29) bedeuten würde.

Franzen ist zu konformistisch, um emanzipatorische Veränderung zu denken, gleichzeitig zu liberal, um sich eine autoritäre Klimadiktatur vorstellen zu können. Also muss die gegenwärtig ablaufende Katastrophe auf der gleichen Bahn weiterlaufen. Und vielleicht ist sein Essay ja am besten zu verstehen als eine Einübung, die aktuellen und die kommenden Katastrophen zu akzeptieren. Vielleicht ist er darin auch gar nicht so verschiedenen von seinen Romanen, wo die beschädigten, aber trotzdem irgendwie auch sympathischen Figuren am Ende, trotz aller Probleme mit sich und ihren Liebsten und der Welt, wie sie nun mal ist, doch irgendwie zurechtkommen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Jonathan Franzen (2019): Das Ende vom Ende der Welt. Essays. Rowohlt, Hamburg.

Jonathan Franzen 2020:
Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können. Übersetzt von: Bettina Abarbanell.
Rowohlt Taschenbuch, Berlin.
ISBN: 978-3-499-00440-7.
64 Seiten. 8,00 Euro.
Zitathinweis: Sam Oht: Vogelfreund als Wetterfrosch. Erschienen in: Klima Katastrophe Kapitalismus. 62/ 2022. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1723. Abgerufen am: 17. 01. 2022 04:33.

Zum Buch
Jonathan Franzen 2020:
Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können. Übersetzt von: Bettina Abarbanell.
Rowohlt Taschenbuch, Berlin.
ISBN: 978-3-499-00440-7.
64 Seiten. 8,00 Euro.