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Uns eint die Unsicherheit

Buchautor_innen
Isabell Lorey
Buchtitel
Die Regierung der Prekären
Warum Prekarisierung wesentlich älter als die Finanzkrise ist und welches Potenzial sie für politische Organisierung haben könnte.
Rezensiert von Johanna Tirnthal

Wir sind das Prekariat. Junge Menschen in europäischen Großstädten verwenden diesen Begriff selbstverständlich. Sie sind nicht arm, so wie sie es von der Generation der Großeltern kennen. Hunger leiden sie meist keinen, auch haben sie ein Dach über dem Kopf. Aber die Zukunft ist immer ein bisschen ungewiss. Der nächste Auftrag muss kommen, sonst kann die nächste Miete nicht bezahlt werden und die Krankenversicherung steht infrage. Und wehe, der Computer geht kaputt! Er ist zugleich wertvollster Besitz und wichtigstes tägliches Arbeitsgerät. An die ferne Zukunft, in der man möglicherweise alt und krank sein könnte, wird lieber nicht gedacht.

So selbstverständlich, wie die Selbstbezeichnung als Prekariat über die Lippen kommt, so diffus ist für die meisten die Herkunft des Begriffs. Und warum kennt das Microsoft-Word-Wörterbuch 2017 weder „Prekariat“ noch „Prekarisierung“? Der Geschichte dieses „Begriffsgefüges des Prekären“ (S. 24) geht Isabell Lorey in „Die Regierung der Prekären“ auf die Spur. Dabei versucht sie einerseits Prekarisierung als eine spezielle Regierungsform zu verstehen und andererseits den Begriff in einen historischen Kontext zu stellen. Am Ende möchte sie die möglicherweise subversiven Potenziale der Prekarität ausloten: Wie kann das Erkennen der eigenen Prekarität zu einer neuen Form der politischen Organisierung beitragen?

Das Adjektiv „prekär“ beschreibt also einen unsicheren Zustand. Gegenbegriffe wären Sicherheit, Aufgehobensein oder Stabilität. Das Wort prekär geht zurück auf das römische Recht, das eine unsichere Leihgabe als precarium bezeichnet: Der Leihgeber oder die Leihgeberin kann seine Sache jederzeit willkürlich zurückfordern. Eine prekäre Angelegenheit. In die Sozialwissenschaft hat der Begriff erst in den 1990er-Jahren in Frankreich Einzug gehalten. Es ging darum, die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu beschreiben, die oft verharmlosend als „Flexibilisierung“ bezeichnet werden. Festanstellungen verschwinden. Das ganze Leben über den gleichen Job zu haben, wird immer unwahrscheinlicher. Kurz- und Leiharbeit werden verbreiteter, der Kündigungsschutz gelockert. Auch Krankenversicherung, Arbeitslosengeld und Rente verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Als diese Entwicklung sich im Zuge der Finanzkrise seit 2008 vor allem in Südeuropa noch verschärft, stellt sich für Lorey die Frage, ob wir es hier mit einer neuen Regierungsform zu tun haben.

Außerdem liegt in den Neologismen „Prekarität“ und „Prekariat“ die Hoffnung, eine verbindende Eigenschaft zu finden: eine neue soziale Klasse nach dem Verschwinden des traditionellen Proletariats. Die jungen Kreativen in den Großstädten sind damit ebenso gemeint wie Fabrikarbeiter*innen in Kurz- und Leiharbeit oder Arbeitsmigrant*innen in schlecht bezahlten Sorge-Berufen. Die Selbstbenennung als Prekariat kann bislang versteckte Gemeinsamkeiten der verschiedenen Gruppen sichtbar machen und funktioniert auf diese Art vielleicht besser als traditionelle Klassen-Begriffe. Ob der Fokus auf die akute Unsicherheit der Betroffenen immer sinnvoll ist, bleibt fraglich. Denn im Kapitalismus können auch Menschen bedroht sein, die sich grundsätzlich sehr sicher fühlen. Sie bleiben vom Prekariat ausgeschlossen.

Prekarität nach Judith Butler

Die beiden wichtigen Bezüge in Loreys Buch sind die amerikanische Philosophin Judith Butler und der französische Philosoph Michel Foucault. Ihre große Stärke liegt darin, Foucaults und Butlers schwierige und über viele verschiedene Werke verteilte Theorien verständlich und kompakt zusammenzufassen. Die Lektüre von „Die Regierung der Prekären“ bleibt trotzdem anspruchsvoll. Wer aber mit Foucaults und Butlers Begriffen schon einmal in Berührung war und sich eine Zusammenfassung mit tagesaktuellem Bezug wünscht, wird bei Lorey fündig.

Eine grundlegende Gefährdetheit von (menschlichem) Leben ist für Butler eine gegebene und soziale Kategorie. Leben ist per se gefährdet – Menschen können krank sein, verletzt werden oder sterben, ob durch Unfälle oder Gewalt. Babys und alte Menschen können nicht ohne fremde Hilfe überleben – precariousness ist also ein Zustand, dem jeder Mensch auf jeden Fall ausgesetzt ist. Precarity definiert Butler im nächsten Schritt als die durch Machtverhältnisse unterschiedliche Verteilung der precariousness: Manche Menschen sind ihrer grundlegenden precariousness stärker ausgesetzt als andere. Hier spielen zum Beispiel die Krankenversicherung oder die Möglichkeit der Pflege eine Rolle. Diese Definition von Prekarität geht also über die marktwirtschaftliche Form von Prekarisierung hinaus. Während Butler precarity und precariousness nur verwendet, um über Diskurse zu Krieg und Terror nachzudenken, findet Lorey viele historische Beispiele, vom Feudalismus im Mittelalter bis zur Austeritätspolitik, bei denen die Unterscheidung wichtig ist. Dabei problematisiert sie auch die deutsche Übersetzung von precariousness in „Gefährdung“ und precarity in „Gefährdetheit“ – es gehe die dezidiert politische Stoßrichtung verloren – Lorey übersetzt in „Prekär-Sein“ und „Prekarität“, was die politische Dimension verdeutlicht. Dass das grundlegende Prekär-Sein alle Menschen betrifft, verweist auch auf den Ausblick am Ende des Buchs, der den subversiven Potenzialen des prekären Lebens nachspürt.

Das Selbst und die Prekarität mit Foucault

Zunächst aber stellt Lorey fest, dass Prekarisierung als Regierungsstrategie wesentlich älter ist als die neoliberale Welle seit den 1990er Jahren. Die Prekarität sei ein grundlegender Teil der Subjektivierungsform im Kapitalismus – also der Art, wie Menschen ihr Selbst produzieren und gleichzeitig als Selbst produziert werden. Die Prekarisierung erscheint nur „neu“ im Vergleich zur relativen Sicherheit der fordistischen Arbeit und des Sozialstaats in westlichen Industrienationen. Die Art, in der Lorey eine spezielle Weise der Subjektivierung, also der Selbst-Werdung, als Regierungsform versteht, ist von Michel Foucault geprägt. Foucault verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff der Gouvernementalität. Gouvernementalität bezeichnet die moderne Regierungsform, in der Menschen nicht schlicht beherrscht, sondern regiert werden. Sie werden angehalten, ein Selbst zu entwickeln, das sich in diese Regierungsform einfügt, das zu einem gewissen Grad frei ist und auf das die Individuen auch selbst achtgeben. Dieses Subjekt entsteht in Abgrenzung zum Prekären. Es wird also ein Rahmen hergestellt, in dem es ein prekäres Außen gibt, das bedrohlich wirkt: Obdachlose, Verbrecher, Vagabunden. Das sind die Lebensformen, die den Subjekten vorgeführt werden. Die Botschaft ist: Wenn du nicht auf dich achtest, fleißig bist und dich an die Gesetze hältst, wirst du enden wie sie: in der Gosse. Das moderne Subjekt versucht sich also als anti-prekär zu definieren und glaubt, selbst für die nie ganz verschwindende Unsicherheit verantwortlich zu sein (zu wenig fleißig, zu wenig korrekt) – während es eigentlich die Verhältnisse sind, die unablässig Unsicherheit produzieren.

Das eigene Prekär-Sein erkennen

Das Nicht-Prekäre Subjekt entsteht zu großen Teilen in Abgrenzung zu den prekären Anderen: den Frauen, den Arbeitslosen und den Fremden. Menschen – so sieht es Foucault – werden regierbar, weil man ihnen Sicherheit vor dem prekären Außen verspricht. Darin, dass die neoliberale Regierungsform die Prekariät wieder näherbringt und sie konkret begreifbar macht, sieht Lorey auch eine Chance: Wenn alle Menschen ihr grundlegendes Prekär-Sein bemerken, können daraus neue Allianzen für den Kampf entstehen:

„Prekärsein ist mithin weder eine unveränderbare Seinsweise noch eine existenzielle Gleichheit, sondern eine vielfältige unsichere Konstituierung von Körpern, die immer sozial bedingt ist. Als Geteiltes, das zugleich scheidend und verbindend ist, bezeichnet Prekärsein eine relationale Differenz, eine geteilte Verschiedenheit. Das Verbindende ist nichts Gemeinsames, auf das zurückgegriffen werden könnte; es ist vielmehr etwas, das im politischen und sozialen Handeln erst hergestellt wird“ (S. 34).

Aus der „geteilten Verschiedenheit“ soll nun eine Kampfstrategie werden – aber wie? Am Ende der wirklich erhellenden und gut zu lesenden Monographie bleibt diese Frage ein wenig im Dunklen. Lorey findet zwar gute Beispiele dafür, wie die geteilte Prekarität in krisengeplagten Ländern neue Kampfstrategien hervorbringt: den Sorgestreik der spanischen Feministinnen Precarias a la deriva, die Organisation der französischen Bühnenarbeiter*innen Intermittents du spectacle und die EuroMayDay-Bewegung. Im Jahr 2017 blickt die Leserin ernüchtert auf diese Kämpfe: Ein Ausstieg aus den neoliberalen Prekarisierungsmechanismen ist nicht in Sicht. Das Erkennen der eigenen Prekarität und jener der anderen führt nicht automatisch zu einer besseren Organisierung, sondern kann auch sehr erschöpfend sein. Sich nur als Prekariat zu erkennen, reicht also offenbar nicht aus, um die Verhältnisse wirklich zu verändern. Die von Lorey beschriebenen Mechanismen erst einmal zu verstehen, kann aber schon hilfreich sein, um mehr Menschen zu politisieren und über neue Formen des Protests nachzudenken.

Isabell Lorey 2012:
Die Regierung der Prekären.
Turia + Kant, Wien.
ISBN: 9783851326697.
155 Seiten. 15,00 Euro.
Zitathinweis: Johanna Tirnthal: Uns eint die Unsicherheit. Erschienen in: ...können wir nur selber tun!. 45/ 2017. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1439. Abgerufen am: 18. 12. 2017 17:28.

Zur Rezension
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Isabell Lorey 2012:
Die Regierung der Prekären.
Turia + Kant, Wien.
ISBN: 9783851326697.
155 Seiten. 15,00 Euro.
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