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Schwierige Verortungen

Buchautor_innen
Thomas Gesterkamp
Buchtitel
Jenseits von Feminismus und Antifeminismus
Buchuntertitel
Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik
Thomas Gesterkamp plädiert dafür, den Abbau männlicher Leid- und Opfererfahrungen in den Fokus von Männerpolitik zu rücken, um auch Männer für Gleichstellung zu interessieren. Doch ist seine gleichzeitige Abgrenzung von Feminismus wie von Antifeminismus hierzu nicht zielführend.
Rezensiert von Robert Claus

Männlichkeitspolitiken standen in den vergangenen Jahren oftmals unter keinem fortschrittlichen Licht. Dies lag einerseits an völlig undifferenzierten und feminismusverhöhnenden Artikeln in den bundesdeutschen Leitmedien, die Gender Mainstreaming unter den Generalverdacht des Männerhasses stellten. Andererseits war dies einer kleinen Gruppe lauthals tönender ‚Männerrechtler‘ geschuldet, die vor allem digital gegen jegliche feministische Aktivitäten mobil zu machen versuchte. Beide zusammen hinterließen den obskuren Eindruck, Politiken für Männer und zum Thema Männlichkeiten seien nur in knallharter Frontstellung zu emanzipatorischen Anliegen wie auch frauenpolitischen Forderungen zu haben. So verfiel die Debatte in eine intensive Polarisierung zwischen Feminismus und Antifeminismus. Zwischentöne feminismusaffiner oder profeministischer Männer fanden kaum Gehör.

Gleichzeitig etablierte sich hinter diesen emotional aufgeladenen, völlig unsachlichen und skandalisierungsträchtigen Debatten in den vergangenen vier Jahren eine Landschaft von Organisationen, die moderate und bisweilen männlichkeitskritische Töne anschlägt. Ihre Spuren reichen bis in die Zeit ‚bewegter Männer‘ in den 1980ern, in der eine Vielzahl autonomer Männer(reflexions)gruppen sowie entsprechende Publikationen entstanden. Später stießen eher bürgerliche Organisationen hinzu, auch die großen Kirchen entdeckten die Männerarbeit beziehungsweise Männerseelsorge für sich. Letztlich kam die Debatte auch in staatlichen Strukturen an: Im Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter haben sich 2010 eine Reihe von Organisationen zusammengeschlossen, die vom kirchlichen bis hin zum dekonstruktivistischen Spektrum reichen. Dies stellte ein Novum in der bundesdeutschen Politik dar, ist das Forum doch komplementär zu den existenten, organisationsübergreifenden, frauenpolitischen Arbeitskreisen konzipiert und soll Männerpolitik vermehrt in den Fokus der geschlechterpolitischen Debatte rücken. Zugleich wurde im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Referat 408 Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer eingerichtet.

Beide haben bis dato politisch nicht viel Aufsehen erregen können. Vor allem das Bundesforum sucht seit seiner Gründung nach politischen Konturen. Themen wie Diversität der Geschlechteridentitäten und das Verhältnis zu feministischen Positionen stehen hierbei wiederholt im Mittelpunkt der Diskussionen. Thomas Gesterkamp hat nun im Rahmen der Essentials-Reihe des Verlages Springer-VS einen Beitrag zu dieser Diskussion vorgelegt. Dabei ist eine kompakte Schrift entstanden, die anhand 14 kurzer, thematischer Statements durch die verschiedenen Argumentationen führt. Der Überblick beginnt mit der Geschichte der zweiten Frauenbewegung und ihres anfänglich starren Ausschlusses von Männern, nimmt sich des Verhältnisses von Männern zu Geschlechterpolitiken an und beleuchtet Deutungskämpfe zwischen konservativen Männerrechtlern einerseits sowie progressiven Akteuren andererseits. Es ist ein Plädoyer für eine streitfreudige Debatte.

Persönlich & Historisch, Parteilich & Streitbar

So widmet Gesterkamp die ersten Kapitel den 1970er und 1980er Jahren aus männerbewegter Perspektive. Von feministischen Kritiken verunsichert, begaben sich Männer in die Debatte um eigene Rollenvorstellungen, gründeten Diskussionskreise und nahmen sich alsbald der Reihe „rororo mann“ des Rowohlt Verlages an, der seinerzeit mehrere richtungsweisende Bücher herausgab. Manche trugen seltsame Titel, an etwa „Der Untergang des Mannes“, erinnert Gesterkamp nicht ohne Schmunzeln. Eine Debatte war in Gang gebracht worden, die Männer dazu bewegte, sich antisexistisch engagieren zu wollen. Doch zugleich, so Gesterkamp weiter, traf dies lange Zeit auch von Seiten der Frauenbewegung aus nicht auf fruchtbaren Boden. Männer galten anfangs als „bestenfalls tolerierte Mitläufer“ (S. 4), erinnert er sich. Doch sollte sich dies alsbald ändern: „Die paradoxe Konstellation zwischen Frauenbewegungen und emanzipativen Männern lockerte sich ab Mitte der 1980er Jahre auf“ (S. 7) zitiert Gesterkamp die Soziologin Ilse Lenz und hebt hervor, dass eine gemeinsame emanzipatorische Perspektive sowohl aus ihrer als auch seiner Sicht mehr Zukunft habe. Doch sei diese nur vorstellbar, wenn Männern nicht mit Vorwürfen und Beleidigungen begegnet würde, knüpft Gesterkamp an und scheint damit Erfahrungen seiner persönlichen Geschichte weiter zu rekapitulieren. Womit das Buch zu kippen droht. Denn, was zu dessen Beginn als Stärke wirkt, offenbart zunehmend auch seine größte Schwäche: So wichtig es ist, persönliche Entscheidungen als subjektive Handlungsmacht ernst zu nehmen, so kurz gegriffen ist die Reduzierung des Themas auf persönliche Anekdoten und individuelle Wahrnehmungen. Gesterkamp: „Die männliche Haupternährerrolle“ mit all ihren Nachteilen, wie berufsbedingten Krankheiten, sei „keine perfide Geheimverschwörung männlicher Workaholics, sondern ein gemeinsam getroffenes Arrangement zwischen Männern und Frauen“ (ebd.). Derlei Aussagen fehlt ein Verständnis von Geschlecht als kapitalistischer Struktur und hegemonialer Männlichkeit als Herrschaftsprinzip. Die Diskussion um Geschlecht verliert dabei ihre gesellschaftspolitische und machtkritische Dimension.

Dementsprechend ins Leere läuft der Vorwurf, „die Haltung der Frauenbewegung, die ‚Männer in Bewegung‘ abzuwerten“, habe Reaktionen provoziert und „möglicherweise auch zum Auftauchen und Erstarken antifeministischer Männerrechtler beigetragen“ (S. 17). Viel zu wenig richtet Gesterkamp seinen Blick auf männliche Privilegien und Macht, sei es im ökonomischen, politischen oder auch privaten sexuellen Bereich: Macht, die im Ausschluss oder der Ausbeutung von Frauen und untergeordneten Männlichkeiten mündet. Folglich sind Männerrechtler auch keine missverstandenen Rollenmodernisierer. Vielmehr handelt es sich bei ihnen vorrangig um Männer, die Infragestellung mit Diskriminierung, Kritik mit Marginalisierung verwechseln und komplexe gesellschaftliche Entwicklungen plump der Sündenböckin Feminismus in die Schuhe zu schieben bemüht sind.

Dennoch wäre es falsch, Gesterkamp in die Nähe des antifeministischen Lagers zu rücken. Denn er grenzt sich deutlich von dessen Biologismen und nationalkonservativen bis völkischen Wurzeln ab. Ferner betont er die Heterogenität der ‚männerbewegten Szene‘: „Progressive und rückwärtsgewandte Strömungen existieren (...) von jeher nebeneinander. Auseinandersetzungen über traditionelle und moderne Selbstverständnisse hat es immer wieder gegeben“ (S. 21). Sie stellen einen zentralen Bestandteil einer wichtigen, auch von Männern geführten, geschlechterpolitischen Diskussionskultur dar.

Falsche Abgrenzung

Letztlich ist das Buch von ‚mixed messages‘ durchzogen. Stets schwankt Gesterkamp zwischen stereotypen Anfeindungen und progressiven Ideen. Denn einerseits fordert er stark pauschalisierend, „zwischen Männern und Frauen das gängige Täter-Opfer-Schema zu überwinden“ (S. 24), andererseits zielt er darauf ab, mit einer genderdialogischen Perspektive „den konfrontativen Männerrechtlern den Wind aus den Segeln zu nehmen“ (S. 25). Es bleibt widersprüchlich und zugleich symptomatisch für die Suchbewegung nach einer Programmatik im Schatten gängiger Polarisierungen.

Doch mehr Konsequenz in der kritischen Haltung hätte dem Anliegen geholfen. Denn auch Gesterkamp verfängt sich leider in grobschlächtigen Lesarten: Im Grunde stellt er den Feminismus der 1980er Jahre (und seine Verirrungen) dem heutzutage höchst aktuellen Antifeminismus gegenüber. Und vergisst dabei größtenteils zu schildern, welche Entwicklungen die feministische Debatte seither genommen hat, welche Errungenschaften den Frauenbewegungen zu verdanken sind. So lässt sich festhalten, dass die zu großen Teilen vollzogene Abschaffung gesetzlicher Diskriminierungen gegen Frauen, die kritische Hinterfragung von angeblich ‚natürlichen‘ Geschlechterrollen und die Flexibilisierung sowohl von Identitäten als auch Familienkonzepten durchaus feministischen Ideen zugute zu schreiben sind. Für viele – auch für Männer – gehen mit ihnen persönliche Entfaltungsfreiheiten und mehr Geschlechtergerechtigkeit einher.

Dabei bleibt der Versuch, Männlichkeitspolitiken zu entwerfen, die zugleich selbstkritisch und selbstbewusst auftreten, die Geschlechterrollen zu hinterfragen, Machtverhältnisse wie auch Diskriminierungen zu thematisieren und die Subjekte darin mitzunehmen vermögen, äußerst notwendig. An der Debatte wird in den kommenden Jahren kaum jemand vorbei kommen. Dennoch ist die implizite Gleichsetzung von Feminismus und Antifeminismus im Sinne einer geschlechterpolitischen Extremismustheorie kaum zielführend. Und nicht nur Gesterkamp vertritt diese These, auch vom Bundesforum Männer waren zuletzt ähnliche Töne eines ‚dritten Weges‘ zu vernehmen.

So muss eine emanzipationsorientierte Politik der Männlichkeiten nicht eins zu eins eine feministische Perspektive übernehmen. Und doch muss sie Männer für Antidiskriminierung, Machtabbau und Gleichstellung interessieren. Konstruktive Auseinandersetzungen mit feministischen Konzepten können gut und gerne aus pro-feministischer Perspektive geführt werden. Hierfür kann sie aus der feministischen Geschichte einiges lernen. Aus antifeministischen Reflexen hingegen nichts.

Thomas Gesterkamp 2014:
Jenseits von Feminismus und Antifeminismus. Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik.
Springer VS, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-658-04362-9.
30 Seiten. 6,99 Euro.
Zitathinweis: Robert Claus: Schwierige Verortungen. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: http://kritisch-lesen.de/c/1257. Abgerufen am: 24. 04. 2018 16:26.

Zum Buch
Thomas Gesterkamp 2014:
Jenseits von Feminismus und Antifeminismus. Plädoyer für eine eigenständige Männerpolitik.
Springer VS, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-658-04362-9.
30 Seiten. 6,99 Euro.
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