Zum Inhalt springen
Logo

Rote und weiße Nelken

Buchautor_innen
Raquel Varela
Buchtitel
A People's History of the Portuguese Revolution
Die Portugiesische Revolution muss „von unten“ erzählt werden - jenseits romantischer Vorstellungen und bürgerlicher Sichtweisen.
Rezensiert von Anne Engelhardt

Varelas Buch beginnt mit dem Gedicht des brasilianischen Autors Chico Buarque (1975), „Tanto Mar“. Darin bittet er die in Portugal Lebenden für ihn eine Nelke aufzubewahren, da er nicht an ihrem „Fest“ teilnehmen kann. Das Gedicht wurde verboten, denn es beschreibt den Wunsch, die Revolution möge auch nach Brasilien überschwappen. In Portugal wird „Tanto Mar“ berühmt, liest es sich doch wie eine geheime Solidaritätsadresse. Dieses Gedicht, das am Ende von Varelas Buch in seiner zweiten Version von 1978 nochmals aufgerufen wird (in dem Buarque sein Bedauern über das Ende der Revolution ausdrückt), zeigt im Kleinen, wofür die Portugiesische Revolution im Großen steht: ihre zutiefst internationale Dimension und Inspiration, aber auch ihre kolonialgeschichtlichen Beziehungen und Auslöser.

Die letzten Atemzüge des Polizeistaates

Im April 1974 zerbricht nach 48 Jahren Herrschaft der „Estado Novo“, der sogenannte „neue Staat“. Seinerzeit wurde er vom Wirtschaftsprofessor und späterem Finanzminister António de Oliveira Salazar mithilfe militärischer Streitkräfte errichtet. Nach dem Vorbild der deutschen Gestapo wurde der Polizeiapparat PIDE (Polícia Internacional e de Defesa do Estado) aufgebaut und oppositionelle Gewerkschaften und Parteien verboten. Viele Linke mussten ins Exil fliehen oder sie landeten im Gefängnis. Auf Wikipedia wird Salazar als ehemaliger „Ministerpräsident“ Portugals bezeichnet. Diktator trifft es jedoch eher. Nicht ohne Grund diente er in den Harry Potter Romanen als Namensgeber und Vorbild für die Figur des „ Salazar Slytherin“. Als das historische Original 1968 stirbt, wird es durch Marcelo Caetano ersetzt. Dieser führt die Kolonialkriege in Mozambik, Angola und Guinea-Bissau trotz wachsender Ablehnung in der Bevölkerung fort.

Die Bewegung der militärischen Streitkräfte (MFA) plant im April 1974, einen Staatsstreich durchzuführen. Sie will eine gemäßigtere Regierung einsetzen, die mit den Kolonien neu verhandelt. Doch die MFA hat ihre Rechnung ohne das Selbstbewusstsein der kriegsmüden Bevölkerung gemacht. Die Blumenverkäuferinnen verteilen Nelken an die Armee, rote und weiße, die Farben, die sie zufällig gerade dabeihaben. Sie werden zum Symbol der „Nelkenrevolution“. Student*innen, Beschäftigte, und Landarbeiter*innen fluten die Straßen, befreien politische Gefangene, jagen die PIDE Agenten durch die Straßen von Lissabon und Porto, besetzten Land, Banken, Schulen, Universitäten, Betriebe und Flughäfen. Sie fordern das Wahlrecht für alle, die Unabhängigkeit der Kolonien, höhere Löhne und die Übernahme der Betriebe und Banken in die eigene Kontrolle und Verwaltung.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich Varelas Herangehensweise an das Thema: Sie will die Geschichte nicht aus dem Blick einiger Politiker*innen oder Kapitäne erzählen. Sie will den Blickwinkel derjenigen einnehmen, die sich „nicht mehr regieren lassen wollen“ (S. 17).

Die Revolution beginnt in den Kolonien

So wie „der Mai 68 ein Kind der Niederlage Frankreichs in Algerien ist“ (S. 110), so kann auch die Portugiesische Revolution nicht ohne ihre wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit von den Kolonien und dem Kolonialkrieg verstanden werden. Der staatliche Rassismus, der die Zwangsarbeit von etwa 94.000 Menschen in den Minen und auf den Baumwollfeldern legitimierte, ermöglichte dem portugiesischen Regime, seine Macht auszubauen. Dieses Regime überdauerte, trotz der Unfähigkeit, die industrielle Entwicklung anderer europäischer Staaten aufzuholen. „Ohne Gold gibt es kein Südafrika und ohne Mozambik gibt es kein Gold“ zitiert Varela den Historiker Perry Anderson und ergänzt: „Ohne zusätzliche Zwangsarbeit gäbe es keinen ‚Estado Novo‘.“ (S. 25)

Varelas Geschichte beginnt mit den 1960er Jahren und der rassistischen Lohnverteilung zum Nachteil der Schwarzen in Angola und Mozambik. Diese erhalten nur einen Bruchteil des Lohnes weißer Arbeiter*innen. Im Norden Angolas kommt es im Januar 1961 zu einem Streik, der mit dem Einsatz von Napalm-Bomben unterdrückt wird. Daraufhin geht die Befreiungsbewegung Angolas in Luanda im Februar zum Gegenangriff über, der als Auslöser für den 13 Jahre langen Kolonialkrieg gilt, jedoch oft isoliert ohne die vorherige Zerschlagung des Streiks im Januar genannt wird.

Aus der Perspektive der ehemaligen Kolonien entzaubert Varela den Mythos der Portugiesischen Revolution „ohne Tote“ (S. 83): Viele Generäle prahlen anfangs sogar mit ihren Foltermethoden, gleichzeitig steigt die Anzahl der Deserteure, die nach Frankreich und in die Schweiz fliehen. Ein Teil der „Bewegung der Streitkräfte“ (MFA), die im April 1974 als Befreier der Diktatur gefeiert werden, waren zuvor noch an der blutigen Unterdrückung der Aufstände in den Kolonien beteiligt.

Nicht nur in Portugal bricht nach dem April 1974 eine Welle von Streiks aus, auch in Angola und Mozambik gibt es im Mai zum Teil erfolgreiche Massenproteste, die von den Überresten des Kolonialregimes angegriffen werden. In Luanda wird der Hafen besetzt, wodurch die Beutezüge aus den Goldminen Südafrikas blockiert werden. In Mozambik treten die Baumwollarbeiter*innen in den Streik. Die Bewegungen fordern viele Tote aber erringen auch Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Dennoch bleibt die Kolonialverwaltung bis zur offiziellen Unabhängigkeit der Kolonien im Amt.

Die Reproduktionsseite der Revolution

Drei Tage nach Ausbruch der Revolution startet eine Besetzungswelle in Lissabon Setúbal und Porto. Dahinter steckt eine soziale Krise. Ab den 1960ern wird Landarbeit zunehmend automatisiert, die schnelleren Abläufe führen zu einer Massenarbeitslosigkeit und der Notwendigkeit in die Städte zu ziehen. Deren Infrastruktur ist aber nicht dafür ausgelegt. An den Stadträndern entstehen Armenviertel ohne Zugang zu Wasser und Strom. Zeitweise leben bis zu 40 Prozent der portugiesischen Bevölkerung unter diesen Bedingungen, die Zahl erhöht sich durch die Rückkehrenden aus den Kolonien. Es fehlt an Kliniken, Schulen, Apotheken. Die Aktivist*innen besetzen Wohnraum, erzwingen Neubauten, stellen Mieten und Eigentum infrage. Aus der heutigen Perspektive liest sich Varelas Geschichte mit Bauchschmerzen: Ebenjener Wohnraum, der damals erkämpft wurde, wird heute von Immobilienkonzernen übernommen, AirBnB hält Einzug in die ehemaligen Arbeiter*innenviertel, während Lohnabhängige erneut an den Stadtrand ziehen müssen. Dort entstehen neue Wellblechhütten.

Ebenso wenig wie die Unabhängigkeit der Kolonien oder eine neue Wohnraumpolitik wollte ein Teil der MFA bei dem Putsch, die Rolle der Frauen* in Portugal antasten. Doch diese organisierten sich in politischen Zusammenhängen, die jeweils unterschiedlich weitgehende Programme vertraten. So gingen „Hausfrauen gegen die Hungersnot […] und gegen die Preiserhöhungen auf die Straße“ (S. 371), setzten gemeinsam mit Arbeiter*innen das Wahlrecht für Frauen* durch, das Recht auf Scheidung sowie das Recht, arbeiten gehen zu dürfen. Es kommt zu einer flächendeckenden Eröffnung von Krippen, Kindergärten und Vorschulen. Frauen* beteiligten sich ebenso an den Kämpfen um Wohnraum, den Protesten für die Befreiung der Kolonien, bis hin zu Eliminierung faschistischer Strukturen und der Abschaffung des Kapitalismus. Letzteres gelingt ihnen nicht. Heute sollen all diese Errungenschaften nach und nach den Kürzungshaushalten der aktuellen Regierungen weichen.

Varela gelingt es, mithilfe von eindrucksvollen Interviews, Gedichten und Fotos die revolutionäre Bewegung zum Leben zu erwecken. Dabei kritisiert sie einerseits allzu romantische Vorstellungen, anderseits räumt sie mit einer bürgerlichen Sichtweise auf, die die „Demokratisierung Portugals“ als Machwerk einzelner „Staatsmänner“ deklarieren möchte.

**

Alle verwendeten Zitate stammen aus der portugiesischen Version von Raquel Varelas Monographe „História do Povo na REVOLUÇÃO PORTUGUESA“ und sind eigenständig übersetzt worden.

Raquel Varela 2019:
A People's History of the Portuguese Revolution.
Pluto, London.
ISBN: 978-0745338576.
334 Seiten. 24,00 Euro.
Zitathinweis: Anne Engelhardt: Rote und weiße Nelken. Erschienen in: Gebaute Gesellschaft. 51/ 2019. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1542. Abgerufen am: 22. 08. 2019 17:57.

Zur Rezension
Zum Buch
Raquel Varela 2019:
A People's History of the Portuguese Revolution.
Pluto, London.
ISBN: 978-0745338576.
334 Seiten. 24,00 Euro.