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Risikofaktor Mensch

Buchautor_innen
Jonathan Kufner-Eger
Buchtitel
Risikoorientierte Rationalisierung Sozialer Arbeit
Buchuntertitel
Verwerfungen der Berufsidentität in der Bewährungshilfe
Kriminologische Diskurse entwickeln und ändern sich: Was macht das mit der Sozialen Arbeit?
Rezensiert von Markus Walter

Wäre es zurzeit möglich, einen Text über Disziplinierung und Rationalisierung ohne einen Hinweis auf die andauernde Corona-Pandemie zu beginnen? Nicht nur, dass bisher völlig unbekannte Einschränkungen unseren Alltag bestimmen und der Staat deutlich spürbar in unser Leben eingreift. Das alles wird begleitet von allgegenwärtigen Statistiken, Modellierungen und Prognosen, von Risikoabwägungen und von Diskussionen um deren Anerkennung oder Leugnung.

Um sozialtechnologische Interventionen und einer gewissen Lust an der Disziplinierung kreist auch ein großer Teil der kritischen Fachliteratur zur Sozialen Arbeit. Hervorzuheben ist hier etwa die Reihe zu den „Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit“ im Springer Verlag. Besonders viel wurde, was die Disziplinierung angeht, etwa für den bundesdeutschen Kontext über den Umbau des Wohlfahrtsstaats zum sogenannten aktivierenden Sozialstaat veröffentlicht. Hartz IV sei dank – Sanktion statt Absicherung. Oder: um ein besonders kontroverses Thema der Sozialen Arbeit zu nehmen, die Frage, ob Jugendämter Freiheitsentzug als Erziehungsmaßnahme anordnen können. Um die steigende Straflust zu beschreiben wurde aus der Kriminologie der Begriff des punitive turns übernommen. Diesem Themenfeld widmet sich auch Jonathan Kufner-Eger in seiner Dissertation „Risikoorientierte Rationalisierung Sozialer Arbeit“. Er befasst sich darin ausführlich mit der fachlichen Entwicklung der Straffälligenhilfe in Österreich.

Widerspenstigkeit der Bewährungshilfe

In Österreich wird die überwiegende Mehrheit der Angebote in der Straffälligenhilfe vom Verein Neustart organisiert, allen voran die Bewährungshilfe. Zu deren Geschichte hat Kufner-Eger bereits zwei Bücher publiziert und widmet auch im vorliegenden Buch ein ausführliches Kapitel der historischen Darstellung. Hier offenbaren sich einige für Dissertationen typische Probleme in der inhaltlichen Vermittlung: Es gibt Kapitel zu Forschungsstand, Theorie, Methodik und Auswertung, die durchaus auch für sich allein stehend lesenswert sind. Schwer macht es einem jedoch der typische und nicht gerade zugängliche Dissertationsstil. Der ist zwar üblich im deutschsprachigen kritischen Sozialarbeitsdiskurs, erschwert aber den Austausch mit der Praxis.

Kufner-Eger stellt fest, dass auch die Arbeit mit Straffälligen von der Management-Ideologie und BWL-Logik nicht verschont blieb. Dabei galt die Bewährungshilfe in ihrer wilden Frühphase in den 1970ern als widerständiger, fast schon linksradikaler Haufen. Aber die Erschütterungen durch die einsetzende Ökonomisierung und Professionalisierung ab den 1990er Jahren war immens. Und durch die rechtskonservative Regierung samt FPÖ-Justizministerium ab 2000 verschärfte sich diese Tendenz noch. Die Organisation wurde vor eine Zerreißprobe gestellt, was Kufner-Eger im Detail nachvollzieht.

Im Zentrum der Darstellung steht die Transformation des fachlichen Diskurses: Früher habe sich die Bewährungshilfe durch den Anspruch ausgezeichnet, die sozialarbeiterischen Widersprüche von „Hilfe und Kontrolle“ unter einem Hut bringen zu wollen. Beiden Aspekten wurde Raum gegeben. Dieses Gleichgewicht sei mit der Einführung der evidenzbasierten Risikoverwaltung in Richtung Kontrolle gekippt. Das heißt, das Risiko der einzelnen Straftäter*innen soll wissenschaftlich fundiert vermessen und darauf basierende Präventionsmaßnahmen gesetzt werden. Vor diesem Hintergrund geht Kufner-Eger in seinen qualitativen Interviews der Frage nach, wie sich die beruflichen Identitäten der Sozialarbeiter*innen veränderten. Es kommen aber nur die Professionellen zu Wort, nicht Klient*innen des Vereins, wie er selbst bemängelt.

Unterwerfung unter die Methodik

Hier zeigt sich die Darstellung von Kufner-Eger von ihrer lebendigsten Seite, wenn die Interviewpartner*innen und die Quellen selbst Gelegenheit zum Sprechen bekommen. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine Schwäche des Aufbaus der Arbeit. Einschübe und Fußnoten ziehen sich oftmals über mehrere Seiten, entwickeln fast schon eine Eigendynamik, man verliert beim Lesen oft die Übersicht. Auf manchen Seiten wimmelt es nur so von Fußnoten. Die ausführlichen Belegstellen in einen eigenen Anhang zu verschieben, hätte sicher für ein aufgeräumteres Layout gesorgt.

Nichtsdestotrotz vermitteln die Belegstellen ein plastisches Bild davon, was die fachlichen Umbrüche aus dem professionellen Selbstverständnis der Mitarbeiter*innen gemacht hat. Zentral ist dabei die fachliche Orientierung hin zur Deliktverarbeitung: Ein vom prominenten Schweizer Kriminologen Klaus Mayer entwickelter Methodenkoffer, der stark verhaltenstherapeutisch orientiert ist. Ein deutlicher Gegensatz zur ursprünglichen Konzeption der Bewährungshilfe als psychoanalytisch geprägte Beziehungsarbeit. Stattdessen agiert man nun als Coach, der*die dem Klientel seine delinquenten Verhaltenszüge abgewöhnen soll. Damit setzt sich auch in der Arbeit mit Straffälligen eine Vorstellung von Sozialer Arbeit durch, die man etwa von der Arbeitsmarktintegration kennt. Man hat sich dem Training zu unterziehen, bis man fit und funktionstüchtig ist. Probleme können nur individuelle Ursachen haben. Strukturelle Zusammenhänge werden ausgeblendet.

Es scheint vor den vorgeschriebenen Methoden kein Entkommen zu geben. Zum einen sind diese Methoden technologisch-bürokratisch fest verankert, etwa in der Form eines elektronischen Dokumentationssystems und verpflichtend umzusetzender Arbeitsschritte. Andererseits bietet die strukturierte Aufgliederung des methodischen Ablaufs während der Betreuungszeit gerade auch im Lichte der hohen Arbeitsbelastung der Mitarbeiter*innen eine Form der Entlastung. Ähnliches gilt auch für die vielen Bewährungshelfer*innen, die ehrenamtlich tätig sind.

Für das Selbstverständnis der Sozialarbeiter*innen bedeutet dies, dass sie in ihrer Autonomie stark eingeschränkt werden, und sich vielfach nur noch als Anhängsel einer bürokratischen Maschine wahrnehmen. Wie so oft im kritischen Sozialarbeitsdiskurs bleibt dabei die Frage offen, was sie dagegen tun können. Gibt es transformative Optionen zwischen Arrangement und Ausstieg? Es sollte jedenfalls danach gesucht werden – die Analyse von Kufner-Eger bietet einen soliden Ausgangspunkt.

Jonathan Kufner-Eger 2019:
Risikoorientierte Rationalisierung Sozialer Arbeit. Verwerfungen der Berufsidentität in der Bewährungshilfe.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-658-28519-7.
291 Seiten. 44,99 Euro.
Zitathinweis: Markus Walter: Risikofaktor Mensch. Erschienen in: Knast und Strafe. 58/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1662. Abgerufen am: 19. 04. 2021 04:01.

Zum Buch
Jonathan Kufner-Eger 2019:
Risikoorientierte Rationalisierung Sozialer Arbeit. Verwerfungen der Berufsidentität in der Bewährungshilfe.
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
ISBN: 978-3-658-28519-7.
291 Seiten. 44,99 Euro.