Zum Inhalt springen
Logo

Rassismus als Superlativ

Buchautor_innen
Wulf D. Hund
Buchtitel
Rassismus
Ausgehend von einer Analyse zu den zentralen Begriffen der Rassismusforschung, den historischen Entwicklungen von Rassismen und deren Methoden und Funktionen plädiert der Autor darin für eine Ausweitung des Rassismusbegriffs.
Rezensiert von Sebastian Friedrich

Zu Beginn führt Hund in maßgebende Begrifflichkeiten ein. Anhand einer Analyse der Geschichte des Rasse-Begriffs zeigt er, dass das ideologische Konzept des Rassismus lange vor der Etablierung des Begriffs „Rasse“ entwickelt wurde, da bereits vorher unterschiedliche Grade des Menschseins postuliert wurden. Verwendung fand der Rassebegriff zunächst als klassistische Abgrenzung des Adels in der Krise des Feudalismus, bevor er im Kolonialismus als Legitimation für Ausbeutung und Gewalt diente. Die Kategorien Geschlecht, Klasse, Nation und Rasse sind in der komplexen und vielfältigen Umsetzung und Bedeutung von Rassismus verknüpft. In diesem Zusammenhang geht Hund auf die Begriffe „Klassenrassismus“, „Geschlechterrassismus“ und „Nationalrassismus“ ein. So etwa habe „Klassenrassismus“ historisch unterschiedliche Formen angenommen. In Abgrenzung zum Klassismus stellt Hund klar, dass der erhoffte Tod von Teilen der „Unterschichten“ die letzte Konsequenz des Übergangs von der klassistischen zur rassistischen Diskriminierung sei.

Den größten Raum der Analyse nimmt das Kapitel über die Formen des Rassismus ein. Anhand von sechs Gegensatzpaaren zeigt Hund, wie Rassismus durch verschiedene Legitimationsmuster geprägt ist. Diese ließen sich durch die Gegensatzpaare „Kultivierte und Barbaren“, „Reine und Unreine“, „Erwählte und Teufel“, „Zivilisierte und Wilde“, „Weiße und Farbige“ und „Wertvolle und Minderwertige“ kennzeichnen, die Hund einerseits charakteristisch fasst, zugleich aber darauf aufmerksam macht, dass sie flexibel miteinander kombinierbar sind. Im darauf folgenden Kapitel wird analysiert, wie rassistische Vergesellschaftung auf Entmenschlichung aufbaut und durch ideologische Strategien der Differenzierung und Inferiorisierung legitimiert wird. Politisch umgesetzt und dargestellt werde dies mit den Methoden der Stigmatisierung und Verkörperung.

Im letzten Kapitel fasst Hund seine Thesen zusammen und spitzt sie zu. Da Rassismus älter als die soziale Konstruktionen von Rassen ist, sei die Bindung des Begriffs an die Kategorie „Rasse“ problematisch. Es sollten die zentralen ideologischen Muster erfasst werden. Hund unterscheidet zwischen sozialer und rassistischer Diskriminierung: Während beispielsweise die Auswahl oder Vorenthaltung von sozialen Räumen für Frauen Sexismus sei, drohe ein Geschlechterrassismus mit ihrem Ausschluss aus der Gesellschaft. Rassistische Diskriminierung ermögliche Abgrenzung, Aufwertung und Protest in einem und stabilisiere gleichzeitig die Verhältnisse, denen sich die Motivation für ihre Anwendung verdankt. Gemein sei allen Formen des Rassismus das Bestreiten des Menschseins.

Das Buch zeichnet sich durch eine sehr ausführliche und kenntnisreiche Lektüre aus. Sowohl die Darstellung der vergangenen und gegenwärtigen Debatten innerhalb der Rassismusforschung als auch die historischen Zusammenhänge und Kontinuitäten bei der Konstruktion der verschiedenen Stereotype werden hervorragend dargestellt. Im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Arbeiten im deutschsprachigen Raum besticht das Buch insbesondere durch die umfangreiche Darstellung der Forschung im englischsprachigen Bereich. Verwirrend erscheint hingegen der Titel. Dieser suggeriert, es handele sich bei dem Buch um eine Einführung in die Thematik und Forschung des Rassismus. Dies ist jedoch nicht der Fall; Hund greift in die Fachdiskurse ein und schlägt ein den meisten Traditionen der Rassismusforschung entgegen stehendes Verständnis von Rassismus vor.

Hund plädiert dafür, den Rassismusbegriff auf andere Ausschließungsformen zu übertragen und das Eliminatorische als entscheidendes Merkmal für Rassismus anzusehen. In dieser Logik muss Rassismus als Steigerung von spezifischen Unterdrückungsformen verstanden werden; Rassismus gewissermaßen als Zusatzbegriff, um das Übertreten der Schwelle von Diskriminierung zu (vernichtender) Ausschließung zu bezeichnen. Wie soll es aber nach Hund bezeichnet werden, wenn Menschen zu einer „Kultur“ oder einer „Ethnie“ konstruiert werden? Konsequent müsste von Kulturalismus und Ethnizismus als „weiche“ Form der Unterdrückung gesprochen werden und Kultur-Rassismus und Ethno-Rassismus als eliminatorische Form. Damit wären die Konstruktionen und Wertungen von „Ethnien“ und „Kulturen“ an sich nicht rassistisch. Auf der politischen Ebene ergibt sich dadurch eine Verschiebung der Grundlage, auf der empowernde Kämpfe von People of Color und Schwarzen Menschen stattfinden. Wenn Rassismus die Steigerung der Ausgrenzung ist, also aus Klassismus und Sexismus Klassen-Rassismus und Geschlechter-Rassismus werden kann, wird Rassismus schnell zu einem inflationären Begriff, der dazu dient, das „besonders Schlimme“ zu kennzeichnen. Alltagsrassismus und/oder teilweise sehr subtil formulierter Rassismus könnte somit als solcher nicht mehr bezeichnet werden. Letztlich bleibt außerdem die Frage, wer die Definitionsmacht hat zu bestimmen, was Rassismus ist.

Wulf D. Hund 2007:
Rassismus.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 978-3899423105.
170 Seiten. 15,80 Euro.
Zitathinweis: Sebastian Friedrich: Rassismus als Superlativ. Erschienen in: Kapitalismus, Märkte, Krisen. 14/ 2012. URL: https://kritisch-lesen.de/c/981. Abgerufen am: 20. 05. 2019 23:47.

Zum Buch
Wulf D. Hund 2007:
Rassismus.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 978-3899423105.
170 Seiten. 15,80 Euro.